Die Schleife an Stalins Bart

Ein Mädchenstreich, acht Jahre Haft und die Zeit danach
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85073-4 (ISBN)
 
Die Geschichte einer gestohlenen Jugend und einer Befreiung aus den Mauern des Schweigens. "Ich hatte immer das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen", sagte Erika Riemann über sich selbst. Fünfzig Jahre hat sie gebraucht, bis sie über ihre Erlebnisse im Nachkriegsdeutschland berichten konnte. Ein erschütternder Lebensbericht aus der jüngsten deutschen Vergangenheit.
Sommer 1945 im thüringischen Mühlhausen: Erika Riemann ist vierzehn Jahre alt, als sie in ihrer gerade wieder hergerichteten Schule ein Stalin-Bild entdeckt, genau dort, wo bis vor kurzem ein Hitler-Porträt hing. Sie malt Stalin mit Lippenstift eine Schleife um den Schnauzbart. Der Streich hat schwere Folgen. Jemand muss sie verpfiffen haben, denn schon kurze Zeit später beginnt für Erika Riemann eine achtjährige Odyssee durch ostdeutsche Zuchthäuser und Lager mit Stationen wie Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck. Was es für sie bedeutete, eine ganze Jugend hinter Mauern zu verbringen, Prügel, Schikane, Hunger und Depression durchzustehen und nach der Entlassung zutiefst traumatisiert im bundesdeutschen Wirtschaftswunder ihre Frau zu stehen - darüber kann sie erst heute berichten.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,40 MB
978-3-455-85073-4 (9783455850734)
weitere Ausgaben werden ermittelt

9


Meine Erlebnisse in der Unterwelt sind realer.

Ich stinke!

Mein Theatertrikot hat sich in einen übel riechenden Fetzen verwandelt. Ich werde zwar einmal am Tag in eine Art Waschraum geführt, aber viel lässt sich mit dem tröpfelnden Rinnsal kalten Wassers nicht ausrichten.

»Ich möchte ein Bad nehmen.« Immer wieder bettle ich bei meinen Bewachern um ein Bad. Aber außer Tröstungen erreiche ich gar nichts. Scheinbar sind sie nicht befugt, derartige Entscheidungen zu treffen. Ein unglücklicher Zufall bringt das Fass zum Überlaufen.

Eines Morgens wache ich auf, weil es zwischen meinen Beinen unangenehm naß ist. Du hast ins Bett gemacht, ist mein erster Gedanke. Aber die Scham verwandelt sich in Entsetzen, als ich aufspringe und eine Blutlache auf dem Strohsack finde. Ich schaue an mir herunter. Noch mehr Blut. Dunkelrote Tränen bahnen sich den Weg an meinen Beinen hinunter, ihre Quelle bleibt tief in meinem Körper verborgen. Ich verblute.

Beim Verhör letzte Nacht hatte es wieder Tritte und Schläge gehagelt. Vielleicht ist es dabei passiert, ist dabei irgendetwas kaputtgegangen. Mir ist sterbenselend. Ich rolle mich auf meinem Strohsack zusammen und verbringe die nächsten Stunden schwankend zwischen Hoffnung und der Erwartung zu sterben.

Als der Posten mich an diesem Tag in die Waschküche bringt, säubere ich mich notdürftig. Die Blutung hat nachgelassen, aber das Trikot weist zwischen den Beinen eine starre Kruste auf.

In der Nacht werde ich wie üblich in die Oberwelt zum Verhör geführt. Meine Angst hat sich inzwischen in Wut verwandelt. Ehe noch irgendjemand ein Wort an mich richten kann, presse ich voll wilder Entschlossenheit hervor: »Ich will ein Bad! Und etwas anderes anzuziehen will ich auch! Sonst sage ich hier gar nichts mehr.« Ich ernte lediglich Blicke unter hochgezogenen Augenbrauen und ein spöttisches »So, so«.

Am nächsten Morgen erhalte ich dann die Quittung. Ganz entgegen der Routine führt mein sanfter Wärter mich nicht in den Waschraum, sondern ich werde den Grobianen der Oberwelt übergeben. Fünf Uniformierte übernehmen mich, keine Sterne heute, keine Hüte, nur blaugraue Schiffchen über kantigen Bauerngesichtern. Sie scheinen einen besonders vergnüglichen Tag vor sich zu haben. Feixende Mienen und raues Gelächter begleiten unsere Prozession.

Wir landen in einer Waschküche, wo mir einer der Soldaten bedeutet: »Du baden, ausziehen.« Suchend schaue ich mich um. Einen kleinen Winkel, einen Wandschirm, irgendetwas muss es doch geben. Aber um mich herum sind nur gierige Blicke und erwartungsvoll grinsende Mienen. Ein auf Russisch hingeworfenes Kommando treibt mich zur Eile an.

Man stirbt ja nicht vor Scham, jedenfalls nicht sofort. Nur aus diesem Grund stehe ich schließlich nackt vor der Horde von Männern. Ich wage nicht aufzusehen, und so trifft mich der Strahl völlig unvorbereitet. Einer der Soldaten hält einen dicken Wasserschlauch in der Hand, dessen Öffnung direkt auf meinen Körper gerichtet ist. Das Wasser schießt mit enormem Druck hervor. Überall Wasser, meine Haut explodiert. Sie brennt, als hätte man mich durchgeprügelt, gleichzeitig ist mir eiskalt. Ein Strahl in die Kniekehlen wirft mich aus dem Gleichgewicht, und ich stürze auf den Steinfußboden. Das Letzte, was ich wahrnehme, ist das Johlen und Pfeifen der Männer, bevor mich Bewusstlosigkeit aus dieser Situation erlöst.

Immer noch nackt und am ganzen Körper von blauen Flecken übersät, finde ich mich später auf meinem Strohsack wieder. Eigentlich will ich mich nicht bewegen. Schließlich ist es die Neugier, die mich aus meiner Erstarrung löst. Neben der Tür an einem Nagel hängt etwas Blaues. Bei näherem Hinsehen entpuppt es sich als ein Kleid. Unter den gegebenen Umständen sogar ein ziemlich hübsches Exemplar. Es ist lang, mit einem gekräuselten Volant, und vor allem ist es sauber.

Meine Finger fahren über den weichen Stoff, ich stecke meine Nase in eine Falte und sauge den Geruch von Sauberkeit in mich ein. Mit ungeahnter Macht überfällt mich der Wunsch, hübsch auszusehen. Sei nicht kindisch, Erika, mahnt eine Stimme in meinem Kopf, aber sie hat keine Chance. Mit den Händen fahre ich mir durchs Haar, bis es allmählich zu Locken aufspringt. Mit Feuereifer und mit Hilfe meiner Zähne trenne ich anschließend den Volant ab. Dann streife ich das Kleid über. Es sitzt ganz passabel, soweit ich das ohne Spiegel beurteilen kann. Zu guter Letzt binde ich aus dem Volant eine Schleife und befestige sie in meinem Haar. Dann setze ich mich auf meine Pritsche und warte darauf, zum Verhör geführt zu werden, als sei ich mit einem Tanzstundenpartner verabredet.

Schleifen bringen mir einfach kein Glück. Ich habe kaum den Raum betreten und sitze noch nicht auf dem obligaten Hocker, da klatscht es auch schon rechts und links, dass mir Hören und Sehen vergeht. Die Schleife landet auf dem Boden, und ein Schwall russischer Beschimpfungen ergießt sich über mich. Die Dolmetscherin schweigt gnädig, beschränkt sich darauf, mich voller Verachtung anzustarren.

Ein anderes Problem taucht auf.

Seit man mich hier eingesperrt hat, habe ich keinen Stuhlgang mehr gehabt. Am zweiten Tag hatte ich nach meinem Wärter gerufen, damit er mich zur Toilette führt.

Bereits auf dem Flur schlug mir der Geruch entgegen, und als ich dann in dem winzigen Lokus stand, hätte ich mich beinahe erbrochen. Ich starrte auf einen Berg verschieden alter Exkremente, die sich in dem Schlund der Porzellanschüssel türmten. Auf dem Rand sah man deutlich die Spuren von Stiefeln. Offenbar benutzten meine Posten dieses Örtchen auch und zwar nach russischer Gepflogenheit im Stehen. Die Wasserspülung war schon länger außer Betrieb. Das Rohr endete ziellos irgendwo an der Wand. Nur der Jahreszeit war es zu verdanken, dass es hier nicht von Fliegen wimmelte. Auf jeden Fall wäre ich lieber gestorben, als hier irgendein Geschäft zu verrichten.

Ich äußere nie mehr den Wunsch, zum Klo gebracht zu werden. Gelegentliche Bauchschmerzen ignoriere ich, mein kleines Geschäft verrichte ich über dem Abfluss im Waschraum.

