Warum Perfektion sinnlos und an jedem Gerücht was dran ist

77 schonungslose Jobwahrheiten
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. August 2019
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-44282-2 (ISBN)
 

Hätten Sie gedacht, dass Empathie überbewertet wird, Lügen das Ansehen steigern, Organisationen Hierarchien brauchen, Stress sinnvoll ist oder sich Kündigungen aus Frust rächen?

Diese und rund 70 weitere überraschende Wahrheiten aus der Berufswelt offenbart Daniel Rettig in seinem Buch. Alle Erkenntnisse basieren auf wissenschaftlichen Studien oder Experimenten. Sie widerlegen gängige Karrieremythen und liefern den Leserinnen und Lesern zahlreiche Aha-Erlebnisse, die helfen, sich selbst und die lieben Kollegen besser zu verstehen und dabei das Beste für sich rauszuholen.

Unverzichtbar für alle, die im ganz normalen Jobwahnsinn überleben wollen, ohne den Verstand zu verlieren.

1. Auflage 2019
  • Deutsch
  • Frankfurt
  • |
  • Deutschland
  • 1,44 MB
978-3-593-44282-2 (9783593442822)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Daniel Rettig ist Redaktionsleiter der digitalen Bildungsplattform ada. Zuvor leitete er bei der Wirtschaftswoche das Ressort Erfolg. Er hat bereits einige erfolgreiche Bücher veröffentlicht.

