Spillover

Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen
 
 
Pantheon Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 11. Mai 2020
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27078-0 (ISBN)
 
Der tödliche Sprung vom Tier zum Menschen

Lebensbedrohende Infektionskrankheiten wie AIDS, Ebola, Virusgrippen, SARS und aktuell Covid-19 können sich dank der Globalisierung schnell über große Räume verbreiten und Epidemien oder gar Pandemien auslösen. Ihnen ist eines gemeinsam: Die Erreger sprangen vom Tier auf den Menschen über - der sogenannte Spillover. In einem ebenso spannend erzählten wie beunruhigenden Buch schildert der preisgekrönte Wissenschaftsautor David Quammen wie und wo bevorzugt Viren, Bakterien und andere Erreger auf den Menschen übertragen werden. Er begleitet Forscher bei der Suche nach dem Ursprung der Seuchen unter anderem zu Gorillas in den Kongo, beobachtet sie bei der Arbeit mit Fledermäusen in China und Affen in Bangladesch und erklärt, warum die Gefahr des Spillover gestiegen ist. Ein Wissenschaftsthriller über die steigende Gefahr von Pandemien in der globalisierten Welt.

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Pantheon
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978-3-641-27078-0 (9783641270780)
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David Quammen, geboren 1948, ist ein amerikanischer Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist. Er studierte Literatur an der Yale University und in Oxford. Für seine populärwissenschaftlichen Werke zu Naturgeschichte und Evolution wie »Der Gesang des Dodo« wurde er vielfach ausgezeichnet.

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Eine Dramen-Serie


Im September 1994 traten bei Pferden in Hendra, einer Vorstadt im Norden von Brisbane, heftige Beschwerden auf. Es waren Vollblüter, auf Geschwindigkeit gezüchtete, aufmerksam umsorgte Rennpferde. In dem ruhigen, alten Wohnviertel gab es viele Pferderennbahnen, hier lebten Menschen, die mit den Rennen zu tun hatten, Zeitungskioske verkauften Wettscheine, und die Cafés an den Ecken trugen Namen wie »The Feed Bin« (»Die Futterkrippe«). Das erste Opfer war eine kastanienbraune Stute namens Drama Series, die ihre aktive Laufbahn als Rennpferd bereits hinter sich hatte und jetzt trächtig war - das Fohlen sollte bald auf die Welt kommen. Die ersten Anzeichen für Probleme zeigten sich bei Drama Series auf einer Ruhekoppel, einer Weide mehrere Kilometer südöstlich von Hendra, auf die man die Pferde zwischen den Rennen zum Ausruhen brachte. Man hatte sie dort untergebracht, weil sie trächtig war, und wenn sie nicht krank geworden wäre, hätte man sie bis kurz vor der Geburt dort gelassen. Es war nichts Dramatisches - so zumindest schien es zu diesem Zeitpunkt. Sie sah einfach nicht besonders gut aus, und ihr Trainer hielt es für besser, sie in den Stall zu holen. Vic Rail war ein kleiner Mann mit zurückgekämmten braunen Haaren und einem einnehmenden Charme. In den örtlichen Pferderennkreisen war er für seine strengen Trainingsmethoden bekannt. Manche Leute mochten ihn nicht, aber dass er sich mit Pferden auskannte, bestritt niemand.

Rails Freundin Lisa Symons fuhr mit einem Pferdeanhänger los, um Drama Series zu holen. Die Stute mochte sich nicht bewegen. An Lippen, Augenlidern und Unterkiefer waren Schwellungen zu sehen. In Rails bescheidenem Stall in Hendra angekommen, schwitzte Drama Series heftig und bewegte sich nur mühsam. Um sie bei Kräften zu halten und das Fohlen zu retten, versuchte er, ihr geriebene Karotten und Melasse einzuflößen, aber sie fraß einfach nichts. Anschließend wusch sich Vic Rail Hände und Arme, rückblickend ging er dabei aber vielleicht nicht gründlich genug vor.

