Eine Straße in Montreal (eBook)

 
 
ars vivendi (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2021
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7472-0321-7 (ISBN)
 
Mordecai Richlers autobiografisches Meisterwerk erstmals in deutscher Übersetzung

In zehn charmanten, tragikomischen, ergreifenden Episoden erzählt Mordecai Richler von seiner Kindheit und Jugend in der jüdischen Welt von
Montreals St. Urbain Street: Von dem Sommer, in dem die Großmutter eigentlich hätte sterben müssen, aber nicht starb. Von Herrn Bambinger,
dem Wiener Juden, der jeden Tag auf das Schiff wartet, das Frau und Sohn vor den Nazis in Sicherheit bringen soll. Von Benny Garber, dem zurückgebliebenen Nachbarsjungen, der aus dem Krieg in Europa heimkehrt und doch nicht mehr ins Leben findet. Und davon, wie einmal ein Times-
Artikel über einen Atomspion das Universum der St. Urbain Street erschütterte. Humorvoll, tragisch, weise und voller Nostalgie: ein Meisterwerk der
literarischen Erinnerung.
weitere Ausgaben werden ermittelt
MORDECAI RICHLER, als Sohn eines Schrotthändlers 1931 in Montreal geboren, ist einer der bedeutendsten kanadischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Nach einem abgebrochenen Literaturstudium lebte er als freier Schriftsteller und Kolumnist in Paris und London. Anfang der Siebzigerjahre kehrte er in seine Heimatstadt zurück,
wo er bis zu seinem Tod 2001 lebte.

 

Vorwort: Die Heimkehr

»Warum wollen Sie auf die Universität?«, fragte mich der Studienberater.

Ohne nachzudenken antwortete ich: »Vermutlich, weil ich Arzt werden möchte.«

Arzt.

Eines Tages hatte man uns in der St. Urbain Street Gitterbettchen und Windeln brutal weggenommen, und am nächsten wurden wir abgeschrubbt und in den Kinder­garten verfrachtet. Ohne es damals schon zu wissen, waren wir in einer Vorbereitungsschule fürs Medizinstudium gelandet. Zwar wurde man normalerweise erst mit sechs eingeschult, doch pflegten gnadenlos ehrgeizige Mütter ihre protestierenden Vierjährigen zur Anmeldung zu schleppen und dort zu sagen: »Für sein Alter ist er noch etwas klein.«

»Geburtsurkunde, bitte?«

»Bei einem Wohnungsbrand vernichtet.«

In der St. Urbain Street bedeutete ein Vorsprung vor den anderen alles. Unsere Mütter lasen uns aus Life Berichte über pickelige astigmatische Vierzehnjährige vor, die bereits ein Harvard-Studium abgeschlossen hatten oder die Professoren am Massachusetts Institute of Technology aus der Fassung brachten. Tip Top Comics zu lesen oder am Radio The Green Hornet zu hören war gleichbedeutend mit der Bitte um einen Schlag auf den Kopf, der manchmal mittels einer zusammengerollten Ausgabe von The Canadian Jewish Eagle verabreicht wurde, als ob dies allein schon Nahrung fürs Gehirn wäre. Auf gar keinen Fall sollten wir die Schlagdurchschnitte von Baseballern oder schweinische Limericks auswendig lernen. Man erwartete, dass wir unseren Wortschatz mithilfe des Reader's Digest vergrößerten und uns von Paul de Kruifs Biografien berühmter Naturforscher und Ärzte inspirieren ließen. Schafften wir es nicht, richtige Mediziner zu werden, sollten wir zusehen, dass es wenigstens zu einer Dentistenausbildung reichte. Schulnoten zählten nicht so viel wie Platzziffern. Einmal kam ich im Winter nach Hause, die Nasenlöcher zugefroren, die Ohren vor Kälte bitzelnd, und präsentierte stolz mein Zeugnis. »Ich bin der Zweitbeste, Mama.«

»Und wer ist der Beste, wenn ich fragen darf?«

Das war dummerweise Mrs. Klingers Sohn. Und schon läutete das Telefon. »Ja, ja«, sprach meine Mutter zu Mrs. Klinger, »herzlichen Glückwunsch, und was hat eigentlich der Augenarzt wegen ihrer Riva gesagt, diesem armen Ding, dass sie in ihrem Alter schon eine Fehlstellung hat, und ob sie die korrigieren können .«

