Gelebt, erlebt, überlebt

 
 
Zsolnay, Paul (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-552-05900-9 (ISBN)
 
Gertrude Pressburger war zehn, als Hitler in Österreich einmarschierte. Obwohl die jüdische Familie katholisch getauft worden war, musste sie fliehen. Fast sechs Jahre dauerte die Flucht, die 1944 in Auschwitz endete. Gertrude überlebte den Holocaust - ihre Eltern und die zwei jüngeren Brüder wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Jahrzehntelang hat Gertrude Pressburger geschwiegen. Dass ein maßgeblicher Politiker in Österreich 2016 von einem drohenden Bürgerkrieg spricht, hat sie bestürzt. Per Videobotschaft warnte sie vor einer Rhetorik der Extreme. Dass ihre wahrhaftigen Worte Gehör finden, hat sie bestärkt, mit einer jungen Journalistin ihre Autobiographie zu schreiben: "Ich bin nicht zurückgekommen, um dasselbe noch einmal zu erleben."
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Gertrude Pressburger, geboren 1927, wurde mit ihrer Videobotschaft im Bundespräsidentschaftswahlkampf 2016 einer großen Öffentlichkeit bekannt.

 

 

1. KAPITEL

 

DIE ERSTE, DIE IM BAUMWIPFEL SITZT

 

Es gibt Straßen in Wien, die betrete ich nicht. Nie würde ich hinter dem Schloss Schönbrunn von der Altmannsdorfer Straße in die Belghofergasse abbiegen. Nie würde ich durch die Wehlistraße zur Donau spazieren. Ich schaffe es nicht. Heute bin ich sowieso zu schlecht zu Fuß dafür. Mein Rückgrat ist verschoben, die Nerven machen im Kreuz einen Bogen, und der Knochen drückt schmerzhaft darauf. Um ein Stück zu gehen, brauche ich meinen Rollator oder den Arm meiner Tochter, und bald muss ich mich wieder setzen. Aber auch früher war ich ganz bewusst nie dort. Seit siebzig Jahren meide ich die Orte meiner Kindheit in Wien. Von meinem Mann weiß ich, dass es die Absperrung nicht mehr gibt, durch die wir Kinder in der Wehlistraße immer zum Donauufer hinuntergeschlüpft sind. Ich weiß auch, dass am Khleslplatz vor meiner Volksschule schon lange kein Zirkus mehr gastiert, weil die Wiese weg ist und dort jetzt ein Haus steht. Aber ich kann unmöglich bis in unsere Straßen gehen, vor unseren Wohnhäusern stehen und mir denken, ja, da haben wir gelebt, mit Mama und Papa. Ein einziges Mal bin ich mit dem Auto durch die Belghofergasse gefahren. Durch die Scheiben habe ich die Fenster unserer Wohnung gesehen, jener Wohnung, in der wir gelebt haben, bis ich zehn Jahre alt war. Ausgestiegen bin ich nicht. Ich will nicht, dass Erinnerungen auftauchen. Und ich will niemandem begegnen. Unser Familienleben, das war einmal. Schneewittchen geht man nicht suchen.

Heute müssen unsere Nachbarn von damals längst gestorben sein. Auch die, die meine Mutter fast umgebracht hätten.

Ich kann mich noch genau erinnern: Meine Mama steht im Innenhof unseres Wohnhauses in der Belghofergasse und hängt die Wäsche auf. Die Hemden vom Papa, die kleinen Söckchen meines Bruders, meine Kleider. Da schleudert aus einem oberen Stockwerk plötzlich jemand eine gusseiserne Pfanne in ihre Richtung. Zufällig löst sich in diesem Moment ein Wäschestück von der Leine. Meine Mutter bewegt sich ein Stück zur Seite, fängt es auf, damit es nicht zu Boden fällt, und befestigt es mit einer Wäscheklammer. Ganz knapp verfehlt die Pfanne ihren Kopf und landet im Gras, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. Schneeweiß ist sie im Gesicht, als sie zurück in die Wohnung kommt und erzählt, was passiert ist. Ein antisemitischer Anschlag im Jahr 1937. Ich weiß nicht, wer von unseren Nachbarn es war und ob meine Eltern es gewusst haben. Ich weiß nur, dass sie beschließen, dass wir umziehen: »Denn jetzt wird es lebensgefährlich.«