Am 7. September 1994, einem Mittwoch, rief Rail seinen Tierarzt an. Peter Reid, ein hochgewachsener Mann, nüchtern und professionell, kam und sah sich die Stute an. Sie stand jetzt im Stall, einem Betonziegelbau mit Sandboden, in einer eigenen Box zwischen Rails anderen Pferden. Dr. Reid konnte weder einen Ausfluss aus Nase oder Augen noch Anzeichen für Schmerzen entdecken, aber die Stute schien nur noch ein fahles Abbild ihres früheren Wesens zu sein. »Allgemeiner Schwächezustand« lautete seine Diagnose. Körpertemperatur und Puls waren hoch. Reid bemerkte die Schwellungen im Gesicht. Als er ihr Maul öffnete und das Zahnfleisch untersuchte, fand er Reste der geriebenen Möhren, die sie nicht schlucken mochte oder konnte. Er spritzte ihr ein Antibiotikum und ein Schmerzmittel. Dann ging er nach Hause. Kurz nach vier Uhr am nächsten Morgen bekam er einen Anruf. Drama Series war auf dem Hof zusammengebrochen. Jetzt lag sie im Sterben.

Reid fuhr in aller Eile zu den Ställen, aber als er ankam, war die Stute schon tot. Es war schnell gegangen und unschön gewesen. Als ihr Zustand sich verschlechterte, war sie unruhig geworden; sie war durch die offene Stalltür nach draußen getaumelt und mehrmals gestürzt, hatte sich das Bein bis auf den Knochen aufgeschürft, war wieder aufgestanden, auf dem vorderen Hof erneut gestürzt und dann zu ihrer eigenen Sicherheit von einem Pferdepfleger am Boden fixiert worden. In ihrer Verzweiflung hatte sie sich losgerissen und war in einen Stapel Backsteine gekracht, dann hatten der Pfleger und Rail sie gemeinsam erneut am Boden festgehalten. Unmittelbar bevor sie starb, hatte Rail ihr noch einen schaumigen Ausfluss von den Nüstern gewischt, damit sie besser atmen konnte. Reid sah sich das tote Tier an und bemerkte immer noch Spuren eines klaren Schaumes an den Nüstern; eine Autopsie nahm er aber nicht vor - Vic Rail konnte es sich nicht leisten, so neugierig zu sein, und im Übrigen rechnete niemand mit einer medizinischen Krisensituation, in der alle noch so nebensächlichen Daten von entscheidender Bedeutung sein konnten. Der Kadaver von Drama Series wurde ohne viel Federlesens vom Vertragsabdecker abgeholt und dorthin gebracht, wo tote Pferde in Brisbane normalerweise entsorgt werden.

Die Todesursache blieb ungewiss. War sie von einer Schlange gebissen worden? Hatte sie auf der Weide giftige Pflanzen gefressen? Solche Hypothesen lösten sich schlagartig in Luft auf, als 13 Tage später auch ihre Stallgenossen erkrankten. Sie fielen um wie Dominosteine. Das war weder ein Schlangenbiss noch Pflanzengift. Das war ansteckend.

Die anderen Pferde litten an Fieber, Atembeschwerden, Krämpfen; manchen quoll blutiger Schaum aus Nüstern und Maul; einige hatten Schwellungen im Gesicht. Reid beobachtete, wie ein Pferd sich hektisch die Nüstern in einem Wassereimer abspülte. Ein anderes schlug immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand, als wäre es geistesgestört. Trotz heldenhafter Anstrengungen von Reid und anderen starben während der nächsten Tage zwölf weitere Tiere. Später sagte Reid: »Es war einfach unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit es sich unter den Pferden ausbreitete«, aber was »es« war, wusste in diesem frühen Stadium noch niemand. Etwas verbreitete sich unter den Pferden. Auf dem Höhepunkt der Krise erlagen innerhalb von nur zwölf Stunden sieben Tiere ihren Qualen oder mussten eingeschläfert werden. Das ist selbst für einen abgebrühten Tierarzt der reine Horror.

