Rache

Storys
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. März 2015
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7784-4 (ISBN)
 
»Rache« spürt den Momenten nach, in denen Menschen nicht mehr weiter wissen, in denen unterdrückte Wut sich Bahn bricht und in Radikalität und Gewalt umschlägt: Der Jobcenter-Mitarbeiter, der gegenüber seinem Kunden die Beherrschung und danach Arbeit und Frau verliert, der Lokalreporter, der während einer Recherche im sozialen Randgebiet in einen Ehrenmord verwickelt wird, das junge Weltverbesserer-Pärchen in Berlin, das beim Anzünden eines Autos an den völlig Falschen gerät .Wie schon im hochgelobten Erzählungsband »Trieb« gelingt es Rausch, auf knappstem Raum menschliche Abgründe auszuloten, seinen Figuren hautnah zu folgen und ihre vielfältigen Beschädigungen spürbar zu machen. Aus den unterschiedlichsten Ecken der Republik, von den Rändern der Gesellschaft bis hinein in ihre Mitte - zwölf intensive Geschichten, sprachlich präzise und aufs Wesentliche reduziert, öffnen den Blick für die Grenzbereiche von Schwarz und Weiß, Schuld und Unschuld und zeigen, dass das Pendel schneller hin und her geht, als man denkt.
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,96 MB
978-3-8270-7784-4 (9783827077844)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jochen Rausch ist Autor, Journalist, Musiker. Der Grimmepreisträger veröffentlichte den Erzählungsband »Trieb« (2011), den Roman »Krieg« (2013, verfilmt von Rick Ostermann und vorgestellt beim Internationalen Film-Festival in Venedig 2017) sowie »Rache« (2015) und »Im Taxi. Eine Deutschlandreise« (2017) im Berlin Verlag und ist beim WDR Chef mehrerer Radioprogramme, u.a. 1LIVE und WDR2. Jochen Rausch lebt in Wuppertal.

DEINE ANTONIA

(Duisburg)

Antje Nuber, geb. Rettkowski, Tochter

Papa war ganz schön streng. Streng und trotzdem lieb. In einem Moment konnte er furchtbar böse werden, und im nächsten war ich schon wieder sein Engelchen. Ja, so hat er mich genannt, Engelchen. Und Matti war sein Bengelchen. Engelchen und Bengelchen. Matti war mein Zwillingsbruder. In Wirklichkeit hieß er Mathias.

Matti und ich wussten vorher nie, ob Papa gerade seine strenge oder seine liebe Phase hatte. Da wohnten halt zwei Seelen in seiner Brust. Er wurde noch im Zweiten Weltkrieg geboren, in Breslau. Ich war da nie. Das heißt jetzt anders, Wroclaw oder so ähnlich, und gehört zu Polen. Zu seinem Sechzigsten habe ich meinen Eltern eine Reise dahin geschenkt, weil ich dachte, vielleicht will er seine Heimat mal wiedersehen. »Lieb gemeint von dir«, hat er gesagt, »aber nach Polen kriegen mich keine zehn Pferde.« Seine Eltern wurden ausgebombt, und meine Oma musste mit ihrem Sohn auf dem Arm zu Fuß in den Westen flüchten. Meine Oma haben wir übrigens nie kennengelernt und unseren Opa auch nicht. Der war Soldat und wurde drei Tage vor Kriegsende in Berlin erschossen. Das wissen wir aber alles nur von unserer Mutter. Wenn wir Papa nach Oma und Opa fragten, dann hieß es: »Eure Großeltern sind oben im Himmel und sehen alles, was ihr tut.«

Papa hat nie viel geredet, schon gar nicht, wenn es um Trauriges ging. Vielleicht dachte er, wenn er nicht drüber redet, gibt es das Traurige gar nicht. Unsere Oma hat sich dann mit ihm bis nach Oberhausen durchgeschlagen. Sie hat genäht und gebügelt für die besseren Leute. »Vom Wirtschaftswunder haben wir nichts gemerkt«, hat Papa mal gesagt. Als sie starb, war Papa mit siebzehn mutterseelenallein auf der Welt. Wer weiß, wenn er all die schrecklichen Sachen nicht erlebt hätte, vielleicht wär dann ein ganz anderer Mensch aus ihm geworden. Und vielleicht wäre das alles nicht passiert.

