Die Wirklichkeit des Geistes

Studien zu Hegel
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. November 2011
  • |
  • 356 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76960-7 (ISBN)
 
Die Philosophie des Geistes ist der bis heute am lebhaftesten diskutierte Teil des Hegelschen Systems. Das theoretische Potential ihrer Antworten auf die Herausforderungen der Moderne ist bei weitem nicht erschöpft. Michael Quante erläutert die Grundbegriffe und zentrale Thesen von Hegels Philosophie des Geistes auf dem Stand der aktuellen Diskussion in der europäischen und angloamerikanischen Philosophie. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Phänomenologie des Geistes und den Grundlinien der Philosophie des Rechts. Hegel entwickelt hier zentrale Begriffe seiner praktischen Philosophie (z. B. Handlung, Person oder Wille) und er lotet, im Spannungsfeld von individueller Autonomie und sozialer Einbettung, die Möglichkeiten der Begründung ethischer Normen und sozialer Institutionen aus.

Michael Quante ist Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
Im Suhrkamp Verlag ist von ihm erschienen: Die Wirklichkeit des Geistes. Studien zu Hegel (stw 1939) und Personales Leben und menschlicher Tod (stw 1573). Außerdem hat er den Band Hegels Erbe (stw 1699) herausgegeben (zusammen mit Christoph Halbig und Ludwig Siep) und Karl Marx' Ökonomisch-philosophische Manuskripte (stb 15) kommentiert.

  • Deutsch
  • 1,81 MB
978-3-518-76960-7 (9783518769607)
351876960X (351876960X)
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Michael Quante ist Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Im Suhrkamp Verlag ist von ihm erschienen: Die Wirklichkeit des Geistes. Studien zu Hegel (stw 1939) und Personales Leben und menschlicher Tod (stw 1573). Außerdem hat er den Band Hegels Erbe (stw 1699) herausgegeben (zusammen mit Christoph Halbig und Ludwig Siep) und Karl Marx' Ökonomisch-philosophische Manuskripte (stb 15) kommentiert.

