Höllensturz

Thriller
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. April 2015
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-40576-8 (ISBN)
 

Auf der Suche nach dem geheimen Thomas-Evangelium

Die Schlagzeilen sprechen vom ersten Serienmörder Finnlands, als in der novemberkalten nordfinnischen Kleinstadt Pudasjärvi kurz nacheinander drei Frauen brutal ermordet werden - alle drei Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft, die sich »Schwestern Zions« nannten. Der Mörder hat allen Opfern die Kette mit dem Kreuzanhänger vom Hals gerissen.

Zur gleichen Zeit wird die Bibelforscherin Saara Vuorio in der irakischen Wüste entführt - auch sie eine »Schwester Zions«. Während Kommissarin Johanna Vahtera versucht, weitere Morde in Pudasjärvi zu verhindern, bricht Karri Vuorio, der Ehemann der Entführten, zu einer privaten Rettungsaktion in den Hexenkessel des Nahen Ostens auf, unterstützt von Timo Nortamo. Es steht viel auf dem Spiel, viel mehr als das Leben von Saara Vuorio, und die Uhr läuft unerbittlich.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Format: EPUB
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  • Format: EPUB
  • 1,48 MB
978-3-423-40576-8 (9783423405768)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Ilkka Remes ist der meistgelesene Autor in Finnland. Sein Name ist Garant für hochkarätige Spannungsliteratur von internationalem Format. Seine Thriller stürmen regelmäßig die Bestsellerlisten.

5


Der Reifen drehte durch und wirbelte Sand auf. Daraufhin trat der Iraker mit dem Tuch um den Kopf noch heftiger aufs Gaspedal und kurbelte am Lenkrad des alten Lieferwagens. In der Dunkelheit änderten die Scheinwerfer die Richtung, und das Auto setzte sich in Bewegung.

Hinter ihm, fast unmittelbar an der Stoßstange, hing ein Mercedes-Kombi. Am Rand der Wüstenpiste erschrak ein Schakal und verschwand in der Finsternis. Die Autos wichen geschickt dem Überrest eines ausgebrannten Lkw aus und setzten die Fahrt in Richtung des Felsengebildes in der Ferne fort.

Die Reifen rumpelten in den Schlaglöchern, und die altersschwachen Stoßdämpfer wimmerten. Im Kofferraum des Kombis lag der maltesische Sicherheitsmann. Um dessen Arm war als Druckverband ein schmutziges Tuch geschlungen worden, das einer der Iraker nun noch fester zog. Die Kugel, die dem Sicherheitsmann die Schlagader am Handgelenk aufgerissen hatte, war seitlich im Brustkorb stecken geblieben, der mit einem anderen Stofffetzen verbunden war. Der zweite Entführte hatte eine Schusswunde an der Schulter.

Der Iraker rief dem Fahrer etwas zu. Der reagierte nicht, sondern sprach aufgeregt ins Funkgerät, während er das Auto in rasender Geschwindigkeit über die Sandpiste lenkte.

Im Laderaum des vorausfahrenden Lieferwagens lagen mit gefesselten Händen und mit schwarzen Hauben über dem Kopf ein Mann und eine Frau. Ihre Körper wurden im Takt der heftigen Lenkbewegungen hin und her geworfen. Man hatte ihnen eine Nylonschnur durch den Mund gezogen und am Hinterkopf verknotet, um sie am Sprechen zu hindern.

Saara war schweißgebadet. Das Auto fuhr in ein Schlagloch, und ihr Kopf prallte auf den Wagenboden. Sie fühlte sich wie ein Tier auf dem Weg zum Schlachthaus, versuchte aber ihr Entsetzen hinunterzuschlucken und zu verhindern, dass sie hysterisch wurde.

Sämtliche Schreckensszenarien waren wahr geworden. Saara hatte immer schon Angst davor gehabt, irgendwann zum Thema der Fernsehnachrichten zu werden: als sprechender Kopf, der um Gnade bettelte, aber schließlich doch vom Rumpf abgetrennt würde. Sie hatte immer versucht sich einzureden, dieses Schicksal könne nur andere ereilen. Menschen, die sie nicht kannte.

Aber jetzt .

Ich werde euch geben, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keine Hand je berührt und kein Menschenherz ahnen kann .

