Eisenkinder

Die stille Wut der Wendegeneration
 
 
Luchterhand Literaturverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. März 2013
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09223-8 (ISBN)
 
Ein bisher ungeschriebenes Kapitel der Nachwendezeit.

Im Herbst 2011 wurde bekannt, dass drei rechtsradikale Terroristen zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordeten. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kamen aus Jena, sind etwa genauso alt wie Sabine Rennefanz, die in Eisenhüttenstadt ihr Abitur machte. Sie kommen aus gleichen Milieus und aus einer Generation: Sabine Rennefanz und die Mörder der Zwickauer Zelle. Ihre Leben könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch stellt sich Sabine Rennefanz die Frage: Ist da nicht etwas, was sie selbst mit Menschen wie Uwe Mundlos verbindet, ob sie es will oder nicht?

Dieser Frage spürt Sabine Rennefanz in ihrem Buch nach - ihrer Jugend in Eisenhüttenstadt, ihrem Leben nach der Wende in Hamburg, wo sie sich, wie sie heute sagt, »in eine seltsame Richtung« entwickelte und schließlich als Missionarin für eine evangelikale Sekte nach Russland ging. Ihre Spurensuche lässt Sabine Rennefanz entdecken, wie sehr sie damals von einem radikalen Gefühl beherrscht wurde, das in ihr gärte, das sie dazu brachte, in einen Kreuzzug gegen den Westen zu ziehen, das sie bleich werden ließ in Diskussionen mit West-Deutschen, das sie ihren Eltern entfremdete. Ein Dreibuchstabenwort: WUT. Eine unterschwellige, stille, heimliche Wut. Heute weiß Sabine Rennefanz: Es war nicht nur ihre Wut, sondern die Wut einer Generation. Sabine Rennefanz unternimmt eine Reise in die Nachwendezeit, die sich bis ins Heute spannt. Sie erzählt von einer jungen Frau, die damals den Halt verlor und anfällig wurde für radikale Ideen. Immerzu sucht sie dabei nach Verbindungen zu anderen, die abdrifteten. Sie will etwas über sich erfahren. Und über ihre Generation: die Eisenkinder.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Luchterhand
  • 0,92 MB
978-3-641-09223-8 (9783641092238)
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Sabine Rennefanz, 1974 in Beeskow geboren, arbeitet als Redakteurin für die "Berliner Zeitung" und wurde für ihre Arbeit u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Buch, "Eisenkinder", stand mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Die Aktivisten

Ich verlasse die Autobahn vor der polnischen Grenze und biege auf eine Landstraße. Sie führt durch Dörfer, vorbei an endlosen Feldern und Kiefernwäldern. Es gibt schönere Bäume als Kiefern, aber sie wachsen gut auf den Sandböden, sie sind anspruchslos, widerstandsfähig, so wie man sein muss, um es hier auszuhalten. Das gilt auch für die Menschen. Die Natur ist sparsam in dem, was sie gibt. Vierzig, fünfzig Meter schießen sie hoch, dürre Stangen, von denen man meint, der Wind müsste sie umreißen.

Schneller als erwartet finde ich mich mitten in der Stadt wieder, die vor vielen Jahren aus den Sandböden gestampft wurde. Eine Vorzeigestadt des neuen Staats. Hier sollte nach dem Krieg der neue Mensch geformt werden, der siegessicher und stolz in eine bessere Zukunft marschiert, in der Ausbeutung und Unterdrückung überwunden sind. Die erste sozialistische Stadt, so nannten sie Eisenhüttenstadt.

Ich passiere einen Betonklotz, der auch in Bukarest oder Warschau stehen könnte, davor informiert ein Schild, dass es sich um ein Hotel mit dem Namen »Berlin« handelt. Früher hieß das beste Hotel in Eisenhüttenstadt »Lunik«, nach der Mondsonde. Jetzt begnügt man sich mit der Hauptstadt. Auf der anderen Straßenseite steht eine Reihe schmuckloser Wohnblöcke, sie sehen so aus, wie man sich heute die ganze DDR vorstellt. Grau und verwittert, sozialistische Tristesse. Ein Fenster steht offen, daraus hängt eine Deutschlandfahne mit einem Adler. Ich überlege, wofür das Gebäude des »Hotel Berlin« früher genutzt wurde. Ein Arbeiterwohnheim? Eine Berufsschule? Es ist lange her, dass ich in Eisenhüttenstadt gelebt habe. Ich habe die Stadt 1993 verlassen und wollte nie wieder zurück. Eigentlich.

