Von Goa nach Walsrode

Auf Drogen und Psychosen
 
 
BALANCE buch + medien verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2018
  • |
  • 184 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86739-928-9 (ISBN)
 
Mit 18 Jahren kommt Florian Reisewitz in Berührung mit der Goa-Szene - einer Musik-Szene, die wie kaum eine zweite mit dem Konsum von psychedelischen Drogen verknüpft ist. Eine Tatsache, die nicht ohne Folgen bleibt.
Mitreißend und ehrlich beschreibt der Autor, wie sich schleichend eine Psychose nähert, die ihn mehr als einmal in die Psychiatrie nach Walsrode führt. Ein Erfahrungsbuch - und mehr als das: ein Insiderbericht über eine besondere Partylandschaft, eine eindrückliche Schilderung von wahnhaftem Erleben und ein empathischer Blick auf das hartnäckige Engagement, aber auch auf die zeitweilige Hilflosigkeit von Helfenden.
  • Deutsch
  • Empfehlenswert für junge Erwachsene und Betroffene, Angehörige, Sozialarbeiter, Drogenberater und Mitarbeitende in der Gemeindepsychiatrie, auch für Anhänger der Goa-Szene.
  • 0,89 MB
978-3-86739-928-9 (9783867399289)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Florian Reisewitz erkrankte während seines Zivildienstes das erste Mal an einer schizoaffektiven Psychose. Er studierte Germanistik, Politik und Soziologie in Hamburg. Seit August 2019 absolviert er eine Umschulung zum Fachinformatiker in Bremen.

 Hedonistisches Manifest


Meine Schulzeit neigte sich dem Ende entgegen. Den Wehrdienst wollte ich verweigern und den Zivildienst in Hamburg ableisten. Eine Zivildienststelle, ein Kindergarten, war bereits gefunden, ebenso eine Wohnung, die ich gemeinsam mit Benjamin beziehen würde. Doch dann, völlig überraschend für uns beide, überlagerte ein Streit zwischen meiner und seiner Familie unsere Freundschaft. Wir versuchten, uns da herauszuhalten, aber es blieb nicht aus, dass auch wir jeweils Position bezogen und ebenfalls in Streit verfielen. Unsere Freundschaft, die uns durch die gesamte Zeit am Gymnasium begleitet hatte, zerbrach.

Ich empfand dies als einen extrem heftigen Bruch. Benjamin war nicht nur irgendein Freund, nicht nur mein bester Freund. In jenen sensiblen Teenagerjahren, in denen ich mich vom Kind zum halbwegs Erwachsenen entwickelte, war er immer an meiner Seite gewesen. Er ersetzte mir teilweise Familie, ja sogar fast eine Partnerin. Wir waren ein verschworenes Gespann, konnten uns über alles unterhalten und wurden von den anderen immer als Team gesehen. Dieser Halt, diese Stütze brach für mich nun weg. Ich beschloss, in meiner Heimatstadt zu bleiben und erst zum Studium nach Hamburg zu ziehen. In letzter Minute ergatterte ich einen Zivildienstplatz in einer Behinderteneinrichtung vor Ort. Auch das Schulende war ein heftiger Einschnitt für mich. Erst Jahre später wurde mir klar, dass mir in der Zeit danach etwas fehlte: die Anerkennung der Lehrer für meine schulischen Leistungen und die Bestätigung durch gute Noten. Durch diese beiden Veränderungen war mein Leben nahezu auf den Kopf gestellt. Ich musste mich neu definieren.

Zur selben Zeit begann ich, öfter auf sogenannte Goa-Partys zu gehen. Ein Mädchen aus meiner Klasse hatte mitbekommen, dass ich die elektronische Musik für mich entdeckte. Wir waren nicht wirklich befreundet; ich wusste aus zweiter Hand, dass sie zum Feiern eher nach Hamburg fuhr, statt wie wir in die Dorfdiskothek Welcome. Angeblich hatte sie mit harten Drogen zu tun, Kokain vielleicht. Es waren Gerüchte, Genaueres wusste man nicht. Eines Tages sprach mich Susanne an und schwärmte mir von diesen Goa-Partys vor. Dass die Leute dort alle supernett seien, man auf Teppichen und im Sommer barfuß auf der Wiese tanze und überhaupt alles viel besser sei als auf den Raves, die ich bisher mitgemacht hatte.

