Gewalt

Eine Ontologie
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Juli 2019
  • |
  • 164 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-44287-7 (ISBN)
 
Sowohl in der Soziologie als auch in der Geschichtswissenschaft hat die Beschäftigung mit Gewalt in den vergangenen Jahren vielerlei Anregungen durch die »Neue Gewaltsoziologie« erfahren. Jedoch mehren sich in Fachkreisen die Zweifel, ob »dichte Beschreibungen« der Gewalt hinreichen, um sie zu verstehen, oder ob es nicht notwendig ist, Gewalt wieder stärker in Zusammenhänge zu stellen und aus ihnen heraus zu begreifen. Dieses Buch wählt einen gänzlich neuen Zugang: Es geht von der Anthropologie aus und versucht, deren Ergebnisse - insbesondere die Arbeiten der »Amazoniker«, meist französischer und brasilianischer Autoren, die hierzulande wenig gelesen werden - für den Entwurf einer Gewalttheorie zu nutzen, die verschiedene Wissenschaftsdisziplinen miteinander ins Gespräch bringt. In Gestalt eines Essays, in der Methode des Vergleichs und mit Blick auf nichtwestliche Kulturen gewinnt Michael Riekenberg faszinierende Gesichtspunkte und Kategorien, die es erlauben, in neuer Weise über die Gewalt in unserer Welt nachzudenken.
  • Deutsch
  • 3,05 MB
978-3-593-44287-7 (9783593442877)
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Michael Riekenberg ist Professor für Vergleichende Geschichtswissenschaft und Geschichte Lateinamerikas an der Universität Leipzig.
Inhalt Vorwort 7 Kapitel 1 Woher? Wohin? 9 Kapitel 2 Wovon spreche ich? 19 Kapitel 3 Eine Abschweifung 37 Kapitel 4 Ontologien 45 Kapitel 5 Der Mythos 61 Kapitel 6 Über Umgebungen 64 Kapitel 7 Über das Räuberische 77 Kapitel 8 Die Mimesis 90 Kapitel 9 Die Revolution 98 Kapitel 10 Metamorphosen 102 Kapitel 11 Die Furcht 110 Kapitel 12 Der Jaguar-Staat 125 Kapitel 13 Der Bürgerkrieg 133 Kapitel 14 Im Spiegel 137 Kapitel 15 Der gegenständliche Blick 147 Schluss 151 Anmerkungen 153 Literatur 161 Namensregister 163
Vorwort Ich schreibe dieses Buch wie einen wissenschaftlichen Essay. Dies soll es mir erlauben, mitunter nur meinen Eindrücken Ausdruck zu geben, nicht gesicherten Ergebnissen der Forschung, ohne deswegen freilich die wissenschaftliche Methodik aufzugeben. Zudem ist es mir auf diese Weise möglich, den Gegenstand aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu betrachten und mich nicht nur an die Erkenntnisse eines einzigen Fachs zu halten. Denn wenn ich dieses Buch auch als Beitrag zu einer Soziologie der Gewalt schreibe, so ist Gewalt doch zu weitläufig, als dass sie nur aus der Sicht der Soziologie behandelt werden könnte. Ein Essay mutet recht monologisch an, und auch dieses Buch führt meine Gedanken zum Thema aus. Aber natürlich beruhen diese Gedanken auf dem, was ich dazu gelesen habe. Ich will deshalb im Folgenden nicht auf einen wissenschaftlichen Apparat verzichten; jedoch versuche ich, ihn klein zu halten, um den Charakter des Buches möglichst wenig zu stören. Werden Titel bereits im Text genannt und kann der Leser die benutzte Literatur daraus erschließen, so wird diese nicht mehr unbedingt in den Anmerkungen aufgeführt. Schließlich zitiere ich in diesem Buch mitunter aus meinen früheren Arbeiten, ohne dies ausdrücklich kenntlich zu machen oder darauf hinzuweisen. Jürgen Hotz danke ich für das wissenschaftliche Lektorat. Nicht immer ist es in diesem Buch