Wie ich den Sex erfand

 
 
Antje Kunstmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2020
  • |
  • 280 Seiten
 
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978-3-95614-413-4 (ISBN)
 
Eine Weltstadt mit Herz, ein fast noch dörfliches Viertel, eine sehr katholische Familie und Franz Josef Strauß - schöner ist von einer Jugend in den 70er Jahren selten erzählt worden - sprich Erinnerung, sprich!
Seit einigen Wochen sammelt der zwölfjährige Peter in einem Heft geheimnisvolle Worte. Unbefleckt und Hingabe, Empfängnis und feien, Unfehlbarkeit. Er ist Ministrant und fromm, so katholisch wie seine Eltern, die er, das weiß er, nicht fragen kann, was diese Worte bedeuten. Und schon gar nicht solche wie Unzucht, Beischlaf, Porno, die er in den Gesprächen der Erwachsenen aufschnappt oder bei seinen Schulkameraden, die anscheinend alle über ein Wissen verfügen, das ihm nicht zur Verfügung steht. Was bleibt ihm übrig, als zu tun als ob? Sonst würde er ja ewig der unscheinbare Gillitzer bleiben, der es nicht mal auf die Liste der von den Mädchen begehrten Jungs schafft. Gott sei Dank hängt ein großes Plakat von Franz Josef Strauß über seinem Bett, der ihm den einen oder anderer Rat gibt. Peter Probst erzählt liebevoll und mit großem Witz von den Zumutungen der Pubertät und davon, wie die Revolte der Jugend in den 70er Jahren in ein konservatives Milieu einbricht und die Gesellschaft verändert. Zum Entsetzen der Erwachsenen,
zu unserem Lesevergnügen.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,68 MB
978-3-95614-413-4 (9783956144134)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Peter Probst ist 1957 in München geboren. Er studierte Deutsche und Italienische Literatur sowie Katholische Theologie. Bald begann er mit dem Schreiben von Drehbüchern, etwa für Tatort. Für seine Fernsehspiele erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Ab 2006 schrieb Probst erst Kinderkrimis, dann Kriminalromane wie Blinde Flecken oder Im Namen des Kreuzes. Bei dem Sachbuch Verliebt, verlobt... verrückt? arbeitete er mit seiner Frau Amelie Fried zusammen, mit der er in München lebt.

1


Schuld war die Muttergottes.

Wegen ihr und ihren Wundern fröstelte ich sogar unter der schweren Wintersteppdecke, die mein Vater bei der Bundeswehr abgestaubt hatte.

Meine Mutter erzählte immer von der kleinen Bernadette, der in Lourdes eine wunderschöne Frau im weißen Kleid mit blauer Schärpe erschienen war. Achtzehn Mal insgesamt. Erst beim sechzehnten Mal hatte Bernadette den Mut gehabt, sie nach ihrem Namen zu fragen.

»Ich bin die unbefleckte Empfängnis.«

Was die Wörter unbefleckt und Empfängnis bedeuteten, wusste ich nicht. Ich war noch keine zwölf und der Sohn sehr gläubiger Eltern. Besonders Empfängnis klang gruselig, fand ich.

Ich war genauso fromm wie Bernadette, betete morgens und abends und vergaß es nie. Ich ministrierte bei Hochämtern, Trauungen und Beerdigungen, am liebsten aber bei Marienandachten und sang mit Inbrunst:

»Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn.

in Freuden und Leiden ihr Diener ich bin.«

Dann gab es noch die Kinder von Fátima: Jacinta, Francisco und Lúcia. Ihnen hatte die Muttergottes drei Geheimnisse anvertraut, von denen das dritte so schrecklich gewesen war, dass es niemand erfahren durfte. »Die Menschen würden sonst aus Angst glatt tot umfallen«, sagte meine Mutter. Ich traute mich nicht zu fragen, wieso die drei Kinder überlebt hatten - vielleicht waren sie außergewöhnlich kernig gewesen oder hatten die Botschaft der Muttergottes gar nicht richtig verstanden. So oder so wollte ich auf keinen Fall zu den Auserwählten gehören, denen die Muttergottes etwas weissagte.