In Eisenhüttenstadt endete meine Kindheit. Ich habe hier gelebt, während der Staat zusammenbrach. Von der Utopie blieben nur die Trümmer. Nicht wie nach 1945, so schlimm nicht, denn die Trümmer waren nicht sichtbar, aber ein bisschen wie ein Nachkriegskind konnte man sich schon fühlen.

Ich nehme die Abbiegung in die Leninallee, die jetzt anders heißt. Lindenallee. Da haben sie nicht gezögert, die Straßen wurden als Erstes umbenannt. Schilder lassen sich schnell ändern. Ich habe den neuen Namen schnell wieder vergessen, er war so auswechselbar, für mich bleibt es die Leninallee.

Die Leninallee ist breit wie eine Flugschneise, links und rechts erheben sich Wohnblöcke. Die Zeit scheint in den vergangenen zwanzig Jahren stillgestanden zu haben. Alles sieht so aus wie damals, als ich mit meinem Dacia die Allee auf und ab fuhr. Nur etwas stimmt nicht.

Wo sind die Menschen hin? Giftgas? Ein Bombenanschlag? Ein Erdbeben? Die Leere lässt die Architektur noch bombastischer wirken. Die Einwohnerzahl Eisenhüttenstadts hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren fast halbiert, noch dreißigtausend Menschen leben in der Stadt. Bis zum Jahr 2030 sollen es einer Studie zufolge zwanzigtausend sein.

Das Stahlwerk, für das die Stadt erfunden wurde, gibt es noch. Es wird inzwischen von ArcelorMittal betrieben und gehört zum Imperium des britisch-indischen Milliardärs Lakshmi Mittal. Es heißt, er möge Eisenhüttenstadt. Ausländer mögen die Stadt meistens. Sie sind hier nicht aufgewachsen. Von 12 000 Beschäftigten des Stahlwerks EKO sind rund 3000 übrig geblieben.

Auch in der alten Ladenzeile haben ein paar Geschäfte überlebt. Es ist Sonntag, sie sind bis auf den Bäcker, der auch Kaffee anbietet, geschlossen. Es gibt eine Boutique, die »Mode für alle Anlässe« in großen Größen verkauft, einen Haushaltswarenladen, sogar eine Buchhandlung. Demnächst stellen Maxi Arland und die Geschwister Hofmann ihre neue CD »Wunderland der Träume« im Friedrich-Wolf-Theater vor. Am Ende der Straße blättert der Putz von den Wänden des »Hotel Lunik«. Der Investor, ein Hamburger Klinik-Betreiber, verkündete 2010, er wolle ein Gesundheitszentrum aus dem Lunik machen, doch seitdem ist nichts passiert, die Ruine steht leer.

Nicht immer waren die Straßen so leer, so still, die Mauern so brüchig. Wenn man sich alte Bilder anschaut, laufen ganz viele Leute die Leninallee hoch und runter, es sieht aus wie in der Friedrichstraße in Berlin. Arbeiter aus der ganzen Republik strömten Anfang der fünfziger Jahre in das Stahlwerk, sie bezogen eine neue Stadt, die für sie errichtet worden war. 1953 kam der stellvertretende DDR-Ministerpräsident Walter Ulbricht, um ihr einen Namen zu geben, Stalinstadt.

Die Stadt hatte seit ihrer Gründung schon viele Namen.

Wohnstadt des Eisenhüttenkombinats Ost (EKO).

Stalinstadt.

Eisenhüttenstadt.

Hüttenstadt. Hütte. Hüttentown.

Iron-Hut-City.

Iron-Hut-City?

»Da wollen zwei Amerikaner eine Stadtführung«, sagte die Frau vom Tourismusbüro, als sie Jörg Weise im November 2011 anrief. Das Tourismusbüro Eisenhüttenstadt hat vor einigen Jahren entdeckt, dass man die Architektur der Stadt vermarkten kann. In der Agentur träumt man davon, in der Stadt Info-Säulen mit Kopfhörern aufzustellen, ganz Eisenhüttenstadt wäre dann ein Museum, ein in Stein gegossenes Geschichtsbuch. Auf der Website heißt es: »Eisenhüttenstadt, die frühere Stalinstadt, ist die erste industrielle Gründungsstadt der DDR und galt als gebaute Utopie. Errichtet ab 1950, repräsentiert sie einen nach Planung und Ausführung geschlossenen Städtetyp, der in dieser Form in Deutschland einmalig geblieben ist. Fachkundige Führung 2h.«

Der fachkundige Führer heißt Jörg Weise, ein Historiker, ein begnadeter Geschichtenerzähler. Er ist, um das gleich zu sagen, mein früherer Lehrer und Schulleiter. Geschichte und Geografie. »Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Klassenkampfes, vom Spartakusaufstand bis zur Französischen Revolution«, lautet einer der Sätze, die aus dem Geschichtsunterricht hängengeblieben sind. Ich hatte trotzdem den Eindruck, dass Herr Weise lieber über die Erdgeschichte sprach, Pleistozän, Holozän, Tertiär, alles, was vor dem Klassenkampf lag. Er war streng. Wenn man nicht alles beim ersten Mal verstand, wurde er ungeduldig. Ich habe ihn bewundert, aber ich hatte auch ein wenig Angst vor ihm.

