Durch die Haut

Ein Fall für die Soko Sennenberger
 
 
ROWOHLT E-Book (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. November 2021
  • |
  • 275 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-644-01237-0 (ISBN)
 
Ein Toter im Straßengraben: Nackt und seiner Organe beraubt, wurde der Mann an einer einsamen Landstraße zurückgelassen. Bei ihren Recherchen stoßen die jungen Kommissare Derio Conte und Fiona Sacher auf weitere derart zugerichtete Leichen, die man in den letzten Monaten gefunden hat.
Ihr Chef Markus Sennenberger soll sich derweil auf einer Kur erholen. Gefreut hatte er sich auf Meerblick und Seeluft, gelandet ist er in der psychiatrischen Station einer Klinik nahe seinem Wohnort bei Hannover. So richtig zur Ruhe kommt er ohnehin nicht: Derio und Fiona, die von Sennenbergers Vertreter Niesing herumkommandiert werden, weihen ihren Chef in den Fall ein. Obendrein macht Sennenberger zwischen Gruppengesprächen und Aqua-Fitness seltsame Beobachtungen in der Kurklinik. Geschehen an diesem Ort der Erholung schreckliche Dinge? Sein Ermittlerinstinkt ist geweckt.
Der zweite spannende Fall der Soko Sennenberger.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie hat zahlreiche Fantasy-Romane, Krimis und Kinderbücher in verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Wenige Stunden später


Ärgerlich sah Orla Kampmann zu ihrem Handy hinüber. Hell leuchtete dessen Display ihr vom Armaturenbrett entgegen und ließ sie wissen, dass Anastasia soeben aufgelegt hatte. Das undankbare Geschöpf wagte es, die eigene Mutter mit Kontaktabbruch zu strafen.

«Dann eben nicht.» Orla schaltete die Scheibenwischer ein und beobachtete, wie sich die feinen Tropfen kalten Nieselregens vor ihren Augen in verschwommene Streifen verwandelten. Das Licht der ihr entgegenkommenden Scheinwerfer verzerrte sich kurzfristig zu gelben Kometenschweifen, bevor es sich wieder zu zwei leuchtenden Punkten in der Ferne formte.

Sie hasste den November, das Fahren bei Dunkelheit und Letzteres ganz besonders, wenn ihre Brille zu Hause neben der Tageszeitung auf dem Küchentisch liegengeblieben war. Noch mehr verabscheute sie es allerdings, Streit mit der schon fast erwachsenen Anastasia zu haben.

Orla drehte den Hebel hinter dem Lenkrad, und die Scheibenwischer wechselten in die nächsthöhere Geschwindigkeit. Hatte sie beim letzten Check in der Werkstatt ihres Vertrauens nicht darum gebeten, die Wischblätter auszutauschen? Anscheinend nicht. Denn kurz bevor der entgegenkommende Transporter mit hoher Geschwindigkeit an ihr vorbeidonnerte und noch mehr Wasser auf ihre Windschutzscheibe wirbelte, wurde das Licht seiner Scheinwerfer ein weiteres Mal zu einer blendenden Corona verzerrt.

Sie unterdrückte einen Fluch, sah den weißen Van im Rückspiegel rasch kleiner werden und ließ ihr Handy noch einmal die Nummer ihrer uneinsichtigen Tochter wählen. Doch Anastasia nahm nicht mehr ab. Frustriert drehte Orla ihr Radio lauter, in dem ein bekannter Popsong lief.

Orla Kampmann war sechsundvierzig Jahre alt und lebte in dem Glauben, sich für ihr einziges Kind auf jede nur erdenklich Weise aufgeopfert zu haben. Nach der Geburt war die eigene Karriere von ihr hintangestellt worden, was, auch wenn diese ohnehin nicht vielversprechend gewesen war, im Nachhinein doch bedauerlich erschien.

Zwar hatte Orla die Jahre im Vorstand des Kindergartenfördervereins und hinterher auch den Sitz im Elternrat der Grundschule genossen. Doch später war ihr klargeworden, welcher Preis für die Rolle der perfekt organisierten Mutter gezahlt werden musste. Orla hatte den Anschluss verloren, eine Rückkehr ins Berufsleben, wie sie es gekannt hatte, war inzwischen unmöglich.