Vorwort 11
1 Alles dauert länger, als man denkt
Pläne sind zwangsläufig zu optimistisch 14
2 Alter bringt Zufriedenheit
Der mürrische Senior ist ein Mythos 16
3 Nur Anfänger reagieren auf Kritik allergisch
Der Umgang mit Feedback ist ein Indiz für Expertise 18
4 Anregungen sind beliebter als Einwände
Achten Sie auf Lösungen, nicht auf Probleme 21
5 Was leicht aussieht, ist immer harte Arbeit
Fleiß bringt eben doch den Preis 23
6 Seien Sie bloß nicht zu authentisch
Erfolgreiche Menschen sind selten sie selbst 26
7 Belastung lässt uns aufblühen
Stress ist, was du draus machst 30
8 Bescheidenheit wird bestraft
Stehen Sie offen zu Ihren Stärken - und zu Ihren Schwächen 33
9 Boni töten die Motivation
Mehr Geld spornt nicht mehr an, sondern weniger 35
10 Charisma wird glorifiziert
Große Visionäre sind oft miserable Chefs 37
11 Disziplin wird idealisiert
Manchmal ist aufgeben klüger als weitermachen 39
12 E-Mails führen zu Missverständnissen
Wer nur digital spricht, redet aneinander vorbei 42
13 Elternzeit schadet der Karriere
Je länger die Auszeit, desto schlechter die Chance
auf Beförderung 45
14 Empathie wird überschätzt
Zu viele Gefühle schaden der Zusammenarbeit 47
15 Fremde Entscheidungen treffen wir sorgfältiger
Die Macht des Perspektivwechsels 50
16 Erfolg braucht eine Glückssträhne
Ein Triumph kommt selten allein 52
17 Erfolg macht einsam
Überflieger sind bei der trägen Masse unbeliebt 54
18 Ständige Erreichbarkeit senkt das Engagement
Das Smartphone sollte abends pausieren 57
19 Der Erste wird nicht immer belohnt
Nachzügler haben wertvolle Vorzüge 60
20 Experten werden überbewertet
Generalisten sind erfolgreicher als Spezialisten 63
21 Frauen sind zu selbstlos
Männer handeln karriereorientierter 66
22 Es gibt im Job keine echten Freundschaften
Vertrauen ist gut, Grenzen sind besser 69
23 Ein hohes Gehalt macht nicht glücklich
Topmanager sind nicht zufriedener als Pförtner 72
24 Geheimnisse kosten Kraft
Eine Schweigepflicht sorgt für seelischen Stress 74
25 An jedem Gerücht ist was dran
Bei wichtigen Themen funktioniert der Flurfunk
einwandfrei 76
26 Geschäftigkeit dient als Statussymbol
Mit einem vollen Terminkalender lässt sich prima
kokettieren 79
27 Gründer sind miserable Manager
Was dem Start-up hilft, ist im Konzern hinderlich 81
28 Hilfsbereitschaft wird missverstanden
Unterstützen Sie andere nur, wenn Sie gefragt werden 84
29 Im Home Office macht man keine Karriere
Erfolg braucht Sichtbarkeit 86
30 Idioten werden eher Chef
Der beste Spieler ist noch lange kein guter Trainer 89
31 Intelligenz gefährdet die Gesundheit
Hochbegabte sind anfälliger für Probleme 92
32 Introvertierte wollen nicht auf den Chefsessel
Die Aussicht auf eine Führungsposition löst
Angst und Stress aus 94
33 Es lebe die Komfortzone
Sie müssen nicht permanent Ihre Grenzen überwinden 97
34 Konkurrenz fördert die Kreativität
Die besten Ideen entstehen im gesunden Wettbewerb 100
35 Korrekturen sind besser als Makellosigkeit
Haben Sie Mut zur Lücke 102
36 Kreativität braucht Chaos
Unordentliche Büros regen die Fantasie an 105
37 Kündigungen aus Frust rächen sich
Suchen Sie erst etwas Neues, bevor Sie hinschmeißen 107
38 Ein bisschen Lärm muss sein
Warum das Großraumbüro auch Vorteile hat 109
39 Langeweile macht kreativ
Das Gehirn braucht Leerlauf 112
40 Lebenserfahrung ist ein Vorteil
Die erfolgreichsten Gründer sind Mitte 40 115
41 Leidenschaft führt ins Unglück
Das Ideal der beruflichen Passion wird glorifiziert 117
42 Lob macht faul
Wann Komplimente nach hinten losgehen 120
43 Loyalität lohnt sich nicht
Wer seinem Arbeitgeber die Treue hält, wird unglücklich 122
44 Lügen steigern das Ansehen
Fürsorge ist wichtiger als die Wahrheit 124
45 Macht vernebelt die Selbstwahrnehmung
Anführer schieben Erfolge auf die eigene Großartigkeit 126
46 Meditation schadet der Motivation
Achtsamkeitsübungen machen antriebslos 128
47 Millionengehälter haben üble Folgen
Die Gehaltsschere senkt Motivation und Kaufbereitschaft 131
48 Mittelmanager werden öfter krank
Das Leid der Sandwich-Position 133
49 Morgenlerchen haben einen besseren Ruf als Nachteulen
Der frühe Start gilt traditionell als tugendhaft 135
50 Überbringer schlechter Nachrichten werden bestraft
Helden bezahlen einen hohen Preis 138
51 Narzissmus begünstigt den Aufstieg
Rampensäue haben es leichter als Mauerblümchen 140
52 Nette Menschen verdienen weniger
Klingt löblich, ist finanziell aber schädlich 143
53 Nichtstun ist unerträglich
Menschen sind ungern mit ihren Gedanken allein 146
54 Organisationen brauchen Hierarchien
Hackordnungen sind unbeliebt, aber unverzichtbar 149
55 Pendeln kann man sich schönreden
Kopfarbeit lindert den Stress im Stau 153
56 Perfektionismus ist sinnlos
Es ist ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen 156
57 Ein Plan B macht alles kaputt
Der Gedanke an einen Alternativplan kostet Energie 158
58 Prokrastination wird zu Unrecht verteufelt
Mit Druck lässt sich besser arbeiten 161
59 Querdenker haben es schwer
Neue Ideen treffen immer auf Skepsis 164
60 Wer um Rat bittet, wirkt kompetenter
Unwissenheit beweist Souveränität 167
61 Wer einen Rat zurückweist, riskiert seinen Ruf
Ignoranz erweckt den Eindruck der Arroganz 169
62 Scheitern wird verherrlicht
Niederlagen haben keine messbaren Vorteile 171
63 Schicksalsschläge sind gar nicht so schlimm
Menschen sind widerstandsfähiger, als sie denken 174
64 Schleimer vergiften das Betriebsklima
Hören Sie auf, Ihren Chef »in cc« zu setzen 177
65 Schwarzmalerei ist ein Machtinstrument
Auf dem Weg ins Chefbüro helfen Pessimismus und
Misanthropie 179
66 Smartphones stören die Konzentration
Es reicht schon, wenn ein Gerät im Raum ist 181
67 Störungen haben etwas Gutes
Fremde Unterbrechungen sind harmloser als selbst gewählte 183
68 Streit tut gut
Aus Reibung entsteht Energie 186
69 Talent ist angesehener als Fleiß
Genies schinden mehr Eindruck als Streber 189
70 Ohne Termindruck passiert nichts
Je länger die Deadline, desto größer die Lethargie 192
71 Transparenz fördert den Frust
Gehälter sollten geheim bleiben 194
72 Überstunden fördern die Karriere
Lange Arbeitszeiten erhöhen die Chance auf
eine Beförderung 196
73 Versammlungen im Stehen sind besser als im Sitzen
Ohne Stühle kommen alle schneller zum Punkt 198
74 Verwundbarkeit erzeugt Sympathie
Echte Stärke kann sich Schwäche erlauben 201
75 Die Work-Life-Balance steht dem Glück im Weg
Zu viel Muße drückt aufs Gemüt 204
76 Hohe Ziele lassen sich leichter erreichen
Je ambitionierter das Vorhaben, desto größer die Energie 207
77 Der Zwang zum Glück fördert das Unglück
Niemand kann immer fröhlich sein 209
Literatur 211

