Ein Mordsgeschenk für Agathe

Roman
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 186 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-76594-3 (ISBN)
 
Statt einer »Friseurflatrate bis Lebensende« schenkt Familie Christiansen der rätselaffinen Oma Agathe zum 90. Geburtstag etwas ganz Besonderes - einen Kriminalfall. Agathe ahnt davon nichts, als die Familie mit ihr einen Ausflug auf eine kleine Ostseeinsel unternimmt.
In ihrer Pension treffen sie auf einen Gast, der damit prahlt, im Besitz einer Schatzkarte zu sein. Kurz darauf erleidet dieser einen Herzinfarkt, und Agathe riecht sofort Lunte. Sie glaubt nicht an einen Zufall und beginnt zu ermitteln. Familie Christiansen scheint sich entspannt im Strandkorb zurücklehnen zu können. Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse ...
Originalausgabe
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,30 MB
978-3-458-76594-3 (9783458765943)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Hanna Reet ist das Pseudonym einer Autorin, die 1979 beinahe auf Hiddensee geboren wurde. Sie studierte anschließend Literaturwissenschaften und arbeitet seither als freie Autorin. Für ihre Bücher und Texte erhielt sie mehrere Auszeichnungen. Hanna Reet lebt mit ihrer Familie in Berlin und holt sich so oft es geht eine Prise Wind und Meer an der Ostsee ab.

I


Jede Familie hat auf ihre Art Geheimnisse. Die Art der Fami-lie Christiansen bestand darin, Dinge nicht besonders gut voreinander geheim halten zu können. Zwar hatte sich Sonja alle Mühe gegeben, das Klirren der 20-cl-Fläschchen Sekt in ihrer Tasche mit Husten und Räuspern zu übertönen, trotzdem wunderte sich niemand, als sie die Überraschung auf dem gelben Planwagen endlich hervorzauberte. Die anderen Familienmitglieder hatten diese Überraschung schon vor vier Stunden im Regionalexpress erwartet. Genau genommen war Sonja keine Christiansen. Sie hatte nur einen von denen, nämlich Hermann Christiansen, vor mittlerweile fast vierzig Jahren geheiratet. Gut gelaunt, wie es ihre naturgegebene Art war, verteilte sie nun die sieben Piccolos. Ihren beiden Enkelkindern drückte sie jeweils eine Capri-Sonne in die Hand. Alle waren erleichtert, dass der Alkohol doch noch herausgerückt wurde. Immerhin war man bereits auf der In-sel angekommen und kurz vor dem Ziel. Das Ziel hieß Pen-sion Sanddornhütte. Hier sollte Agathe Christiansen, die vor zwei Wochen ein biblisches Alter von 90 Jahren errungen hatte, ihr Geburtstagsgeschenk erhalten oder besser: Hier, im Fami-lienurlaub, sollte ihr Geschenk stattfinden. Die Aufregung darüber versetzte den einen oder anderen Christiansen in eine alberne Stimmung. Sonja war während der Reise ständig ins Kichern geraten, und Hermann hatte mit theatralischen Gesten eine Familienanekdote nach der anderen zum Besten gegeben. Agathe wirkte derweil etwas verhalten. Argwöhnisch beobachtete sie das merkwürdige Benehmen ihrer Pappenheimer. Sie wusste ja noch nichts von ihrem Glück.

»Auf dich, Schwiegermama, und auf einen schönen Familienurlaub!« Feierlich erhob Sonja den Sekt in Richtung Agathe. Auch die anderen hoben beschwingt ihre Fläschchen und Capri-Sonnen. Dabei hatten sie Mühe, unter dem starken Ruckeln des Pferdewagens nichts zu verschütten. Ja, die Stimmung war heiter an diesem Spätnachmittag im Mai, das Lüftchen lau, der Blick weit. Links des Weges blühte der Ginster gelb. Auf der anderen Seite zirpten und zwitscherten in den Hagebutten- und Sanddornbüschen aufgeregt die Feldlerchen, als ginge es ihnen an den Kragen. Ein Leuchtturm auf einem Hügel weiter hinten knipste das Fernweh an. Agathe prostete in die Runde, bevor sie einen weiteren beeindruckenden Schluck nahm. Sie hielt sich nur zu gern an die Empfehlung ihres Arztes, auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Besonders jetzt im sehr fortgeschrittenen Alter war das ihrer Meinung nach überlebenswichtig. Nachdem sie das Fläschchen geleert hatte, lächelte sie ihr mittlerweile ziemlich zahnloses Lächeln und sagte: »Ein einwandfreies Oxymoron.«

»Oxywas?« Die elfjährige Tabea hatte offensichtlich beschlossen, ihrer Uroma die Schummelei beim Kartenspielen auf der Fähre endlich zu verzeihen und wieder mit ihr zu reden.

