Geschichten für Marlene

Erinnerungen eines Pfarrers
 
 
mainbook Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-947612-27-7 (ISBN)
 
Mein Leben hätte so einfach verlaufen können, wäre ich nicht Pfarrer, sondern zum Beispiel Tellerwäscher geworden! Ich hätte acht Stunden täglich Teller gewaschen, getrocknet und in Schränke eingeräumt. Nach getaner Arbeit wäre ich auf mein Zimmer gegangen, hätte eine Zigarette geraucht, mich mit Wein oder Bier abgefüllt, wäre etwas später ins Bett gefallen und friedlich eingeschlummert. Ich hätte mir keine Gedanken gemacht über Gott und die Welt und hätte ziemlich sicher keine Albträume. Franc Prosenjak erzählt auf seine unnachahmliche Art von seiner Zeit als Pfarrer in der Wetterau. Geschichten, die sein Beruf mitbrachte und die doch viel mehr bedeuten: Sie zeigen das Leben selbst in all seinen Facetten. Zudem schildert der Autor ein Familienereignis, das sein Leben erschütterte und in eine neue Bahn lenkte ... daraus entstanden die 'Geschichten für Marlene'.

Franc Prosenjak: Zwei saftige Ohrfeigen meines Lehrers und die Androhung weiterer Prügel änderten in der vierten Klasse meine Einstellung zum Lernen. Unter dem Einfluss des gewalttätigen Pädagogen entdeckte ich, dass mein Hirn nicht nur dazu da war, das große Loch in meinem Kopf zu füllen. Die erste brauchbare Erkenntnis meines Lebens. In der Folgezeit mauserte ich mich vom Faulenzer zum abscheulichen Streber. Um meiner angeborenen Armut zu entkommen, floh ich nach dem Schulabschluss von zu Hause. Eine zufällige Begegnung mit einem Priester brachte mich ins Grübeln. Ich begann das Studium der Theologie und wurde Priester, obwohl Gottvertrauen nicht gerade meine Stärke war. Genauso wie die Auslegung des Zölibats. Auf einer Skipiste in Tirol wurde die Slalomfahrt meines Lebens von einer Skilehrerin durchkreuzt. Wir heirateten und bekamen Kinder. Von der katholischen Kirche gefeuert, trat ich in den Dienst der evangelischen Kirche ein.
  • Deutsch
  • 0,44 MB
978-3-947612-27-7 (9783947612277)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Zweites Kapitel
Mein Einstieg in das neue Pfarramt


Die Kirche meines slowenischen Heimatdorfes hat noch heute bunte Glasfenster und ist von einem Friedhof umgeben. Wenn ich dort als Kind der heiligen Messe beiwohnte, achtete ich nicht auf die Worte des Pfarrers, sondern dachte an die Toten unserer Großfamilie, die rund um das Gotteshaus begraben waren. Einige hatte ich gekannt, die meisten aber nicht. Denen, die ich nicht mochte, gönnte ich, dass sie tot waren. Zum Beispiel meinem Opa, der meine Schwestern bevorzugte, mich aber oft mit seinem Ledergürtel züchtigte. Es gab auch welche, die ich vermisste. Zum Beispiel meine Schwester Stefica, die ich gar nicht gekannt hatte, weil sie vor meiner Geburt starb. Sie ist von meiner Mutter so liebevoll geschildert worden, dass ich mich hinterher in der Einsamkeit des Schweinestalls ausheulen musste, aus lauter Trauer und Gramm, weil sie nicht mehr lebte.

Unsere Heimatkirche wurde niemals geheizt, trotzdem wurde es mir auch im Winter warm ums Herz, wenn ich darin als Kind verweilte. Da mich der Pfarrer meines atheistischen Vaters wegen nicht als Ministranten in Dienst nehmen wollte, kniete ich immer irgendwo zwischen den hinteren Bänken. Von dort aus hatte ich eine gute Aussicht auf den Altar, wo die heilige Maria mit ihren verträumten Augen und mit leicht nach vorne ausgestreckten Armen bei mir den Eindruck erweckte, dass sie mich mag.

Von Maria schweifte mein Blick zu Jesus, der auf mich fremd und abweisend wirkte. Er hing am Kreuz, seine Augen waren halb geschlossen, sein ganzer Körper war von Schürfwunden übersät, sein Kopf blutete unter der Dornenkrone.

