Die zwei Leben der Florence Grace

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1507-2 (ISBN)
 

Der emotionsgeladene neue Roman der Bestsellerautorin von "Amy Snow"

Die Waise Florrie Buckley wächst wild und glücklich bei ihrer Großmutter in den weiten Mooren von Cornwall auf. Kurz vor dem Tod offenbart die alte Frau das Geheimnis ihrer wahren Herkunft: Florrie ist Teil der reichen Grace-Familie. Mit dem Umzug zu ihrer unbekannten Familie nach London, verändert sich ihr ganzes Leben. Fortan ist sie für alle nur noch Florence Grace. Doch in der großen Stadt bei der fremden Familie fühlt sie sich nicht willkommen. Als ihr vermeintlicher Cousin Turlington auf der Bildfläche erscheint, findet sie in ihm endlich einen Freund. Über die Jahre entwickeln sich zwischen den beiden leidenschaftliche Gefühle. Aber der charismatische Turlington hat dunkle Geheimnisse.

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 0,83 MB
978-3-8437-1507-2 (9783843715072)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tracy Rees studierte in Cambridge und hat acht Jahre in einem Sachbuchverlag gearbeitet. Ihr Debütroman "Die Reise der Amy Snow" wurde aus über tausend Einsendungen in einem Schreibwettbewerb als Gewinner ausgewählt. Sie lebt in South Wales, England.

KAPITEL EINS


Dieses verdammte Pony war wieder durchgegangen. Mit Sicherheit gab es in West Wivel Hundred kein Geschöpf, das hinterhältiger und widerspenstiger war. Wir hatten uns gerade mal eine halbe Stunde im Moor befunden, da blitzte vor uns eine Taube auf - ein dummes, erschrockenes Geschöpf vor einem anderen. Das Pony stürzte und verschwand unter mir, so dass ich der Länge nach im Schlamm landete. Von dort sah ich dann zu, wie sein haariges weißes Hinterteil in der Ferne verschwand.

»Feigling!«, schrie ich. »Das war doch nur eine Taube

Vom Meer her war plötzlich Nebel aufgestiegen. Auf Bergspitzen und in Senken, auf Pfad und Fels, gesundem Boden und dampfendem, stinkendem Sumpf lag derselbe milchige Schleier, in dem alles verschwamm. Man musste schon sehr unerschrocken oder töricht sein, um da noch weiterzugehen. Ich hielt mich selbst für keins von beidem, aber ich konnte es mir nicht erlauben, Zeit im Nebel zu vergeuden. Der konnte gleich wieder weg sein oder sich tagelang einnisten, und ich war ohnehin schon zu spät dran. Einen ganzen Tag, um ehrlich zu sein.

Ich hätte nicht mal mehr sagen können, warum ich die Nacht in Truro verbracht hatte. In letzter Zeit schien das Leben sich in eine tyrannische Abfolge irrationaler Impulse verwandelt zu haben, denen zu folgen ich genötigt war - und einer sich daraus ergebenden Reihe anstrengender Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. War es das, was das Frausein ausmachte? Wenn ja, dann wollte ich doch darum bitten, diese Ehre für mich noch ein paar Jahre hinauszuzögern.

Ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich den Weg nach Hause finden würde - die Moorlandschaft war meine Heimat auf eine Weise, die keiner verstehen konnte -, der Nebel jedoch war ein verdammtes Ärgernis, klamm und kalt und kriechend. Stephen würde sicherlich sagen, er hätte mich ja gewarnt. Abscheuliches Pony. Sollte es doch an einem Felsen abrutschen und sich den Hals brechen oder in einen Sumpf stolpern und im dicken schwarzen Schlamm ertrinken, diese flatterhafte Kreatur.

Wütend trottete ich dahin, dreizehn Jahre alt und sehr wohl wissend, dass ich im Unrecht war. Mir wäre es völlig gleichgültig gewesen, wie lange der Nebel mich hier draußen im Schlamm und bei den Moorgeistern festhielt, hätte ich nicht gewusst, dass Nan in Sorge war. Der gestrige Abend war der erste, den wir getrennt voneinander verbracht hatten, seit Da gestorben war.