Saara spürte eine feste Kraft in sich wachsen. Aufgrund der Angst und der unruhigen Fahrt hatte sie sich auf die Wolldecke übergeben, die im Wagen ausgebreitet war. Jetzt brachte sie der scharfe Geruch erneut zum Erbrechen, was wegen der Nylonschnur zusätzlich schmerzhaft war. Sie hatte Angst zu ersticken. Ihr Gesicht lag in dem Blut, das aus Luuks Schulter sickerte.

Als der Brechreiz nachließ, versuchte Saara den galligen Speichel, den sie noch im Mund hatte, zu schlucken, aber das war nicht möglich, weil die Schnur auf die Zunge drückte.

Hört diese Fahrt denn nie auf, dachte sie, obwohl sie noch nicht wusste, welcher Alptraum nach der Ankunft beginnen würde.

Bei allem Entsetzen fragte sich Saara aber auch, wo ihr Rucksack mit dem Aluminiumbehälter hingeraten war.

Warum gerade jetzt?, fragte sie sich.

 

Der Landrover wirbelte Schnee auf. Karri hielt das Lenkrad umklammert und senkte leicht die Geschwindigkeit, denn die Fernstraße, die nach Norden führte, war spiegelglatt. Er hatte das Handy noch immer nicht eingeschaltet, sondern war in Gedanken versunken. Die Erschütterung ließ nicht nach, im Gegenteil, sie wurde immer heftiger.

Warum hatte jemand einen Menschen wie Erja Yli-Honkila umgebracht? Einen rationalen Grund dafür konnte es nicht geben. Oder doch? Worauf hatte Tuija angespielt? Allerdings hasste diese Frau alle Laestadianer.

Mit Tomi und Launo hatte er nicht ernsthaft reden können. Seine Achtung vor den beiden Männern war vollkommen verschwunden. Sie waren unzivilisiert und gefühlsarm. Oder waren sie nur nicht fähig, die Situation verbal zu verarbeiten? Stellte er sich ungerechtfertigt über sie? Brauchte es nicht gerade eine gewisse Nervenstärke, Vitalität, Zähigkeit und Cleverness, um in diesen Wäldern am Ende der Welt, unter dem Druck der Naturgewalten überhaupt existieren zu können? Es war die gleiche Festigkeit, die er an Saara so schätzte.

Karri selbst stammte aus Sotkamo, das etwas weiter südlich lag. Seine Eltern waren ganz aus dem Süden Finnlands dort hingezogen, weil sein Vater eine Stelle als Arzt bekommen hatte.

Nun schaltete Karri sein Handy ein. Alle waren es gewohnt gewesen, dass er immer erreichbar war. Jetzt war das nicht mehr nötig. Es gab keine Kunden mehr, die in anderen Zeitzonen lebten und ihn zu allen Tages- und Nachtzeiten erreichen wollten.

Das Display teilte ihm mit, dass er eine Nachricht auf der Mailbox hatte. Die konnte noch nicht von Saara stammen, das wusste er.

Tatsächlich war die Nachricht von ihrer Mutter. Sie bat ihn, so schnell wie möglich zurückzurufen. Ihre Stimme war betont ruhig. Unheimlich ruhig.

Karri seufzte tief. Die Straße führte durch ein abgelegenes Dorf. Nur in den Fenstern eines Hauses brannte Licht. Der größte Teil der Dorfbewohner war schon vor langer Zeit nach Südfinnland oder Schweden gezogen. Zuerst waren die Frauen gegangen, worauf nur ein paar Junggesellen im Dorf zurückgeblieben waren, die auf Kosten ihrer alten Mütter in den Hinterzimmern der kleinen Holzhäuser lebten. Manche lebten allein von Arbeitslosenunterstützung, manche verdienten sich durch Beerenpflücken und Jagen etwas hinzu. Und alle gingen natürlich angeln, um den Speisezettel zu bereichern.

Karri betrachtete die alten Häuschen, deren roter Anstrich bereits verblasste. Saara hatte erzählt, dass es noch in den sechziger Jahren rund um diese Häuser von Kindern gewimmelt habe. Die Männer hatten ihre Familien durch Viehzucht ernährt und im Winter als Holzfäller gearbeitet. Alle hatten gerade genug zu essen gehabt, aber dennoch war Sonntags die Dankesbotschaft der Zionslieder und Choräle erschollen.

