Spaltkopf

Roman
 
 
Zsolnay-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Juli 2011
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-552-06180-4 (ISBN)
 
Mischka wurde in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, in einer russisch-jüdischen Großfamilie geboren. Als sie sieben Jahre alt ist, erzählen ihr ihre Eltern, dass sie Urlaub in Litauen machen. Doch das Flugzeug landet in Wien. Mischka muss sich, gespalten zwischen den Mythen ihrer Kindheit und den Verheißungen des Westens, im Exil einen eigenen Weg suchen. Rabinowich überzeugt nicht nur durch ihren Sinn für Komik, sondern auch mit ihrem eigenständigen Stil: Nüchtern und überzeichnend zugleich beschreibt sie das Vakuum zwischen den Kulturen, in das einen die Emigration zu treiben vermag.

Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1977 in Wien, wo sie auch studierte. Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin, Kolumnistin in der österreichischen Tageszeitung 'Der Standard'. Für ihren Debütroman Spaltkopf (2008) erhielt sie u.a. den Rauriser Literaturpreis (2009). 2011 nahm sie an den Tagen der deutschsprachigen Literatur (Bachmann-Preis, Shortlist) teil. Ihr Debütroman Spaltkopf wurde in mehrere Sprachen (u.a. Englisch) übersetzt. Zahlreiche Aufführungen ihrer Theaterstücke (u.a. Volkstheater, Schauspielhaus Wien). Bei Deuticke erschienen Herznovelle (2011, nominiert für den Prix du Livre Européen) und die Romane Die Erdfresserin (2012) und Krötenliebe (2016).
  • Deutsch
  • 1,32 MB
978-3-552-06180-4 (9783552061804)
3552061800 (3552061800)
weitere Ausgaben werden ermittelt

7

 

Es gibt einen Helden in der russischen Mythologie, der auf Rübenfeldern giftige Drachenzähne pflanzt, aus denen über Nacht Schattenkrieger wachsen. Einen, der die Prinzessin bekommt, immer. Einen, der auf seinem Ofen, auf dem er Tag für Tag die Zeit totschlägt, durchs Dorf und bis zum Zarenhof fährt, weil er zu faul ist, sich zu erheben, und der dann auch noch den Drachen besiegt. Er ist der jüngste Sohn des armen Bauern: Ivan der Depp.

Meine kleine Schwester wird geboren.

Während meine Mutter in der Geburtsklinik liegt, marschieren mein Vater und ich durch den Wienerwald. Noch bin ich der unumschränkte Erbe, der dem Zaren eifrig folgt und dafür ab und zu den Reichsapfel halten darf.

Wir stehen an der hölzernen Brüstung, die uns von einer Herde Ziegen trennt. Kleine, runde Tiere, die trotz ihrer bemerkenswerten Breite recht geschickt auf den Steinen herumturnen. Ich beobachte ihre gelb leuchtenden Augen unter den gebogenen Hörnern, während ich unser altes Brot wie einen Schatz fest umklammere. Sobald ich es verfüttert habe, drängen und stoßen die Tiere einander weg, ihre Hufe klingen wie Stöckelschuhe auf Asphalt. Zwei sind fast doppelt so breit wie die anderen, die Seiten zum Bersten aufgebläht, zwei kleine Heliumballons mit Bärtchen.

»Sind die auch schwanger?«, frage ich meinen Vater.

»Ja«, meint er.

»Hab ich mir gedacht. Sie sind viel aggressiver als die andern.«

Mein Vater lacht nicht. Er versinkt in den gestreiften Pupillen des Ziegenbocks vor ihm, der sich plötzlich auf die Hinterbeine erhebt, beinahe auf Augenhöhe mit ihm. Später werde ich die schwarze Schnauze mit grauen Streifen widerspenstigen Felles auf einem Gemälde meines Vaters wiederfinden, das mir noch als Halbwüchsiger Angst bereitet.

Teuflisch wirken die Hörner und die leeren Augen. Das Ziegengesicht, Tierhaftes gemischt mit menschlichen Zügen, ohne Hals und Leib, übergehend in Schatten, eine Hülle, die bereit ist, gefüllt zu werden.

Das lange Schweigen wird mir unbehaglich.

Ich verstreue den Rest des Brotes in einem Schwung.

»Lass mir noch was«, bittet mein Vater plötzlich, als ich die letzten Krumen verteile.

Ich blicke ihn verständnislos an.

»Hast du etwa Hunger?«

Er lacht schallend.

