Gemma. Sei glücklich oder stirb

Packende Romantasy in einer dystopischen Welt
 
 
Arena (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. April 2021
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-401-80941-0 (ISBN)
 

Glück ist Leben. Glück ist Macht. Glück ist alles. Ohne Glück bist du tot.

Die sechzehnjährige Gemma lebt in einer Welt, in der Glück lebensnotwendig ist. Jedem, der nicht glücklich ist, droht nach wenigen Stunden der Tod. Nach ihrer Aufnahmeprüfung in der Akademie, in der junge Menschen lernen, positive Gefühle künstlich zu erzeugen, hat Gemma nur ein Ziel: Sie muss ihren Vater heilen, bevor dessen Glückspegel noch weiter sinkt und er vor Kummer sterben wird.

Doch hier, inmitten all der dauerlächelnden Menschen, zieht es Gemma ausgerechnet zu Keno. Er ist ein Grenzgänger und will sich dem Glückszwang entziehen. Er liebt die Existenz am Limit, wandelt zwischen Glück und Trauer, Leben und Tod. Entschlossen versucht Gemma, am Glück festzuhalten - doch ihre Überzeugung bröckelt immer weiter. An Kenos Seite lernt Gemma, was wahre Gefühle bedeuten ... und was die Menschen aufgeben, wenn sie das Glück über alles stellen.

Hochspannende Near-Future-Fantasy für alle Leserinnen von Suzanne Collins, Ally Condie und Veronica Roth. Unkonventionell, romantisch und berührend.

  • Deutsch
  • Würzburg
  • |
  • Deutschland
  • 20,02 MB
978-3-401-80941-0 (9783401809410)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Charlotte Richter begann noch während des Studiums zu schreiben und verfasste ihre ersten Texte für den Hörfunk. Seitdem hat sie mehrere Romane für Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Sie erhielt diverse Literaturstipendien und unter anderem den Förderpreis für Literatur der Stadt Hamburg. Seit vielen Jahren ist sie Mitglied im Hamburger Writers' Room, einer Arbeits- und Bürogemeinschaft für Schriftsteller, auch wenn sie Hamburg inzwischen verlassen hat. Heute lebt und schreibt sie in Kattendorf in Schleswig-Holstein.

Foto © privat

3. August 2105

Meine schönste Erinnerung an meinen Vater ist die, wie er eines Abends mit einem neugeborenen Kätzchen nach Hause kam. Er hatte es in einem Müllcontainer gefunden. Damals war ich fünf, doch er zögerte keine Sekunde, mir das Kätzchen in die Hände zu legen. Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie sich die zarten Pfoten spreizten und Halt auf meiner Haut suchten. Mit einer Fingerspitze strich mein Vater über den Rücken des winzigen Tiers, dessen Augen noch geschlossen waren. »Wir nennen es Fussel und es wird mindestens zwanzig Jahre alt«, versprach er mir.

Meine letzte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie er mich ansah, bevor er aus meinem Leben verschwand. Das war vor drei Monaten, als er nach Cloverhill ging, in Quarantäne. Sein Arkanit hatte sich mit dem grauen Nebel gefüllt. Danach war klar, was passieren würde.

Sofort lasse ich die Erinnerung wieder ziehen. Es ist wichtig, an die schönen Dinge zu denken. Zum Beispiel daran, dass Fussel inzwischen elf Jahre alt ist und am liebsten auf meinem Kopfkissen schläft, wo ich sie leise schnurren höre, wenn ich mein Ohr an ihr Fell lege.

Es ist außerordentlich wichtig, dass mein eigener Arkanit golden bleibt.

Schon im Kindergarten lernen wir die Zonen auswendig, in die der Stein geraten kann, den wir an einer Kette um den Hals tragen.

Erste Zone: Dein Arkanit ist golden und sonst nichts. In der Ersten bist du sicher.

In der Zweiten Zone bilden sich im Gold graue Nebelfäden. Jetzt musst du aufpassen, dass es nicht zu viele werden.

In der Dritten Zone hat sich der graue Nebel überall ausgebreitet, vom Gold ist nichts mehr übrig. Das bedeutet: Quarantäne.

In der Vierten Zone tauchen im Nebel die ersten schwarzen Fäden auf. Je mehr es werden, desto weniger Zeit bleibt dir.

In der Fünften ist dein Arkanit vollkommen schwarz.