Nach einigen Kilometern Fahrt durch den Wald bog Karri in eine Nebenstraße ab. Hier hatte es weniger geschneit. Nach weiteren fünf Kilometern zweigte ein Waldweg ab. Ein Fremder hätte kaum eine Fahrspur erkannt, aber Karri fuhr zügig und routiniert immer weiter in den Wald hinein.

Bei der Fahrt den steilen Koppelo-Hügel hinauf hielt er das Lenkrad besonders fest umklammert. Er hatte absichtlich eine Stelle auf dem Fahrweg in fast unpassierbarem Zustand belassen, sozusagen als Burggraben. Der Wagen neigte sich an dieser Stelle so jäh zur Seite, dass Saara Tage gebraucht hatte, bis sie sich traute, diese Strecke selbst zu fahren, obwohl sie es gewohnt war, sich im Gelände zu bewegen.

Karri wusste, dass er Saara von Erjas Tod erzählen musste. Aber er wusste nicht, wie er das über sich bringen sollte. Die beiden Frauen hatten sich seit ihrer Kindheit gekannt. Trotzdem: Hatte es damit wirklich Eile? Saara war am Samstagmorgen völlig aufgewühlt zu ihrer Reise aufgebrochen, sodass er sie jetzt nicht zusätzlich belasten wollte. Andererseits würde Saara ihm später Vorwürfe machen, weshalb er das Ganze schlicht und einfach hinter sich bringen musste. Und zwar bald.

Nach dem Hügel führte der Weg durch einen lichten Kiefernwald mit trockenem Boden und vielen Flechten. Hier war der Schnee zum größten Teil schon wieder geschmolzen. Zum Glück, dachte Karri. Mit dem Schnee würden auch die Spuren des Wilderns verschwinden.

Er bereute bereits, auch nur den Gedanken gehabt zu haben, der Polizei etwas von der Wilderei zu sagen. Tomi hatte Recht - das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Es war sinnlos, sich unnötig eine blutige Nase zu holen.

Außerdem hatte Karri Verständnis für Tomi. Der war vor wenigen Jahren ebenfalls aus dem Süden in die Gegend gekommen, hatte mutig in ein Safari-Unternehmen investiert und auch gute Verträge mit ausländischen Reiseanbietern ausgehandelt. Für die Firma wäre es keine gute Reklame, wenn ihr Chef wegen Wilderei angezeigt würde. Das könnte unter Umständen sogar das ganze Unternehmen zu Fall bringen.

Trotz Löchern und Wurzeln erhöhte Karri die Geschwindigkeit. Anfangs waren sie selbstverständlich davon ausgegangen, dass eine ordentliche Zufahrt angelegt würde. Aber nachdem der Traktor im Sommer zig Fuhren Baumaterial herangeschafft hatte, war dadurch bereits eine Fahrspur entstanden. Im Winter würden sie ohnehin mit dem Motorschlitten fahren, was für einen Nutzen hätten sie dann von einer ordentlichen Zufahrt? Die hätte nur das Gefühl, inmitten der Wildnis zu leben, wieder zunichte gemacht.

Im Scheinwerferkegel tauchte das letzte Geländehindernis auf, ein schmaler Streifen Land zwischen den beiden Seen, so schmal, dass man ihn innerhalb von wenigen Stunden unter Wasser setzten konnte, wenn man wollte und ordentlich mit der Schaufel loslegte. Es hatte Karri schon immer gereizt, an einem abgeschiedenen, nahezu unzugänglichen Ort zu leben.

Die letzten wenigen hundert Meter folgte die Fahrspur dem Seeufer und führte dann den Hang hinauf, wo aus den grauen Balken der ehemaligen Scheune eine Garage für den Wagen errichtet worden war. Durch den Bewegungsmelder ging die gedämpfte Außenbeleuchtung an. Müde stieg Karri aus dem Wagen. Während er auf das Haus zuging, sprangen nach und nach rechts und links des Pfades die Lichter an. Sie waren in ausgehöhlten Kiefernpfosten von einem halben Meter Höhe eingelassen.

Im Schein der Lichter sah man das große Haus, das sie auf den Namen Riekonpesä - Schneehuhnnest - getauft hatten. Es war eine Villa und zugleich ein Ökohaus, das Anleihen des traditionellen finnischen, romantischen...

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