Tags zuvor war ich mit Stephen und Hesta nach Truro gegangen, weil sich dort eine aufregende Gelegenheit bot - jedenfalls schien es uns so, jung und unerfahren, wie wir waren. Diese Gelegenheit hatte sich über eine denkbar unwahrscheinliche Quelle ergeben: meine alte Schulfeindin Trudy Penny.

Ausgerechnet sie hatte mir eine Nachricht geschickt! Ich glaube nicht, dass irgendein Bewohner unseres kleinen Weilers jemals zuvor einen Brief bekommen hatte. Er war auf weißem Papier verfasst und steckte in einem Umschlag mit wächsernem Siegel. Folgendes war zu lesen:

Florrie,

am kommenden fünften September feiern mein Onkel und meine Tante Mr und Mrs Beresford aus Truro ein Fest anlässlich der Verlobung ihres Sohnes. Aufgrund einiger Veränderungen im Haushalt sind sie knapp an Personal - ein schlechter Zeitpunkt, meint meine Tante, die beinahe den Verstand darüber verliert. Helfende Hände werden gebraucht, und da dachte ich mir, dass Du und Deine Freunde sich vielleicht ein wenig Geld verdienen möchten. Sie bezahlen jedem von Euch Sixpence für den Tag. Ihr würdet die Haushälterin in ihrem Haus in der Lemon Street unterstützen. Solltest Du Interesse daran haben, lass es mich bitte bis Ende der Woche wissen, dann werde ich ihnen sagen, dass Ihr kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Trudy

Ich wusste auf Anhieb, dass ich hingehen würde. Und das war keine meiner »Vorahnungen« - keine besondere Intuition hatte mich darauf vorbereitet -, es war einfach nur mein unbedingter Wunsch. Bis allerdings die Realität mit mir gleichzog, dauerte es etwas. Hesta und Stephen waren ihrem Gemüt nach nämlich alles andere als abenteuerlustig und bedurften großer Überredungskunst: Ich ließ mehrmals das Wort »Sixpence« fallen. Und Nan zu überzeugen, die außer mir nichts mehr auf der Welt hatte, erwies sich als noch schwieriger. Wieder sagte ich »Sixpence«. Geduldig argumentierte ich jede Sorge und jeden Zweifel weg, aber es genügt festzustellen, dass ich sie alle meinem Willen beugte. Wenn Starrköpfigkeit in einer Familie weitervererbt wird, dann wurde ich doppelt bedacht.

Ich ging davon aus, dass es sich dabei um ein vereinzeltes Abenteuer handelte. Hätte ich gewusst, was dieses edle Fest in Truro erahnen ließ, wäre ich womöglich ferngeblieben. Aber geändert hätte das letztendlich auch nichts.

Und so machten Hesta und ich uns auf dem Pony von Stephens Vater auf den Weg nach Truro, Stephen lief neben uns her. Ich hatte bereits ein paar Städte gesehen - ich war in Lostwithiel und Fowey gewesen -, aber mit solcher Eleganz und einem solchen Reichtum hatte ich nicht gerechnet. So etwas wie der Lemon Street in Truro war ich bisher noch nie begegnet. Sie war gepflastert und breit und es gab keinen Schmutz. Pferde und Karren und sogar Kutschen rumpelten auf und ab. Vornehme Leute spazierten entlang, lächelten einander zu und sagten »Guten Tag«. Es war ein angenehmer sonniger Spätsommernachmittag, als hätte sich sogar das Wetter in anmutiger Absicht angepasst.

Die Häuser waren aus grauem Stein und standen so dicht nebeneinander, als klebten sie zusammen. Kein Sturm würde sie wegwehen können. Ihre Bewohner müssten sich niemals besorgt fragen, ob das Dach bei heftigem Regen dichthielt. Wir verharrten zu dritt mitten auf der Straße und glotzten, bis uns eine Kutsche beinahe umgefahren hätte. Stephen zog uns auf das Trottoir, etwas, das wir vorher noch nie gesehen hatten, und wir fanden uns vor einem prächtigen Haus wieder. Es zu betreten kam uns unglaublich wagemutig vor.