Im Gegensatz zu seiner Mutter, die auf mich entspannt und einladend wirkte, sah ihr Sohn extrem hilflos und wie verloren aus. Seine halb geschlossene Augen waren auf den Boden gerichtet, als ob er vermeiden wollte, mit mir Blickkontakt aufzunehmen. Ich konnte ihn nicht lange anschauen, denn er tat mir furchtbar leid. Auch wenn der Pfarrer das Gegenteil behauptete, konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieser festgenagelte und resignierte Mann irgendjemand helfen konnte, mir am allerwenigsten, weil ich ja weder fromm noch anständig war, wie mir meine Großeltern immer wieder unter die Nase gerieben hatten.

Nun "besaß" ich als Pfarrer in der Wetterau eine Kirche, die meiner Heimatkirche sehr ähnelte. Bunte Glasfenster im Altarraum, auf Empore farbenfrohe Bilder mit Motiven aus der Heiligen Schrift, kunstvoll geschnitzte Kanzel, altmodische Kirchenbänke. Diese Ähnlichkeit war mir wichtig. Denn meine Besucher aus Slowenien sollten sehen, dass ich trotz meinem Übertritt zum evangelischen Glauben über eine echte Kirche verfügte, also immer noch ein echter Pfarrer war.

Einmal besuchte mich meine Schwester mit Familie. Als ich ihr unsere Kirche zeigte, merkte ich, dass ihr Blick suchend herum schweifte.

Ihr habt gar keine Maria, stellte sie plötzlich entrüstet fest.

Wir haben sie doch, nur sieht man sie in unseren Kirchen nicht.

Aber ihr bittet sie auch nicht um Hilfe, habe ich recht?, sagte sie vorwurfsvoll.

Genau. Aber das ist der Mutter Gottes ganz recht so. Sie hat ja in Slowenien, Kroatien, Polen und in anderen Ländern, wo ihre Bilder die Kirchen schmücken, so viele Hilfsanträge, dass sie mit deren Bearbeitung bis zum Jüngsten Tag nicht fertig wird.

In dem Moment schlug die Kirchenuhr Zwölf. Die Glocken begannen zu läuten. Meine Schwester wurde ganz still und lauschte.

Hörst du das? fragte sie mich.

Ich wusste sofort, was sie meinte.

Der Glockenklang war identisch mit dem unserer Heimatkirche.

Es sind die gleichen Glocken, stellte sie erstaunt fest.

Unsere und deine Kirche sind wie zweieiige Zwillinge. Du könntest auch bei uns daheim Pfarrer sein, schwärmte sie.

In bestimmter Hinsicht wäre ich sogar gerne dort Pfarrer, dachte ich. Dann müsste ich sonntags nicht vor halb leeren Bänken auftreten. Denn im Gegensatz zu unseren evangelischen Kirchen waren die Gotteshäuser in der slowenischen Steiermark, meiner einstigen Heimat, meistens gut besucht.

Und das bedrückte mich. So heimisch ich mich auch inzwischen bei den Protestanten fühlte, das Phänomen der leeren Kirchen kratzte an meinem Selbstbewusstsein. Auch als Landpfarrer musste ich feststellen, dass die sonst so bodenständigen und auf alte Sitten und Gebräuche bedachten Wetterauer an meinen Sonntagsvorstellungen kaum Interesse zeigten.

Wozu brauchen diese Menschen überhaupt einen Pfarrer? Die Bibel langweilt sie, das Singen der Kirchenlieder haben sie längst verlernt, für alle wichtigen Lebensereignisse gibt es inzwischen weltliche Dienstleister. Taufen, Trauungen, Beerdigungen etc., werden von diesen ohne Kirchenbezug theatralisch/ feierlich gestaltet, gegen saftige Gebühren, versteht sich. Ganz im weltlichen Sinne, versteht sich ebenfalls.

Braucht ihr mich als Pfarrer überhaupt?, erkundigte ich mich gelegentlich, um zu erfahren, was die Menschen eigentlich von mir erwarten.

Ob ich nicht ausgelastet wäre?, wunderten sich die meisten über meine Frage.

Eines Tages besuchte mich ein alter Nachbar. Er wäre ein altgedienter Landwirt und Gärtner, sagte er zu mir. Er könnte mir zum Thema Obstanbau einiges beibringen. Vorausgesetzt, dass ich Obstbäume mag.

