Das Erbe des Bösen

Thriller
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. April 2015
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-41113-4 (ISBN)
 

Das dunkle Geheimnis eines Wissenschaftlers

Als der finnische Physiker Rolf Narva in hohem Alter überraschend eine Reise nach Berlin antritt und spurlos verschwindet, beginnt für seinen Sohn Erik und dessen Frau Katja ein Albtraum. Vieles deutet darauf hin, dass ein dunkles Geheimnis die Vergangenheit des Vaters umgibt. Was führt den alten Mann jetzt nach Berlin? Und was hat das Deutschland der Nazi- Zeit mit Rolfs Verschwinden zu tun?

Erik - selbst Wissenschaftler - hat eine erfolgreiche Gentechnik- Firma in London gegründet. Doch plötzlich erhält das Thema Genetik für ihn eine ganz neue Dimension. Während Erik und Katja einem entsetzlichen Familiengeheimnis auf die Spur kommen, ahnen sie nichts von der Gefahr, die sie selbst und das Leben ihrer Kinder bedroht ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Format: EPUB
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  • Format: EPUB
  • 2,32 MB
978-3-423-41113-4 (9783423411134)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Ilkka Remes ist der meistgelesene Autor in Finnland. Sein Name ist Garant für hochkarätige Spannungsliteratur von internationalem Format. Seine Thriller stürmen regelmäßig die Bestsellerlisten.

2


Morgendunst schwebte über dem unbewegten Meeresspiegel um die Insel Pellinki an der finnischen Südküste, unweit von Porvoo. Ein gleichmäßig gebräunter Mann in kurzen Jeans stand mit dem Messer in der Hand neben einem Felsbrocken, dessen Oberseite flach war wie ein Tisch. Die Klinge des Messers war blutverschmiert, ebenso der Zeigefinger des Mannes, der auf den Bauch des aufgeschlitzten Barsches deutete.

»Und was ist das?«, fragte Erik Narva seine neben ihm hockende Tochter.

»Der Magen«, antwortete Olivia.

»Nein, der Magen ist hier. Das sind die Kiemen. Der Fisch braucht Kiemen, um zu atmen.«

»Unter Wasser gibt es doch gar keine Luft«, sagte Emil, der neben seiner Schwester kauerte. Wenn er in Finnland war, sprach er ein korrektes Finnisch mit etwas stärkerem Akzent als seine Schwester. »Wie kann der Fisch denn da atmen?«

»Das Blut transportiert Sauerstofff, genau wie beim Menschen.«

Erik wischte die Messerklinge am Gras ab, steckte das Messer in die Scheide und gab es Olivia zurück. »Als ich klein war, hatte ich Biologieunterricht bei Omi. Sie zeigte mir zum Beispiel, wie man eine Ratte aufschnitt.«

»Igitt.«

»Nein, das war interessant«, sagte Erik lächelnd. Er warf den Fisch ins Wasser und blickte auf das alte Breitling-Chronometer an seinem Handgelenk. »Überlassen wir den Barsch den Möwen als Leckerbissen. Habt ihr eure Sachen schon gepackt?«

»Papa«, sagte Emil mit leicht drängendem Unterton. »Können wir nicht noch hierbleiben? Ein paar Tage?«

Zärtlich fuhr Erik dem Jungen durchs gelockte, blonde Haar und schwieg. Emil erwartete auch gar keine Antwort auf seine Frage, die er ohnehin jedes Jahr am Ende ihres Finnlandurlaubs stellte. Erik wunderte sich kein bisschen darüberr, dass es Emil hier gefiel. Er selbst war als Kind nur selten in der Heimat seines Vaters gewesen, aber umso unvergesslicher waren die Aufenthalte für ihn bis heute. Die Flüge von Florida über London zum alten Flughafen von Helsinki hatten ewig gedauert, und das Finnland der Siebzigerjahre war ein spannender, mystischer Ort in unmittelbarer Nachbarschaft der Sowjetunion gewesen - und im Vergleich zu Amerika in allem hintendran. Der Unterschied zum Finnland der Gegenwart war frappierend.