»Oxymoron«, wiederholte Agathe. »Das ist ein rhetorischer Widerspruch in sich.«

»Versteh nur Bahnhof.« Tabea kratzte an ihrem ersten Mückenstich des Jahres und schaute gedankenverloren zurück auf die Hinterteile der beiden Haflinger, die im gemächlichen Trott den Karren mit den Christiansens über den Sandweg zogen. Agathe ließ es sich nicht nehmen, die Sache genauer zu erläutern: »Schöner . Familienurlaub - ist eine Formulierung, bei der sich die Bedeutungen der Worte gegenseitig ausschließen. So was wie ein stummer Schrei.« Während ein paar Christiansens grinsten, stotterte Hermann empört: »Also Mutter, das ist jetzt . aber wirklich . wir haben bloß gedacht, dass du .«

»Wir werden es schon alle miteinander aushalten«, unterbrach seine Frau Sonja und klopfte ihrem Mann beruhigend auf den Oberschenkel. Sie war immer wieder erstaunt, wie sich ihr Hermann noch nach 65 Jahren derart schnell von seiner Mutter provozieren ließ. Vier Jahrzehnte lang hatte Hermann mit stoischer Ruhe Bomben entschärft, aber Agathes Sticheleien blieben für ihn hochexplosiv, da entschärfte sich gar nichts. Umso verwunderlicher scheint, dass sich Hermann bereit erklärt hatte, mit seiner Mutter vier ganze Tage lang in den Urlaub, und noch dazu auf eine recht übersichtliche Ostseeinsel, zu fahren. Natürlich hatte er nicht sofort »Juchhe« gerufen. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, fassungslos hatte er seinen Bruder Udo angesehen, als der seinen Vorschlag für das Geburtstagsgeschenk unterbreitete.

»Das mach ich nicht, niemals. Ich fahr doch mit der nicht mehr in den Urlaub, schon seit fünfundfünfzig Jahren nicht.«

Aber erstens war Udos Idee zu speziell, speziell im Sinn von genial, zweitens war Hermanns Gegenvorschlag, Friseurflatrate bis Lebensende, ziemlich uninspiriert, auch ein wenig popelig für einen 90. Geburtstag und somit keine echte Alternative gewesen, und drittens warteten Hermann und Sonja schon seit Monaten auf eine Gelegenheit, um ihre Mallorca-Sache mit der Familie besprechen zu können. Sie hofften, dass sich zwischen Meeresrauschen und Fischbrötchen endlich eine passende Gelegenheit dafür bieten würde.

»Brrrr!« Die Kutscherin lehnte sich mit den Zügeln in der Hand etwas zurück. Die Haflinger schnauften, und der Planwagen kam vor einem reetgedeckten Fachwerkwerkhaus zum Stehen; zweigeschossig mit Spitzdach, strahlend weiß verputzt, von nachtblauen Holzbalken durchzogen. »Sind da«, verkündete sie, womit sie ihre ersten beiden Worte gesprochen hatte. Selbst bei der Abfahrt am Hafen hatte sie den Namen der Pension, wo die Inselrundfahrt enden sollte, nur stumm nickend entgegengenommen. Schwerfällig kletterte sie von ihrer Bank, um den Fahrgästen beim Ausstieg behilflich zu sein. Als Erste griff Annika nach der ausgestreckten Kutscherinnenhand und stieg die vier Treppen am Ende des Planwagens hinab. Sogleich hatte sie eine Zigarette zwischen den Lippen und ließ ein Feuerzeug klicken.

»Ah!« Ein erstickender Schrei ertönte vom Pferdewagen. »Mama!« Schwer röchelnd hielt sich Tabea die Hände an die Gurgel, als bekäme sie keine Luft mehr. »Hilfe!« Gekonnt ließ sie sich an der Kutscherin vorbeifallen und landete auf dem Sandboden. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Timmy sprang hinterher. Über seine Schwester gebeugt, die kaum noch zu atmen schien, hob er den besorgten Blick und verkündete die traurige Diagnose: »Lungenkrebs!« Annika verdrehte die Augen und drückte die Zigarette an ihrer Schuhsohle aus. Ihre Kinder besaßen zweifellos Talent, übertrieben es nur manchmal mit ihren schauspielerischen Einlagen oder hatten nicht das nötige Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Als Nächstes stieg das steinalte Geburtstagskind vom Wagen. Agathe tat dabei hilfsbedürftiger, als sie war. Mit der einen Hand umklammerte sie fest den Unterarm der Kutscherin, mit der anderen stützte sie sich auf deren Schulter ab, um ihr dann ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, näher zu kommen. Am Ende lag sie für einen klitzekleinen Moment filmreif ganz in deren Armen. In Wirklichkeit konnte Agathe noch die Spitzengeschwindigkeit eines Wiesels erreichen, je nachdem, worum es ging. Sie schummelte eben gern, ob beim Kartenspielen oder was ihre körperlichen Beschwerden betraf. Von daher war es eigentlich auch kein Wunder, dass sie sich so lange durch's Leben geschummelt hatte.

Anschließend gingen ihre Söhne Hermann und Udo von Bord. Fehlten noch Udos Sohn Frank, Annikas Mann Thomas sowie Sonja. Da die sich für die leeren Sektflaschen verantwortlich fühlte, die unter die Bank gerollt waren, krabbelte sie auf allen vieren über den Wagen, um alle einzusammeln, bevor sie schließlich, wie ein Kapitän, als Letzte das Gefährt verließ. Ihr folgte das Gepäck, das die Kutscherin von oben hinunterreichte.

»Voilà!« Stolz stellte sich Udo, die Hände in die Hüften gestemmt, vor das postkartentaugliche Feriendomizil, als hätte er es soeben eigenhändig erschaffen. Ein Haus mit Geschich-te unterm Reet, worüber man in den nächsten Tagen sicherlich noch einiges erfahren würde. Udo hatte im Vorfeld etliche Male mit der Hausherrin telefoniert und dabei den Eindruck gewonnen, dass die nicht unbedingt dem Klischee der maulfaulen Norddeutschen entsprach, im...

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