Vorwort

Als Produktdesigner war Steve Jobs ein Genie, als Karriereberater ein Stümper. Am 12. Juni 2005 hielt der Apple-Gründer eine Rede vor Absolventen der Stanford University - und gab den Anwesenden ein paar Ratschläge mit auf ihren Lebensweg. Darunter auch den Tipp, dass man seinen Beruf unbedingt lieben müsse: »Eure Arbeit wird einen großen Teil eures Lebens ausmachen, und ihr werdet nur dann zufrieden sein, wenn ihr eure Arbeit für bedeutsam haltet - aber dafür müsst ihr sie lieben.«

Was für ein Quatsch.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ja, es ist besser, seine Arbeit zu mögen, als sie zu verachten. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir sie zwangsläufig lieben müssen.
Natürlich hören die Menschen gerne zu, wenn einer der berühmtesten Manager der Welt seine Erfolgsgeheimnisse offenbart. Manche lassen sich davon inspirieren, andere wollen sie gar imitieren. Aber ist das wirklich eine gute Idee? Lassen sich solche Methoden einfach übertragen? Oder sind sie schlicht die Erfahrungen eines einzelnen Managers - nicht weniger, aber eben auch nicht mehr?
Spätestens seit Steve Jobs' Rede teilen amerikanische Manager gerne philosophische Weisheiten mit Anhängern, Aktionären und Angestellten. Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer von Facebook zum Beispiel, richtete sich in ihrem Bestseller Lean In vor allem an moderne, karrierebewusste Frauen. Hedgefonds-Milliardär Ray Dalio sprach bei der Ideenkonferenz TED über seine Führungsphilosophie der radikalen Transparenz (zu der wir später noch kommen). Und Amazon-Gründer Jeff Bezos erinnert ständig an sein Mantra vom »Tag 1«, damit sich die Belegschaft bloß niemals ausruht und jeden Morgen motiviert zur Arbeit kommt.

Von diesen modernen Hirtenbriefen soll vor allem das Image des Unternehmens profitieren. Seht her, so die Botschaft, unser Chef denkt trotz eines vollen Terminkalenders längst nicht nur an Geld, sondern vor allem über das Tagesgeschäft hinaus - was für ein wunderbarer Köder für talentierte Nachwuchskräfte, die heute nicht nur honoriert, sondern auch inspiriert werden möchten. Die hypnotisierende Wirkung der beruflichen Lebenslektionen wird dabei leicht vergessen.
Sagen wir es, wie es ist: Erfolg fasziniert. Auch weil er so wenig planbar ist. Niemand kann mit Sicherheit sagen, warum der eine Millionen auf dem Konto hat und der andere darben muss; wieso der eine vom Chauffeur ins Büro gefahren wird, während der andere sich jeden Morgen in den vollen Pendlerzug quetschen muss; weshalb aus dem miserablen Schüler ein Professor wurde, während der Streber von einst sich von einem Aushilfsjob zum nächsten hangelt. Manchmal dreht das Leben die Hierarchien um, manchmal behält es sie bei. War der eine fleißiger? Die andere klüger? Welche Rolle spielt das Glück? Und welche der pure Zufall?

