Boymen

Roman
 
 
Maennerschwarm (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im März 2011
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86300-018-9 (ISBN)
 
Felix bricht auf ins ferne Amerika und landet - Ironie der Geschichte - ausgerechnet im German Department der Universität von Ithaca, NY. Nicht New York City, nicht San Francisco, sondern tiefste Provinz. Sein Freund verlässt ihn, seine beste Freundin macht zielstrebig Karriere. Felix will das Leben genießen, seine Jugend festhalten, doch die Tage verstreichen wie im Leerlauf. Bis er Clay kennen lernt, einen gut aussehenden und auch noch reichen Künstler. Das Glück ist plötzlich zum Greifen nah. Doch wie Felix will auch Clay nicht alt werden - und er findet eine erschreckende Lösung dieses Problems. Hunger nach Leben und Angst vor dem Trott, grenzenlose Mobilität und Midlife-Crisis: bereits in 'Play' und 'Fag Love' hat Peter Rehberg den Tonfall gefunden, der das Lebensgefühl seiner Generation sinnlich erfahrbar macht. Sein neuer Roman erzählt ungeschminkt vom Leben nach der Party, von der Alterspanik eines Mannes, der lieber ein Junge geblieben wäre.

Peter Rehberg, geboren 1966 in Hamburg, veröffentlichte zahlreiche Artikel, Kommentare und Interviews im Freitag, in der taz, Siegessäule und Männer, wo er bis 2010 auch Chefredakteur war. Er hatte Lehraufträge an verschiedenen Universitäten und unterrichtet Deutsche Kultur und Literatur, Kulturtheorie, Medientheorie, Queer Theory und Genderstudies. Seit 2013 ist er DAAD Associate Professor am Germanic Studies Department der University of Texas, Austin.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,62 MB
978-3-86300-018-9 (9783863000189)
3863000188 (3863000188)
weitere Ausgaben werden ermittelt

DID YOU FIND EVERYTHING


YOU WERE LOOKING FOR?


Ithaca, NY, November 6

Die Wände sind lange nicht gestrichen worden, undefinierbares Gelb oder einfach nur schmutzig. Trotz Rauchverbot riecht es muffig. Morgens in der Cafeteria, als wären wir in einer Wartehalle, irgendwo auf der Welt. Der Kaffee schmeckt nicht. Wahnsinn, was man in diesem Land immer kriegt, wenn man mal nicht bei Starbucks landet. Fieses dunkles Wasser, ohne jeden Geschmack, echt gar kein Geschmack, auch essen kann man hier nichts, nichts als Doughnuts mit Vanille- oder Schokoladeschmiere drin. Die Stimmung ist wie in Bulgarien.

Wir sind doch nach Amerika gekommen, um alles Europäische, alles Deutsche hinter uns zu lassen, sage ich zu Anna, zu Marco, zu Anna und Marco, den anderen beiden Deutschen, die ich hier morgens treffe, bevor die Arbeit losgeht. Meine neuen Kollegen also. Obwohl ich an die Kategorie Kollege gar nicht glaube. Einfach die, mit denen ich ab jetzt rede, hauptsächlich.

Dass man noch mal wer anderes werden kann, nicht der, der man war, bevor man herkam, von wo man herkam. Machten wir das Gleiche wie unsere Elterngeneration in den 1950ern und 1960ern: manisch arbeiten oder vor dem Horror davonlaufen? Denke ich, sage ich nicht, bin erst halb wach, Anna gar nicht, Marco redet:

Die Wiedervereinigung hat Deutschland um fünfzig Jahre zurückgeworfen, sagt er. Darin waren wir uns alle einig, auch wenn sonst jeder andere Gründe dafür hatte, jetzt hier zu hocken. Bisschen dickes Thema um diese Zeit.

Mitten in den 1990ern sind wir praktisch gerade wieder bei Kriegsende und bedingungsloser Kapitulation gelandet, jaja, die Entnazifizierung hat noch nicht mal begonnen, sagt jetzt Marco selber (wieso war der überhaupt so wach), und die Stimmung dementsprechend.

Egal, ob aus Ost oder West, sage ich, solange Deutschland noch immer so monokulturell ist, hat man keine andere Wahl, als auszuwandern.

