Die Spione des Papstes

Der Vatikan im Kampf gegen Hitler
 
 
Piper ebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Juni 2017
  • |
  • 496 Seiten
 
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978-3-492-97601-5 (ISBN)
 
Das Schweigen des Vatikans zum millionenfachen Morden der Nazis ist und bleibt eine der großen Kontroversen unserer Zeit. Bis heute wird diskutiert, warum Papst Pius XII. öffentlich nicht deutlicher intervenierte. Mark Rieblings fesselnde Aufarbeitung der Rolle des Vatikans im Widerstand gegen Hitler fügt der historischen Wahrheitssuche neue, wichtige Facetten hinzu. Denn während Papst Pius noch Geburtstagskarten an Hitler schrieb, unterstützte er im Geheimen die Attentatspläne des deutschen militärischen Widerstands. Riebling beschreibt das doppelte Spiel des Papstes historisch präzise und zugleich "spannend und faszinierend" (Wall Street Journal).
  • Deutsch
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  • 1,08 MB
978-3-492-97601-5 (9783492976015)
3492976018 (3492976018)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Mark Riebling studierte in Dartmouth, Berkeley und an der Columbia University. Heute ist der Autor und Essayist Dozent am Center for Jewish Civilization der Georgetown University sowie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Seine weiteren Themenschwerpunkte sind Terrorismus, Geheimdienste und internationale Beziehungen.
<p><strong>Prolog</strong> <br /><br />    1    Dunkelheit über der Erde <br />    2    Das Ende von Deutschland <br />    3    Ochsensepp <br />    4    Tyrannenmord <br />    5    Einer, der ihn umlegt <br />    6    Mit dem Teufel im Bunde <br />    7    Die schwarze Kapelle <br />    8    Absolute Geheimhaltung <br />    9    Der X-Bericht <br />    10    Warnungen an den Westen <br />    11    Die braunen Vögel <br />    12    Das Eisen schmieden <br />    13    Der Ausschuss <br />    14    Gespräche in der Krypta <br />    15    Schießerei in der Kirche <br />    16    Zwei Cognacflaschen <br />    17    Baupläne für Siegfried <br />    18    Der Weiße Ritter <br />    19    Gefangener des Vatikans <br />    20    Es muss geschehen <br />    21    Heiliges Deutschland <br />    22    Der Fund <br />    23    Die Hölle <br />    24    Der Galgen <br />    25    Ein toter Mann <br />    26    Der Bergsee <br /><strong>Epilog </strong><br /><strong>Dank </strong><br /><strong>Abkürzungen </strong><br /><strong>Bibliografie </strong><br /><strong>Endnoten</strong> <br /><br /></p>

KAPITEL 2
Das Ende von Deutschland

Am 22. August 1939, zehn Tage vor dem deutschen Einmarsch in Polen, rief Hitler seine Generäle und Admirale in seiner Privatresidenz am Obersalzberg in Bayern zusammen. Nachdem die Einbestellten die Sicherheitskontrollen passiert hatten, traten sie in Hitlers Berghof ein. Ein Panoramafenster, das sich elektrisch im Boden versenken ließ, bot einen so grandiosen Alpenblick, dass ein Gast das Gefühl hatte, frei im Raum zu schweben. In der Ferne glommen die Gipfel des Untersbergs, eines Massivs der Berchtesgadener Alpen, in dem einem Mythos zufolge die Grabstätte Karls des Großen liegen sollte.

Auf einen Flügel gestützt, hielt Hitler seinen Vortrag, weitgehend ohne in die Notizen in seiner linken Hand zu blicken. Hinten im Raum saß, nervös und angestrengt, ein mausartiger Mann mit durchdringenden blauen Augen und einem weißen Haarschopf. Er zog Block und Bleistift hervor. Als Chef der deutschen Abwehr durfte sich Admiral Wilhelm Canaris zu geheimen Militärbesprechungen Notizen machen. Dass seine Mitschrift in der Substanz korrekt war, sollten später andere Anwesende bestätigen, als diese zu einem Beweisstück im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess geworden war.[96]