Fragen über Fragen. Insofern ist es erstmal verständlich, von Vorbildern lernen zu wollen. Das Problem ist bloß: Dieses Bedürfnis nutzen selbsternannte Karriereexperten, Coaches und Berater gerne aus. In Seminaren, Büchern und Keynotes adaptieren sie die Best-Practice-Denke aus der Betriebswirtschaft und orientieren sich an bekannten Erfolgsgeschichten: Was dem einen Unternehmen hilft, wird ganz sicher auch dem anderen nützen. Und wer sich vom Klassenbesten inspirieren lässt, kann nichts falsch machen.

So haben sich in den vergangenen Jahren einige vermeintliche Gewissheiten etabliert. Demnach sind flache Hierarchien ein nahezu idyllischer Zustand. Gehälter sollten transparent sein, Gründer möglichst jung, Manager unbedingt authentisch, charismatisch und empathisch. Jeder sollte zunächst mal seine Leidenschaft finden, Langeweile unbedingt vermeiden und ruhig Fehler machen. Solange wir dabei vor allem nach Glück streben, ist alles gut.

Aber stimmt das wirklich? Die Arbeits- und Organisationspsychologie liefert hier wertvolle Hinweise. Wer einmal all die Feldstudien, Langzeituntersuchungen und Laborexperimente liest, der stellt relativ schnell fest, dass die Wahrheit doch wohl eher in der Mitte liegt. Zum einen lassen sich gewisse Muster nicht so einfach übertragen. Und zum anderen erweist sich die Hoffnung, dass man von erstrebenswerten Eigenschaften gar nicht genug haben kann, bei näherem Hinsehen als großes Missverständnis.

Die beiden Managementforscher Jason Pierce und Herman Aguinis von der Indiana University nennen das den too-much-of-a-good-thing effect. Studien zeigen zum Beispiel: Ein durchsetzungsstarker Chef ist gut - bis zu einem gewissen Punkt. Jenseits einer Grenze jedoch schadet er mit zu viel Durchsetzungsstärke sich selbst und seinen Angestellten. Ähnlich ist es mit der Gewissenhaftigkeit. Eine Eigenschaft, die erstmal gut ist - bis sie abgleitet in Kontrollwahn und Perfektionismus. Genauso wenig führt Autonomie am Arbeitsplatz immer zu seelischer Erfüllung, sondern im Extremfall zu purem Stress. Der Grat zwischen Erfolg und Scheitern ist äußerst schmal - auch weil dieselben Eigenschaften, die den Höhenflug ermöglichen, mitunter den Absturz einläuten. Umso wichtiger ist es, sich vor falschen Ratschlägen zu schützen. Genau dafür gibt es dieses Buch.
Vielleicht werden manche der Einsichten in diesem Buch Sie überraschen, andere womöglich verärgern oder enttäuschen. Aber wenn Ihnen auch nur ein Teil der hier vorgestellten Jobwahrheiten dabei hilft, vermeintlichen Erfolgsrezepten aus dem Weg zu gehen oder sich von falschen Vorstellungen zu befreien, dann hat mein Buch seinen Zweck erfüllt.

Zu diesen vermeintlichen Erfolgsrezepten gehört eben auch das eingangs von Steve Jobs zitierte Mantra, seine Arbeit unbedingt lieben zu müssen. Denn dieser Ratschlag birgt in Wahrheit zahlreiche Gefahren. Erstens riskieren Sie, dass weder Ihre Kollegen und Kunden noch Ihre Vorgesetzten diese Liebe erwidern - und dann sind Enttäuschungen programmiert. Und zweitens gibt es schließlich genauso gut Menschen, die ihr Lebensglück nicht daraus ziehen, jeden Morgen in ein Bürogebäude zu gehen und dort den ganzen Tag zu verbringen. Lieben die ihre Arbeit? Eher nicht. Geht es ihnen deshalb zwangsläufig schlechter? Wohl kaum. Was dem einen hilft, kann dem anderen schaden. Aber was dem einen schadet, kann dem anderen auch helfen.