»Ist Trudy Penny sich da auch ganz sicher?«, wollte Hesta wissen. »Spielt sie dir nicht etwa einen bösen Streich? Vielleicht wirft man uns ja gleich wieder raus und wir sind heute Abend wieder daheim in Braggenstones.«

»Also wir können nicht den ganzen Tag hier stehen bleiben«, sagte ich, löste meine Arme aus denen meiner Freunde, stieg die Stufen hinauf und griff nach dem Löwenkopftürklopfer. Natürlich hätten wir zum Hintereingang gehen sollen, aber was wussten wir schon - wir hatten keine Erfahrung mit Häusern, die so groß waren, dass sie zwei Eingänge benötigten.

Man führte uns in die Küche und sagte uns, was zu tun war. Alle waren recht freundlich, und ich glaube, die Haushälterin war derart aufgeregt, dass sie in uns nicht so sehr schmutzige, unerfahrene Kinder vom Land, sondern eher rettende Engel sah.

Die folgenden Stunden jagte ein Befehl den anderen, und es blieb nichts anderes übrig, als darauf zu reagieren. Wäre dies mein Leben und ich Bedienstete in einem solchen Haus gewesen, hätte ich es wohl nicht ertragen, diesen endlosen Anweisungen nachzukommen. Aber als Ausnahme, weil alles so neu und lebendig und anders war, flitzte ich mit strahlenden Augen und endloser Energie hin und her und verdiente mir damit mehr als nur ein paar Worte des Lobs. Von Zeit zu Zeit erhaschte ich einen Blick auf Hesta. Ihr prächtiges weißblondes Haar war im Nacken zusammengebunden und der Ausdruck ihres winzigen Gesichts war resigniert und elend. Aber sie bekam schließlich auch zu Hause genügend Befehle. Stephen sah ich nur einmal kurz und er machte einen verwirrten Eindruck.

Aber ich war glücklich. Es war eine neue Herausforderung, und ich kam damit gut zurecht. Ich half und bewirkte etwas. Ich war davon ausgegangen, dass ich mich einsam fühlen oder Heimweh haben würde, weil ich so weit weg von allem war, das ich kannte, aber es gefiel mir, eine neue Florrie zu sein, eine Florrie, die Neues anpacken und aufblühen konnte. Und als die Haushälterin ihren Kopf durch die Tür steckte, um zu verkünden, dass die Gäste eintrudelten, ging ein erregtes Murmeln durch die Bediensteten.

Plötzlich tauchten alle ihre Hände in einen Wassereimer, um sich die geröteten Wangen abzukühlen und die vom Schweiß feuchten Haarsträhnen unter Kappen und Tücher zu schieben. Schürzen wurden abgelegt und Röcke glattgestrichen. Dann durften sich immer zwei bis drei gleichzeitig in »die Nische« schleichen, einen versteckten Platz, von wo aus man zusehen konnte, wie die vornehmen Leute zum Ball eintrafen.

»Komm, Florrie, jetzt sind wir dran«, sagte nach einer Weile eins der Küchenmädchen.

»Ich?« Ich war ganz aus dem Häuschen. Ich war davon ausgegangen, dass eine solche Gefälligkeit nur den regulären Bediensteten des Hauses zuteilwurde. Ich folgte Vera durch einen Korridor und dann über eine kleine Treppenflucht zu einer Seitentüre des großen Esszimmers. Dieses verfügte über eine Art Vorraum, vom Zimmer durch einen schweren, dicken Vorhang aus pflaumenfarbenem Samt abgetrennt, worin auf einem ausladenden Tisch eine zusätzliche Schüssel mit Punsch, Kristallgläser, Porzellanteller und anderes bereitstand, was für die Gäste rasch würde ausgetauscht werden müssen. Wir quetschten uns in dieses Versteck und steckten unsere Nasen durch den Vorhang, hinter dem eine Welt aus Farbe und Licht lag.

Wie gebannt beobachtete ich die sich verneigenden Herren, die funkelnden Damen. Meine Augen weideten sich an Kleidern in Rosa, Pfirsich und Elfenbein. So etwas hatte ich noch nie gesehen, selbst die hübschen pastellfarbenen Kleider meiner Lehrerin waren im Vergleich dazu schlicht. Wie gern hätte ich...

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