Von Gabriel bis Luzifer

Eine Kulturgeschichte der Engel
 
 
Lambert Schneider in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. November 2017
  • |
  • 344 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-650-40207-3 (ISBN)
 
Die Engel scheinen tatsächlich unsterblich zu sein. Auf Engel treffen wir schon im biblischen Buch Genesis - und noch in Wim Wenders' >Himmel über Berlin<. Engel begegnen uns als Metaphern, aber bis heute auch als geglaubte und subjektiv erlebte Wirklichkeit. Immer wieder berichten Menschen von Engeln, die ihrer Wahrnehmung nach ihren Weg gekreuzt und ihnen zur Seite gestanden haben. In ihrem spannenden Buch führt Valery Rees uns in die Welt der Engel ein. Sie macht uns bekannt mit den himmlischen Heerscharen, den Engelsboten und Schutzengeln, aber auch mit Lucifer und Co. - den gefallenen Engeln, die ihren Platz im Schattenreich des Teufels haben. Der souveräne und weite Blick auf das Thema ermöglicht es Rees, ein faszinierendes Gesamtbild von den Engelsvorstellungen in den großen Kulturen und Religionen zu entwerfen; dabei stellt sich heraus, dass die Welt der Engel in den antiken Hochkulturen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam verblüffende Gemeinsamkeiten aufweist.
  • Deutsch
  • Darmstadt
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  • Deutschland
  • 8
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  • 13 Abbildungen, 8 s/w Abbildungen
  • 7,04 MB
978-3-650-40207-3 (9783650402073)
3650402076 (3650402076)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Valery Rees ist Senior Member am Language Department der School of Economic Science in London und Renaissance-Expertin.
  • Intro
  • [Impressum]
  • [Menü]
  • Danksagungen
  • Einleitung
  • 1 Engel - universell und archetypisch
  • 2 Der Raum zwischen Erde und Himmel
  • Engel in der Wüste Judäas
  • Gnostische Engel
  • Neuplatonische Dämonen
  • Die himmlische Hierarchie
  • Ficinos Engel
  • Engel und Menschen
  • 3 Engel und Dämonen
  • Angelologie
  • Engel in der Reformation
  • Engel im 19. Jahrhundert
  • Dämonen
  • Weitere Engel
  • 4 Flügel oder keine Flügel? Engel als Boten
  • 5 Die großen Beschützer
  • Ursprünge der Cherubim
  • Cherubim in der Bibel
  • Cherubim nach der Bibel
  • 6 Immerwährender Lobgesang
  • 7 Der Wagen und der Thron
  • 8 Engel und Erzengel
  • Michael
  • Gabriel
  • Rafael
  • Der vierte Erzengel
  • 9 Führende Engel in der kommenden Welt
  • 10 Führende Engel in dieser Welt
  • Heilkräfte der Schutzengel
  • Sonstige Eingriffe
  • 11 Gefallene Engel
  • 12 Engel der Vergeltung und der Erlösung
  • Erlösung
  • Epilog
  • Anmerkungen
  • Bibliografie
  • Abbildungsverzeichnis
  • Index
  • [Informationen zum Buch]
  • [Informationen zur Autorin]

KAPITEL 2


Der Raum zwischen Erde und Himmel


Ein Mann muss wissen und verstehen, dass alles von der Erde bis zum Firmament voll ist (und kein Raum leer) mit Heerscharen von Geistern und ihren Anführern, die alle ihr Reich haben und auf und ab fliegen durch die Lüfte; einige von ihnen stiften Frieden, andere stiften Krieg; einige verleiten uns zu Güte und Leben, andere zu Verderben und Tod.

(George Hamond, Eine vorsichtige Untersuchung)1

Da Engel Boten, Wächter, Beschützer und Bringer von Erlösung oder Zerstörung sein können, ist es kein Wunder, dass sie überall zu sein scheinen. Doch wie passen sie ins größere Bild, in den Kosmos als Ganzes?

Wenn Gott als Herr der Heerscharen bezeichnet wird, können wir ihn uns leicht als von einem Heer von Engeln umgeben vorstellen. Manche Theologen haben gesagt, dass der Titel "Herr der Heerscharen" sich ursprünglich auf einen frühen semitischen Mondgott bezogen habe, dessen Heerscharen die den klaren Nachthimmel ausfüllenden Sterne seien. Andere haben diese himmlischen Heerscharen als Beleg für einen Wechsel von polytheistischem zu monotheistischem Denken in der Antike betrachtet. All die antiken Quellen scheinen sich über ihre Allgegenwärtigkeit einig zu sein. Wie Milton schreibt:

Um seinen Wagen wallten sonder Zahl

Seraphs und Cherubs, Himmelsmächt' und Fürsten,

Beschwingte Geister und beschwingte Wagen

Aus Gottes Waffensaal, wo schon seit ewig

Myriaden zwischen ehernen Bergen stehn,

Geschirrt, als himmlisches Geräth geschmückt,

An feierlichen Tagen Gott zu dienen.