leicht, eine klare Grenze zwischen den eigenen Gedanken und den Einflüssen anderer Autoren zu ziehen. Auch gibt es vermutlich Überschneidungen. So spreche ich in diesem Buch von der Gewalt und dem Tod. Ich nehme an, dass es fernab der Gewaltsoziologie in anderer Literatur ähnlich lautende Sätze über den Tod und das Sterben gibt, ohne dass ich diese Literatur kennen würde oder sie je gelesen hätte. Göttingen, Anfang 2019Michael Riekenberg Kapitel 1 Woher? Wohin? Vermutlich findet jeder Wissenschaftler, der sich mit dem Gegenstand Gewalt auseinandersetzt, in seiner Lebensgeschichte Beweggründe, die erklären helfen, warum er sich in seinen Gedanken gerade damit beschäftigt. Oft sind es Gewalterlebnisse, die den Menschen dazu anhalten, dies zu tun - es sei denn, er zieht es vor, die Erinnerung daran zu verdrängen, weil sie ihn allzu sehr belastet. Meine Motive, über Gewalt zu schreiben, rühren aus der Zeit her, in der ich in Guatemala lebte. Als ich zu Anfang der 1980er-Jahre in dieses Land kam, befand es sich auf dem Höhepunkt eines Bürgerkriegs. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Eindrücke damals: Das Flugzeug landete spät am Abend, und als ich vom Flughafen der Hauptstadt in die Innenstadt gefahren wurde, war unser Wagen nahezu das einzige Fahrzeug auf den menschenleer erscheinenden Straßen. Irgendwann überholte uns ein Polizeiwagen. Seine Scheiben waren zerschossen, auf dem Rücksitz saß ein Polizist, der ein Gewehr nach hinten aus dem Fahrzeug richtete, ständig gewahr, dass er und seine Kollegen in der Dunkelheit in einen Hinterhalt geraten und angegriffen würden. So war mein erster Eindruck von diesem Land ein Gefühl drohender Gewalt, das mich all die Jahre, die ich in Guatemala lebte, nicht mehr recht los ließ. Damals, unter dem Eindruck meiner Erlebnisse im Bürgerkrieg, begann ich, mich als Wissenschaftler mit dem Phänomen der Gewalt zu beschäftigen, und seitdem habe ich nicht mehr aufgehört, dies zu tun. Ich werde später im Buch, wenn es um die Epistemologie der Gewalt geht, die Frage erörtern, was es bedeutet, wenn derjenige, der über Gewalt schreibt, ihr selbst nahe war und wie sich dies auf das Verhältnis von Nähe und Distanz auswirken mag, das wir im Schreiben über die Gewalt aufsuchen müssen, wenn wir der Erregung der Gewalt, die wir in ihrer Gegenwart empfinden, nicht einfach nachgeben wollen. Denn Gewalt nimmt uns in ihren Besitz, sie befällt uns, zumindest gilt dies für die schreckliche Gewalt, von der allein in diesem Buch die Rede ist. Hier, in der Einführung in dieses Buch, geht es aber zunächst nur darum darzulegen, mit welchen Vorstellungen ich mich im Folgenden der Betrachtung des Gegenstands nähere. Da nun fällt der Blick als Erstes auf die »Neue Gewaltsoziologie«, die die Gewaltforschung hierzulande in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten erheblich geprägt hat. Begründet wurde sie in einem Aufsatz, den der Soziologe Trutz von Trotha im Jahr 1997 in der »Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie« veröffentlichte. Trotha schrieb über die Gewalt als eine normale Machtaktion, die potenziell jedem Menschen zur Verfügung stehe, weil jeder Mensch aufgrund seiner Körperlichkeit über die Fähigkeit zum Angriff auf einen Anderen verfüge. Gewalt sei körperlicher Einsatz, sei physisches Verletzen und Leid, dies sei der unverzichtbare Bezugspunkt jeder Gewaltanalyse, schrieb Trotha. Und es sei das größte Versäumnis der älteren Gewaltforschung gewesen, auf diese Eigenschaft der Gewalt nicht eingegangen zu sein. Trotha machte dies in einem Exkurs über das Verhältnis von Gewalt und Schmerz deutlich. Besondere Beachtung verdient dabei, dass er in diesem Zusammenhang auch auf die - wie er schrieb - »Nicht-Mitteilbarkeit« des Schmerzes einging. Jedoch griff er das damit verbundene epistemologische Problem, d. h. die Frage, was wir dann noch über Gewalt, die vom Schmerz begleitet wird, sagen können, wenn dieser Schmerz nicht erzählt werden kann, nicht auf. Vielmehr beließ er es bei dem Hinweis, dass unser Vokabular der Schmerzerzählung »bemerkenswert kärglich« sei, ein Urteil, das sich freilich von der Un­erzählbarkeit des Schmerzes auf die Nichtmitteilbarkeit der körperlichen Gewalt übertragen lässt. Dem ging die Neue Gewaltsoziologie jedoch nicht weiter nach. Stattdessen beließ sie es bei dem Glauben, Gewalt könne in der Wissenschaft unumwunden erzählt und anderen Menschen auf diesem Weg mitgeteilt werden. Freilich war Anderes auch gar nicht möglich. Denn die direkte Erzählung der Gewalt wurde zum Programm der Neuen Gewaltsoziologie: Sie nahm sich zum Ziel, die, wie es hieß, »Gewalt selbst« zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung zu machen, was in methodischer Hinsicht voraussetzte, dass diese Gewalt unmittelbar erzählt und in die Sprache der Wissenschaft überführt und dort aufgehoben werden kann. Um ihr Ziel zu erreichen, griff die Neue Gewaltsoziologie auf die »dichte Beschreibung« zurück, eine Methode, die der Kulturanthropologie entlehnt war. Die dichte Beschreibung geriet zum Königsweg, um die Nähe im Blick auf die Gewalt zu gewinnen, die die ältere Gewaltsoziologie, die sich nur für die Umstände der Gewalt interessiert habe, habe missen lassen. Dem lag jedoch von vornherein ein Missver­ständnis zugrunde. Denn der dichten Beschreibung geht es nicht um die detailgenaue Betrachtung des Gegenstands selbst, sie will sich gerade nicht mit den »äußerlichen, mechanischen, vergleichsweise nichtssagenden [Hervorhebung des Verfassers] Aspekten des Verhaltens« von Menschen befassen. Vielmehr sucht die Methode - manche ihrer Kritiker bezweifeln, dass es sich tatsächlich um eine Methode handelt und sie nicht nur eine Form der Intuition darstellt, ähnlich der Verstehenslehre in der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik zu Beginn des 20.?Jahrhunderts - nach den Bedeutungen, die den Handlungen von Menschen zugrunde liegen. Dies aber geschieht durch die Interpretation von Zeichen, nicht durch die Beschreibung von Handlungen. Nicht umsonst trug, was mitunter übersehen wird, der in der Literatur vielzitierte Aufsatz von Clifford Geertz, in dem er 1973 die Methode der dichten Beschreibung vorstellte, den Untertitel »Bemerkungen zu einer deutenden Theorie [Hervorhebung des Verfassers] von Kultur«. Und nicht umsonst wies Geertz auch darauf hin, dass das beste Mittel, eine dichte Beschreibung zu erzeugen, der Essay sei, nicht etwa eine sozialhistorische Mikrostudie. Somit aber saß die Neue Gewaltsoziologie in ihren konzeptionellen Überlegungen von Beginn an einem Irrtum auf, indem sie das »Nichtssagende« des äußeren Geschehens in das Zentrum ihrer Methode rückte. Vermutlich ist dies ein Teil der Erklärung, warum es der Neuen Gewaltsoziologie