»Heilige Maria, Muttergottes, ich bitte dich: Erscheine mir nicht!«

Lourdes 1858, Fátima 1917, München-Untermenzing 1970. Die Reihe erschien mir logisch. Bernadette, Francisco, Jacinta, Lúcia, Peter. Auch diese Aufzählung klang in meinen Ohren so selbstverständlich, als wäre meine Marienerscheinung beschlossene Sache.

Es gab eine Hoffnung: die Muttergottes bevorzugte offenbar arme Müllers- und Hirtenkinder. Ich war ein Arztkind, sogar eines von zwei Ärzten. Wir aßen zwar Scheibletten, Corned Beef und Hering in Tomatencreme aus der Dose, aber so richtig arm waren wir nicht.

Andererseits gab es in Untermenzing keinen Müller und keine Hirten mehr, nur den komischen alten Schäfer, der zweimal im Jahr hinter unserem Haus über die Wiesen zog und seine Herde absichtlich über den Bolzplatz lenkte, damit sie ihn komplett zuschiss. Er hatte aber keine Kinder. Weil er auch noch Junggeselle war, hatte unser Vater uns verboten, ihn in seinem Schäferkarren zu besuchen. Dabei hätte ich ihn so gern gefragt, wieso er seine Herde nicht woanders kacken ließ.

»Heilige Muttergottes, kannst du dir nicht einfach ein anderes

Kind aussuchen?«

Tagelang zerbrach ich mir den Kopf darüber, wen ich ihr an meiner Stelle vorschlagen könnte. Aber mir fiel niemand ein, der infrage kam. Alle anderen Kinder benutzen unanständige Wörter, manche logen, manche stahlen, viele naschten. Alle waren Sünder, nur ich blöderweise nicht.

In meiner Verzweiflung zog ich mir, sobald ich im Bett lag, die Decke über den Kopf, obwohl ich kaum Luft bekam und mir klar war, dass die Muttergottes mit Leichtigkeit hindurchstrahlen konnte, wenn sie wollte.

Ich sah sie schon über meinem Bett schweben, die unbefleckte Empfängnis, wie einen riesigen weißen Falter mit blauer Schärpe. Sie würde mir womöglich ein Geheimnis anvertrauen, das noch viel schrecklicher war als das dritte von Fátima, und ich würde zur Salzsäule erstarren wie die Frau Lot, die sich auf der Flucht nur noch mal kurz nach dem brennenden Sodom umblicken wollte - immerhin war es ihre Heimatstadt.

Von der Angst, die mich Nacht für Nacht heimsuchte und viele Stunden wach hielt, erzählte ich keinem Menschen. Ich war verschwiegen wie meine Vorgänger in Lourdes und Fátima, die ihr Geheimnis so lange wie möglich für sich behalten hatten.

Bald hatte ich wegen des Schlafmangels solche Augenringe, dass meine Arzteltern mir eine Sanostol-Kur verordneten. Sie verrieten mir nicht, dass es sich um Lebertran handelte, weil ich Leber so hasste, dass mir allein das Wort Übelkeit bereitete. Sanostol schmeckte nach sehr süßer Orange und fühlte sich wunderbar klebrig auf der Zunge an. Nach dem Zähneputzen wartete ich ungeduldig auf den Moment, da meine Mutter mit der braunen Flasche und dem Suppenlöffel an mein Bett trat. Ich achtete darauf, dass sie nicht sparte, und behielt den Sirup so lange im Mund, dass ich ihn noch am nächsten Morgen schmecken konnte.

Sanostol war mein Zaubertrank und beherrschte meine Gedanken in manchen Nächten beinahe so sehr wie die Muttergottes. Das lag auch an einer Zeitungswerbung, die mich vor Jahren bei meinen ersten Leseübungen in den Bann gezogen hatte.

Sanostol macht kernig und feit gegen Krankheiten.

Wie vermutlich die meisten Kinder hatte ich nicht gewusst, was feien bedeutet, aber ab da dringend kernig werden wollen. Kernig, wie die Waden der Burschen beim Menzinger Trachtenumzug, die Politiker im Bayerischen Fernsehen, die mit der Faust auf den Tisch hauten, kernig, wie die Sprüche am Stammtisch im Alten Wirt gegen die Preußen und alle anderen Fremden.

Meine Augenringe verschwanden dank der Sanostol-Kur allmählich, von echter Kernigkeit war ich aber weit entfernt. Ich stand auf Steckerlbeinen und redete aus Schüchternheit sehr leise.