1 - Zur Zitierweise [Seite 14]
2 - Zum Siglenverzeichnis [Seite 14]
3 - Vorwort von Robert Pippin [Seite 16]
4 - 1. Einleitung [Seite 20]
5 - 2. Zwischen Metaphysik und Common Sense [Seite 38]
5.1 - 2.1 Die drei Stellungen des Gedankens zur Objektivität [Seite 42]
5.1.1 - 2.1.1 §§ 19-25 [Seite 43]
5.1.2 - 2.1.2 §§ 26-78 [Seite 47]
5.2 - 2.2 Die Struktur der Idee: Natur und Geist [Seite 54]
5.3 - 2.3 Eine Frage der Methode? [Seite 62]
6 - 3. Spekulative Philosophie als Therapie? [Seite 65]
6.1 - 3.1 Der Standpunkt der Philosophie [Seite 65]
6.2 - 3.2 Formen therapeutischer und konstruktiver Philosophie [Seite 69]
6.2.1 - 3.2.1 Zwei Formen therapeutischer Philosophie [Seite 69]
6.2.1.1 - 3.2.1.1 Philosophie als Therapie im engen Sinne [Seite 69]
6.2.1.2 - 3.2.1.2 Philosophie als Therapie im weiten Sinne [Seite 70]
6.3 - 3.2.2 Formen konstruktiver Philosophie [Seite 71]
6.3.1 - 3.2.2.1 Konstruktive Philosophie im pejorativen Sinne [Seite 72]
6.3.2 - 3.2.2.2 Konstruktive Philosophie im engen Sinne [Seite 72]
6.3.3 - 3.2.2.3 Konstruktive Philosophie im weiten Sinne [Seite 73]
6.3.4 - 3.2.2.4 Konstruktive Philosophie im revisionären Sinne [Seite 73]
6.4 - 3.3 Spekulative Philosophie als Therapie? [Seite 74]
6.4.1 - 3.3.1 Philosophische Therapie im engen und konstruktive Philosophie im pejorativen Sinne [Seite 75]
6.4.2 - 3.3.2 Philosophische Therapie im weiten und konstruktive Philosophie im engen Sinne [Seite 76]
6.4.3 - 3.3.3 Konstruktive Philosophie im weiten Sinne? [Seite 77]
6.4.4 - 3.3.4 Konstruktive Philosophie im revisionären Sinne? [Seite 80]
6.5 - 3.4 Keine Auswege aus Hegels System? [Seite 82]
6.5.1 - 3.4.1 Antike Skepsis und Descartes [Seite 83]
6.5.2 - 3.4.2 Ein Ausweg aus dem System? [Seite 87]
7 - 4. Kritik der beobachtenden Vernunft [Seite 92]
7.1 - 4.1 Der Ort der beobachtenden Vernunft im Gesamtgang der Phänomenologie [Seite 94]
7.1.1 - 4.1.1 Zwei Arten von Schwierigkeiten [Seite 95]
7.1.2 - 4.1.2 Die Grundstruktur der beobachtenden Vernunft [Seite 98]
7.2 - 4.2 Beobachtende Psychologie und Hegels Konzeption des Mentalen [Seite 101]
7.2.1 - 4.2.1 Logische Gesetze? [Seite 101]
7.2.2 - 4.2.2 Psychologische Gesetze? [Seite 102]
7.2.3 - 4.2.3 Hegels Konzeption des Mentalen [Seite 103]
7.3 - 4.3 Physiognomik und Schädellehre [Seite 105]
7.3.1 - 4.3.1 Variationen über »Innen« und »Außen« - fünf Gegensätze [Seite 106]
7.3.2 - 4.3.2 Die »verkehrten Verhältnisse« der Physiognomik [Seite 109]
7.3.3 - 4.3.3 Schädellehre [Seite 112]
7.4 - 4.4 Die Aktualität von Hegels Diskussion der beobachtenden Vernunft [Seite 115]
8 - 5. Die Natur als Setzung und Voraussetzung des Geistes [Seite 117]
8.1 - 5.1 Für wen ist die Natur Voraussetzung des Geistes? [Seite 119]
8.2 - 5.2 Der Geist als Wahrheit und absolut Erstes der Natur [Seite 122]
8.2.1 - 5.2.1 Verschwundene Natur? [Seite 124]
8.2.2 - 5.2.2 Die Idee als Wahrheit von Natur und Geist [Seite 126]
8.2.2.1 - 5.2.2.1 »Das Ganze der Wissenschaft ist die Darstellung der Idee« (ENZ § 18) [Seite 126]
8.2.2.2 - 5.2.2.2 Systeminterne Antworten [Seite 131]
9 - 6. Schichtung oder Setzung? [Seite 141]
9.1 - 6.1 Die Merkmale des Schichtenmodells [Seite 142]
9.1.1 - 6.1.1 Die negative Konstrastfolie der gegabelten Welt [Seite 142]
9.1.2 - 6.1.2 Die schichtenontologische Alternative [Seite 143]
9.1.3 - 6.1.3 Die gemeinsamen Merkmale des substanzdualistischen Modelle und der Schichtenmodelle [Seite 144]
9.2 - 6.2 Die Merkmale des reflexionslogischen Modells [Seite 147]
9.2.1 - 6.2.1 Drei attraktive Züge der hegelschen Alternative [Seite 147]
9.2.2 - 6.2.2 Hegels reflexionslogische Alternative [Seite 150]
9.2.3 - 6.2.3 Drei Fragen [Seite 152]
9.3 - 6.3 Unhaltbare Metaphysik? [Seite 155]
10 - 7. Selbstbewusstsein und Individuation [Seite 160]
10.1 - 7.1 Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit [Seite 162]
10.2 - 7.2 Das Ich als zum Dasein gekommener Begriff [Seite 166]
10.3 - 7.3 Die logische Bestimmung des an und für sich freien Willens [Seite 169]
10.4 - 7.4 Der an und für sich freie Wille in seinem abstrakten Begriffe [Seite 173]
11 - 8. Wille und Personalität [Seite 177]
11.1 - 8.1 Der Aufbau der Einleitung in das abstrakte Recht [Seite 180]
11.2 - 8.2 Die logische Struktur der Einleitung in das abstrakte Recht [Seite 183]
11.2.1 - 8.2.1 Die Entwicklungsstufe des Willens im abstrakten Recht (§ 34) [Seite 183]
11.2.2 - 8.2.2 Die Momente des freien Willens und ihre rechtsphilosophische Bedeutung [Seite 185]