Christine Schmidt, Nachbarin

Alle hier in der Kurt-Schumacher-Siedlung haben sich ihr Häuschen vom Mund abgespart. Hier wohnen keine Reichen, aber auch keine Asozialen. Die Häuser sind hundertzehn Quadratmeter groß, Keller und Dachboden nicht mitgerechnet. Ich weiß, es gibt Etagenwohnungen, die sind größer, aber wir wollten lieber ein eigenes Haus mit Garten. Mein Mann und ich haben zwei Kinder, genau wie die Rettkowskis. Als unsere beiden noch kleiner waren, haben die oft mit Antje und Matti gespielt. Und wir Erwachsenen haben uns auch gut verstanden, so gut sogar, dass wir den Zaun zwischen unseren Gärten weggemacht haben. Im Nachhinein glaube ich, dass Hubert das gar nicht so recht war mit dem Zaun. Unsere Männer waren ja grundverschieden. Mein Karl-Heinz ist Rheinländer. Einmal Kölner, immer Kölner, sagt er. Und Hubert kam ja aus dem tiefsten Osten, aus Schlesien. Der war ein Vertriebener. »Die gehen doch zum Lachen in den Keller«, hat Karl-Heinz gesagt. Na ja, man muss aber auch bedenken, was der Hubert alles durchgemacht hat. War doch klar, dass der das Leben nicht so leicht nahm. Vor allem wegen der Sache mit Matti. Ganz früher, als noch alles gut war, haben wir jedes Jahr Karneval gefeiert, gleich hier im Wohnzimmer. Karl-Heinz hat doch sein Köln so vermisst. Aber den Hubert, bei dem konnten wir bitten und betteln, glauben Sie nicht, der hätte mal mitgefeiert. »Nee, das ist nichts für mich, so auf Kommando lustig sein«, hat er gesagt.

Antje Nuber, geb. Rettkowski, Tochter

Unsere Mutter hatte es nicht leicht mit Papa. Aber nie hat sie sich beklagt, nie war da ein böses Wort. Und dabei hatte sie doch denselben Kummer wegen Matti wie er. Wenn man Papa so sah, dachte man, was für ein netter knuffiger Mann, so klein mit Glatze und Bäuchlein, er sah ja irgendwie lustig aus. Ein bisschen wie das Michelin-Männchen aus der Werbung. Kennen Sie das? Aber das war nur Tarnung, meistens hatte er nämlich schlechte Laune. Und immer, wenn die Stimmung schlecht war, hat unsere Mutter vor sich hin gesummt. Sie musste ganz schön oft summen. Mal abgesehen von seinen Launen war das Schlimmste an Papa sein Geiz. Das kam natürlich auch von der Armut, die er erlebt hat. Wenn im Flur Licht brannte und Mutter, Matti und ich im Wohnzimmer vor dem Fernseher saßen, konnte Papa fuchsteufelswild werden. »Für wen brennt das Licht im Flur, für den Heiligen Geist, oder was?«, sagte er dann.

Noch schlimmer war das mit dem Pipimachen. Das glaubt mir keiner, wenn ich's erzähle, aber wir durften nach dem Pipimachen nicht abziehen. Das sei Wasserverschwendung. Mir war das furchtbar peinlich. Nie hab ich Kinder nach Hause eingeladen, weil ich nicht wollte, dass die auf dem Schulhof erzählten, dass man bei den Rettkowskis auf der Toilette nicht abziehen darf. Man weiß doch, wie gemein Kinder sein können. Als ich dann in die Pubertät kam, habe ich morgens immer gewartet, bis er aus dem Haus war, bevor ich aufs Klo bin, nur damit ich abziehen konnte.