Unseren Arkanit müssen wir ständig im Auge behalten, das wird uns von klein auf eingebläut. Was er uns zeigt, ist lebensnotwendig. Um jeden Preis müssen wir in den oberen Zonen bleiben, am besten natürlich in der Ersten, aber auch die Zweite wird akzeptiert. Je tiefer wir sinken, desto gefährlicher wird es.

Jeden Morgen haben unsere Kindergärtner es mit uns geübt: Nach dem Aufwachen gilt dein erster Blick dem Arkanit. Wenn er golden leuchtet, ist alles gut. Doch sobald sich ein grauer Nebelfaden darin zeigt, und sei er noch so winzig, musst du sofort mit einem Erwachsenen sprechen.

In der Grundschule lernen wir dann, ein Tagebuch zu führen. Ganz besonders mag ich angegilbte Seiten und altmodische Einbände mit floralen Mustern. Das Schreiben hilft uns, die schlechten in gute Gefühle zu verwandeln und auf diese Weise in den oberen Zonen zu bleiben.

»Stellt euch vor, ihr erzählt jemandem eine Geschichte«, sagte meine Klassenlehrerin damals. »Stellt euch vor, ihr schreibt eine Geschichte für jemanden, den ihr liebt. Und konzentriert euch dabei auf das Positive.«

Weitere Maßnahmen, die empfohlen werden:

1. Schlafe ausreichend.

2. Suche neue Erfahrungen.

3. Ernähre dich gesund.

4. Treibe Sport.

5. Verbringe viel Zeit mit anderen Menschen.

6. Halte dich von Energievampiren fern.

7. Pflege dein Inneres Programm.

Das alles müssen wir beherzigen, damit wir in diesem Krieg überleben, von dem wir nicht wissen, warum er begonnen wurde. Unser Feind beleidigt uns nicht. Er demütigt uns nicht. Er foltert uns nicht. Er tötet uns. Ohne uns je zu berühren. Sein Name ist Glanz. Vor achtzig Jahren tauchte er ohne Vorwarnung am Himmel auf. Er nahm uns das Sonnenlicht, unseren Tag und unsere Nacht. Jetzt ist da nur noch er, der über unserer Welt schwebt. Anfangs ahnten die Menschen nicht, welche Folgen das hätte. Bis die ersten ihr Leben verloren. Heute haben wir verstanden, was der Glanz von uns verlangt. Er hat eine Welt geschaffen, in der wir nur überleben, wenn wir glücklich sind.

Wer nicht glücklich ist, stirbt.

 

Es ist seltsam, wie sich manche Tage entwickeln. Zähne putzen, frühstücken, du holst dein Fahrrad aus dem Keller, fährst los und am Ende des Tages hat sich dein Leben völlig umgekrempelt.

Als ich mein Rad vor dem Appartementhaus abstelle, in dem meine beste Freundin Tilda wohnt, ist die Luft rein, trotzdem schaue ich zur Sicherheit noch einmal nach rechts und links. Niemand zu sehen.

Tu's nicht, Gemma. Lass es. Für heute reicht dein Vorrat.

Doch da ist auch diese andere Stimme in mir, und die flüstert: Du weißt, was auf dem Spiel steht. Das hier könnte deine letzte Chance vor der Prüfung sein. Na los. Tu es. Mach schon!

Meine Fäuste ballen sich, meine Schultern verkrampfen. Obwohl ich dagegen anzukämpfen versuche, lege ich langsam den Kopf in den Nacken und sehe mit weit geöffneten Augen hinauf. In dem hypnotischen Farbenspiel über mir drehen sich Wirbel und Strudel, vergehen und bilden sich neu. Es ist wunderschön - und wahrscheinlich bin ich die Einzige, die das so empfindet.

Wollte man den Glanz mit etwas vergleichen, dann mit einem regenbogenfarbenen Nebel, der sich in zehntausend Meter Höhe über uns wölbt und die Erde wie eine Hülle umschließt. Sonne und Mond sind dahinter verschwunden, eine trübe Dämmerung ist unser Tag und unsere Nacht. Morgenröte und Sternenhimmel kenne ich nur aus alten Filmen. Was sich oberhalb des Glanzes abspielt, bleibt für uns unsichtbar. Die Wissenschaftler sagen, die Sonnenstrahlung käme trotzdem durch. Auch Wind, Regen und Schnee sind kein Problem, unterhalb der Zehntausend-Meter-Marke gibt es sogar Wolken, bläulich grau wie Wale, die durch ein regenbogenfarbenes Meer schwimmen. Die heute gültige Theorie lautet außerdem, dass der Glanz für Pflanzen und Tiere nicht existiert.