Doch weil sie zu diesem Typ Frau gehörte, der sich niemals unterkriegen ließ, hatte sie ihr eigenes kleines Unternehmen aufgebaut und beriet nun junge Mütter im ganzen Land bei der Wahl des richtigen Spielzeugs und des richtigen Hobbys, um deren Kindern den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen. Ihre Seminare über Frühförderung und kindgerechte Freizeitgestaltung waren fast immer ausgebucht. Auch an diesem Abend, beim Kaminfeuertreffen der Lions-Club-Ladys, hatte man sie mit Lob überschüttet.

Und jetzt quälte sie sich weit nach Mitternacht über schlecht beleuchtete Landstraßen und konnte nur hoffen, dass ihre Kundinnen niemals erfuhren, zu welch einem verzogenen Gör ihre eigene Tochter sich in fast achtzehn Jahren entwickelt hatte.

Orla kniff die Augen zusammen und versuchte abzuschätzen, ob die Straße vor ihr tatsächlich einfach immer weiter geradeaus führte, doch die Sichtverhältnisse blieben bescheiden. Und so war sie dankbar, als in der Ferne die Lichter eines entgegenkommenden Fahrzeugs auftauchten und ihr verrieten, dass die nächste Kurve tatsächlich noch weit war. Das war typisch für die norddeutsche Tiefebene. Straßen zogen sich endlos in die Länge. Man hätte sich in der Wüste Nevadas gewähnt, würden sie statt Staub und Geröll nicht grüne Wiesen und Äcker säumen.

Jetzt glaubte Orla zu erkennen, dass es sich auch dieses Mal um einen Lastwagen handelte, der sich ihr von vorn näherte. Außer ihr und übernächtigten Truckern, die eigentlich Feierabend haben sollten, schien kein Mensch mehr unterwegs zu sein.

Noch einmal versuchte sie, über das Handy Anastasia zu erreichen. Es konnte einfach nicht ihr Ernst sein, die treue Filippa gegen ein Ford Cabrio eintauschen zu wollen. War dieses Mädchen verrückt geworden? Wie konnte sie nur so gefühllos sein?

Orlas Gedanken wanderten zurück zu jenem Sommertag, an dem sie die lammfromme Schimmelstute für ihre Tochter erworben hatte. Filippa, eine Seele von Pferd, hatte Anastasia durch die ganze Pubertät getragen, den Nöten eines Teenagers gelauscht und ihr Kind in all den Jahren nie abgeworfen, noch sie sonst irgendeiner Gefahr ausgesetzt. Und jetzt hatte die einst so überzeugte Pferdenärrin Anastasia erklärt, dass sie ein Auto weit dringender brauche als einen alten Gaul, den man ja wohl schlecht vor dem Kinoeingang parken konnte.

Orla war enttäuscht von so viel Undankbarkeit gegenüber einer hilflosen Kreatur. Natürlich war es ihr derzeit nicht möglich, ihrer Tochter einfach so ein Auto zu schenken. Schon gar nicht jetzt, wo ihr Vater sich mit seiner jungen Geliebten nach Ungarn abgesetzt hatte. Trotz und Tränen seitens Anastasias, mit denen Orla aufgrund der angespannten finanziellen Situation bereits gerechnet hatte, waren dankenswerterweise ausgeblieben. Doch diese unbeschreibliche Kaltblütigkeit, diesem lässigen Schulterzucken, mit dem ihr Kind feststellte, dass es dann wohl an der Zeit sei, sich von einem überflüssigen Esser, dessen Boxenplatz fast so viel kostete wie ein WG-Zimmer für einen Zweibeiner, zu trennen, erschütterte sie. Orla biss sich bei der Erinnerung an diese Äußerung auf die Lippen und fragte sich, ob sie ihrem Kind wirklich nur nachtschwarze Haare und die süße Nase vererbt hatte und so etwas wie Tierliebe völlig auf der Strecke geblieben war.