Die Kinder gingen zum Haus zurück, Erik blieb noch eine Weile am Ufer und schaute nachdenklich aufs Meer. Die Rückkehr nach England und in den Alltag kam wieder mal viel zu früh. Der Urlaub hatte seinen Zweck nicht erfüllt: Erik war innerlich nicht zur Ruhe gekommen, zu viele berufliche Projekte hatte er mit in den Urlaub genommen, die seine Energie aufgezehrt hatten. Er war Mitbegründer und Miteigentümer der Firma Gendo, einem erfolgreichen Biotechnologieunternehmen, das gerade in Verhandlungen mit China über das bedeutsamste Geschäft seiner Geschichte steckte.

»Erik!«

Katjas energische Stimme setzte Erik in Bewegung. Etwas widerwillig machte er sich auf den Weg zum Haus. Der Pfad, der stellenweise mit Kiefernnadeln übersät war, fühlte sich herrlich weich an unter den nackten Fußsohlen. Das Haus war ein Landhaus mit Mansardendach aus den zwanziger Jahren, aus Holz gebaut und in denkbar schlechtem Zustand. Sie hatten es sieben Jahre zuvor gekauft, in dem Jahr, in dem Emil geboren wurde. Mittlerweile hatten sie sogar schon mehrere Weihnachten hier verbracht, denn dank der drei Kachelöfen wurde es jetzt auch im Winter warm.

Auf der Veranda schnitt Katja gerade Olivia die Haare. Das Mädchen saß still auf einem Hocker, während die Schere klapperte und exakt geschnittenen blonden Flaum fallen ließ. Katjas Haare waren noch feucht, sie hatte sie mit einem violetten Handtuch zusammengebunden. Sie sah entspannt und attraktiv aus, aber ihr Kommandoton verdarb den Eindruck gleich wieder: »Hast du schon das Holz gehackt?«

»Gleich.«

»Ja, ja, >gleich<. Und dabei bleibt es dann wieder. Das Holz wird nass, die ganze Sägerei war umsonst, und im Winter . . .«

»Ich habe gerade meinen Vater angerufen. Er war seltsam kurz angebunden.«

Katjas Hände hielten einen Moment inne. Sie schaute Erik an.

»Was meinst du damit? Gesundheitliche Probleme?«

»Glaube ich nicht. Er klang so, als wollte er in Ruhe gelassen werden.«

»Rolf mag es nicht, wenn man ihm nicht mehr zutraut, dass er alleine klarkommt. Aber es wäre höchste Zeit, dass er sich daran gewöhnt.«

»Die ganze Reise hat etwas Merkwürdiges.«

»Wieso? Hat er dir denn nichts davon erzählt?«

»Angeblich war er bloß noch nie in Berlin und will sich die Stadt jetzt mal anschauen.«

»Du machst dir zu viele Gedanken. Deine Mutter hat übrigens gerade angerufen. Sie hat die Blumen gegossen und nach der Post gesehen.«

Erik seufzte. »Ich habe ihr doch gesagt, das ist nicht mehr nötig. Wir sind doch bald wieder da.«

»Ingrid genießt es, zu uns kommen, wenn das Haus leer ist. Beziehungsweise wenn ich nicht zu Hause bin . . .«

»Du redest hässlich über Omi«, sagte Olivia.

»Aber nein. Ich sage nur die Wahrheit, und das ist nicht hässlich. Ingrid war auch in der Firma«, fuhr Katja fort, und es gelang ihr, dabei gleichgültig und vorwurfsvoll zugleich zu klingen. »Lass sie doch. Das stört keinen.«

Katja verkniff sich ungern jeden weiteren Kommentar zu diesem Thema und herrschte Erik stattdessen an: »Und wie wär's jetzt vielleicht mal mit dem Holz?«

»Ich muss erst noch schnell in Peking anrufen, bevor dort Feierabend ist.«

Erik ging zum oberen Teil des Grundstücks hinauf, zu dem Holzhaufen, der mit vereinten Kräften dort bereits gewachsen war. Katja stammte von einem Bauernhof. Sie war bei ihnen diejenige, die sich um die praktischen Dinge kümmerte. Erik zog das Handy aus der Tasche. Er hatte es während des Urlaubs zu oft in Gebrauch gehabt. Trotzdem spürte er ein angenehmes Kribbeln, als er jetzt im Speicher nach der Nummer des China-Repräsentanten von Gendo suchte.