1 Alles dauert länger, als man denkt

Pläne sind zwangsläufig zu optimistisch

Es gibt gewisse Themen, über die macht man keine Witze mehr. Ostfriesen zum Beispiel. Blondinen. Schotten. Oder den geplanten Berliner Flughafen. Ursprünglich sollte er 1,7 Milliarden Euro kosten und im Jahr 2011 eröffnen, Anfang 2019 hat er bereits 5,4 Milliarden Euro verschlungen und ist immer noch eine Baustelle. Doch »der BER« ist längst nicht das einzige Großprojekt in Deutschland, das zum Synonym wurde für Inkompetenz und Geldverschwendung. Die Elbphilharmonie in Hamburg sollte 186 Millionen Euro kosten, letztlich lief es auf 866 Millionen hinaus. Der Preis für den Bahnhof Stuttgart 21 wurde im Jahr 1995 auf 2,6 Milliarden Euro taxiert, 2017 waren es dann 7,6 Milliarden Euro. Ein deutsches Phänomen? Mitnichten: Die Baumeister von Sydney schätzten im Jahre 1957, dass das Opernhaus sechs Jahre später für sieben Millionen Dollar fertig würde. Tatsächlich feierte die Stadt die Eröffnung 1973, die Rechnung belief sich am Ende auf 102 Millionen Dollar.
Den dänischen Wirtschaftsgeografen Bent Flyvbjerg können solche Zahlen nicht mehr schockieren. Der Professor an der University of Oxford ist einer der weltweit renommiertesten Experten in Sachen Planungsfehler. Seine Studien zeigen es deutlich: Große Vorhaben dauern meistens länger und werden teurer als geplant. Etwa neun von zehn Projekten, hat Flyvbjerg beobachtet, entpuppen sich als Kostengrab.

Nun könnte man das als Versagen der staatlichen Bürokratie abtun oder auf die Komplexität der entsprechenden Projekte schieben. Wer selbst mal ein Haus neu gebaut, renoviert oder saniert hat, der weiß, was dabei alles schief gehen kann. Doch Psychologen wissen schon lange: Das Problem kennen nicht nur Bauherren. In Wahrheit dauert immer alles länger als geplant. Die legendären Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky bezeichneten dieses Phänomen bereits im Jahr 1979 als »Planning Fallacy«, was auf Deutsch so viel heißt wie Planungsfehlschluss. »Er resultiert aus der Tendenz, gewisse Daten zu vernachlässigen«, schrieben die Forscher. Sie zogen damals ebenfalls den Vergleich zur Baubranche: Ein neues Gebäude könne nur dann pünktlich entstehen, wenn alle Materialien wie vereinbart geliefert werden, wenn alle Arbeiter immer gesund, munter und motiviert sind und obendrein das Wetter mitspielt: »Dass nichts davon klappt, ist unwahrscheinlich«, schrieben Kahneman und Tversky, »aber dass mindestens einer dieser Faktoren ausfällt, ist sehr wahrscheinlich.« Roger Buehler, Psychologieprofessor von der kanadischen Wilfrid Laurier University, befragte vor einigen Jahren eine Reihe von Studenten, wann sie ihre Abschlussarbeit abgeben wollten. Die Schätzungen wichen deutlich von den späteren tatsächlich benötigten Zeiten ab: Nur 30 Prozent wurden innerhalb der angedachten Frist fertig, im Schnitt brauchten sie 22 Tage länger als geplant.

Aber wieso unterschätzen wir ständig die benötigte Zeit, bis etwas fertig ist? Das hat mehrere Gründe: Zum einen wissen wir nicht, wie die Welt in Zukunft aussieht. Wenn wir uns etwas vornehmen, vernachlässigen wir sämtliche Faktoren, die das Projekt zumindest kurzfristig aufhalten, mitunter manipulieren und bisweilen sabotieren könnten. Wir ignorieren alle Unwägbarkeiten und Störungen, selbst wenn wir uns über sie völlig im Klaren sind. Zweitens unterstellen wir uns selbst mehr Disziplin und Organisationstalent, als wir tatsächlich haben. Immer und immer wieder. »Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt«, soll Mahatma Gandhi einst gesagt haben.