»Ist jetzt alles weg?«

»Ja.«

»Dann kaufen wir noch ein Brot im Restaurant.« Er klingt, als ob er keine Widerrede dulden würde.

»Wozu denn?«

Er schweigt. Er wendet sich von mir weg.

Ich weiß, dass sich der Gasthof tief im Inneren des Parks befindet und eine lange Wanderung die Allee entlang bevorsteht.

»Ich will auch wieder Ziegen füttern«, sagt er leise.

Seine Stimme klingt brüchig. »Komm schon, Mischka.«

Ich setze mich demonstrativ auf eine der Holzbänke und scharre mit meinen Schuhen über den Staub der Straße.

»Mischka, du faule Nuss. Ich erzähl dir was unterwegs. Von Ziegen und Menschen.«

Ich folge ihm.

»Von einem Jungen.«

»So?«

»Ja. Von einem Jungen, der einen Igel hatte und ein Ferkel und Ziegen.«

Ich hole auf.

»Wer war das?«

»Ein Junge, der am Land gelebt hat. Der Bauer oder Zimmermann hätte werden sollen. Wie seine Eltern.«

Wir schlendern die Allee entlang.

»Ich. Ich war das.«

Die Sonne brennt uns senkrecht von oben auf die Köpfe, der Tag liegt noch vor uns.

Wir vertiefen uns immer weiter in die kühleren Bereiche des Lainzer Tiergartens und in Levs Vergangenheit, Schritt für Schritt weg von meiner Kindheit hin zu seiner.

Ich habe mir bis gerade eben gar keine Gedanken darüber gemacht, was mein Vater eigentlich getan hat, bevor er mein Vater wurde. Für mich existiert er erst ab seiner Berufung zu dieser anspruchsvollen Tätigkeit.

Ich erfahre, dass er, anders als meine Mutter und ich, die beide als Stadtkinder im Schatten der St. Petersburger Kathedralen und Paläste aufwuchsen, in einem kleinen Vorort groß geworden ist.

Ein Dörfchen, das nach und nach von der wachsenden Großstadt verschluckt wird. Ein richtiges kleines Dörfchen, in dem die Bewohner noch eigene Gemüsebeete im Garten anlegen durften, mit Kleinvieh, das man im Hinterhof hielt. Sein Vater hat sich zum Bahnhofsvorsteher hochgedient, eine Arbeit, auf die er stolz ist, da sie es ihm ermöglicht, seine Frau und fünf Kinder zu ernähren. Ich erfahre, dass mein Vater gar nicht der erste Sohn Baba Saras ist.

Der Älteste ist im Alter von zehn Jahren im Badeteich ertrunken. Lev übernimmt die Position des großen Bruders und auch dessen Job als Ziegenhüter des Dörfchens.

Ich denke mit Unbehagen daran, dass auch ich heute ältere Schwester werde. Er ist so in seine Schilderungen vertieft, dass ich seine Nervosität nicht wahrnehmen kann.

Die Ziegen des Dorfes also. Den ganzen Sommer über verbringt der Junge Lev damit, eine kleine Herde von einem Weideplätzchen zum anderen zu treiben und aufzupassen, dass keine von ihnen sich, Gott behüte, auf die Gleise verirrt. Er liebt es, in ihre leuchtenden Augen zu starren, die ihn an Fabelwesen erinnern. Ihre Hörner, gewunden und knochig, gleiten unter seinen Fingern weg, wenn er sie streichelt. Aber er kann auch anders. Mit sich trägt er einen Stock, den die Widerspenstigen hin und wieder zu spüren bekommen. Abends werden die drei Ziegen, die seiner Familie gehören, von Sara gemolken. Der stechende Geruch und die Wärme, die ihm entgegenschlagen, wenn er sich seiner Mutter, die auf einem Schemel neben den Tieren sitzt, nähert, versprechen leckere Speisen am Abend oder nächsten Mittagstisch.

»Rozka! Verka! Satan!«, schreit er, während er morgens aufbricht, in der Tasche Käse, Wasserflasche und einen Zeichenblock.

Das ist die Zeit, die, abgesehen von den Ziegen, nur ihm allein gehört.