»Ich habe Sie hierher gerufen«, sagte Hitler, »damit Sie einmal sehen, in welcher Umgebung ich meine Entschlüsse zu fassen pflege. Es war mir klar, dass es früher oder später zu einer Auseinandersetzung mit Polen kommen musste.« Deutschland werde seine Ehre und sein Ansehen nicht eher zurückerlangen, bis es sämtliche im letzten Krieg verlorenen Gebiete wiedergewonnen habe. Deswegen habe er sich zum Angriff entschlossen. Die Briten hätten Polen zwar Schutz zugesichert, würden aber wohl kaum eingreifen: »Unsere Gegner sind kleine Würmchen.« Zu einem Friedensappell des Papstes in Rom, den Radio Vatikan am Morgen des Tages ausgestrahlt hatte, meinte Hitler, er mache sich nur Sorgen, »dass [ihm] noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt«.[97]

Hitler redete eine weitere Stunde und nannte Details zur anstehenden Operation. Danach brachen alle zum Mittagessen auf. Nachdem SS-Offiziere in schneeweißen Uniformen auf der Terrasse Kaviar serviert hatten, fuhr Hitler in einem noch fanatischeren Ton fort. Erneut huschte Canaris' Bleistift über das Papier. »Wir müssen mit rücksichtsloser Entschlossenheit das Wagnis auf uns nehmen. [.] Wir stehen vor der harten Alternative, zuzuschlagen oder früher oder später mit Sicherheit vernichtet zu werden. [.] 80 Millionen Menschen müssen ihr Recht bekommen. Ihre Existenz muss gesichert werden. [.] Eiserne Nerven, Eiserne Entschlossenheit!«[98]

Hitlers nächste Worte schockierten seine Generäle. Canaris wagte es nicht, sie zu Papier zu bringen, aber Feldmarschall Fedor von Bock vertraute später einem Kollegen Einzelheiten an. SS-Totenkopfverbände, so verriet Hitler, würden den letzten sich aufbäumenden polnischen Widerstand dadurch auslöschen, dass sie Tausende katholische Priester liquidierten. Wie einer von Bocks Obersten berichtete, versicherte Hitler, »dass die Polen nach Ende des Feldzugs mit gnadenloser Härte behandelt würden. Aus politischen Gründen werde [. er] die notwendigen >Liquidierungen< nicht dem Heer aufbürden, sondern die Vernichtung der polnischen Oberschicht, das heißt, vor allem die [.] der polnischen Geistlichkeit, der SS überlassen«.[99]

»Später fragt in der Geschichte niemand mehr nach den Gründen«, hieß es in Canaris' Aufzeichnungen weiter. Was zählte, sei nicht, ob man das Recht auf seiner Seite habe, sondern einfach der Wille zum Sieg. Hitler beendete seine Rede mit den Worten: »Ich habe meine Pflicht getan, tun Sie die Ihre.«[100]

Es folgte eine lange Pause »eisigen Schweigens«, so Bocks Erinnerung. Am Ende sagte Walther von Brauchitsch, der Oberbefehlshaber des Heeres: »Herrschaften, begebt euch bald auf eure Plätze.« Canaris klappte seinen Block zu und ging den Berg hinab.[101]

An diesem Abend schlenderte Hitler auf der Terrasse hin und her und blickte zum Horizont. »Während wir auf und ab gingen, verfärbte sich der Nordhimmel hinter dem Untersberg erst türkisgrün und ging dann über violett in ein schaurig-schönes Rot über«, erinnerte sich sein Adjutant. »Zunächst vermuteten wir einen größeren Brand in einem der Orte nördlich des Untersbergs, bis das rote Licht den ganzen Nordhimmel erfasste und klar als ein unheimlich wirkendes Nordlicht zu erkennen war, eine Naturerscheinung, die in Süddeutschland nur ganz selten auftritt. Ich war stark beeindruckt und sagte Hitler, dass dieses Naturereignis auf einen blutigen Krieg hindeute.«[102]

Wenn es sein müsse, entgegnete Hitler, dann je früher, desto besser: »Niemand weiß, wie lange ich noch lebe. Deshalb Auseinandersetzung besser jetzt. [.] Wesentlich hängt es von mir ab, von meinem Dasein, wegen meiner politischen Fähigkeiten. Dann die Tatsache, dass wohl niemand wieder so wie ich das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes hat. In der Zukunft wird es wohl niemals wieder einen Mann geben, der mehr Autorität hat als ich. Mein Dasein ist also ein großer Wert-Faktor. Ich kann aber jederzeit [.] beseitigt werden.« Er befürchtete, von »Idealisten mit Zielfernrohren« aufs Korn genommen zu werden.[103]

Hitler glaubte nicht an einen möglichen Einzeltäter. Wenn er den Verdacht hätte, dass ein Komplott zu seiner Beseitigung im Gange wäre, so teilte er Reichsleiter Martin Bormann mit, würde er vorrangig gegen die Fraktion vorgehen, die er am ehesten verdächtigte, einen Staatsstreich gegen ihn zu unterstützen. Elemente aus der Geistlichkeit seien entscheidend, hatte Hitler in seiner Ansprache an diesem Tag gesagt. Bei den Bürgerlichen und den Marxisten fänden sich kaum Attentäter, die das Attentat mit dem Vorsatz durchführten, notfalls auch ihr eigenes Leben daranzusetzen. Die größte Gefahr stellten vielmehr »die von den Schwarzen im Beichtstuhl aufgeputschten Attentäter« dar. Zu den Dummköpfen, die sich ihm in den Weg stellten, sagte Hitler, gehörten insbesondere die Führer des politischen Katholizismus. Wenn jemals jemand einen Putsch gegen ihn versuchte, so schwor er, werde er diese »aus ihren Wohnungen heraus verhaften und exekutieren lassen«.[104]

Am nächsten Tag war Canaris in Berlin zurück und saß grübelnd in seinem Büro der Abwehr. Während seine Dackel auf einem Stapel Decken in einem Feldbett schliefen, arbeitete er seine Aufzeichnungen zu den Ausführungen des Führers zu einer kodierten Zusammenfassung aus. Die entscheidenden Passagen las er anschließend in seinem typischen, leicht lispelnden Tonfall den engsten Mitarbeitern vor. Erst jetzt bemerkten diese das Ausmaß seiner Verzweiflung. »Er war noch immer voller Entsetzen«, schrieb der Abwehroffizier Hans Bernd Gisevius. »Seine Stimme zitterte. Er fühlte, Zeuge von etwas Ungeheuerlichem gewesen zu sein.«[105]

Canaris hasste Hitler mit der Leidenschaft eines Mannes, der ihn einst geliebt hatte. Der Führer hatte versprochen, Deutschlands religiöse und militärische Traditionen zu bewahren, verhöhnte jetzt aber aus einem heidnischen Blickwinkel heraus die alten Ideale. Canaris' Sinneswandel war 1938 erfolgt, als Hitler Deutschlands zwei Oberbefehlshaber der Wehrmacht mit Blick auf sexuelle Verfehlungen in ihrer Ehre angegriffen und entlassen hatte. Anstatt unter Protest zurückzutreten, war Canaris als Chefspion auf seinem Posten geblieben und gab so Hitlers konservativen Feinden eine Geheimwaffe an die Hand, um das Monster zu vernichten, das sie mit geschaffen hatten. Da er in Staatsgeheimnisse eingeweiht war und verdeckte Aktivitäten leitete, war er mit seinen Kameraden in bester Position, um die Nationalsozialisten zu bekämpfen. Sie konnten von innen heraus zum Schlag gegen Hitler ausholen.[106]

Nachdem Canaris seinen Kollegen die Aufzeichnungen vorgelesen hatte, debattierten sie über das weitere Vorgehen. Sein Stellvertreter Hans Oster wollte den Text von Hitlers Rede an die Öffentlichkeit durchsickern lassen in der Hoffnung, Regimegegner zu einem Staatsstreich zu drängen, um den Frieden zu erhalten. Bei ausreichend scharfen Reaktionen aus London und Paris würden Deutschlands Generäle vielleicht den Ratschlag von Generalstabschef Franz Halder befolgen. Dieser hatte dem britischen Botschafter in Berlin gesagt: »Man muss dem Mann mit der Axt auf die Hand hauen.«[107]

Einen Versuch schien es wert. Am 25. August schmuggelte Oster das Dokument zu Alexander C. Kirk, dem amerikanischen Geschäftsträger in Berlin. Kirk meinte dazu: »O. k., nehmen Sie das wieder mit. [.] Ich möchte da nicht hineingezogen werden.« Daraufhin schickte Oster eine Abschrift an einen Mitarbeiter der britischen Botschaft. Da Unterschrift und Briefkopf auf dem Papier fehlten, blieb dieser unbeeindruckt. Im Umgang mit ausländischen Mächten, so stellte Oster fest, mussten sich die Verschwörer so etwas wie eine offizielle Genehmigung, einen legitimierenden Stempel verschaffen, etwas, das die guten Absichten Deutschlands belegte.[108]

Derweil versuchte es Canaris mit aktiveren Maßnahmen. Er nahm Verbindung zu Ernst von Weizsäcker auf, dem...

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