Das Erbstück

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Januar 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09898-8 (ISBN)
 
Als die alte Amalie Thygesen stirbt, jubeln viele in der Familie. Nur eine trauert ehrlich und ist entsetzt über die hasserfüllten Reaktionen, die selbst die Trauerfeier überschatten: Therese, die Enkelin. Sie hat ihre exzentrische Großmutter, die selbst im fortgeschrittenen Alter noch mit jedem Mann flirtete und zauberhafte Märchen kannte, geliebt. Aber kennt sie wirklich die ganze Geschichte? Während sie das Haus ihrer Großmutter ausräumt, erfährt sie immer mehr über Amalies bewegte Vergangenheit, und für Therese beginnt eine ungewöhnliche Spurensuche.



(Dieses Buch ist im btb Verlag schon einmal unter dem Titel "Der Arsenturm" erschienen.)

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,60 MB
978-3-641-09898-8 (9783641098988)
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Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren Romanen »Das Lügenhaus«, »Einsiedlerkrebse« und »Hitzewelle« gelang ihr einer der größten norwegischen Bucherfolge aller Zeiten. Nachdem Anne B. Ragde zunächst angekündigt hatte, die Lügenhaus-Serie nicht weiterzuschreiben, erschienen mit "Sonntags in Trondheim" und "Die Liebhaber" die Fortsetzungen der auch in Deutschland gefeierten Buchserie.

Ich wollte, dass Stian sich für den Rest seines Lebens an diese Reise erinnern könnte, und dass seine Erinnerungen ganz anders aussähen als meine. Ich wurde Zeugin seines äußerlichen Erlebens; er dagegen besaß den kleinen Körper, der zwischen Schopf und Fußsohle steckte. Ich erhielt meine Version des Verlaufs der Ereignisse, er die seine. Jede auf ihre Weise verließen unsere Geschichten die Wirklichkeit und wurden zu dem Widerschein. So wie meine Oma eine andere war als die Mutter meiner Mutter. So wie meine Liebe zu ihr existierte, vielleicht unverständlich für alle, außer für meinen Großvater.

 

Mutter hatte fieberheiße Augen, lachte laut und häufig und erlitt am Flughafen einen Anfall von Panik, weil wir unsere Pässe vergessen hatten, doch dann fiel ihr ein, dass wir ja nur nach Dänemark wollten. Sie entschuldigte sich damit, dass sie ein Gefühl im Leib habe, als solle es auf eine viel weitere Reise gehen. Während wir zum Einchecken Schlange standen, betrachtete ich Stian, sah, wie er ihre Hand suchte. Ich dachte daran, wie ich sie als Kind ebenfalls gesucht hatte, aber ich wusste auch, dass sie seine Hand auf eine ganz andere Weise anfasste, als sie das jemals mit meiner gemacht hatte. Und mich überkam plötzlich ein heißes Glücksgefühl, weil ich einen Sohn hatte und keine Tochter, weil ich keine künftige Mutter liebte und großzog, sondern einen Vater. Über Väter weiß ich nämlich nichts, diese Rolle würde ich ihm also niemals verderben können.

 

Wir fanden unsere Plätze und schnallten uns an. Ich schloss die Augen und war plötzlich sechs Jahre alt, in neuen Ferienkleidern, mit der Puppe Liv in einem winzigen roten Koffer, unterwegs zu einer lebendigen Oma. Die Stewardess bemühte sich um das allein reisende kleine Mädchen, lächelte ihm beruhigend zu, versprach, es zum Kapitän zu bringen, wenn das Flugzeug erst seine Flughöhe erreicht hätte, und dann könnte es alle Knöpfe und Lämpchen sehen und feststellen, dass auch riesige Flugzeuge Scheibenwischer hätten.

Ich öffnete die Augen und sah, dass Stian auf dem Klapptisch ein Legoflugzeug zusammensetzte. Er hatte Limo und Aufkleber und einen SAS-Anstecker für seine Windjacke bekommen. Mutter saß neben ihm, auf der Gangseite. Sie trank mit gespreiztem kleinen Finger Kaffee, hatte die Augen zusammengekniffen und sagte, sie freue sich auf die erste Zigarette nach der Landung. Sie trug Gold mit türkisen Steinen in den Ohrläppchen. Diesen Schmuck hatte sie im Vorjahr in Marokko gekauft. Sie war zu Weihnachten hingefahren, um sich den ganzen Stress zu ersparen. Stian hatte geweint, als sie gefahren war, und das hatte ihr ein dermaßen schlechtes Gewissen verpasst, dass sie schon am ersten Tag in Marokko nur für ihn Kleider und Spielzeug gekauft hatte. Als sie am Heiligen Abend anrief, hatte Stian vergessen, dass sie verreist war, und glaubte, sie wolle sagen, dass sie auf dem Weg zu uns sei. Wieder brach sie unter ihrem schlechten Gewissen fast zusammen, als ich den Hörer übernahm, aber inzwischen hatte Stian sich schon in seine Geschenke vertieft. So wie jetzt: Mit sanften Händen und konzentriertem Blick fügte er die Legosteine auf dem Klapptisch zu einem Flugzeug zusammen. Er schwenkte es in der Luft und produzierte Flugzeuggeräusche, während Mutter abermals von der bevorstehenden Zigarette schwärmte. Kaffee zu trinken und mit Marmelade gefüllte Muffins zu verzehren, ohne den Geschmack danach mit einer Zigarette abzurunden, habe doch keinen Sinn, sagte sie, dann bekomme man nicht das, wofür man bezahlt habe.

 

Meer und Luft nahmen ein Ende, wurden zu plattem Land. Nordseeland, dann Amager und Kastrup. Die Räder setzten auf. Der plötzliche Luftwiderstand sorgte dafür, dass der Flugzeugrumpf sich ruckhaft bewegte.

»Kann man einfach Ib heißen?«, fragte Stian.

»In Dänemark heißen viele so«, sagte Mutter. »Und Frauen heißen Iben.«

Ich befestigte den Anstecker an seiner Windjacke und streichelte seine Haare und seine Wangen. Mutter fügte hinzu: »Auch Norwegerinnen heißen Iben, aber kein Norweger heißt Ib, ich kenne jedenfalls keinen. Aber in Norwegen heißen Männer Inge, und in Dänemark ist das ein Frauenname, und Kari ist in Norwegen ein Frauenname, aber in Finnland heißen nur Männer so.«

»Ich kenne aber sonst keine, die Ruby heißt«, sagte Stian.

»Wenn wir nach Dänemark kommen, heiße ich Ruuubi, nicht Rübi, wie zu Hause, Schätzchen. Ist das nicht witzig?«

Ich betrachtete ihr Profil. Es war straff und hoch erhoben. Nur ein wenig lockere Haut am Kinn verriet ihr Alter. Ihre Ohrringe hüpften im Takt mit dem Rucken des Flugzeugs. Stian schaute sie ebenfalls an, sagte aber nichts.

»Wir haben für Onkel Ib und Tante Lotte Ziegenkäse dabei«, sagte ich und strich ihm noch einmal über die Haare, er wich meiner Hand aus und machte Flugzeuggeräusche. »Der ist in Dänemark sehr teuer, und sie essen gern Ziegenkäse«, erklärte ich dann.

»Ist Dänemark Ausland?«

»Ja, das ist es.«

»Aber wir verstehen, was sie sagen. Die Wörter«, sagte Stian.

»Vielleicht nicht alle«, sagte ich.

»Ich hab Ohrenschmerzen«, sagte er.

 

Oma habe bei ihrem Tod nur vierundvierzig Kilo gewogen, hatte Ib Mutter am Telefon erzählt.

Mutter, Ib und Lotte standen mitten in der Ankunftshalle, tauschten Umarmungen und schauten einander tief in die glücklichen Augen. Sie schienen zu tanzen. Ich dachte an die vierundvierzig Kilo, die für sie so wichtig geworden waren, denn jetzt handelte es sich dabei um eine tote Masse ohne Blutkreislauf. Vierundvierzig Kilo biologisches Material, fast achtzig Jahre alt. Sie umarmten einander und bewegten sich im Kreis, ohne gleich miteinander zu reden. Es sah aus wie eine Art Reigen. Ich stand mit Stian an der Hand daneben und fragte mich, wie die vierundvierzig Kilo in diesem Moment wohl aussahen.

Stian stand mitten im Chaos aus Willkommensgrüßen und Gepäck, Blumen, dänischen Papierfähnchen, Lachen, Liebkosungen, Menschen, die aufeinander zustürzten, anderen, die ganz allein dastanden und das Laufband anstarrten, das sich noch nicht in Bewegung gesetzt hatte. Hinter den großen Fenstern wartete Kopenhagen.

Ib riss sich als Erster los und streckte die Arme nach ihm aus. Stian drückte sich an mich und vergrub sein Gesicht in meiner Jackentasche, doch Ib hob ihn hoch und schwenkte ihn durch die Luft.

»Ich bin Onkel Ib!«, rief er. »Dein Onkel Ib!«

Lotte kam langsam die wenigen Meter, die uns trennten, auf mich zu. Sie tanzte noch immer, wollte mich auffordern, legte die Arme um mich und schwenkte mich hin und her, wie in einer Wiege. Sie sagte immer wieder, wie sehr sie sich freue, mich zu sehen. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, ihr Gesicht war weiß. In ihren Haaren leuchteten graue Streifen. Ich versuchte, eine alltägliche Bemerkung zu machen, konnte zum Glück aber darauf verzichten, denn da rief Mutter, dass das Gepäck unterwegs sei.

 

Lotte hatte den Tisch mit Blumen aus dem Garten dekoriert. Nicht mit weißen Beerdigungsnelken, sondern mit Astern und blühendem Bambus. Alle Bambuspflanzen auf der ganzen Welt blühen gleichzeitig auf dem ganzen Erdball, und das offenbar nur alle hundert Jahre, und jetzt blühten sie. Sie boten keinen sündhaft schönen Anblick, aber sie standen in ihrer Vase als ein aufeinander abgestimmtes biologisches Phänomen, das wir bewunderten und bestaunten. Wir aßen dänisches Fleisch in unversehrter und zermahlener und geräucherter und gekochter und marinierter Form und tranken kalifornischen Rotwein aus Karaffen mit weit aufgerissenem Hals.

»Die leeren Flaschen lassen sich dann noch als Blumenvasen verwenden«, sagte Lotte.

Mutter lächelte und kaute mit offenem Mund. Ihre Ohrringe baumelten. Sie sorgte dafür, dass Stian genug auf dem Teller hatte, dass er keine rohen Zwiebeln essen musste, weil ihm davon die Nase brannte. Sie sagte, sie freue sich schon darauf, nachher zum Haus zu gehen. Lotte fand, wir könnten dort schlafen, wo sie selber so wenig Platz hatten. Sie hatte die Betten für uns bezogen und im Badezimmer geputzt.

»Dass wir nachts jetzt endlich schlafen können«, sagte Lotte. »Dass Ib nicht im Schlafanzug aufs Fahrrad springen muss, weil ihr das Feuerzeug unters Bett gefallen ist oder weil sie ihre Brille nicht findet, obwohl sie sie vor der Stirn sitzen hat, oder weil sie glaubt, dass im Garten ein Mörder lauert.«

»Ein Mörder?«, fragte Stian.

»Nicht wirklich«, sagte ich.

 

Großmutters Haus lag nur zwei Blocks weiter. Mutter schien die Vorstellung, nach all den Jahren wieder dort schlafen zu sollen, weiter nichts auszumachen. Sie leerte ihr Rotweinglas und hatte rosa Flecken oben auf den Wangen. Ihre grauen Augen wurden kohlschwarz. Sie war blond und schön. Sie sagte, sie fühle sich so frei.

»Ja, was glaubst du denn, wie wir uns fühlen?«, fragte Ib und lachte schrill. »Wo wir sie doch die ganze Zeit am Hals hatten!«

»Ach«, sagte Mutter, ein Ach, in dem sich Anerkennung für die geleistete Arbeit und eine gute Portion schlechtes Gewissen verbargen, das sie ihnen voller Großzügigkeit zeigen wollte.

 

Stian lächelte und aß und wich meinem Blick aus. Er hatte offenbar beschlossen, die Laune der Menschen nachzuahmen, die ihm am nächsten standen. Er war zu klein, um zu begreifen, dass er mir gehörte, nur mir. Vor einigen Tagen war ich Nr. 3 gewesen, jetzt war ich Nr. 2. Die Zeit rückte mir auf die Pelle. Das, was im Norwegischen »føflekk« heißt, also Geburtsfleck, heißt auf Dänisch »moderm?rke«, Muttermal. Bei diesem Begriff wird die Frau enger mit der Geburt in Verbindung gebracht. Auf Norwegisch wird dieser...

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