Als mich das Glück verriet

Krebskrank und schwanger. Ich riskierte mein Leben für das meines Kindes
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Januar 2018
  • |
  • 223 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-4993-1 (ISBN)
 
"Sie sind schwanger" - für die meisten Frauen ist das eine wunderbare Nachricht. Doch für Yvonne ist es ein Albtraum. Denn nur zwei Monate zuvor haben die Ärzte bei ihr einen äußerst aggressiven Brustkrebs diagnostiziert. Und nun steht sie vor der schwierigsten Entscheidung, die man sich vorstellen kann. Soll sie das Baby behalten und die dringend nötige Behandlung unterbrechen, oder soll sie dem Appell der Ärzte folgen und das Kind abtreiben? Yvonne entscheidet sich für das kleine Wesen in ihr. Und so beginnt ein schmerzvoller Kampf um Leben und Tod.
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Kapitel 1


Komm, lass uns nach Hause gehen
Nein, Mann! Ich will noch nicht gehen
Ich will noch ein bisschen tanzen .

Ich sitze in meiner Lieblingsdisco »Joys« an der Bar, drehe angespannt mein Cocktailglas in der Hand und höre mein Lieblingslied: »Nein, Mann!«

Warum ich trotz der eingängigen Melodie innerlich aufgedreht bin, weiß ich genau. Schuld ist ein junger Mann, der mich schon die ganze Zeit ansieht. Immer wenn ich in seine Richtung schaue, treffen sich unsere Blicke . und ich schaue oft zu ihm hinüber. Ich gebe mir keine Mühe, mein Interesse an ihm zu verstecken. Er gefällt mir einfach.

Bestimmt seit einer halben Stunde tanzt er schon mit Freunden auf der Bühne, und genauso lange behalten wir uns im Auge. Er bewegt sich ein bisschen zu lässig. Ich glaube, er inszeniert sich ein bisschen für mich. Aber genau das macht ihn für mich sympathisch. Er will mir gefallen, und es klappt.

Er trägt eine perfekt sitzende Jeans und ein schwarzes Poloshirt. Edel und schlicht. Ich mag das. Seine halblangen leicht gewellten Haare fallen ihm beim Tanzen ins Gesicht, und gespielt beiläufig streicht er sie immer mal wieder mit der Hand nach hinten.

Es ist der 10. Oktober 2010, und ich bin an diesem Samstagabend mit einer Freundin unterwegs. Es ist unsere »Ladies Night«, und wir haben uns die ersten Stunden auf der Tanzfläche richtig ausgepowert. Es hat mir gutgetan. Ich bin erst seit Kurzem wieder Single und brauchte es, einfach mal alles zu vergessen und mir den Kopf von der Musik freipusten zu lassen. Hinter mir liegen blöde Wochen. Trennungen tun eben weh - und meine sogar richtig.

Immerhin war ich fast zehn Jahre mit Torsten zusammen, davon sieben Jahre verheiratet. Wir haben uns in einer ganz ungewöhnlichen Lebenssituation gefunden: Ich war im sechsten Monat schwanger. Mein Freund Fabian hatte mich nach einem Jahr Beziehung verlassen, weil ich mich gegen eine Abtreibung entschieden hatte. Er wollte das Kind partout nicht. Auch ich war bei dem Gedanken, Mutter zu werden, im ersten Moment wie in eine Schockstarre verfallen, ein Kind verändert ja das ganze Leben. Aber nach ein paar Tagen verflog die Unsicherheit, und ich freute mich sehr auf das Baby. Eine Abtreibung kam für mich auf gar keinen Fall infrage. Damit verschwand Fabian aus meinem Leben, er hat sich auch nie um seine Tochter Alina, meinen größten Schatz, gekümmert.

Umso glücklicher war ich, dass Torsten das wachsende Leben in mir sogleich mit in sein Herz geschlossen hatte.