Was war die Ursache der Katastrophe? Wie breitete sich die Krankheit von einem Pferd zum anderen aus, oder wie konnte sie so viele Tiere gleichzeitig befallen? Eine Verunreinigung des Futters vielleicht? Oder ein Gift, das jemand in böser Absicht untergemischt hatte? Reid fragte sich aber auch, ob möglicherweise ein exotisches Virus am Werk war, ähnlich dem Erreger der Afrikanischen Pferdepest (African Horse Sickness, AHS), die im mittleren und südlichen Afrika von Stechmücken übertragen wird. Das AHS-Virus befällt nicht nur Pferde, sondern auch Maultiere, Esel und Zebras; in Australien kannte man es aber bis dahin nicht, und es wird auch nicht unmittelbar von Pferd zu Pferd übertragen. Außerdem stechen krankheitsübertragende Mücken in Queensland in der Regel nicht im September, wenn kühles Wetter herrscht. AHS passte also nicht ganz. Dann vielleicht ein anderer ungewöhnlicher Erreger? »Ein Virus, das so etwas macht, hatte ich zuvor noch nie gesehen«, sagte Reid. Als Mann, der eher zu Untertreibungen neigt, sprach er von »einer ziemlich traumatischen Zeit«. Er hatte die leidenden Tiere weiterhin mit allen Mitteln behandelt, die ihm angesichts der nicht schlüssigen Diagnose zur Verfügung standen: Antibiotika, Flüssigkeitsersatz, Schockverhinderung.

Mittlerweile war auch Vic Rail selbst krank geworden. Ebenso der Pferdepfleger. Erst sah es so aus, als hätten beide eine schlimme Grippe. Rail ging ins Krankenhaus, wo sich sein Zustand verschlechterte, und nach einer Woche auf der Intensivstation starb er. Seine Organe hatten versagt, und er konnte nicht mehr atmen. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass die Lunge mit Blut und anderen Flüssigkeiten angefüllt war, und bei der elektronenmikroskopischen Untersuchung stieß man auf eine Art Virus. Der Stallknecht, ein gutmütiger Mann namens Ray Unwin, erduldete das Fieber zu Hause und überlebte. Peter Reid, der mit denselben kranken Pferden gearbeitet hatte und mit dem gleichen blutigen Schaum in Berührung gekommen war, blieb gesund. Er und Unwin erzählen mir ihre Geschichte, als ich Jahre später mehr über Hendra erfahren will und die beiden endlich aufgespürt habe.

Ray Unwin soll jetzt bei Bob Bradshaw arbeiten. In der Einfahrt zu Bradshaws Stall treffe ich auf einen Mann, der einen Futtereimer trägt. Wie sich herausstellt, ist es Unwin, ein Mann im mittleren Alter mit rotblondem Pferdeschwanz und einer müden Traurigkeit im Blick. Er ist zurückhaltend angesichts der Aufmerksamkeit, die ihm von einem Fremden zuteil wird; davon hat er durch Ärzte, Vertreter der Gesundheitsbehörde und Lokalreporter schon genug gehabt. Als wir uns dann unterhalten, gesteht er, er sei kein »Waschlappen«, aber seit damals sei mit seiner Gesundheit irgendetwas nicht in Ordnung.

Als die Todesfälle unter den Pferden eskalierten, hatte die Regierung von Queensland eingegriffen: Aus dem Department of Primary Industries (DPI), dem Ministerium, das in dem Bundesstaat für Viehzucht, wilde Tiere und Landwirtschaft zuständig ist, kamen Tierärzte und andere Fachleute; außerdem hatte man Beamte der Gesundheitsbehörde geschickt. Die Tierärzte des DPI nahmen Nekropsien vor: An Ort und Stelle, auf Vic Rails kleinem Hof, schnitten sie die Pferde auf und suchten nach Anhaltspunkten. Wenig später lagen überall abgeschnittene Gliedmaßen herum, Blut und andere Flüssigkeiten flossen durch die Abflüsse, verdächtige Organe und Gewebe wurden in Tüten verpackt. Ein anderer Nachbar von Rail, ein Pferdehalter namens Peter Hulbert, berichtet mir über das grausige Spektakel nebenan, während er mir in seiner Küche einen Pulverkaffee vorsetzt. »Pferdebeine und Pferdeköpfe, Därme und alles haben sie in spezielle Tonnen gesteckt. Es - war - entsetzlich.« Bis zum Nachmittag des gleichen Tages, so fügt er hinzu, hatte sich die Nachricht herumgesprochen, und die Fernsehsender standen mit ihren Nachrichtenteams vor der Tür. Dann kam auch die Polizei und sperrte Rails Anwesen ab, als wäre es ein Tatort. Steckte womöglich einer seiner Feinde dahinter? Wie jede Branche so hat auch die Welt der Pferderennen ihre Unterwelt, und die ist vermutlich...

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