Die Konfessionsschule war ein gemischtes Vergnügen. Unsere Hebräischlehrer waren alte, schlecht bezahlte, meist griesgrämige und ungeduldige Männer. Ohrläppchenverdreher und Kopfnussverteiler. Sie mochten keine Kinder. Doch die für den englischsprachigen Teil unserer Ausbildung zuständigen jungen Dinger waren reizend, erfrischend modern und machten sich Gedanken um unsere Zukunft. Sie erzählten uns von El Campesino, erklärten, dass John Steinbeck die Wahrheit schrieb, und lasen uns Saccos Rede vor Gericht vor. Wenn eine der jüngeren und unverheirateten Lehrerinnen schon morgens in der ersten Stunde geschafft aussah, bestätigten wir uns gegenseitig, dass sie es in der vergangenen Nacht getrieben haben musste. Womöglich mit einem Soldaten. Ohne Gummi.

Nach der Pfarrschule wechselte ich auf eine weiterführende Schule, die ich in den nachfolgenden Geschichten und Erinnerungen Fletcher's Field High School nenne. Die ffhs unterstand verwaltungsmäßig zwar der protestantischen Schulbehörde von Montreal; dennoch bestand die Schülerschaft zu fast hundert Prozent aus Juden. In unserer Gegend hatte die Schule einen nahezu legendären Ruf. Anscheinend hatte jeder die ffhs durchlaufen. Kanadas berühmtester Glücksspieler. Ein Atombombenspion. Junge Kerle, die anschließend im Spanischen Bürgerkrieg kämpften. Wunderwirkende Ärzte und silberzüngige Anwälte. Boxer. Kämpfer für Israel. Ihnen allen wurde, genau wie mir, eingetrichtert, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben und mutig zu sein, sich wie ein Mann zu verhalten, und vor allem:

 

Strengt euch an und arbeitet hart.

Seid mit ganzem Herzen bei der Sache,

Mit Hingabe und vollem Einsatz,

Wie ihr das auf der Fletcher's gelernt habt.

 

Immer wieder waren wir in der Provinz Québec die Nummer eins bei den Abschlussprüfungen der elften Klassen. Das erboste die Kommunisten unter uns, die der Ansicht waren, wir seien auch nichts Besseres als alle anderen. Aber für die vielen von uns, die wussten, dass jiddische Jungs sowieso die Allerbesten waren, bedeutete das alljährlich eine Gelegenheit zum Feiern. Unsere Klasse im Raum 41 der ffhs war eine der wenigen, die sich eines Gentile, eines leibhaftigen Nichtjuden rühmen konnten, eines echten weißen Protestanten. Jugoslawen und Bulgaren, die genauso pfiffig waren wie wir, deren durch Kartoffelkost wohlgenährte Mütter bei Schulkonzerten genauso steif in ihre Korsetts gezwängt auf ihren Plätzen saßen wie unsere, und deren Väter gleichermaßen eine Vorliebe für flotte Strohhüte und muttersprachliches Fluchen hatten, zählten nicht. Der Name unseres ganz speziellen wasps war Whelan, und er war schlichtweg vollkommen. Er hatte blondes Haar, unfassbar blaue Augen und eine Neigung, mit offenem Mund und hängendem Unterkiefer dazusitzen. Ein Naturtalent als Eishockeyspieler, ein geborener First Baseman. Neidische Schüler kamen aus den anderen Klassenzimmern herbei, um ihn sich anzugucken und ihn auszufragen. Whelan war erwartungsgemäß nicht das hellste Licht, aber er verlieh dem Raum 41 eine gewisse Aura, einen bitter benötigten Glamour, und um ihn bei uns zu behalten, während wir eine Klasse nach der anderen vorrückten, schrieben wir ihm seine Aufsätze und steckten ihm in den schriftlichen Prüfungen Zettel mit den Lösungen zu. Wir waren enorm stolz auf Whelan.