Herr Weise stammt ursprünglich aus Jena in Thüringen, nach dem Studium 1962 wurde er nach Eisenhüttenstadt delegiert. Es wurde seine Heimat. Nun führt er Touristen durch die Überreste einer Welt, die ihren Sinn verloren hat.

Er ist einer der Überlebenden.

Zwei Amerikaner, mehr sagte die Frau vom Tourismusbüro am Telefon nicht. Sie hätten nur an einem Tag Zeit, an einem Mittwoch im Dezember. An dem Tag hatte seine Frau einen Arzttermin, Weise wollte sie begleiten. Sollte er seine Frau im Stich lassen wegen zweier Amerikaner? Jörg Weise überlegte nicht lange und sagte ab. Ein Kollege übernahm die Amerikaner.

Einer von ihnen hieß Tom Hanks, der zum Dreh in Berlin war und einen Abstecher in die erste sozialistische Stadt machen wollte. Keine Ahnung, woher Tom Hanks von Eisenhüttenstadt wusste. Er war danach jedenfalls so begeistert, dass er bei einem Auftritt in der Show des US-amerikanischen Talkmasters David Letterman von der Stadt schwärmte. Er konnte das ü nicht aussprechen, also sagte er: Aisenchuttenschdaat.

Letterman hatte keine Ahnung, wovon Hanks sprach: What is this? Was ist das, dieses Aisenchuttenschdaat?

Vielleicht dachte er an ein Bierfest – Bier und Autos, dafür sind die Deutschen doch berühmt.

Hanks sagte: Eine Modellstadt, die 1953 errichtet wurde, um den Menschen zu zeigen, wie toll der Sozialismus ist.

Es war zwar drei Jahre früher, 1950, aber was heißt das schon, ist ja schon lange her.

Tom Hanks sprach von »Iron-Hut-City«.

Das Tourismusbüro ließ nach dem Auftritt T-Shirts mit dem neuen Namen drucken. Sie hängen im Tourismusbüro, man kann sie kaufen. Seitdem wartet die Stadt auf die Scharen von Amerikanern, die sich »Iron-Hut-City« ansehen wollen.

Der Mann, der Tom Hanks verpasste, trägt eine braune Hose und ein rot kariertes Hemd. Seine weißen Haare sind zurückgekämmt, sein Gesicht gebräunt. Er ist der einzige Mensch, der am Sonntagmorgen vor dem Tourismusbüro in der Frühsommersonne steht. Der letzte Überlebende. Jörg Weise hat denselben abschätzenden, überlegenen Blick, den er schon früher hatte.

Ich fühle mich sofort wieder wie eine 16-Jährige und habe Angst, etwas falsch zu machen. Das ärgert mich, ich bin eine erwachsene Frau, und so sage ich vielleicht eine Spur zu kühl: »Guten Tag, wie geht’s?« und nenne dann meinen Namen, obwohl er doch weiß, wie ich heiße, wir haben vorher telefoniert. Es entsteht eine kleine Pause.

Mein Lehrer starrt mir ins Gesicht, als suche er nach etwas. Er kann sich nicht an mich erinnern. Ich werfe ihm das nicht vor, es ist lange her, dass er mein Lehrer war. »Wie geht es Ihnen?«, erwidert er, er zieht das letzte Wort besonders lang, Iiihnen. Vielleicht findet er es merkwürdig, dass ich mich durch eine Stadt führen lasse, die ich doch kennen müsste. Es ist ja auch merkwürdig, aber ich brauche ihn.

Meine Brücke in die Vergangenheit.

Ich habe sechs Freunde mitgebracht, drei Westdeutsche, darunter meine Freundin Flora, die aus Köln stammt und inzwischen bei einem großen deutschen Verlag arbeitet, ihren Freund Till, ein Schweizer. Mit dabei sind außerdem meine Freundin Wiebke, eine selbstbewusste Ostberlinerin, die am...

"Rennenfanz hat eine mit leichter Hand geschriebene Aufzeichnung ihrer persönlichen Wende-Erfahrung vorgelegt."

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