Die Liebhaber

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22620-6 (ISBN)
 
Die 40-jährige Torunn Neshov hatte bisher wenig Glück in der Liebe, und auch beruflich lief es nicht wirklich rund. Doch als die ehemalige Tierpflegerin sich entscheidet, den langsam verfallenden Bauernhof ihrer Familie zu übernehmen und in das dümpelnde Bestattungsunternehmen ihres Onkels einzusteigen, nimmt ihr Leben Fahrt auf. Sie mistet gründlich aus und zwar in jeder Hinsicht. Das gefällt nicht jedem. Aber Torunn ist hartnäckig und hat ein Händchen für schwierige Fälle, auch wenn es um die Liebe geht ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,01 MB
978-3-641-22620-6 (9783641226206)
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Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren Romanen »Das Lügenhaus«, »Einsiedlerkrebse« und »Hitzewelle« gelang ihr einer der größten norwegischen Bucherfolge aller Zeiten. Nachdem Anne B. Ragde zunächst angekündigt hatte, die Lügenhaus-Serie nicht weiterzuschreiben, erschienen mit "Sonntags in Trondheim" und "Die Liebhaber" die Fortsetzungen der auch in Deutschland gefeierten Buchserie.

Das mit Astrid ist ja doch verdammt schnell gegangen«, sagte Olaug, dann biss sie eine Ecke von ihrem Gurken-Mayonnaise-Sandwich ab und kaute mit offenem Mund weiter. Sie hatte noch ihre eigenen Zähne, auch wenn die alles andere als ansehnlich waren.

Olaug, das war die mit den schütteren Haaren, die eigentlich fast kahlköpfig wirkte. Man konnte zwischen den Büscheln aus starrem grauem Haar ihre Kopfhaut sehen, die blank und gelblich glänzte. Olaug trug immer dieselben Silberstecker in den Ohrläppchen, morgens wie abends, und er vermutete, dass sie auch damit zu Bett ging, denn sonst hätte sie doch irgendwann auch mal vergessen müssen, sie anzubringen. Die Kugeln hingen schlaff aus dem Loch in dem runzligen Ohrläppchen, man sah ein Stück des silbernen Stifts, mit dem sie befestigt waren, und er fragte sich, warum sich Menschen solche Löcher zulegten, das musste doch schrecklich wehtun. Vielleicht stachen sie sie mit einer Nadel? Sie wohnte zwei Zimmer weiter auf der gegenüberliegenden Gangseite. Tormod mochte sie gern.

Sie war oft diejenige, die als Erste etwas zur Sprache brachte, das die anderen nur dachten. Es gefiel ihm, dass sie diese Dinge aussprach. Gerade erzählte sie, dass Astrid in der Nacht gestorben war, eine Neuigkeit, die sie alle kannten, die aber einfach nur stumm über dem Frühstück gehangen hatte, düster und drückend, wie die Luft unmittelbar vor einem Gewitter und dem ersten Knall. Oder wie bei einem Magengrimmen, ehe man merkt, dass die Luft endlich aus einem Teil des Darms in einen anderen entweicht und der Schmerz nachlässt.

An diesen Zustand war er seit Langem gewöhnt, denn er hatte fast sein ganzes Leben in diesem Zustand verbracht. Bisher hatte es niemanden gegeben, der die wichtigen Dinge zur Sprache brachte. Und so begleiteten sie ihn vom wachen Morgen bis zum lebensmüden Abend, er watete darin herum. Plötzlich erlebte er diesen Zustand nun wieder, aber diesmal war es nicht gefährlich, denn Olaug entschärfte die Situation bei der ersten Gelegenheit.

»Jetzt hat Astrid, verdammt noch mal, auch den Löffel abgegeben. Wer kommt als Nächstes dran?«, sagte Olaug.

Ja, er mochte sie. Auch wenn sie fluchte. Eine alte Dame im Altersheim, die derartig fluchen konnte, fand er witzig.

»Noch gestern Abend saß sie hier, zum Teufel, beim Abendessen, und hat damit angegeben, was sie in den Vierzigerjahren für ein Ass in der Gymnastikgruppe war«, sagte Olaug. »Aber so ist das Leben.«

Das Leben? Nein, der Tod, dachte er, und dass jemand über Nacht starb, war an einem solchen Ort nicht ungewöhnlich, dazu waren sie ja hier. Er hatte keine persönlichen Beziehungen zu anderen hier geknüpft, und wenn er sie in Gedanken beim Vornamen nannte, dann nur, weil das Personal sie immer so ansprach.