Auf alle Fälle tötet er nur uns Menschen.

Meine Mitschüler, Freunde, Lehrer, Nachbarn, mein Vater und überhaupt alle, die ich kenne, schauen so selten wie möglich hinauf, vermutlich, weil es sie daran erinnert, was geschieht, wenn wir in die Fünfte Zone eintreten und unser Arkanit schwarz wird: Nach 72 Stunden lösen wir uns im Glanz auf. Wir sterben, egal, wie jung oder alt wir sind. Und obwohl ich das weiß, durchströmt mich jedes Mal, wenn ich in den Glanz schaue, ein Gefühl, als würde mich jemand in den Arm nehmen und mir zuflüstern, dass alles gut wird.

Warum ich so fühle und warum das schon immer so war? Ich habe keinen Schimmer.

In einem der oberen Stockwerke beginnt jemand zu singen, irgendwas mit »love« und »forever«. Wie ertappt reiße ich mich von dem Farbentanz los. Vor ein paar Monaten hat mich Tilda erwischt, als ich gerade hinaufgeschaut habe, und mich gefragt, warum ich so breit vor mich hin grinsen würde. »Pass bloß auf«, sagte sie und, ja, seither passe ich auf.

Niemand darf wissen, was ich tue. Niemand darf wissen, dass der Anblick des Glanzes mich glücklich macht und meinen Arkanit nur umso goldener strahlen lässt.

Sie würden es nicht verstehen. Der Glanz sollte mir Angst einjagen, wie jedem vernünftigen Menschen. Doch er tut es nicht.

Ohne das Licht anzuknipsen, sprinte ich die Außentreppe hoch. In der Dämmerung kann ich die Stufen kaum erkennen, aber das muss ich auch nicht, diesen Weg finde ich blind. Automatisch biege ich von einem Laubengang in den nächsten ein. Zwischen Geißblatt und Stockrosen recken Margeriten und Nachtkerzen ihre Köpfe: Chronoblumen, die zu unterschiedlichen Tageszeiten blühen und mit denen die ganze Stadt vollgepflanzt ist. Würden sämtliche Uhren auf einmal versagen, könnten wir zumindest jetzt, im Sommer, trotzdem erkennen, wie spät es ist. Du musst nur die Blumen angucken. Auch das lernen wir in der Grundschule. Seltsam, dass früher ein Blick in den Himmel genügte, um abzuschätzen, ob es Morgen ist, Mittag oder Nacht.

Ich drücke meinen Finger auf den Klingelknopf. Drei Sekunden später reißt Tilda die Tür auf.

Sie ist siebzehn, ein Jahr älter als ich, sieht aber jünger aus, wahrscheinlich, weil sie so klein ist. Ihre kupferroten Kringellocken plustern sich um ein mutwilliges Lächeln. Alles an ihr leuchtet vor Aufregung, sogar die goldene Farbe ihres Arkanits scheint intensiver zu strahlen als sonst. Als sie mich in die Arme schließt, hüllt mich ein Geruch von Jasmin und Bergamotte ein. Wow - Girl No. 1, das in Sachen positive Energie wirksamste Parfum, das in den letzten Jahren entwickelt wurde. Ich sauge den Duft in mich ein.

»Und? Wie teuer?«

»Schweineteuer. Und der Flakon, gerade mal so groß.« Tilda presst Daumen und Zeigefinger aufeinander. »Wie geht's dir?«

»Bin bereit«, sage ich, bemüht, dass meine Stimme so gleichmütig wie möglich klingt.

Sie mustert meinen Arkanit, der golden leuchtet wie ihrer, nickt zufrieden und zieht mich in die Diele, vorbei an einem Chaos aus Schuhen und Jacken, hinein in die Küche, aus der uns Gelächter und Stimmengewirr entgegenschallen.

»Gemma!«, johlt Tildas Bruder Lennart. Ihre Großmutter Emily kreischt beinahe. Klingt, als hätte jemand zur Feier des Tages eine Runde Fortaxan spendiert, noch mal wow, das letzte Mal habe ich die Pillen gesehen, als mein Vater Anfang des Jahres eine Wochenration mit nach Hause brachte.

Fortaxan, Elektrotherapien, Magnetresonanz - kaum eine Glücksoptimierung, die er nicht durchprobiert hätte. Abgerutscht und nach Cloverhill geraten ist er trotzdem. Jetzt hängt es an mir, ob er...

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