»Musst du nicht zum Klo?« Dem freundlichsten meiner Bewacher ist offenbar aufgefallen, dass ich nie darum bitte, zur Toilette zu dürfen. »Nein, muss ich nicht.« Einige Male lässt er sich mit dieser Antwort abspeisen, aber eines Tages werde ich von ihm in ein weiß getünchtes Zimmer voller medizinischer Geräte gebracht.

Eine uniformierte Frau tritt kurz darauf ein. Es muss die Ärztin sein. Sie fuhrwerkt auf meinem prallen Bauch herum, als wolle sie aus Teig einen Laib Brot formen. Für ihre Grobheit würde ich ihr am liebsten in die Hand beißen, aber statt dessen beiße ich die Zähne zusammen. Vor der werde ich mir keine Blöße geben.

Immer noch schweigend beendet sie ihre Arbeit. Ich darf mich anziehen und bin glücklich, als ich wieder in meinem Verschlag ankomme.

Die Ruhe währt allerdings nur kurz. Ich habe mich gerade auf der Pritsche ausgestreckt, als sich Schritte nähern. Mit einem Mal drängen sich mehrere Personen in der kleinen Zelle. Die Ärztin ist eine davon.

Später kauere ich in der hintersten Ecke meiner Zelle. In meinem Bauch herrscht ein kreischender Aufruhr, meine Gedärme drohen zu platzen. Wie ein verwundetes Tier suche ich nach einem Versteck, einem Ort, an dem ich wenigstens vor Blicken geschützt sterben kann. Der Drang, mich zu entleeren, wird immer heftiger, und schließlich gibt es kein Halten mehr. Mein Körper gibt die Exkremente unzähliger Tage zusammen mit dem Wasser, das man in mich hineingepumpt hat, von sich. Ein, zwei Atemzüge lang genieße ich die plötzliche Erleichterung, die relative Ruhe in meinen Eingeweiden. Doch dann fällt mein Blick auf den Haufen unter mir. O Gott, was habe ich getan! Wenn die wiederkommen und das hier sehen. Das muss weg!

Wild suchen meine Augen die Zelle ab, bis sie an dem Kanonenofen hängen bleiben. Ohne zu zögern, öffne ich die Klappe, und dann schaufle ich mit beiden Händen den verräterischen Berg hinein. Was ich von mir gegeben habe, ist trocken, fast so wie alte Kuhfladen.

Mein Herz pocht immer noch laut, als ich endlich auf meiner Pritsche sitze. Von dem Wasser ist nur noch eine längliche Pfütze übrig, der Rest ist in der Hitze des Ofens bereits verschwunden. Ich lege mich hin, plötzlich hundemüde.

Wenn ich allerdings die Augen schließe, überrollen mich die Bilder. Die vielen Menschen in meiner Zelle. Ich muss mich entblößen, werde von zweien festgehalten. Das Brennen in meinem After, als ein Schlauch eingeführt wird. Ich reiße die Augen wieder auf. Das Entsetzen bleibt.

Ein Rütteln an meiner Schulter holt mich aus tiefstem Schlaf. »Musst du nicht zur Toilette?« Sofort beginnt mein Herz zu rasen. Mein Blick richtet sich suchend auf die Ecke hinter dem Ofen.

Gott sei Dank, es ist keine Spur mehr zu sehen.

»Nein, ich muss nicht. Lass mich in Ruhe.«

»Wenn du musst, Artistka, dann brauchst du nur zu klopfen. Ich komme gleich und bringe dich hin.«

Es ist der Junge ohne Bartwuchs, den ich von allen hier unten am liebsten mag. Dass ich nicht zum Klo will, scheint ihm Sorgen zu bereiten. Er steht noch einen Augenblick unentschlossen in der Tür, aber als ich mich demonstrativ zur Wand drehe, zieht er unverrichteter Dinge davon.

Die Szene soll sich an diesem und auch am nächsten Tag noch etliche Male wiederholen. Immer wieder öffnet sich die Tür, und ich werde besorgt gefragt, ob ich nun nicht zum Klo gebracht werden will. Irgendwann reißt mir der Geduldsfaden. »Was habt ihr denn nur alle? Ich muss nicht zum Klo. Ich werde schon klopfen und Bescheid sagen.«

Als sich die Tür ein weiteres Mal öffnet, liegt mir die Antwort schon auf den Lippen. Diesmal stellt man mir jedoch...

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