Christine Schmidt, Nachbarin

Das mit Matti ist in diesem Sommer genau dreiunddreißig Jahre her. Mein Leben hier in der Kurt-Schumacher-Siedlung teile ich immer noch in die Zeit vor und die Zeit nach Matti ein. Mein Gott, das war hart. Wir waren ja alle noch jung. Jeder hier hat mitgelitten mit den Rettkowskis. Jeder hatte doch Kinder, jeder wusste doch, wie sich das anfühlte.

Hubert hat nie wieder Mattis Namen erwähnt. Als hätte es den Sohn nie gegeben, als sei die Antje ein Einzelkind. Soviel wir wissen, war Hubert auch nicht ein einziges Mal auf dem Friedhof, während die Hilde fast jeden Tag dort war. Nun ja, jeder trauert auf seine Weise. Aber das Leben musste weitergehen. Das Hildchen war eine so tapfere Frau. Trotz des Kummers hat die nie ihren Lebensmut verloren. Wir Frauen haben uns übrigens besser verstanden als unsere Männer. Meine Güte, stundenlang haben das Hildchen und ich auf der Terrasse gesessen, mal bei den Rettkowskis, mal bei uns, und haben geredet über Gott und die Welt. Uns gingen die Themen nie aus. Natürlich hat das Hildchen auch schon mal dieses oder jenes von Hubert erzählt und auch schon mal ein paar Tränen vergossen, weil er so stur war und so sparsam. Aber ich hatte ja auch mein Päckchen zu tragen, das Leben mit einer Frohnatur wie Karl-Heinz ist auch nicht immer nur lustig. Ja, und dann stand vor drei Jahren Huberts Pensionierung an. Das Hildchen hatte richtig Bammel davor. »Christl, ich weiß nicht, ob hundertzehn Quadratmeter für Hubert und mich ausreichen«, hat sie gesagt. Wir haben noch herzlich gelacht darüber. Wer konnte denn ahnen, dass sie da schon den Krebs in den Knochen hatte, sie wusste es ja selber nicht. Vier Monate später war sie tot. Das arme Mädchen. »Der Hilde war es zu eng mit dem Hubert, die wohnt jetzt im Himmel«, hab ich zu meinem Mann gesagt. Und dann haben wir beide geweint.

Reinhard Spinnler, Beamter im Ruhestand

Uns Beamten sagt man ja gerne was Pedantisches nach. Und wissen Sie was: Es stimmt. Man muss schon Spaß an der Ordnung haben, sonst kann man den Beruf gar nicht machen. Hubert Rettkowski war allerdings die Steigerung von pedantisch. Da hab sogar ich manchmal die Augenbrauen hochgezogen, wie Hubert die Leute rangenommen hat. Wir haben ja siebenundzwanzig Jahre lang Schreibtisch an Schreibtisch in der Zulassungsstelle gesessen. Einmal hat Hubert einen weggeschickt, das war so ein Hippie. Der sollte sich erst mal beim TÜV den Spoiler an seiner Karre genehmigen lassen, sonst würde er keine Zulassung kriegen. Kann man verlangen, muss man aber nicht. Und dann kam der Hippie fünf Minuten später rein und knallte Hubert den Spoiler auf den Schreibtisch. »Da hast du deinen Spoiler«, hat er gebrüllt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass Hubert den Typen wegen Beamtenbeleidigung und Sachbeschädigung angezeigt hat. »Von so einem lass ich mich doch nicht duzen und mir dann auch noch den Schreibtisch zerkratzen«, hat er gesagt.

Manchmal lag auch ein Geldschein zwischen den Papieren, den Gebrauchtwagenhändlern ging das oft nicht schnell genug bei uns. Und was machte Hubert Rettkowski? Zeigte die Händler wegen versuchter Beamtenbestechung an. Das Ende vom Lied: Keiner konnte den Herbert leiden, die Kollegen nicht und die Gebrauchtwagenhändler auch nicht. »Vor dem Gesetz sind alle gleich«, hat Hubert gesagt. »Auch die Gebrauchtwagenhändler.« - »Amen«, hab ich nur gesagt. Trotz allem mochte ich ihn wirklich gern. Er war im Grunde ja ein lieber Mensch, der keiner Fliege was zuleide tat. Na ja, bis auf seinen Gerechtigkeitsfimmel eben. Und der ist ihm ja jetzt auch tatsächlich zum Verhängnis geworden.