»Lass uns doch mal zusammen auf eine Party gehen«, schlug sie vor.

Im Winter, kurz vor den schriftlichen Abiturprüfungen, war es dann so weit. Ich bekam das Auto meiner Eltern, holte Susanne und eine Freundin von ihr ab und wir fuhren nach Hamburg auf die Reeperbahn. Der Klub hieß Powerhouse und befand sich in einer dunklen Nebenstraße des Kiezes. Als Erstes fiel mir die Beleuchtung auf: Überall an der Decke hingen Schwarzlichtröhren, die alles in ein unwirkliches Licht tauchten. Die Wände waren übersät mit Tüchern, bedruckt mit indischen oder psychedelischen Motiven, die im Schwarzlicht satt leuchteten. Der Bass im Viervierteltakt rollte durch den Saal und es gab kaum Leute, die nicht tanzten. Zum ersten Mal hörte ich den Goa-Sound, Psychedelic Trance! Ich wusste es damals noch nicht, aber musikalisch sollte dies meine neue Heimat werden und bis heute bleiben.

Susanne teilte mir mit, dass sie und ihre Freundin nun Ecstasy nehmen würden. Sie bot es mir nicht an, sie wollte nur, dass ich Bescheid wusste. Ich rauchte einen Joint und beobachtete sie interessiert. Zunächst passierte nichts Besonderes. Eine halbe Stunde später bemerkte ich eine sehr drastische Veränderung an beiden Mädchen. Sie richteten sich auf, schienen von innen her zu leuchten und tanzten mit einer Hingabe, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Sie strahlten dabei über das ganze Gesicht. Dies alles beeindruckte mich tief.

Im darauffolgenden Jahr besuchte ich drei ähnliche Partys in Hamburg. Der Abiturstress erlaubte nicht mehr. Die Zeit nutzte ich aber, um mich auf theoretische Weise dem Phänomen Ecstasy zu nähern. Hierzu lieh ich mir von einem Freund das Buch »E for Ecstasy« von Nicholas Saunders, das erst vor Kurzem erschienen war. Darin berichtet der Autor von eigenen Erfahrungen mit der Droge und von Erfahrungen Dritter, sowohl im Partykontext wie auch im privaten Rahmen und sogar im therapeutischen Bereich. Die ausführlichen Informationen, auch zu negativen Aspekten, die allerdings noch lange nicht ausreichend erforscht waren, faszinierten mich und schreckten mich gleichermaßen ab.

Einerseits ist Ecstasy ein »Herzöffner«, der Stoffwechsel wird praktisch geflutet mit dem körpereigenen Glückshormon Serotonin. Man möchte die ganze Welt umarmen, ist sehr gelöst und unglaublich glücklich. Andererseits unterdrückt Ecstasy die Wahrnehmung von Müdigkeit, Durst und Hunger, sodass man stundenlang tanzen kann. Doch die Langzeitwirkung von regelmäßigem Konsum war noch nicht richtig erforscht. Man vermutete eine Veränderung der Hirnchemie: Die Arbeit der Botenstoffe und die Ausbildung von Synapsen könnte nachhaltig beschädigt werden. Auch von Paranoia und Schizophrenie als Folge war die Rede. Ob Ecstasy abhängig macht, war dagegen heiß umstritten. Die meisten glaubten nicht an eine physische Abhängigkeit, wohl aber, dass die Verbindung aus Ecstasy und Technopartys auf gewisse Weise psychisch abhängig machte. Ich war unsicher, wie ich mich zu dieser Droge positionieren sollte, beschloss dann aber, mich fürs Erste weiter ans Kiffen zu halten.

In dieser Zeit schrieb ich mein »Hedonistisches Manifest«. Es entstand zwei Monate, bevor ich mit Susanne ins Powerhouse auf meine allererste Goa-Party fuhr, und zeigt sehr eindrücklich, wes Geistes Kind ich war:

Auch wenn unser Leben jedem vernünftigen Menschen sinnlos vorkommen muss, lohnt es sich vielleicht, für die glücklichen und angenehmen Momente zu leben. Nach dieser Philosophie kann man sein Leben als Suche auffassen, Wege zu finden, besonders glücklich zu sein. Ich habe unsere menschliche Rasse schon vor Jahren für ihre Vergehen verurteilt, empfinde unsere Zerstörungswut als nicht wiedergutzumachenden Makel, halte unsere Rasse nicht mehr für berechtigt, zu leben, den anderen Lebewesen das Leben und die Lebensgrundlagen zu nehmen. Eigentlich finde ich, dass es besser für die Erde wäre, wir würden eher heute als morgen von der Bildfläche verschwinden.