11.2.3 - 8.2.3 Die begriffliche Entfaltung der [Seite 8.2.3 Die begriffliche Entfaltung der]
abstrakten Persönlichkeit im abstrakten Recht - 194 [Seite 194]
12 - 9. Handeln [Seite 197]
12.1 - 9.1 Hegels Kritik an der szientistischen Handlungstheorie in der Phänomenologie [Seite 198]
12.2 - 9.2 Hegels Handlungstheorie: Das Moralitätskapitel der Grundlinien [Seite 200]
12.2.1 - 9.2.1 Die Struktur der Handlung [Seite 202]
12.2.2 - 9.2.2 Die Struktur der Absicht [Seite 202]
12.2.3 - 9.2.3 Die Struktur des Handelnden [Seite 203]
12.2.4 - 9.2.4 Die essentielle Intersubjektivität des Handelns [Seite 205]
12.3 - 9.3 Hegels Handlungstheorie im aktuellen systematischen Kontext [Seite 206]
13 - 10. Verantwortung [Seite 208]
13.1 - 10.1 Eine methodologische Vorbemerkung [Seite 209]
13.2 - 10.2 Hegels Analyse unserer Praxis der Zuschreibung von Verantwortung [Seite 211]
13.2.1 - 10.2.1 Hegels generelle Strategie [Seite 211]
13.2.2 - 10.2.2 Drei Arten der Zurechnungsfähigkeit [Seite 213]
13.2.3 - 10.2.3 Hegels Konzeption der Exemption [Seite 216]
13.2.4 - 10.2.4 Hegels Kritik der Entschuldigungsstrategien [Seite 218]
13.3 - 10.3 Systematische Anschlussfragen [Seite 223]
13.3.1 - 10.3.1 Kausalität und Verantwortung [Seite 223]
13.3.2 - 10.3.2 Hegels kognitivistischer Askriptivismus [Seite 225]
13.3.3 - 10.3.3 Das Problem der Bewertungsstandards [Seite 226]
14 - 11. Die Grammatik der Anerkennung [Seite 232]
14.1 - 11.1 Der Begriff des Geistes [Seite 235]
14.2 - 11.2 Der Begriff des Selbstbewusstseins [Seite 238]
14.3 - 11.3 Der reine Begriff des Anerkennens [Seite 243]
14.3.1 - 11.3.1 Hegels Analyse des Wir [Seite 245]
14.3.2 - 11.3.2 Zwei Arten von Anerkennungsrelationen [Seite 248]
15 - 12. Individuum, Gemeinschaft und Staat [Seite 254]
15.1 - 12.1 Die Grundstruktur der Gegenwartsdebatte [Seite 256]
15.1.1 - 12.1.1 Der Holismus-Totalitarismus-Vorwurf [Seite 256]
15.1.2 - 12.1.2 Individualismus und Holismus:die methodologisch-ontologische Ebene [Seite 258]
15.1.3 - 12.1.3 Liberalismus und Kommunitarismus: die normative Ebene [Seite 262]
15.2 - 12.2 Der Wille als Grundprinzip der hegelschen Sozialphilosophie [Seite 265]
15.2.1 - 12.2.1 Der Wille als Grundprinzip des objektiven Geistes [Seite 265]
15.2.1.1 - 12.2.2 Abhängigkeitsbeziehungen [Seite 271]
15.2.1.2 - 12.2.3 Hegels liberaler Kommunitarismus [Seite 274]
15.3 - 12.3 Die Vorzüge von Hegels Sozialphilosophie [Seite 276]
16 - 13. Anfechtbare Sittlichkeit [Seite 280]
16.1 - 13.1 Zentrale Merkmale des Pragmatismus [Seite 280]
16.2 - 13.2 Verwandtschaften und Hindernisse:Hegel als Pragmatist? [Seite 283]
16.2.1 - 13.2.1 Offensichtliche Verwandtschaften [Seite 283]
16.2.2 - 13.2.2 Problematische Beziehungen [Seite 284]
16.2.3 - 13.2.3 Absurde Verbindungen? [Seite 285]
16.3 - 13.3 Die Fragilität des objektiven Geistes [Seite 289]
16.3.1 - 13.3.1 Der Ort des objektiven Geistes im Prozess der Selbstverwirklichung der Idee [Seite 289]
16.3.2 - 13.3.2 Die Fragilität des objektiven Geistes [Seite 291]
16.3.3 - 13.3.3 Begründung der Ethik? [Seite 293]
16.4 - 13.4 Die »Aufhebung der Moralität in Sittlichkeit« als pragmatistische Begründungsstrategie [Seite 294]
16.4.1 - 13.4.1 Hegels Gewissens- und Moralitätskritik [Seite 294]
16.4.2 - 13.4.2 Hegels pragmatistische Einsicht [Seite 296]
17 - 14. Personale Autonomie [Seite 299]
17.1 - 14.1 Personale Autonomie in der gegenwärtigen Philosophie [Seite 300]
17.1.1 - 14.1.1 Der erste Schritt zur Naturalisierung [Seite 302]
17.1.2 - 14.1.2 Der zweite Schritt in Richtung Naturalisierung [Seite 311]
17.2 - 14.2 Hegels Konzeption personaler Autonomie [Seite 313]
17.2.1 - 14.2.1 Die Drei-Ebenen-Analyse des Willens [Seite 313]
17.2.2 - 14.2.2 Personale Autonomie als Teil der Willensstruktur [Seite 319]
17.3 - 14.3 Probleme der hegelschen Konzeption [Seite 325]
18 - 15. Grenzenlose Autonomie? Ein Ausblick [Seite 329]
18.1 - 15.1 Natur, Natürlichkeit und Freiheit [Seite 330]
18.1.1 - 15.1.1 Konstitutive und normative Aspekte von Hegels Theorie des subjektiven Geistes [Seite 330]
18.1.1.1 - 15.1.2 Bioethische Konsequenzen [Seite 331]
18.2 - 15.2 Individuelle Selbstbestimmung und soziale Identität [Seite 334]
18.2.1 - 15.2.1 Autonomie als Fundament der biomedizinischen Ethik [Seite 334]
18.2.1.1 - 15.2.2 Die Bedeutung von Hegels Sozialontologie für die biomedizinische Ethik [Seite 337]
18.3 - 15.3 Holismus als Methode der biomedizinischen Ethik [Seite 340]
19 - Literaturverzeichnis [Seite 343]
20 - Textnachweise [Seite 352]
21 - Namenregister [Seite 355]