Antje Nuber, geb. Rettkowski, Tochter

An Weihnachten vor seiner Pensionierung hat Papa zu Mutter gesagt: »Hilde, wenn ich pensioniert bin, fängt das schöne Leben an. Dann fahren wir nach Schweden und nach Sylt, wir pilgern nach Lourdes oder sehen uns mal im Tessin um.« Ich hab kein Wort davon geglaubt. Bloß gedacht, Herr im Himmel, was soll der Papa nur anfangen, wenn er nicht mehr aufs Amt darf? Er hatte doch keine Freunde und auch keine Hobbys. Und beim Fernsehen schlief er noch vor dem heute journal ein. Kein Wunder, dass Mutter Bammel davor hatte, ihn den ganzen Tag zu Hause zu haben. Ja, und dann? Dann war er vier Monate in Pension und Mutter tot. Vielleicht hätte das mit den Prozessen gar nicht angefangen, wäre Mutter nicht gestorben. Vielleicht hätten die beiden ja wirklich all die Reisen unternommen. Das wäre für alle besser gewesen.

Reinhard Spinnler, Beamter im Ruhestand

In den ersten Wochen nach der Pensionierung haben Hubert und ich immer um zehn telefoniert. Das war unsere Zeit, da hatten wir im Amt auch immer unsere Frühstückspause. Als Huberts Frau so sechs, acht...

»Lange aufgestaute Wut, Demütigungen, Entwürdigung oder Ohnmacht schüren in den Kriminalgeschichten von Jochen Rausch das Feuer der Rache. Die elf Storys überzeugen durch ihre unheimlich realistischen Geschichten.«, Freiburger Nachrichten, Silvia Häcki, 02.11.2015
 
»In elf Geschichten schreibt der ehemalige Lokal- und Gerichtsreporter Jochen Rausch über Menschen, bei denen die Wut überkocht und in Gewalt ausartet.«, zukunftsinitiative-eifel.de, 01.10.2015
 
»Jochen Rausch gelingt es in 'Rache', sachlich und ohne falsche Emotionen raue, auf das Wesentliche reduzierte Geschichten von Menschen zu erzälen, die mal mehr, mal weniger plötzlich von dem Wunsch nach Vergeltung übermannt werden. «, euregio-aachen.de, 19.09.2015
 
»Zwölf intensive Geschichten, aus den unterschiedlichsten Ecken der Republik, von den Rändern der Gesellschaft bis hinein in ihre Mitte, sprachlich präzise und aufs Wesentliche reduziert, öffnen den Blick für die Grenzbereiche zwischen Schwarz und Weiß, Schuld und Unschuld.«, Stadtzauber Kulturmagazin, 01.09.2015
 
»Jochen Rausch schreibt ganz sachte, beinahe schon beiläufig könnte man das nennen. Es gibt keine strahlenden, sprachgewaltigen Formulierungen, aber gerade weil sie fehlen, sind seine Beobachtungen so genau, er schafft mit leisen Worten mächtige Bilder.«, WDR 5 "Bücher", Christine Westermann, 27.06.2015
 
»In seinem neuen Erzählband versammelt der deutsche Autor Jochen Rausch elf Kurzgeschichten, die sozialen Abgründe des heutigen Deutschland ausloten. Seine Texte spüren subjektive Erfahrungen von Gerechtigkeit und Kränkung nach, die den Protagonisten nur eine Wahl lassen: Rache.«, buecherrezension.com, 02.05.2015
 
»Jeder in ihrer Umgebung könnte gleich zum Messer greifen, um es ihnen in den Rücken zu stoßen. Wissen Sie es denn? Mit 'Rache' hat Jochen Rausch elf eiskalte Miniatur-Thriller geschrieben, die diese Gefahr in wenige präzise Worte fasst.«, kultur Spiegel, Marianne Wellershoff, 01.05.2015

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