Torsten und ich kannten uns damals schon vom Sehen. Wir lebten in Lippstadt, einer Kleinstadt, wo sich die jungen Leute eines ähnlichen Jahrgangs kennen. Kindergarten, Schule, Ausbildung, In-Treffs und Kneipen, irgendwo ist man sich im Laufe der Jahre immer mal wieder über den Weg gelaufen. Aber plötzlich war mehr zwischen Torsten und mir. Er hatte mich angerufen, und wir haben endlos lange geredet, auch über meine Situation. Dann haben wir uns verabredet und sind spazieren gegangen. Ich habe mich riesig gefreut. Torsten war superlieb, aufmerksam, bemüht. Das war Zuwendung, die ich damals wie ein trockener Schwamm das Wasser aufgesaugt habe. Torsten hat mein Herz im Sturm erobert. Ein lässiger Typ mit Jeans, gut aussehend, immer fröhlich, gesellig und immer für mich da. Als Alina am 22. September 2000 auf die Welt kam, hat er sich gefreut, wie ein Vater sich eben freut. Wir waren eine Familie, eine richtig glückliche. 2002 haben wir standesamtlich geheiratet, mit allen Verwandten, und das waren viele.

Für mich war das damals ein Abschluss, ein Schlussstrich, ein Happy End nach all den blöden Jahren, die hinter mir lagen. »Jetzt wird alles gut«, hat mir mein Papa damals ins Ohr geflüstert, und ich habe mich dankbar an ihn geschmiegt. Er ist für mich der beste Papa der Welt. Er hat immer viel gearbeitet und sich mit einem Partner eine gut gehende Maschinenbau-Firma aufgebaut, ein großes Unternehmen mit fast hundert Angestellten. Finanziell ging es uns deshalb immer gut. Aber auch emotional fehlte uns nichts. Papa hatte trotz der vielen Arbeit immer noch Zeit für mich und meine beiden Schwestern, die zehn Monate jüngere Ines und die neun Jahre jüngere Sarah. Ich erinnere mich an schöne Reisen ans Meer, wir haben gelacht, im Sand getollt, Familienleben genossen. Zu Hause hat er für uns gekocht, er konnte das gut. Papa ist wirklich ein toller Vater gewesen. Er war bestimmt nicht viele Stunden am Tag für uns da, aber die Zeit, die er uns schenkte, war intensiv. Und auch als ich selbst Mutter wurde und ohne Vater für das noch ungeborene Kind dastand, sagte er sofort: »Wir packen das!« Ich konnte mich immer auf ihn verlassen und bin eindeutig ein »Papa-Kind«. Mit meiner Mutter hatte ich nie ein gutes Verhältnis. Nachdem sie 2003 meinen Vater verlassen hat, brach der Kontakt zu ihr schnell völlig ab. Seit vier Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen.

Ich war 17, als ich von zu Hause ausgezogen bin. Ich wollte damals unbedingt frei sein, und um finanziell unabhängig zu sein, habe ich gekellnert. Später habe ich eine Ausbildung zur Friseurin angefangen, aber schnell wieder abgebrochen. Die Arbeit gefiel mir nicht, und ich kam mit meinen Kellner-Jobs finanziell auch viel besser um die Runden.

Papa hat mir auch keinen Druck gemacht und mir immer mal wieder etwas Geld zugsteckt. Vielleicht war ich deshalb einfach zu bequem, vielleicht war ich aber auch nie wirklich überzeugt von etwas. Ich weiß es nicht, jedenfalls blieb ich in der Gastronomie und habe es nicht bereut. Ich mag diese Arbeit. Man lernt nette Menschen kennen, kein Tag ist wie der andere, und mit dem Trinkgeld zusammen verdient man auch gut. Beruflich war ich mit meinem Leben zufrieden. Privat dank Torsten auf einem guten Weg. Und meine kleine Alina war ein Schatz. Und sie und Torsten waren von Anfang an ein Herz und eine Seele, er hat sie wie ich gewickelt, gefüttert, in den Kindergarten gebracht, Schularbeiten gemacht, und er hat ihr Fahrradfahren beigebracht. In unserer kleinen Familie war lange das Glück zu Hause.

Torsten und ich hatten selbst vor der Trennung keine großen Streitereien oder Auseinandersetzungen, keine unlösbaren Probleme. Die Liebe war uns einfach verloren gegangen. Wir haben uns wohl unterschiedlich entwickelt, vielleicht sind wir auch zu jung zusammengekommen. Es fühlte sich nicht mehr gut an, Torsten und ich lebten aneinander vorbei. Unser einst fröhliches Miteinander war nur noch selten oder gar nicht mehr zu spüren.

Von einer Freundin erfuhr ich dann eines Tages, dass es wohl eine andere Frau gab. Das war trotz allem ein Schock. Ich habe eine ganze Nacht lang durchgeweint, und am nächsten Morgen wusste ich, dass das das endgültige Aus für Torsten und mich und für unsere kleine Familie bedeutete. Meine Gefühle dazu waren gespalten. Auf der einen Seite war ich todtraurig, dass wir es nicht geschafft hatten, unsere Liebe zu halten, auf der anderen Seite fühlte ich aber auch Erleichterung. Das Unausgesprochene lag nun auf dem Tisch.

Torsten und ich sprachen uns endlich aus, wir waren uns einig, dass wir uns friedlich trennen wollten, und für Torsten war es keine Frage, dass er Alinas Vater war und blieb, dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Ich zog also mit Alina in eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung. Torsten holte Alina fortan regelmäßig zu sich, sie verbrachte so viel Zeit wie möglich mit ihm. Auch an den Wochenenden war sie oft bei ihm, besonders wenn ich arbeiten musste. Ich kellnerte nur freitags oder samstags. Sonst brauchte mich Alina. Um uns trotzdem gut versorgen zu können, hatte mein Vater mir für die Wochentage Heimarbeit verschafft, das war optimal für mich als alleinerziehende Mutter. Obwohl mir manches Mal auch die Decke auf den Kopf fiel, besonders wenn Alina bei Torsten und seiner neuen Partnerin war. Ich konnte mich nur langsam auf mein neues Leben einstellen, die Einsamkeit und auch die Angst, keinen passenden Partner mehr zu finden und für immer allein bleiben zu müssen, quälten mich. Ich erinnere mich, dass schon oft die Tränen flossen, weil ich mich abgehängt und vom Glück betrogen fühlte. Eine große Hilfe waren meine Freundinnen, die vieles abgefangen haben. Oft standen sie an den Wochenenden, an denen Alina bei Torsten war, unangemeldet vor der Tür und schleppten mich kurzerhand mit zum Pizzaessen, Spazierengehen, auf ein Gartenfest oder, so wie heute, in die Disco. Und obwohl ich gar nicht auf Ausgehen vorbereitet war, habe ich den besten Abend seit Langem, denn ich flirte heftig und will jetzt wissen, ob ich es noch kann.

»Nein, Mann, ich will noch nicht gehen .«, dröhnt es weiter aus den Lautsprechern, und ich wippe melodisch mit den Füßen, während ich den attraktiven Tänzer beharrlich im Auge behalte.

»Ich nehme noch einmal dasselbe!«, rufe ich dem Barkeeper zu. Es ist der zweite Cocktail. Ich trinke sonst selten Alkohol, aber heute ist mir danach. Ich will nämlich auch noch nicht gehen, denn dieser Typ auf der Tanzfläche gefällt mir immer besser.

»Hey, Yvonne, so kenn ich dich ja gar nicht. Da hat es dir aber jemand richtig angetan!«

Meine Freundin stupst mich an und lacht. Sie hat bemerkt, dass ich ziemlich abgelenkt bin, zwinkert mir zu und nimmt mich fest in den Arm. »Ich gönne ihn dir«, flüstert sie mir ins Ohr. »Du brauchst mal ein paar Streicheleinheiten«, flachst sie weiter. »Wenn du Hilfe brauchst, sag mir Bescheid. Dann spreche ich deinen Dreamboy für dich an.«

Ich schüttele den Kopf. »Lass mal, das schaffe ich schon«, und dann stoßen wir ausgelassen mit unseren Gläsern an.

Was wohl mein Schwarm jetzt denkt, wenn er mich hier so albern herumkichern sieht? Ob er mich überhaupt noch im Visier...

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