Kommen Sie, weil sie gehört haben, dass ich nicht ausgelastet wäre?, fragte ich ihn offen.

Er antwortete nicht, sondern schmunzelte nur.

Da ich meine Kindheit in einem slowenischen Bergdorf verbrachte, bin ich mit den Obstbäumen aufgewachsen. Von Mai, wenn die Frühkirschen reif wurden, bis tief in die Novembertage hinein, als im Wald unter dem Laub noch Esskastanien zu finden waren, ernährte ich mich größtenteils von den Früchten der Obstbäume.

Ich mag Obstbäume und ich möchte von Ihnen als Gärtner lernen, griff ich sein Angebot auf.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Kleintransporter zu einer Gärtnerei und kehrten mit mehreren Obstbäumchen heim. Dann pflanzten wir sie im Pfarrgarten ein.

Ich begoss sie täglich und glaubte zu sehen und zu hören, wie sie wuchsen.

Auch grub ich das mit Brennnesseln und Giersch überwucherte Erde um und streute Samen von Karotten, Salat, Blumen und roter Beete aus. Anfang Mai habe ich noch Tomaten, Hokaido und Zuchini eingepflanzt. Dann bewässerte ich alles und wartete mit Spannung auf Wachstum und Gedeihen.

Eines helllichten Tages weckte mich ein älterer Mann aus dem Mittagschlaf.

Wir besichtigen gerade das Kirchengelände und fragen, ob Sie uns begleiten würden, sprach er.

Ich zog mich an und folgte ihm.

Der kurzweiligen Begehung, bei der wir festgestellt haben, was alles rund um die Kirche im Argen lag, folgten unsere Arbeitseinsätze.

Männer, die noch nicht auf einen Rollator angewiesen waren, bildeten ab sofort eine freiwillige Eingreiftruppe, um bei Bedarf zeitnah gegen Mängel vorzugehen. Sie gaben sich den Namen "Die kirchliche Rentnerband".

Handlungsbedarf gab es mehr als genug. Verwitterte Schiefer fielen vom Kirchendach herunter. Das bewog uns, unverzüglich die Dachrenovierung in Angriff zu nehmen. Im Kirchenraum roch es modrig und feucht. Die Wände mussten neu verputzt und Heizung umgebaut werden. Wir legten die Wege rund um die Kirche neu an. Die uralten Grabsteine, die im Kirchgarten verstreut herum lagen und dem natürlichen Verfall ausgeliefert waren, stellten wir in Reih und Glied auf und überdachten sie.

Ich half, wo ich konnte. Von mir wurde aber vor allem geistliche Stärkung erwartet. Dabei begriff ich ziemlich schnell, dass die Männer weniger daran dachten, mit irgendwelchen frommen Sprüchen erbaut zu werden. Ihrem bodenständigen Charakter entsprach eher das Begehren, mit einem speziellen "Geist", nämlich mit selbstgebranntem slowenischen Pflaumenschnaps gestärkt zu werden.

Unsere Arbeiten unterbrachen wir sonntags, um den Tag des Herrn zu heiligen. Das gefiel vor allem jenen Menschen, die meinten, die eigentliche Aufgabe eines Pfarrers bestünde nicht darin, mit Schaufel und Besen zu hantieren, sondern die Bibel zu erklären, zu beten und die "Kersch zu halten".

Mir ging es in dieser Phase des Lebens so gut wie schon lange nicht mehr. Die Frage, ob meine Mitmenschen einen Pfarrer benötigen, schien mir auf einmal völlig überflüssig. Ich wurde gebraucht.

Pflastersteine reichen, Sand schaufeln, Besen schwingen, Bierflaschen öffnen und regelmäßige Gartenarbeit machten mich körperlich fit und seelisch entspannt. Seit ich meinen ehemaligen Kollegen im Traum umgebracht hatte und auch in Wirklichkeit kein neuer an seine Stelle getreten war, gab es niemanden, der mir Steine in den Weg legte. Was ich getan oder unterlassen hatte, stieß auf keine Kritik. Ich übertreibe nur ein bisschen, wenn ich behaupte: Ich befand mich in einem Zustand der...

Schweitzer Klassifikation
BISAC Classifikation
Warengruppensystematik 2.0

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

5,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen