Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Auf dem Weg zu Swann

Reclam Bibliothek
 
 
Reclam (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 11. Oktober 2013
  • |
  • 700 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-15-960372-8 (ISBN)
 
Bis tief ins 20. Jahrhundert wurde die 'Suche' als ein Sittengemälde der Belle Époque gelesen, als ein Schlüsselroman der frivolen Pariser Oberschicht der vorletzten Jahrhundertwende. Aus heutiger Sicht geht es jedoch um Tieferliegendes, um die unaufhebbare Einbindung des Individuums in die Gesellschaft und seine Abhängigkeit von deren Entwicklung. Dabei gibt Proust das Wirken auch der unmerklichsten Einflüsse auf der Ebene des Unter- oder Unbewussten zu erkennen. Das erfordert einen ganz neuen Blick auf den Text. Eine zeitgemäße Übersetzung muss moderne Hilfsmittel der Textanalyse anwenden. Sie muss davon ausgehen, dass Proust sich gern in Etymologien verliert und über das Wirken der Zeit auf die Sprache nachdenkt. Dass er seine Wörter nicht setzt, ohne sich über deren historischen und assoziativen Hintergrund im Klaren zu sein. Aus diesem Grund ist die Übersetzung neben den notwendigen Texterläuterungen mit einem Anmerkungsapparat ausgestattet, der jene historischen und kulturhistorischen Informationen enthält, die der moderne Leser erwartet.

E-Book mit Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.
  • Deutsch
  • Ditzingen
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  • Deutschland
  • 1,58 MB
978-3-15-960372-8 (9783159603728)
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Die Kirche! Diese Wohlvertraute; Vermittlerin, an der Rue Saint-Hilaire, wo sich ihr Nordportal befand, zwischen ihren beiden Nachbarn, der Apotheke von Monsieur Rapin und dem Haus von Madame Loiseau, an die sie ohne den geringsten Zwischenraum anstieß; schlichte Bürgerin von Combray, die ihre Hausnummer hätte haben können, wenn denn die Straßen von Combray Hausnummern gehabt hätten, und die aussah, als ob der Briefträger, wenn er morgens seine Post austeilte, auch bei ihr hätte halten können, bevor er zu Madame Loiseau hineinging und nachdem er bei Monsieur Rapin herausgekommen war; dennoch gab es zwischen ihr und allem, was nicht sie war, eine Trennlinie, die mein Geist niemals zu überschreiten vermocht hatte. Madame Loiseau mochte getrost Fuchsien in ihrem Fenster haben, die die schlechte Gewohnheit angenommen hatten, ihre Zweige alleweil blindlings überallhin treiben zu lassen, und deren Blüten, wenn sie erst groß genug waren, nichts Eiligeres zu tun hatten, als ihre blaurot angelaufenen Wangen zu erfrischen und sich gegen die schattige Fassade der Kirche zu drängen, doch dadurch bekamen die Fuchsien noch keinen sakralen Charakter für mich; zwischen den Blumen und dem schwarz gewordenen Stein, gegen den sie sich lehnten, behielt sich mein Geist, auch wenn meine Augen keinen Zwischenraum erkennen konnten, einen Abgrund vor.

Man konnte den Glockenturm von Saint-Hilaire* schon aus weiter Ferne erkennen, wie er seine unvergessliche Gestalt in den Horizont einschrieb, an dem Combray noch nicht erschienen war; wenn mein Vater von dem Zug aus, den wir in der Woche vor Ostern in Paris bestiegen hatten, ihn sah, wie er hin und her durch alle Gefilde des Himmels pflügte und seinen kleinen eisernen Wetterhahn in alle Richtungen eilen ließ, so sagte er zu uns: »Also dann, nehmt die Decken, wir sind da.« Und bei einem der längsten Spaziergänge, die wir von Combray aus unternahmen, gab es eine Stelle, an der sich der enge Weg plötzlich auf eine weit ausgedehnte Ebene öffnete, die am Horizont von ausgefransten Waldstücken begrenzt und einzig von der feinen Spitze des Kirchturms von Saint-Hilaire überragt wurde, die jedoch so schmal, so rosig war, dass sie lediglich von einem Fingernagel in den Himmel geritzt zu sein schien, der dieser Landschaft, diesem Gemälde der reinen Natur, einen kleinen Stempel der Kunst, ein singuläres Merkmal des Menschlichen aufprägen wollte. Wenn man näher kam und den Rest des halbzerstörten viereckigen Turms wahrnehmen konnte, der, wesentlich kleiner, neben ihm noch bestand, war man vor allem überrascht von dem rötlich-düsteren Ton der Steine; und an einem nebligen Herbstmorgen hätte man gemeint, dass sich aus dem gewittrigen Violett der Weinberge eine purpurne Ruine fast von der Farbe des Wilden Weins erhebe.

Manchmal hieß mich meine Großmutter, wenn wir zurückkamen, auf dem Kirchplatz innehalten, um den Turm zu betrachten. Aus seinen Fenstern, die paarweise übereinandergesetzt waren in jenem richtigen und ursprünglichen Verhältnis der Abstände, das nicht nur menschlichen Gesichtern Schönheit und Würde verleiht, entließ er in regelmäßigen Abständen Raben, ließ ganze Schwärme von ihnen fallen, die für eine Weile krächzend kreisten, als seien diese alten Steine, die sie sich hatten tummeln lassen, ohne anscheinend auf sie zu achten, ganz plötzlich unbewohnbar geworden und hätten sie geschlagen und hinausgeworfen und sie damit der Notwendigkeit unaufhörlicher Bewegung ausgeliefert. Dann, nachdem sie den violetten Samt der Abendluft in alle Himmelsrichtungen durchstrichen hatten, ließen sie sich, ganz plötzlich beruhigt, allmählich wieder von dem Turm aufsaugen, der vom unheildräuenden wieder zum gnädigen geworden war – der eine oder andere aber saß an dieser oder jener Stelle und schien sich gar nicht zu rühren, schnappte nur vielleicht auf der Spitze eines Türmchens nach irgendeinem Insekt, wie eine Möwe, die mit der Unbeweglichkeit eines Fischers auf dem Kamm einer Woge verharrt. Ohne recht zu wissen warum, empfand meine Großmutter im Türmchens von Saint-Hilaire jene Abwesenheit von Gewöhnlichkeit, Anmaßung und Kleinlichkeit, die sie nicht nur die Natur lieben und ihr einen wohltuenden Einfluss zuschreiben ließ, sofern sie nicht die Hand des Menschen, wie es etwa der Gärtner meiner Großmutter tat, herabgewürdigt hatte, sondern auch die Werke des Genies. Und zweifellos unterschied jeder Teil der Kirche, den man sehen konnte, diese von anderen Bauwerken durch eine Art von Nachdenklichkeit, von der sie durchdrungen war, doch besonders in ihrem Glockenturm schien sie sich ihrer selbst bewusst zu werden und ein einzigartiges und verantwortungsbewusstes Dasein zu behaupten. Er sprach für sie. Vor allem glaube ich, dass meine Großmutter im Glockenturm von Combray in unbestimmter Weise das fand, was ihr das Höchste auf der Welt war, Natürlichkeit und Vornehmheit. Der Architektur gänzlich unkundig, sagte sie: »Meine Lieben, macht euch über mich lustig, wenn ihr wollt, er ist ja vielleicht nicht schön im Sinne der Vorschriften, aber mir gefällt seine alte, wunderliche Gestalt. Wenn er Klavier spielen könnte, würde er ganz sicher nicht sec* spielen.« Und wenn sie ihn anschaute und mit den Augen der sanften Krümmung und inbrünstigen Neigung seiner steinernen Abhänge folgte, die sich, während sie sich erhoben, einander annäherten wie betende Hände, wurde sie so sehr eins mit dem herzlichen Überschwang seiner Spitze, dass sich ihr Blick mit ihr emporzuschwingen schien; und dabei lächelte sie freundlich den vertrauten abgenutzten Steinen zu, die der Sonnenuntergang gerade noch im Giebel erleuchtete und die sich in dem Augenblick, in dem sie in den besonnten Bereich eintraten, plötzlich, geschmeidig geworden durch das Licht, viel höher in die Lüfte zu erheben schienen, entrückt, wie ein Lied, das eine Oktave höher wieder aufgenommen wird.

Es war dieser Glockenturm von Saint-Hilaire, was allen Beschäftigungen, allen Stunden, allen Aussichtspunkten des Ortes ihre Gestalt, Krönung und Weihe verlieh. Von meinem Zimmer aus konnte ich nur seinen mit Schieferschindeln verkleideten Sockel sehen; doch wenn ich diese am Sonntag, an einem heißen Sommermorgen aufflammen sah wie eine schwarze Sonne, sagte ich zu mir: »Mein Gott! Neun Uhr! Ich muss mich schnellstens für die Messe fertig machen, wenn ich vorher noch genug Zeit haben will, Tante Léonie einen Gutenmorgenkuss zu bringen«, und ich spürte genau voraus, welche Farbe das Sonnenlicht auf dem Platz haben würde, die Hitze und der Staub auf dem Markt, der Schatten, den die Markise des Ladens werfen würde, in dessen Geruch nach roher Leinwand Maman womöglich vor der Messe eintreten würde, um einige Taschentücher zu erstehen*, die ihr der Besitzer, der schon gerade schließen wollte, buckelnd vorlegte, bevor er im Hinterzimmer verschwand, um sein Sonntagsjackett anzuziehen und sich die Hände zu waschen, die er gewohnheitsmäßig alle fünf Minuten, selbst bei traurigsten Anlässen, mit einem Ausdruck von Unternehmungsgeist und Erwartung eines guten Geschäfts und nachhaltigen Erfolgs aneinanderrieb.

Wenn wir nach der Messe noch zu Théodore hineingingen, um eine größere Brioche als gewöhnlich zu bestellen, weil sich unsere Vettern aus Thiberzy*, um das schöne Wetter zu nutzen, bei uns zum Essen angemeldet hatten, so hatten wir den Kirchturm vor uns, der, selbst golden und gebacken wie eine noch größere geweihte Brioche, mit seinen Schuppen und seinem durch die Sonne hervorgebrachten gummihaften Tröpfeln, seine Nadelspitze in den blauen Himmel stach*. Und am Abend, wenn ich vom Spaziergang zurückkam und an den nahenden Augenblick dachte, in dem ich meiner Mutter gute Nacht sagen müsste und sie dann nicht mehr sehen würde, war er im sinkenden Tageslicht so sanft, dass es aussah, als sei er wie ein braunes Samtkissen auf den verblassten Himmel gelegt und in ihn hineingedrückt, der seinerseits dem Druck nachgegeben, sich leicht zurückgebogen hatte, um ihm Platz zu machen, und wieder über seine Ränder zurückgeflossen war; und die Schreie der Vögel, die um ihn kreisten, schienen seine Stille nur noch zu steigern, seine Turmspitze noch weiter in die Höhe schießen zu lassen, ihm etwas Unfassbares zu verleihen.

Selbst bei Besorgungen, die man auf der Rückseite der Kirche machen musste, dort, wo man ihn nicht sah, schien alles von der Beziehung zum Kirchturm bestimmt zu sein, der hie und da zwischen den Häusern auftauchte und vielleicht sogar noch ergreifender war, wenn er so ohne die Kirche erschien. Gewiss gibt es noch weitere, die auf diese Weise betrachtet noch schöner sind, und ich habe in meiner Erinnerung Skizzen von Kirchtürmen, die über die Dächer mit einem ganz anderen künstlerischen Ausdruck ragen als jene, aus denen sich die trübseligen Straßen von Combray zusammensetzten. Ich werde niemals die beiden reizenden Stadtvillen aus dem 18. Jahrhundert in einer merkwürdigen Stadt in der Normandie in der Nähe von Balbec vergessen, die ich in vielerlei Hinsicht für wertvoll und bewundernswürdig halte, und zwischen denen man von dem schönen Garten aus, der sich von den Terrassen zum Fluss hinunter erstreckt, die gotische Spitze einer von ihnen verborgenen Kirche sich erheben sieht, die den Eindruck erweckt, als würde sie ihre Fassaden abschließen und überragen, jedoch mit einem so ganz anderen, so kostbaren, so reich mit Ringen und Kreuzblumen geschmückten, gefirnissten Stoff, dass man gleich sieht, dass sie ebenso wenig zu ihnen gehört wie etwa die...

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