191. Einleitung


Die Debatten in der politischen Philosophie und der Sozialphilosophie der letzten Jahrzehnte waren maßgeblich geprägt vom Gegensatz von Individualismus (Liberalismus) und Kommunitarismus. Der Individualismus ist die dominierende politische und Sozialphilosophie der Neuzeit. Seine Kernthese besagt, dass dem einzelnen menschlichen Individuum als rationalem Subjekt in ontologischer und evaluativer Hinsicht das Primat zuerkannt werden muss. Der Wert sozialer Institutionen leitet sich dieser Konzeption zufolge von den ethisch akzeptablen Ansprüchen rationaler Subjekte ab. Ein über die Erfüllung dieser individuellen Interessen und Bedürfnisse hinausgehender Wert wird sozialen Gebilden im Individualismus genauso wenig zuerkannt wie eine nicht auf menschliche Individuen beziehungsweise auf deren Handlungen reduzierbare Existenz. Die Vertreter des Kommunitarismus haben in den letzten drei Jahrzehnten versucht, eine Gegenposition zum Individualismus zu entwickeln. Ausgehend von der zunehmenden Entfremdung zwischen »atomisierten« und nur noch nach ihrem privaten Wohl strebenden Individuen und sozialen beziehungsweise politischen Gebilden betont der Kommunitarismus die ontologische Eigenständigkeit sozialer Institutionen und spricht diesen auch einen eigenen ethischen Wert zu. Anders als im Individualismus sind soziale Gebilde also weder bloße Instrumente individueller Interessenerfüllung noch ontologisch auf menschliche Individuen beziehungsweise deren Handeln reduzierbar – die Positionen reichen dabei von relativ schwachen Nichtreduzierbarkeitsannahmen bis hin zu starken Thesen des evaluativen Vorrangs sozialer Gebilde (zum Beispiel Familie, Glaubensgemeinschaften oder Staat) vor menschlichen Individuen.