Trotzdem glaubte ich eines Abends, in mir eine Veränderung wahrzunehmen - meine Angst vor der Muttergottes war auf einmal nicht mehr ganz so schrecklich.

»Dann erschein mir halt, heilige Muttergottes, wenn du einfach kein anderes Kind findest.«

Ich hatte noch nicht zu Ende gebetet, da wusste ich, dass das der falsche Ton gewesen war. So redete man nicht mit einer unbefleckten Empfängnis. Wahrscheinlich war mein Gebet sogar eine Sünde. Und Sünden wurden bestraft. Meistens mit dem, was dem Sünder am wehsten tut, sagte mein Vater. Das konnte in meinem Fall nur eine Marienerscheinung sein.

Ich wartete zwei Nächte, ohne dass etwas geschah. In der dritten sah ich das Licht. Es tanzte vor der Wand hin und her, als müsste die Muttergottes erst noch in ihr weißes Kleid schlüpfen. Wo war denn die blaue Schärpe? Das Licht wurde kreisrund. Hatte sie sich doch gegen die Lourdes- und für die Fátima-Version entschieden?

»Da hat die Sonne sich plötzlich wie verrückt um sich selbst gedreht«, hatte meine Mutter erzählt, »und es hat so ausgesehen, als würde sie gleich auf die Erde stürzen. Dreißigtausend Gläubige haben vor Angst geschrien und sind zitternd auf die Knie gefallen!«

Ich wollte ebenfalls auf die Knie fallen, aber mein Körper war bleischwer. Unmöglich, ihn aus dem Bett zu heben. Hätte meine Mutter die Sanostol-Flasche auf dem Nachttisch vergessen, ich hätte sie zur Kräftigung in einem Zug geleert. Aber sie vergaß sie nie. Mein Zimmer erstrahlte im Licht der Muttergottes.

Wenn mir der Kniefall schon nicht gelang, musste ich irgendwie anders reagieren, sonst dachte die Muttergottes womöglich, sie habe einen Unwürdigen für ihre Erscheinung ausgesucht. Das wollte ich auf keinen Fall. Unser Pfarrer fiel mir ein, der in seinen Predigten gern von Hingabe sprach. Vielleicht war das die Lösung. Aber wie genau ging Hingabe? Vielleicht so? Ich streckte meine Arme dem Licht entgegen.

»Heilige Muttergottes, ich gebe mich dir hin.«

Ich stellte mir vor, dass die Muttergottes mit ihrem Lichtfeuer erst die Steppdecke verbrennen würde, die, obwohl schon öfter gewaschen, immer noch stark nach Soldat roch. Dann würde sie sich wie ein leichtes, warmes Tuch auf mich legen und mich ganz einhüllen. Ich würde mit ihr ein paar Zentimeter über dem Bett schweben, und sie würde mir mit ihrer sanftesten Stimme ihre Geheimnisse ins Ohr flüstern. Vielleicht waren sie gar nicht so schlimm, weil die Muttergottes es nett mit mir fand. Vielleicht vertraute sie dem Untermenzinger Kind, das sie sich für ihre Erscheinung ausgesucht hatte, ausnahmsweise sogar gute Nachrichten an.

»Ich werde die Welt retten« zum Beispiel oder: »Mach dir keine Sorgen, Peter, es gibt gar kein Fegefeuer.«

Ich hauchte noch einmal, dass ich bereit sei, da hustete sie. Wo war sie denn jetzt hingeflogen? Ich riss den Kopf herum und musste geblendet die Augen schließen.

Da war es also: mein Sonnenwunder.

München-Untermenzing, 7. Oktober 1970. Die Muttergottes erscheint dem Arztsohn Peter Gillitzer und verkündet ihm und der Welt .

Wieder hustete die Muttergottes, räusperte sich und spuckte aus.

Aber .? So war sie nicht! Nicht die Muttergottes, zu der ich, seit ich denken konnte, betete. Oder wollte sie mich auf die Probe stellen, die Unerschütterlichkeit meines Glaubens testen? Mit einem so ekelhaften Nasehochziehen und Ausspucken? Nein! Das war für eine unbefleckte Empfängnis eindeutig zu unheilig.

Das Licht wurde schwächer, ich öffnete vorsichtig die Augen. Da sah...

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