Gerade weil ich die Existenz des Lebens für eine Sensation halte, möchte ich unser Geschlecht auslöschen, da wir uns wie ein mutiertes Geschwür anschicken, sämtliches Leben und erst zum Schluss unser eigenes auszulöschen.

Nur der folgende Grund hält mich hier: Was kennen wir denn schon außer diesem Leben, das uns geschenkt wurde? Was wissen wir über die Zeit davor, danach? Da ich nicht glaube, dass mein Ego, meine Persönlichkeit, wie sie heute existiert, irgendwo anders weiter existieren kann, will ich für meine Person in dieser sterbenden Welt noch so viel Spaß und Freude mit herausnehmen, wie es geht, um eine möglichst schöne Zeit zu haben. »Herausnehmen« ist wohl eine denkbar schlechte Wortwahl, sagen wir besser »erleben«. Die Probleme werden die Suche nach den Dingen sein, die maximale Freude bringen, und die Grenzen, die der Körper jeden Tag setzt.

Sicherlich, eine ziemlich deutliche Nach-mir-die-Sintflut-Attitüde. Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen, meine Altersgenossen davon zu überzeugen, dass wir ökologisch auf eine Katastrophe zusteuern, war ich extrem frustriert und resigniert. Wie aber war ich zu dieser Überzeugung gekommen?

Schon sehr früh hatte ich mich für meine Umwelt, für die Natur begeistert. Ich war sehr interessiert daran, möglichst viel über Flora und Fauna zu erfahren. Bei den christlichen Pfadfindern lernte ich außerdem, Respekt für die Natur zu empfinden und sorgsam mit ihr umzugehen. Mein Vater, der meine Faszination für das Thema bemerkte, abonnierte eine relativ neue Zeitschrift für mich, als ich etwa elf oder zwölf Jahre alt war: »Natur - das Umweltmagazin«. Diese Zeitschrift, die Anfang der Achtzigerjahre gegründet worden war, widmete sich sehr kritisch den Themen Artenschutz, Wirtschaftswachstum, Landschaftsverbrauch, Industrie und Ökologie. Jeder Artikel war sorgfältig recherchiert und klärte über Hintergründe und Zusammenhänge auf. Ich verschlang jeden einzelnen Beitrag. Diese Zeitschrift formte mit der Zeit entscheidend mein Weltbild und mein Bild vom Menschen. Ich lernte, dass der Mensch aus purer Profitsucht dabei war, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, und in diesem irrwitzigen Prozess fast die gesamte Welt der Flora und Fauna gleich mitnahm. Die Artikel legten den Grundstein für meine fortschrittsfeindlichen und zivilisationskritischen Überzeugungen. Für einige Jahre hatte mich die »Natur« begleitet und eindeutig geprägt. Meine Versuche, in der Schule und im Freundeskreis Gleichgesinnte zu finden, liefen allerdings ins Leere. Umgeben von Desinteresse und Ignoranz stand ich mit meiner Meinung ziemlich alleine da.

Ich machte dann nur noch wenige Vorstöße. Im Alter von sechzehn Jahren fuhr ich auf ein Umweltfestival nach Magdeburg. Wochen zuvor hatten zwei ältere Mädchen aus Lüneburg an unserer Schule die Werbetrommel für diese Veranstaltung gerührt. Ich war der Einzige, der zu ihrer Infoveranstaltung kam, und dann auch der Einzige aus unserer Schule, der dort hinfuhr. Auf der einen Seite war ich überwältigt von der Vielfalt und der Freundlichkeit der Ökoszene, die sich in Magdeburg versammelt hatte. Auf der anderen Seite hatte ich große Schwierigkeiten, dort Anschluss zu finden. Ich fühlte mich als Außenseiter, was sicher an meiner schüchternen und zurückhaltenden Art lag. Irgendwie kam ich nicht richtig rein in diese Szene. Ohne wirklich...

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