Deshalb sitzen wir drei jetzt hier, in dieser Stadt, in diesem Land. In dieser Cafeteria. Aber amerikanische German Departments sind genau der Ort, wo man gerade nicht hinwill. Weil man wieder gelandet ist, wo man wegwollte.

Ostblock-Feeling, sagt Marco, und er musste es ja wissen, als Ossi. Mitten in den USA schlimmer als im Osten, sagt er.

Anna guckt uns an, aber sagt nichts.

Weiß auch nicht, was ich sagen soll.

Ich denke an Jack.

Nicht an Jack denken.

Da kommt Gisela Podolski um die Ecke. Gisela ist die Sekretärin des German Department. Morgens ist sie immer als Erste auf dem Platz.

Ich glaube, sie schläft hier.

Ich glaube, sie schläft hier, sage ich. Nachts legt sie sich auf die abgewetzte Couch, auf der tagsüber die Studenten sitzen und warten, bis sie zu den Professoren in die Sprechstunde dürfen. Gisela Podolski arbeitet seit über dreißig Jahren hier. Sie liest keine Zeitung und guckt kein Fernsehen. Sie liest Bücher. Literatur. Alles, was auf der anderen Seite des Atlantiks passiert ist, hat sie nicht mitgekriegt. Wie die Wiedervereinigung zum Beispiel. Wie die Mutter in Goodbye Lenin, sagt Anna, die den Film gerade mit ihren Studenten guckt.

It gives me the creeps, sagt Marco, der Gisela nicht lustig findet, gar nicht lustig findet, Goodbye Lenin wohl auch nicht, gives me the creeps, sagt er bisschen angeberisch auf Amerikanisch. Er gruselt sich vor ihr.

Gisela Podolski sieht aus wie Norman Bates’ Mutter in Psycho, sage ich. In ihrer Handtasche steckt ein Messer. Ein langes, großes Küchenmesser.

Anna unterbricht mich.

Ich liebe sie, sagt sie.

Ich gucke Anna an.

Ich liebe sie auch, sage ich, so wie man auf Amerikanisch eben sagt «I love you».

Wegen ihrer dunkelgrauen Haare, die in der Mitte streng gescheitelt sind, eng am Kopf kleben und bis auf Kinnhöhe an beiden Seiten gleichmäßig herabhängen.

Wegen ihrer Hornbrille.

Gisela hat die gleiche Brille wie Robert Lembke, sagt Anna aufgeregt, aber so leise, dass Gisela, die gerade herüberlacht, es nicht mitkriegt. Robert Lembke, der in den 1970er-Jahren in Westdeutschland sehr beliebte Moderator von Was bin ich?

Was ist das?, fragt Marco, der die Sendung nie gesehen hat. Anna sagt: Ein heiteres Beruferaten. Der prominente Gast, dessen Identität ermittelt werden sollte, kriegte am Anfang immer die Frage gestellt: «Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?» Und jedes Mal, wenn er eine Frage mit Nein beantwortet hat, wurde ein Fünfmarkstück in das Sparschwein geworfen. Marco hat keine Peilung, kapiert gerade gar nichts, guckt Anna an, bisschen blöde. Du erklärst das auch falsch, sage ich, aber Anna redet einfach weiter. Vier Teilnehmer im Studio, Guido, Hans, Anneliese und Annette, raten der Reihe nach, sie stellen dem prominenten Gast Fragen und sitzen so lange mit verbundenen Augen im Scheinwerferlicht, bis seine Identität enthüllt wird und sie ihre Augenbinden abnehmen dürfen.

Ich habe Heimweh nach der alten Bundesrepublik.

Ich glaube, Anna auch.

Wir könnten Freunde werden.

Eine Freundin könnte ich gerade gut gebrauchen.

Giselas Robert-Lembke-Brille, die ihre Augen stark vergrößert, sieht so aus, als würde sie nicht nur ihre im Alter zunehmende Sehschwäche ausgleichen, sondern auch die verschiedenen Teile ihres Kopfes zusammenhalten. Ohne Brille halten ihre Haare nicht, sage ich. Es sieht so aus, als würde Gisela Podolski abends, wenn sie auf dem Sofa liegt, immer beides, Brille und Haare, zusammen abnehmen und dann neben sich auf den Schreibtisch legen, einen Nachttisch gab es ja nicht. Ich wäre gerne einmal dabei, wenn Gisela Podolski abends ihre Brille mit Haaren abnimmt, denn ich würde gerne wissen, wie Gisela dann, ohne Brille und ohne Haare, aussieht. Eigentlich möchte ich wissen, ob Gisela bloß dünnes Haar hat oder wirklich eine Glatze.