(John Milton, Paradise Lost, VII, 197-203)2

Der Raum zwischen Erde und Himmel ist mit Heerscharen von Engeln angefüllt, die bereit sind, ihre Befehle auszuführen. Ob dieses Heer militärisch ist, aus dienstbaren Engeln besteht oder ein riesiger Chor, hat von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort variiert. Doch den meisten antiken Quellen nach sind die Engel unzählige, sodass jeder Grashalm einen eigenen Engel besitzt, der ihn wachsen lässt.3

Engel in der Wüste Judäas


In der Qumrangemeinde, die zur Spätzeit des zweiten Tempels (ca. 250 v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.) in der jüdischen Wüste lebte, spiegelten die Handlungen der Engel diejenigen der Gläubigen wider. In den Schriftrollen vom Toten Meer spielen vor allem in den Liedern des Sabbatopfers Engel eine besondere Rolle sowie in der Kriegsrolle. Letztere beschreibt einen 40 Jahre andauernden Krieg zwischen den Söhnen des Lichts und den Söhnen der Finsternis, in dem auf beiden Seiten Verstärkung in Gestalt von Engeln und Dämonen in den Konflikt eingreifen.4 Für die Verfasser des Qumran bildeten Himmel und Erde eine Einheit. Krieg auf Erden brachte notwendig auch Krieg im Himmel mit sich. Genauso würden die rituellen Zyklen des Tempels auf der Erde, wenn sie mit der nötigen Ordnung und Aufsicht eingehalten würden, exakt die zyklischen Bewegungen der Himmelskörper reflektieren, dessen überirdische Priester die Engel waren. Den Kalender zu beachten, war folglich lebensnotwendig, aber es war auch ein Politikum. Nachdem Antiochus IV. Epiphanes 167 v. Chr. Jerusalem erobert hatte, verhängte er einen Mondkalender über das Land. Die Priester sahen darin eine Missachtung der auf den natürlichen Gesetzen der Astronomie und dem Sonnenkalender beruhenden Traditionen, und so ersetzte Antiochus sie durch eine andere Priesterschaft.5 Wenn die Lieder des Sabbatopfers, wie manche glauben, aus dem alten Priestertum stammen, ist es kein Wunder, dass ein himmlischer Tempel, der mit Engeln überfüllt ist und dessen Konstruktion auf einem System von Wochen und Siebenen beruht, solch eine bedeutende Rolle in der Liturgie und den Feierlichkeiten spielt. Die bedrängten Priester der alten Schule hätten jeden Grund gehabt, in ihrem Kampf gegen religiöse Veränderungen um himmlischen Beistand zu bitten. Nachdem sie vom Opferkult abgelassen hatten, sei es durch Verbannung oder weil sie ihn nunmehr für entweiht hielten, sahen sie sich genötigt, auch auf materielle Ressourcen wie Einnahmen durch Tempelzins und Opfergaben zu verzichten. Die Wüstengemeinde in Qumran fand einen Weg, weiterhin am Opferkult des himmlischen Tempels teilzunehmen. Die Frage, ob die Lieder des Sabbatopfers nun das Werk sadduzäischer Priester sind oder nicht, ist nach wie vor Gegenstand einer kontrovers geführten Debatte.6 Die Lieder selbst erzählen in ihrer erhabenen, poetischen Sprache von der Erfahrung des himmlischen Tempels mit seinen Toren, Portalen, Vestibülen und architektonischen Einzelheiten auf Grundlage der Beschreibungen des Buches Ezechiel 40-48 und machen keinen Hehl aus ihrer geistigen Nähe zu den Engeln.7 Dies hat vermutlich einen neuen Aufbruch verursacht, vielleicht sogar einen, der von der Absicht geleitet war, zum Sabbatdienst mit den Engeln in ihren Lobpreis einzustimmen - was bis heute im traditionellen Judentum und Christentum immer noch üblich ist. Das jüdische Gebet Keduscha, wie wir es heute kennen, wie auch sein späteres christliches Gegenstück Trisagion, ist vermutlich auf die späte tannaitische Zeit gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. zurückzudatieren. Zu dieser Zeit war die Qumrangemeinde längst nicht mehr so aktiv wie vorher. Ihre Ursprünge sind noch unentdeckt, aber wir werden ihre Bedeutung später in Kapitel 6 behandeln.8