Er hatte nicht einmal eine Ahnung, wer vom Personal ausgebildete Pflegekraft und wer nur Hilfspfleger war. Das war ihm egal, solange er die wenige Unterstützung bekam, die er eben brauchte. Krank war er nicht und hatte auch nicht vor, so bald zu sterben, dazu war der Alltag endlich viel zu gut, auch wenn er sich den Gedanken selten gestattete.

Er selbst war dem Tod zuletzt begegnet, als Tor seinem Leben im Schweinestall ein Ende gesetzt hatte, doch da hatte sich der Betriebshelfer Kai-Roger um den Toten gekümmert, zusammen mit Margido. Und das Mal davor: Da hatte er auf der Rückbank des alten Volvo gesessen, mit Annas Kopf auf dem Schoß. Er hatte dagesessen und das starre, verzerrte Gesicht angesehen, ihre Augen geschlossen, ihr Körper in Decken gewickelt, das Auto stank nach Exkrementen, und Tor, mit angespanntem Nacken vor ihm, beugte sich wütend über das Lenkrad, um in der tiefen Dezemberdunkelheit die Umrisse der unbeleuchteten Straße erkennen zu können.

Damals hatte er zum ersten und letzten Mal in dem Volvo gesessen. Und er war zum letzten Mal in der Stadt gewesen. Sie war noch am Leben, als er ihren Kopf auf sein Knie gelegt hatte, aber im Krankenhaus war sie dann gestorben, nicht lange danach. Er wusste, dass es vorbei war, hatte begriffen, dass er mit dem Tod auf der Rückbank saß. Nur Tor glaubte wohl, sie würde jeden Moment wieder gesund und munter.

Es war lange her, die Sache mit Anna und Tor, aber zugleich kam es ihm gar nicht lange vor, so lebendig war seine Erinnerung. Nun hatte Olaug ihn ein bisschen an Anna erinnert - nicht ihre Kopfhaut oder die Silberkugeln, Anna hatte immer ein Kopftuch getragen, und Silber in den Ohren hatte sie schon gar nicht gehabt, die bloße Vorstellung kam ihm albern vor -, es war ihr Mund, die Lippen, die Art, wie sie sich kräuselten und bewegten. Sicher hatte er deshalb, jetzt, da Astrid tot war, daran denken müssen, wie es gewesen war, an jenem grauenhaften Abend hinten in dem alten Volvo, damals, als nichts zu begreifen war, obwohl er sich auch daran erinnerte, wie er gedacht hatte, dass jetzt alles anders werden würde, vielleicht schlimmer, vielleicht besser, es spielte keine Rolle, Hauptsache anders. Und das war es ja auch geworden. Dank Torunn und den Dänen und überhaupt.

Er konnte Olaug klar und deutlich vor sich sehen, Kopfhaut und Ohrläppchen und alles. Es war ein Wunder, wie deutlich alles auf einmal wurde, seit er eine Brille trug. So viele Jahre hatte er mit einem Vergrößerungsglas über Zeitungen und Büchern gesessen, und wenn er den Blick hob, seine Umgebung verschwommen wahrgenommen.

Deshalb war es ihm ja auch schwergefallen, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen. Das hatte sich erst hier geändert, seit er sie betrachtete, ihre Mienen registrierte, wie sie aussahen, wenn sie etwas sagten. Anfangs war das unheimlich und überwältigend gewesen, als ob er sich an ein Chaos gewöhnen müsste, das ihn von allen Seiten umgab. Dieses Chaos trug vermutlich dazu bei, dass er die Gewohnheit entwickelte - oder eine Unsitte, wie sicher manche sagen würden, Torunn und Margido bestimmt -, überwiegend in seinem Zimmer zu bleiben. Anfangs war alles einfach zu viel. Jetzt konnte er etwas besser damit umgehen, manchmal. Dann und wann. Aber wenn die Leute ihm zu nahe kamen, wich er den Gemeinschaftsräumen tagelang aus.

Er mochte auch nicht, wenn das Personal ihm zu Leibe rückte, seine Angelegenheiten gingen die anderen nichts an. Aber nur wenige Tage, nachdem Torunn auf dem Weg von Oslo nach Neshov vorbeigeschaut hatte, war es losgegangen.