 

Rolf war angespannt und durcheinanderr. Er saß auf der Rückbank eines Taxis, das von einem älteren Türken durch Wilmersdorf gesteuert wurde. Rolfs linke Hand zitterte ein wenig, und als er in Dahlem das Taxi bestiegen hatte, war ihm wieder leicht schwindlig gewesen. Er versuchte sich zu beruhigen, indem er sich auf den lebhafter werdenden morgendlichen Verkehr konzentrierte.

Die Stadt kam ihm fremd vor, die meisten Gebäude waren erst auf den Kriegsruinen entstanden. Und so schaute Rolf mit ganz neuen Augen auf Berlin, ähnlich wie bei seinem ersten Besuch 1937, und dabei verspürte er eine Wehmut, die ihm einen tiefen Stich versetzte. Jene Zeit lag einerseits in weiter Ferne, als gehörte sie zum Leben eines anderen Menschen, andererseits hatten die Erinnerungsbilder geradezu schmerzhaft scharfe Konturen. Vor seinem inneren Auge flimmerte die Ostsee rings um die S. S. Ariadne auf ihrem Weg nach Stettin. Er stand an Deck, warmer Wind streichelte seine Haut, und er war voller Erwartung und Tatendrang. Er befand sich auf der Reise ins Land seiner Träume, ins Mekka der Wissenschaft und der Technik. Wilhelm Konrad Röntgen, Max Planck, Fritz Haber, Werner Heisenberg . . . In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren über die Hälfte der naturwissenschaftlichen und medizinischen Nobelpreise an deutsche Wissenschaftler gegangen. Und die größte Macht hatte Deutschland auf dem Gebiet der Physik, insbesondere der neuen Physik, der Quantenmechanik und der Kernphysik.

Möglichst bald nach seiner Ankunft in Berlin wollte Rolf dem von Walter Villiger entworfenen Zeiss-Planetarium einen Besuch abstatten, wo man für jeden gewünschten Breitengrad die Umlaufbahnen der Planeten darstellen konnte. Denn mehr als an der Physik war Rolf an der Astronomie interessiert, obwohl er beschlossen hatte, den Rat seines Vaters zu befolgen: besser als Hauptfach Physik studieren, damit seien die Berufsaussichten wesentlich günstiger als im Bereich der Astronomie. Sein Vater musste wissen, wovon er sprach, denn er war Dozent für Mathematik an der Universität Helsinki.

Rolf fuhr aus seinen Gedanken auf, als das Taxi in einer ruhigen Nebenstraße in Charlottenburg zum Stehen kam.

Niebuhrstraße 35. Die Adresse, die Katharina ihm gegeben hatte.

Große Laubbäume beschatteten die Straße, es herrschte eine fast geisterhafte Atmosphäre der Erstarrung.

Rolf zahlte und stieg mühsam aus dem Taxi. Auf dem Gehweg betrachtete er das kunstvolle, massive Haus, holte tief Luft und ging langsam auf die mit Schnitzereien versehene Eichentür zu. Die Namensschilder am Klingelbrett waren teilweise stilvoll gedruckt, andere waren eilig bekritzelte Pappstücke oder Klebestreifen.

KATHARINA KLEVE stand auf dem Schild der Wohnung mit der Nummer 18. Fünfter Stock.

Rolf zögerte einen Moment, bevor er mit zittrigem Finger den Klingelknopf drückte. Das elektrische Schloss surrte, und er öffnete die schwere Tür. Im halbdunklen Treppenhaus war eine Reihe Briefkästen angebracht. An ihnen vorbei ging es zu einem alten Lift mit Gittertürr. Er sah fast so aus wie in dem Haus im Helsinkier Stadtteil Katajanokka, in dem Rolf wohnte - und so wie in dem Haus, in dem er Anfang der Vierzigerjahre zum ersten Mal mit Ingrid zusammengewohnt hatte.

Heftig ruckelnd bewegte sich der Aufzug nach oben. Dabei kam Rolf ein seltsamer Gedanke. Katharina hatte unter einer solchen Höhenangst gelitten, dass sie unbedingt im Erdgeschoss wohnen wollte, als sie seinerzeit mit Ingrid eine Studentenwohnung in Dahlem suchte. Und wenn sie die physikalische Fakultät besuchte, weigerte sie sich, den »Turm der...

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