Unter unseren jungen Lehrern, von denen die meisten Kriegsheimkehrer waren, gab es eine Anzahl wirklich motivierter Männer, aber auch einige verbitterte und sadistische wie beispielsweise Shaw, der eines Nachmittags zwölf von uns züchtigte, jeweils zehn Schläge mit dem Riemen auf die Hand, weil wir nicht verraten wollten, wer gefurzt hatte, während er uns den Rücken zuwandte. Die Macken der älteren Lehrer waren uns wohlvertraut, weil so viele Tanten, Onkel, Cousins und große Brüder schon vor uns auf der ffhs gewesen waren. Da gab es zum Beispiel diesen einen Lehrer, der jedes Jahr die Neuen mit dem immer gleichen Scherz begrüßte: »Wisst ihr eigentlich, wie Juden ein >S< schreiben?«

»Nein, Sir.«

Woraufhin er zur Tafel schritt, ein »S« anschrieb und zweimal senkrecht durchstrich. Das Dollar-Zeichen.

Unter uns ffhs-Schülern waren spätere kommunale Führungskräfte. Progressive Eltern. Reformorientierte Stadt- und Gemeinderäte. Aktivisten gegen radioaktive Niederschläge. Sammler früher frankokanadischer Möbelstücke. Jungs, aus denen tatsächlich Ärzte wurden und die vor Ladies' Clubs Vorträge über Krebsfrüherkennung hielten. Mädchen, die irgendwann auf den Gesellschaftsseiten des Montreal Star auftauchten, weil sie sich als Sponsorinnen von Benefizkonzerten für geistig zurückgebliebene Kinder (aller Hautfarben oder Glaubensrichtungen) oder Modenschauen in den Mittagspausen engagierten, deren Erlöse an die Hebräische Universität flossen. Dazu Anwälte, Notare, Professoren. Und Geistliche, die auf eine erstaunliche Weise ihrer Zunft vo­raus waren und nicht nur Rabbi Akiba zitieren, sondern sich auch für Eishockey begeistern konnten. Doch wer hätte zur gleichen Zeit ahnen können, dass unsere luschigen, streitsüchtigen Mädels mit ihren ausgestopften Büstenhaltern zu dermaßen heiteren, gelassenen Wesen heranwachsen würden, zu echten Herzchen, die sich im Saidye Bronfman Cultural Center anhimmeln ließen und auf gewundenen Marmortreppen mit hochgesteckten Frisuren und schulterfreien langen Kleidern posierten? Oder dass aus diesen rappeligen Kerlen, allesamt Gauner, eines Tages reife Männer werden würden, die so verdammt zufrieden mit dem waren, was diese Welt zu bieten hatte, die, überirdischen Erscheinungen gleich, sowohl beim Curling als auch im Country Club mit breiter Brust auftraten und sogar mit ihren über den Hosenbund der Bermudas quellenden Wampen im Reinen waren? Wer hätte das geahnt?

Ich nicht.

Im Rückblick auf jene Jahre an der ffhs, die uns entscheidend geprägt haben, muss ich sagen, dass wir kein vielversprechender oder sympathischer Haufen waren. Wir waren verlottert, gehässig und stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Deshalb kann ich allen vergeben - außer dem mir persönlich nicht bekannten Idioten, der unseren kriminell stumpfsinnigen Lektürekanon zu englischer Prosa und Dichtung zusammengestellt hat. Kein Mensch hätte sich etwas Schlimmeres ausdenken können, um uns die Literatur verhasst zu machen, als uns - zur Strafe - fünfundzwanzig Mal Ode to the West Wind abschreiben zu lassen. Aber auch das haben wir ertragen.

Ein Abschluss an der ffhs war für die meisten von uns gleichbedeutend mit einem sicheren Arbeitsplatz beziehungsweise, für die wenigen Auserwählten, die Aufnahme an der McGill University. Er bedeutete aber auch das Ende eines so gut wie eigenständigen Kosmos, der aus fünf Straßen bestand: Clark, St. Urbain, Waverley, Esplanade und Jeanne Mance, begrenzt durch die Main Street zur einen und die Park Avenue zur anderen Seite.

Spätestens 1948 hatte eine massive Abwanderung in die Vorstädte...

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