Obwohl die Lieder des Sabbatopfers keinen genauen Wortlaut vorgeben, mit dem die Engel Lobpreis singen, sind sie dennoch unter dem Namen "Engelsliturgie" bekannt. Tatsächlich gibt es berechtigte Zweifel daran, ob Engel überhaupt Laute von sich geben. Wenn wir uns verschiedene Beschreibungen des Rauschens ihrer Schwingen, des Wassers, das sie zum Tosen bringen, und ihres lauten Lobgesanges näher ansehen, entdecken wir einen entscheidenden Widerspruch:

Die Cherubim fallen vor ihm nieder und erheben sich. Da sie sich erheben, erklingt das Geräusch göttlicher Stille, und es bricht rauschender Jubel aus und ihre Flügel erheben sich, der Klang göttlicher Stille. Das Bildnis des Wagenthrones segnen sie [.] [und den Glanz] des leuchtenden Firmaments besingen sie [.]

Der Klang des Segens klingt im Rauschen ihrer Bewegungen nach. Und sie loben seine Heiligkeit, während sie auf ihre Pfade zurückkehren. Und wenn sie aufsteigen, steigen sie herrlich auf, und wenn sie stehen bleiben, stehen sie still. Das Geräusch glücklichen Frohlockens verstummt, und es gibt eine Stille göttlichen Segens im gesamten Lager der gottähnlichen Wesen.

(Lieder des Sabbatopfers, 4Q405)9

Obwohl an dieser Stelle das hebräische Wort kol (eine Stimme) verwendet wird, ist ihr Geräusch eines der Stille.

Für die Menschen, die in den Lobpreis der Engel einstimmen möchten, gibt es einen Zyklus von Hymnen für jeden der dreizehn Sabbate des Vierteljahres. Die Struktur der Hymnen ist so angelegt, dass die Singenden eine fortschreitende Läuterung und Teilhabe erfahren. Im Lobgesang wird Gottes Herrlichkeit gepriesen, bis sowohl die himmlische als auch die irdische Struktur des Tempels in Lobpreis erschallen. Kalendervorschriften sind im Judentum wichtig, und die Zahl Sieben rekurriert mit unermüdlicher Regelmäßigkeit; sie gilt als heilige Zahl, als Zahl der Priesterschaft der Engel, als Zahl der bekannten Planeten, als Zahl der Schöpfungstage; sie liegt in der Mitte, wenn man bis Dreizehn zählt, steht für die Anzahl der Wochen in einem Jahresviertel.10 Die folgende Passage stammt aus dem Lied für den siebten Sabbat, den Mittelpunkt des vierteljährlichen Sonnenzyklus; er fällt auf den sechzehnten Tag eines dreißigtägigen Monats und ist somit zugleich die Mitte des Mondzyklus:

Lobet den Gott der luftigen Höhen,

O Ihr Höchsten unter all den Elim des Wissens.

Lasset den Heiligsten der Gottähnlichen,

Den König der Herrlichkeit heiligen, der mit seiner Heiligkeit all

seine Heiligen heiligt.

O Ihr Anführer der Lobpreisungen aller göttlichen Wesen,

Lobet den wunderbar rühmenswerten Gott.

Denn im Glanze des Lobes ist die Herrlichkeit seines Reiches.

Aus ihm kommt der Lobpreis aller Gottähnlichen,

Gemeinsam mit dem Glanze seiner Pracht.

Und seinen Ruhm in den ruhmvollen Himmel rühmen

Müsst Ihr, Göttlichste der höchsten Elim,

Und seine glorreiche Göttlichkeit über alle luftige Höhen.

Denn er ist der Gott der Götter, aller Anführer in den Höhen des

Himmels

Und König der Könige in allen ewigen Räten.

Durch seine Weisheit

Und die Worte seines Mundes

Kommen alle hohen Engel in das Sein;

Durch das Sprechen seiner Lippen all die ewigen Geister;

Durch den Willen seiner Weisheit handeln all seine Kreaturen.

(Lieder des Sabbatopfers, Hymne 4Q403, V. 30-35)11

Das Vortragen dieser Lieder ist für die Singenden eine...

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