Mit dieser Frontstellung und den darin entwickelten Alternativen steht die gegenwärtige Philosophie vor den gleichen Fragen und Problemen, die auch Hegel in seiner praktischen Philosophie vor mehr als zweihundert Jahren lösen wollte. Zentrales Ziel seiner gesamten praktischen Philosophie ist es, die Entfremdung der Individuen von ihrer Religion, ihren ethischen Traditionen und ihrer sozialen Realität mit philosophischen Mitteln zu begreifen und 20durch eine geeignete Theorie sozialer Institutionen zu beheben. Sein philosophisches System ist insgesamt darauf angelegt, die alltägliche und die philosophische Skepsis gegenüber der Begründbarkeit von Wissensansprüchen im theoretischen wie im praktischen Bereich zu überwinden. Dazu ist es, und dies ist Hegels grundlegende Annahme, notwendig, die Dualismen zu überwinden, die sich in der Moderne sowohl im sozialen Leben als auch in der Philosophie zu Gegensätzen verfestigt haben. Für die soziale und politische Philosophie bedeutet dies, die Vernünftigkeit der bestehenden oder sich entwickelnden sozialen Institutionen mit philosophischen Mitteln einsichtig zu machen. Außerdem erfordert es, die unaufhebbare Spannung zwischen individuellen Interessen und sittlicher Gemeinschaft philosophisch zu analysieren sowie die sich daraus ergebenden normativen Spannungen und Konflikte zu begreifen und aufzulösen.

Für Hegels Denken im Bereich der praktischen Philosophie ist also eine Fragestellung charakteristisch, durch die sich auch die politische und Sozialphilosophie der Gegenwart charakterisieren lässt. Außerdem sind auch philosophiehistorisch zentrale Autoren der liberalistischen beziehungsweise individualistischen Tradition (zum Beispiel Hobbes, Locke oder Kant) für Hegel, genauso wie für die gegenwärtige Diskussion, Orientierungspunkte. Gleiches gilt für Aristoteles, der in der praktischen Philosophie sowohl für viele Kommunitaristen der Gegenwart (zum Beispiel Alasdair MacIntyre) als auch schon für Hegel ein entscheidendes Vorbild gewesen ist. Ohne Zweifel kann man als Ziel von Hegels praktischer Philosophie formulieren, eine aristotelische Konzeption der Ethik für moderne gesellschaftliche Bedingungen zu entwickeln. Etwas plakativ formuliert, stellt Hegels reife praktische Philosophie, die er in den Grundlinien der Philosophie des Rechts entfaltet hat, den Versuch dar, Aristoteles mit Kant und Rousseau zu vermitteln, das heißt, die aristotelische These vom Menschen als zoon politikon zu verbinden mit den Autonomiekonzeptionen der Moderne.

Darüber hinaus lässt ein kurzer Blick auf den historischen Hintergrund, vor dem Hegel seine Rechtsphilosophie über dreißig Jahre lang entwickelt hat, weitere Parallelen zur gegenwärtigen Lage sichtbar werden. Die Aufklärung bringt neben der wachsenden Bedeutung der Naturwissenschaften auch einen Säkularisierungsschub mit sich. Der damit einsetzende Konflikt moderner Wirk21lichkeitserklärung auf der einen und religiösem Weltverständnis auf der anderen Seite hält bis heute an. Zugleich beginnt sich die kapitalistische Marktwirtschaft zu entwickeln und beweist ihre ökonomische Leistungsstärke gegenüber alternativen Produktionsformen. Im Zuge dieser Entwicklung verschieben sich die politischen Gewichte und verändern sich die von der Warentauschgesellschaft direkt betroffenen Lebensbereiche. Schließlich zeitigen diese Prozesse Auswirkungen auf die Struktur und die Legitimation politischer Herrschaft. Für die Zeitgenossen war die Französische Revolution mit ihren unumkehrbaren Errungenschaften und in ihrem Scheitern eine zentrale historische und politische Erfahrung, die Hegel im Rahmen seiner praktischen Philosophie zu begreifen und philosophisch auszuwerten versucht hat.