Denn obwohl Filippa ihr streng genommen nicht gehörte, wäre Orla niemals auf den Gedanken gekommen, die Stute zu verkaufen. Das tat man einfach nicht, es gab ja auch noch so etwas wie Verantwortung gegenüber einem treuen Pferd. Orla selbst sah sich als sehr tierlieb an. Sie konnte keiner Fliege etwas zuleide tun, nicht einmal, wenn sie sich von ihrem Summen gestört fühlte.

In diesem Moment sprang das Reh vor ihr auf die Fahrbahn und stellte ihre Gedanken auf eine harte Probe.

«Verschwinde», rief sie und trat auf die Bremse. Sie vergewisserte sich nicht, ob jemand hinter ihr fuhr, sie war allein in dieser Einöde, wenn man von dem entgegenkommenden Lkw einmal absah. Niemand würde laut fluchend in ihr Heck donnern, weil sie dem Reh das Leben schenkte.

Und nun tat das Tier ihr tatsächlich den Gefallen und gab den Weg frei. Zumindest Orlas Straßenseite. Es tat einen einzigen panischen Sprung vorwärts und stand nun wie zur Salzsäule erstarrt auf der Gegenfahrbahn, wo es dem heranrasenden Lkw entgegenblickte.

«Brems doch, du Idiot», hörte Orla sich sagen und verringerte die eigene Geschwindigkeit weiter.

Doch der Fahrer des Transporters, der wohl erst jetzt aus einer Art Trance erwacht war, kam auf eine ganz andere Idee: Er wich dem Tier auf seiner Fahrbahn aus und kam mit seinen erschreckend breiten Reifen sehr weit auf Orlas Teil der Straße herüber.

Orla stieß einen Fluch aus und versuchte, so weit wie möglich rechts zu fahren, um dem Lastwagen Platz zu machen. Wieder wirbelte der Regen auf, und die Lichter vor ihren Augen verwandelten sich in riesige Sonnen. Orla musste noch weiter an den Rand ausweichen, noch etwas weiter, noch . Der Ruck war so heftig, dass sie das Lenkrad nicht halten konnte. Es sprang ihr fast aus den Händen, und sie verzog ihren Wagen, dessen rechter Vorderreifen soeben auf den Grünstreifen geraten war, noch ein Stück, holperte vorwärts, erlegte einen Begrenzungspfosten und rutschte in den Graben.

Orla schrie vor Angst, als ihr Auto ungerührt in bedrohlicher Schräglage noch immer weiter und weiter vorwärtsgetrieben wurde. Sie hörte das Schaben von Stein über Lack, fürchtete schon, ihr Renault könnte sich überschlagen, doch in diesem Moment knirschte es ein letztes Mal, und die Fahrt war zu Ende. Vor sich, im Licht ihrer eigenen Scheinwerfer, sah Orla das Ende des Grabens, durch den ihr Wagen gepflügt war, in Form eines Steinwalles. Sie hatte unwahrscheinliches Glück gehabt.

Die Fahrertür aufzudrücken und aus dem, was einmal ihr erster eigener Wagen gewesen war, herauszuklettern, erwies sich als schwierig. Doch irgendwie gelang es ihr, sich hochzuziehen. Nicht zuletzt wegen der helfenden Hände, die sich ihr plötzlich durch den Regen entgegenstreckten.

«Sind Sie verletzt?» Ein kahlköpfiger Mann Ende dreißig, vor Schreck blass wie Spucke, sah sie sorgenvoll an.

Orla schüttelte den Kopf und erschauerte, als der Novemberwind ihr die Kälte ins Gesicht blies. Ihr Blick fiel auf einen Lastwagen, der in einiger Entfernung mit eingeschaltetem Warnblinklicht am gegenüberliegenden Straßenrand stand. Der Fahrer des entgegenkommenden Fahrzeugs war ihr freundlicherweise zu Hilfe geeilt. Nur das undankbare Reh war dem Unfallort feige entflohen. Orla spürte, dass ihre bedingungslose Tierliebe soeben stark gelitten hatte.

«Na, dann ist es ja gerade noch mal gutgegangen. Wollen Sie einen Kaffee?»

Sie starrte den Mann ungläubig an und erwiderte nichts.

«Ich habe eine Thermoskanne im Fahrerhaus.» Er wirkte rundherum erleichtert und musterte nun...

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