Während die Hitze sich langsam über den Feldern zusammenbraut, liegt er im Gras und zeichnet seine unzähligen Modelle, ein Ziegenporträt neben dem nächsten. Braungefleckte, Kurzhornige, mit sanften dunklen Augen und mit stechend hellen Pupillen. Langbärtige und Glatzköpfige, mit gewundenen Hörnern, mit abgestoßenen Stümpfen, mit struppigen Augenbrauen und glatten Stirnen. Ein Katalog unterschiedlicher Physiognomien, die auch Messerschmidt Ehre gemacht hätten. Skeptische und Zutrauliche, Alte, Erschöpfte und junge Freche. Irgendwann sinkt er, von der Wärme der Sonne auf seiner gebräunten Haut eingelullt, in die Wiese zurück. Die ab und zu vorbeifahrenden Züge pfeifen immer wieder in der Ferne.

Der Sommer schlägt über ihm zusammen.

Ein durchdringender Pfiff weckt ihn.

Rundherum ist es erstaunlich ruhig.

Leise. Zu leise.

Während er noch schläfrig die Halme um sich herum beobachtet, wird ihm bewusst, dass er außer dem Pfiff des Zuges und dem Brummen vorbeifliegender Insekten gar keine weiteren Geräusche wahrnimmt.

Kein Meckern. Kein Rascheln im Gras.

Er setzt sich mit einem Ruck auf.

Der Bleistift fällt von seinem Bauch und verschwindet im Grün.

Satan ist der älteste Ziegenbock der Herde, ein behäbiger, struppiger Widder mit tränenden Augen, die ihm etwas Tragisches verleihen.

Diesen traurigen Augen begegnet der Junge, sobald er sich aufgesetzt hat, und als er sich umsieht, wird rasch klar, dass Satans traurige Augen die einzigen sind, die ihn ansehen.

Ob die Traurigkeit Satans daher rührt, dass er ganz allein geblieben ist, oder daher, dass er schlicht zu alt und gebrechlich war, um mit den übrigen Ziegen Reißaus zu nehmen, wird niemals endgültig geklärt werden.

Die Frage nach deren Verbleib erscheint Lev weitaus brennender.

Mit klopfendem Herzen springt er auf, bindet Satan an einen Baumstamm und jagt über die leicht abschüssige Wiese. Er steht bis zur Hüfte in den Blumen und sieht weit und breit kein einziges Tier. Er brüllt sich die Seele aus dem Leib. Satan folgt eifrig seinem Beispiel.

Er lockt sie mit allen erdenklichen Versprechungen. Leckerbissen, Wasser, satte Weiden. Irgendwann beginnt er zu drohen. Wie sie büßen werden! Jede Einzelne! Widerliches Pack!

Er kämpft mit den Tränen. Was die Mutter sagen wird.

Ihr Weinen ist noch schlimmer als die Schläge des Vaters.

Er verlässt die Wiese mit dem Ziegenbock, den er nun an der Schnur hinter sich herzerrt. Auf der staubigen Straße sind die Hufe der ihm Anvertrauten noch gut zu erkennen. Rufend, lockend, drohend rennt er die Straße, die ins Dorf führt, hinunter.

Von weitem erkennt er eine Menschentraube.

Dahinter kann man verzagtes Gemecker vernehmen.

Seine Schritte werden immer langsamer. Da stehen eine Menge Leute auf der Kreuzung. Schon hat sich eine Gestalt daraus gelöst, die zügig auf ihn zugeht: sein Vater.

Das Gespräch wird mit einer knallenden Ohrfeige eröffnet.

»Idiot, verdammter!«

»Habt ihr sie? Sie sind doch nicht auf den Gleisen?«

»Sie stecken alle fest, du Lümmel.«

Die Geschichte ist so kurz wie tragisch, zwischen mehreren Ohrfeigen lässt sie sich bequem unterbringen. Nachdem die Ziegen die Weide verlassen haben, sind sie aus Gewohnheit den Weg ins Dorf zurückgezogen. Allerdings bogen sie kurz vor dem Hauptplatz ab, um eine weitere Straße zu betreten, die an diesem Morgen frisch geteert worden ist. Einer der ersten Vorboten der Großstadt. Der rauhe Wind der Freiheit bläst ihnen nun heftig um die Nüstern, während um ihre Fesseln herum der Boden immer fester wird.

Die ersten Dorfbewohner kreuzen auf, als es längst zu spät ist.

Verzweifelt versuchen die Besitzer, ihr Vieh aus der Straße herauszulösen. Ohne Schlagbohrer erweist es sich als unmöglich. Nach langem Hin und Her wird einer herbeigeschafft. Der Lärm geht durch Mark und Bein und hat...

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