Nachts sieht sie aus wie du, sagt Anna.

Am anderen Ende der Cafeteria sitzt Gisela alleine an einem Tisch und lutscht an ihrem Doughnut.

Eleanor Rigby. Picks up the rice in the church where a wedding has been. Lives in a dream. All the lonely people.

Psycho, sagt Marco, und mir ist nicht ganz klar, ob er Gisela oder mich meint oder uns beide.

Wenn wir hierbleiben, werden wir so enden wie Gisela Podolski, sage ich.

Eigentlich lebe ich schon jetzt wie Gisela Podolski.

Hast du eine Zigarette, fragt Anna.

Ich rauche nicht.

Du auch nicht, sagt Marco und guckt Anna an.

Paarkontrolle oder was.

Das komplett Unnormale des Paardaseins.

Marco guckt, wie Anna mich anguckt, sagt nichts. Als wäre er eifersüchtig. Ich gucke ihn an. Marco weicht meinem Blick aus. Nix mit Männern im Moment. Davon habe ich erst mal genug.

Ich rede.

German Departments in Amerika sind der einzige Ort, wo Aus-Deutschland-Kommen was wert ist, wo das eine Kompetenz sein soll, Deutschsein und Deutschdenken. Nur, was sollte das in Wahrheit sein? Wieso wollte man das hierher importieren? Weil wir doofe Dichter und Denker sind? Deshalb ja wohl nicht, das war ja wohl das allerdümmste Gerücht, nur insofern wahr, wie Dichter-und-Denker-Sein hauptsächlich heißt, dass es in Deutschland keine Dichter gibt, denn das Denkenmüssen macht immerzu das Dichten kaputt, weshalb man als Dichter zum Schluss weder dichten noch denken kann. Deutschland, Land ohne Dichter und Denker.

Quatsche / denke selber schon wie Marco oder irgendein anderer Amerikaner, Akademiker, wollte ich sagen. Habe ich immerhin gelernt.

Eigentlich interessiert sich Amerika nur für eine Sache, wenn es um Deutschland geht, sagt jetzt Marco.

Für was denn?

Für Nazis.

Was?

Alle German Departments in Amerika sind heimliche Nazi-Departments, also Anti-Nazi-Departments, sagt er. Wo gute Deutsche den Amis jetzt mal zeigen dürfen, dass es damals vor sechzig Jahren geklappt hat mit der Entnazifizierung, wie gut das damals für die Amis gelaufen war in WW II. Das Gleiche wird jetzt noch einmal mit den Ostdeutschen gemacht. Gute Deutsche sollen am besten immer auch gleich arme Säue sein.

Komm, gehen wir, sagt Anna, die das Opfer-Gequatsche bisschen peinlich findet. Ich auch. Wir laufen den langen Gang runter, in dem jeder Schritt hallt, Gisela Podolski hinterher, die zehn Meter vor uns mit den Schlüsseln klappert und zwischendurch grundlos kichert. Ich glaube, sie ist gar nicht verrückt. Sie ist betrunken.

Anna und Marco verschwinden in ihren Klassenzimmern.

Ich mache die Tür auf und da sitzen sie.

Manchmal denke ich, ich vergeude meine besten Jahre. Morgens vor verwöhnten Zwanzigjährigen stehen, die einen komisch angucken, weil man einen deutschen Akzent hat, die man quälen muss, damit sie überhaupt was tun, außer auf ihren Handys und iPods zu spielen.

Nixversteher, Nixnachdenker.

Man muss sie anbrüllen, sonst hört hier keiner zu.

Ihr seid dick!

Ihr seid hässlich!

Die Kleinen, so nenne ich die Studenten immer, unsere lieben Kleinen, lieben es, wenn man mal bisschen deutsch und böse mit ihnen wurde. Um diese Zeit sind sie so verschlafen, dass sich keiner wehren kann. Man kann ihnen erzählen, was man will. Man muss nur selber die ganze Zeit reden. Akademiker redeten überhaupt sehr viel. Ich nicht. Ich gebe den Kleinen den Semesterplan und schicke sie wieder nach Hause.

Ich will hier raus.

Durch den Flur und weg.

Am abstoßendsten an...

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