Daniel Kahneman und Amos Tversky empfahlen bereits in den Siebzigerjahren, sich vom individuellen Projekt zu lösen. Statt nur an die anstehenden Probleme, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu denken, sollten wir uns bemühen, vergangene Erfahrungen zu berücksichtigen. Wie lief es bei vergleichbaren Projekten? Wo lauern Fallen und Umwege - und wie könnte man sie vermeiden? Die Antwort dürfte dabei helfen, den Weg ins Ziel genauer zu planen und sich so manchen Ärger zu ersparen.
Doch gleichzeitig muss man auch sagen: In gewisser Weise hat der Planungsfehlschluss durchaus einen Sinn. Würden wir schon vor Beginn über alle Hindernisse nachdenken, würden wir uns nie auf den Weg machen. Ein bisschen ungesunder Optimismus darf, nein: muss also sein. Aber seien Sie am Ende nicht enttäuscht, wenn es mal wieder länger dauert.

2 Alter bringt Zufriedenheit

Der mürrische Senior ist ein Mythos

Wo Menschen aufeinandertreffen, sind Vorurteile nicht weit - und solche Denkmuster haben mitunter fatale Folgen. Dann etwa, wenn ältere Mitarbeiter automatisch als Minderleister abgestempelt werden und sie infolgedessen auf Distanz zur Firma gehen. Dabei ist der grummelige Alte, der sich auf den Ruhestand freut wie ein Kleinkind auf die Bescherung an Heiligabend, ein Mythos: Mit steigendem Alter sind Menschen in der Regel tatsächlich zufriedener mit ihrem Beruf - und daher auch motivierter, engagierter und zufriedener.

So lautete vor einigen Jahren das Fazit von Thomas Ng und Daniel Feldman (beide University of Hong Kong). Die Forscher suchten dafür in wissenschaftlichen Datenbanken nach Arbeiten, die sich dem Zusammenhang zwischen dem Lebensalter und der Jobzufriedenheit gewidmet hatten. Um möglichst lebensnahe Ergebnisse zu erhalten, ignorierten sie allerdings alle Laborexperimente und berücksichtigten nur Feldstudien. Immerhin blieben dabei noch 802 Untersuchungen übrig. Und siehe da: Egal ob es um die Einstellung gegenüber den Aufgaben, den Kollegen oder den Arbeitgebern ging - alle wiesen einen positiven Zusammenhang zum Lebensalter auf. Ältere waren glücklicher.

Dafür könnte es eine Reihe von Gründen geben. Vielleicht liegt es ja am Job selbst. Tendenziell haben ältere Arbeitnehmer mehr Macht, Status und Ansehen, außerdem verdienen sie meist mehr Geld als ihre jüngeren Kollegen - einfach deshalb, weil sie schon länger dabei sind. Ng und Feldman zufolge lässt sich das Resultat aber womöglich auch mit der sozioemotionalen Selektivitätstheorie erklären. Klingt schrecklich kompliziert, ist aber eigentlich ganz simpel.

Die Theorie geht zurück auf die Psychologin Laura Carstensen von der Stanford University. Die renommierte Altersforscherin nimmt an, dass Menschen ihr Handeln bewusst danach ausrichten, wie viel Zeit ihnen noch auf der Erde bleibt. In Kindheit und Jugend wollen sie demnach vor allem neue Eindrücke gewinnen und neue Menschen kennenlernen. Doch je älter sie werden, desto wichtiger werden Aspekte wie Sicherheit und Geborgenheit, da die sprichwörtliche Uhr langsam abläuft - und umso mehr Wert legen sie auf stabile Freundschaften mit ausgewählten Menschen.

Und Thomas Ng und Daniel Feldman glauben: Diese Theorie erklärt auch, warum Ältere mit ihrem Beruf tendenziell zufriedener sind als Jüngere. Mit steigendem Lebensalter verschieben sich die Prioritäten. Die Erwartungen sinken, die Gelassenheit nimmt zu. Die einen ziehen ihr Glück lieber aus Freizeitaktivitäten, die anderen haben ab der zweiten Lebenshälfte ohnehin andere Wünsche und Ziele, manchen wiederum sind Beförderungen und Gehaltserhöhungen nicht mehr so wichtig. Und wer das Spiel im Büro gar nicht erst mitmacht, der kann auch nicht verlieren.

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