letztlich nicht gelang, ihr Anliegen, eine neue Anschaulichkeit der Gewalt zu entwerfen und durch diese Anschauung hindurch in das Innere der Gewalt vorzudringen, hinreichend zu theoretisieren. Woher rührte dieser Wunsch, Gewalt »dicht« zu beschreiben, den Trotha wie Andere mit ihm dem Programm einer neuen Gewaltsoziologie zugrunde legten? Es liegt auf der Hand, dass die Neue Gewaltsoziologie nur in einer Gesellschaft erdacht werden konnte, die im Frieden lebt und keinen Krieg, Bürgerkrieg oder offene Gewaltkonflikte kriegsähnlicher Art zwischen staatlichen Ordnungskräften und bewaffneten Meuten kennt. Denn Menschen, die im Krieg oder in dazu verwandten Auseinandersetzungen Gewalt erleben, verspüren kein Bedürfnis, sich diese Gewalt in ihren Erzählungen gegenseitig »dicht« vor Augen zu führen. Ganz im Gegenteil: Sie meiden die Erzählung davon wie die damit verbundenen Bilder, weil sie die Beschädigung ihrer Seele fürchten, die in diesen Geschichten und den Erinnerungen daran für sie aufschimmert. Manchmal sind Menschen auch ganz einfach nur zu erschöpft, um über ihr Erleben der Gewalt zu sprechen. Betrachten wir die Fotos, die Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg von Soldaten am Rand des Kampfes machten - ich habe eine Aufnahme aus dem Bundesarchiv vor Augen, die in der Panzerschlacht im Kursker Bogen, die im Sommer 1943 stattfand, Grenadiere der Waffen-SS in einer Kampfpause zeigt -, so sehen wir an den Gesichtern dieser Männer, dass sie weder in der Lage waren noch das Bedürfnis verspürten, über das zu sprechen, was sie gerade erlebt hatten und was sie wieder erwartete. Menschen, die Gewalt kennen, müssen sie sich nicht erzählen. Somit war die Neue Gewaltsoziologie das Kind einer Zeit und Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen - mögen sich gegenwärtig auch gegenläufige Tendenzen zeigen und mag die Bereitschaft in Teilen der Bevölkerung wachsen, die Autorität des Staates und die Geltung seines Rechts und Gesetzes in Frage zu stellen - über Jahrzehnte hinweg in einem vergleichsweise hohen Maße befriedet gewesen ist. Und insofern stellten das Gewaltmonopol des Staates wie die Abwesenheit »großer« Gewalt gerade die Voraussetzungen dafür dar, dass die Wissenschaft sich in der Absicht der Gewalt zuwenden konnte, sie in ihren Erzählungen aufleben zu lassen. Denn erst die Dis­tanz zu tatsächlicher Gewalt schafft den Schutz vor der Gewalt, den die Wissenschaft benötigt, um über sie sprechen zu können. Auf dieser Grundlage und von dem Wunsch geleitet, Menschen eine Gewalt nahe zu bringen, die sie nicht kennen, brachte die Wissenschaft in den zurückliegenden Jahren eindrucksvolle Beschreibungen der Gewalt hervor, nicht zuletzt in historischen Studien. Inzwischen wissen wir einiges mehr darüber, was mit Menschen in der Gewalt geschieht und was die Gewalt aus Menschen macht. Jedoch verspüren wir mittlerweile zugleich die große Müdigkeit, auch den Überdruss, die sich irgendwann einstellen, wenn wir immer neu die immer gleichen Erzählungen der Gewalt lesen, gleich, wo und wie sie sich zutrug oder in Zukunft zutragen wird. Und so stellt sich heute (in) der Gewaltsoziologie die Frage, ob wir nicht wieder ein Mehr an Kontextualisierung, nicht zuletzt auch an Theoriebildung benötigen, um nicht im bloßen Anblick der Gewalt zu verharren.
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