»Tormod, wie schön, ich habe gehört, dass Ihre Enkelin wieder auf den Hof ziehen will?«

Eine der älteren Pflegerinnen machte den Anfang, Petra, sie kam von hier aus Byneset, war mit fast allen verwandt und wusste alles. Also hätte sie ihn eigentlich nicht anzusprechen brauchen. Doch er war erleichtert gewesen, als sie Torunn als seine »Enkelin« bezeichnet hatte, denn das bedeutete, dass sie doch nicht die ganze Wahrheit kannte. Er machte sich jedoch nicht die Mühe, ihr zu antworten.

»Haben Sie gehört, was ich gesagt habe? Ja, ich weiß doch genau, dass Ihren Ohren nichts fehlt. Und das Buch da haben Sie sicher schon ein paar Mal gelesen, so vertieft können Sie also gar nicht sein.«

»Doch.«

»Blödsinn. Nichts als den Krieg im Kopf. Ich habe nach Ihrer Enkelin gefragt, ob Sie sich über Ihre Rückkehr freuen. Auch wenn man eigentlich nicht von einem Zurück sprechen kann, schließlich ist sie nicht hier aufgewachsen.«

»Nein.«

»Aber freuen Sie sich nicht ungeheuer, Tormod? Der Hof war doch eigentlich schon verlassen.«

»Das schon.«

»Aber ist das nicht schön?«

Sie redete immer so viel, er hatte keine Lust, den Blick zu heben und ihr ins Gesicht zu blicken, denn dann würde er den Faden verlieren. Er war mitten in einem Kapitel darüber, wie die Russen nach der Kapitulation in Berlin einmarschiert waren, es war eines der neuen Bücher, die Torunn gekauft hatte, geschrieben von einer Frau, die damals dort gelebt hatte, und es war ganz anders als alle anderen Kriegsbücher, die er bisher gelesen hatte. Er hoffte wirklich, dass Torunn es selbst nicht gelesen hatte und es auch nicht lesen wollte, denn dann würde er mit ihr darüber sprechen müssen, und wie sollte er es denn schaffen, mit ihr über Vergewaltigungen zu sprechen? Wenn er mit dem Buch fertig wäre, würde er es ganz hinten ins Regal stellen und es extratief hineinschieben, und sie hatte sicher sowieso genug zu tun und kaum Zeit zum Lesen, hoffte er.

»Freuen Sie sich?«

»Das schon.«

»Sie sehen aber nicht besonders glücklich aus. Sie sollten froh sein. Es ist doch auch eine Ehre für Sie, dass die nächste Generation weitermachen will«, hatte Petra gesagt und war aus seinem Zimmer verschwunden.

»Danke für den Kaffee«, hatte er erwidert, ein wenig zu spät.

Sie hatte das Zuckerstück vergessen. Und das nicht zum ersten Mal. Vor Torunns nächstem Besuch hatte er sie deshalb gebeten, ihm eine ganze Schachtel Würfelzucker mitzubringen, obwohl er das nicht gern tat, da sie und Margido ohnehin so lieb waren, alles einzukaufen, was er sich wünschte, und jetzt wurde die Liste noch länger. Aber Torunn hatte dann eine Schachtel mit braunen und ein bisschen klumpigen Zuckerstücken mitgebracht. Solche hatte er noch nie gesehen, und sie waren nicht so süß wie die blendend weißen mit den messerscharfen Kanten und Ecken. Doch so komisch die braunen auch waren, es kam vor, dass er zwei oder gar drei in seinen Kaffee tat, wenn keine Schokolade in Sicht war, keine Mokkabohne und kein Cremehütchen, das er so liebte. Es tat so gut, beim Lesen eine Praline zu lutschen, auch wenn er danach immer Scherereien mit seinem Gebiss hatte.

»Schnell abzutreten ist ja wohl nicht das Schlechteste, zum Henker«, sagte Olaug. »Wenn man sich das mal überlegt. Astrid hat Glück gehabt. Für uns andere ist das schlimmer, wir haben ja keine Scheißahnung davon, wann Schluss ist,...

»Hach, Neuanfänge sind doch einfach spitze ...«
 
»Wir wollen noch mehr von den Neshovs lesen, Anne B. Ragde, viel viel mehr!«
 
»So eine Familie vergisst man nicht. Die muss man begleiten.«
 
»Mitreißend und zauberhaft.«
 
»Die Familie Neshov ist mir richtig ans Herz gewachsen. Ich beneide Sie aufrichtig, wenn Sie das >Lügenhaus< noch vor sich haben.«
 
»Lebensklug, herzenswarm, tröstlich.«
 
»Von dieser Familie will man sich einfach nicht mehr trennen.«

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