Ineinandergreifend haben diese Prozesse schon zu Hegels Lebzeiten auf der sozialen Ebene zu einer Atomisierung der Lebensformen, zur Notwendigkeit säkularer Begründungsformen für politische Herrschaft sowie dazu geführt, dass die Vorstellung individueller Autonomie zur zentralen normativen Leitidee wurde. Alle diese Prozesse halten, sowohl in ihrer Grundtendenz als auch in ihrer internen Spannung und mit ihren vielfältigen sozialen Brüchen, bis heute an.?[1] Daher ist es kein Wunder, dass Hegels praktische Philosophie, in der er diese Erfahrungen verarbeitet und den Versuch unternommen hat, für die komplexe Situation in der modernen Gesellschaft eine philosophisch angemessene Struktur zu entwickeln, immer noch aktuell ist.

Das primäre Anliegen dieses Buches besteht darin, Hegels Philosophie des Geistes für zentrale Fragen der Gegenwart fruchtbar zu machen. Dazu wird in den einzelnen Kapiteln anhand einer zumeist detaillierten und in intensiver Auseinandersetzung mit den hegelschen Texten durchgeführten Interpretation der Versuch unternommen, Hegels systematische Konzeption mit philosophischen Positionen der Gegenwart in einen Dialog zu bringen. Für den Mainstream der heutigen Philosophie stellt Hegels Denken aufgrund seines dezidierten Antiszientismus (der keine Ablehnung der Naturwissenschaften als solche impliziert) sowie aufgrund seiner ebenso konsequenten Zurückweisung des philosophischen Skeptizismus (die eine Kritik an der Subjektivitätstheorie von Descartes 22und dualistischen Konzeptionen in der Philosophie des Geistes einschließt) entweder eine abseitige und hermetische Festung oder aber eine philosophische Provokation dar. Die Studien zu zentralen Aspekten von Hegels Philosophie des Geistes, die in diesem Buch versammelt sind, zielen darauf ab, diese attraktiven Züge seines Denkens herauszuarbeiten.

Die Attraktivität liegt in meinen Augen in der sachlichen Nähe der hegelschen Philosophie zum Pragmatismus, die sich an drei Merkmalen seiner Konzeption festmachen lässt: erstens der Weigerung Hegels, philosophische Fragen und Methoden nach dem Vorbild naturwissenschaftlicher Theorien zu entwerfen, zweitens an einer sozialexternalistischen Konzeption des Geistes, die das Wesen mentaler Episoden in sozialen Praxen der Anerkennung von Autonomie und der Zuschreibung von Verantwortung verortet; und drittens an der spezifischen Form des hegelschen Antiskeptizismus, der philosophische Begründung nicht auf einzelne, letztbegründete Prinzipien stützt, sondern durch die Kohärenz des Gesamtsystems zu sichern versucht. Dies erlaubt es Hegel, wie wir noch sehen werden, unsere diversen diskursiven Praxen und epistemischen Projekte in ihrer Pluralität und internen Grammatik ernst zu nehmen, anstatt sie auf ein von außen vorgegebenes Prinzip reduzieren zu müssen.

Mir ist klar, dass diese Art, Hegel zu interpretieren, zwar für manche Leser prima facie attraktiv sein mag, zugleich aber mit zwei Schwierigkeiten zu kämpfen hat: Zum einen beruht eine solche Deutung zum Teil darauf, Spannungen und Zweideutigkeiten in Hegels Philosophie, die auch zu anderen Deutungen berechtigten Anlass geben, in eine Richtung hin aufzulösen. Dies bedeutet, dass die hier vorgelegte Interpretation nicht beanspruchen kann, die einzig richtige zu sein, auch wenn sie für sich in Anspruch nimmt, eine plausible und systematisch viel versprechende Deutung zu sein. Zum anderen sind Hegels Werke sperrig und geben ihre philosophischen Einsichten nur demjenigen preis, der bereit ist, sich auf sie im Detail einzulassen. Gerade weil einige der hier vorgeschlagenen Interpretationen von den Standardlesarten abweichen, müssen sie meines Erachtens in besonderem Maße durch eine textnahe und detaillierte Deutung abgesichert werden. Diese zum Teil mühsame Annäherung an und Auseinandersetzung mit Hegels Texten wird in den folgenden Kapiteln durchgeführt werden. Ich 23möchte aber an dieser Stelle dennoch einleitend versuchen, die aus meiner Sicht attraktiven und aktuellen Züge der hegelschen Philosophie des Geistes vorab kurz zu skizzieren.

(a)?Hegels philosophisches System geht von der metaphysischen Prämisse aus, dass sich die...

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