In diesem Gebäude in Wien-Meidling, in dessen Hof der Pfannen-Angriff stattfindet, wohnen wir, seit mein um drei Jahre jüngerer Bruder Heinzi auf der Welt ist. Vor unserem Wohnhaus hier im Südwesten der Stadt liegt ein schmaler Vorgarten, rundherum gibt es eine Grünanlage, und drei Häuser weiter ist alles noch unverbaut. Die Einzigen, die vorbeikommen, sind die »Pracker«, Obstverkäufer mit ihren Holzkarren. Und Lavendelfrauen sind unterwegs, singend ziehen sie die Straße entlang: »An Lavendel homma do, wer kauft an o.« Man kauft ihn und hängt ihn sich in den Kleiderkasten. Unsere Wohnung liegt im Souterrain, und um zur Eingangstür zu kommen, muss man durch den Vorgarten, dann ums Haus herum und ein paar Stufen hinunter. Wir haben eine große Wohnküche mit einem gemauerten Herd, den wir mit Holz heizen, und einem Ecktisch samt Bank, um den wir bei den Mahlzeiten schweigend sitzen, denn »beim Essen spricht man nicht«, sagt der Papa. Durch unsere Küchenfenster schaut man auf die Straße, ich jedoch nicht einmal auf Zehenspitzen, denn sie liegen hoch, und wir Kinder sind klein. Im Zimmer nebenan schlafen wir alle zusammen: Heinzi und ich in einem Einzelbett, der Kleine bei den Eltern.

Bei meiner Geburt am 11. Juli 1927 lebten meine Eltern noch in einem Kabinett. Nicht einmal einen Herd gab es dort im zwanzigsten Bezirk, meine Mutter kochte auf einem Spirituskocher. Erst als das zweite Kind da war, konnten sie in Meidling unsere Zimmer-Küche-Wohnung bekommen. Dass antisemitische Anfeindungen unsere Familie wenige Jahre später zum Umziehen zwingen werden, ahnen sie Anfang der 1930er Jahre noch nicht.

 

 

Gertrude und ihre Mutter, 1927

 

Der Heinzi heißt eigentlich Heinrich Peter, ist drei Jahre jünger als ich und ein bisschen eine »Zezn«: Das schmeckt mir nicht, das kann ich nicht, das mag ich nicht. Meine Eltern wollten ihn ursprünglich Heinz nennen, aber das gilt im Österreich meiner Kindheit nicht als vollständiger Vorname. Wir witzeln oft, dass er ein verpatztes Mädchen ist. Er ist eher wehleidig, sehr introvertiert und sehr gescheit. Ein ausgesprochenes Talent fürs Zeichnen hat er, malt wirklich wunderschön, ist eine richtige Naturbegabung. Mit Bleistift und Papier kann er sich stundenlang beschäftigen. Einmal zeichnet er eine Kirche, so fein und exakt, dass man glauben könnte, man habe ein Foto vor sich. Der Pfarrer ist begeistert und hängt das Bild in die Sakristei. Heinzi ist sehr fleißig und lernt mit Begeisterung. Das Spielen mit anderen Buben liegt ihm weniger. Wir sind schon etwas älter, da wartet er nach der Schule manchmal auf mich. Ich drücke ihm meine Schultasche in die Hand, er läuft damit heim, und ich gehe für ihn mit den Buben raufen.

 

 

Gertrude und Heinzi mit der Mama, Schönbrunn 1932

 

Als ich sieben bin und Heinzi vier, kommt der Kleine auf die Welt: »unser« Kind. Denn Heinzi und ich haben ihn uns selber ausgesucht. Bis zuletzt noch erledigt die Mama im Jahr 1934 hochschwanger den Haushalt. Mit der Straßenbahn fährt sie ins Spital, als die Wehen einsetzen, und entbindet fast schon auf den Stiegen, so schnell geht es. »Kommt mit, ihr dürft euch ein Kind aussuchen«, sagt der Arzt, als wir unsere Mutter im Krankenhaus in der Klosterneuburger Straße besuchen. Sie liegt allein in ihrem Bett, und wir haben den Neuankömmling noch nicht gesehen. Der Arzt führt Heinzi und mich über den Gang und öffnet leise die Tür zu einem schmalen länglichen Zimmer. Mehrere Säuglinge sind hier in kleinen Bettchen nebeneinander untergebracht. Der erste streckt die Ärmchen in die Höhe. Er ist sehr dünn. Heinzi und ich schauen uns an und schütteln den Kopf. Nein, den wollen wir nicht. Das zweite Kind weint. Nein, das gefällt uns auch nicht. Überhaupt gefällt uns keines, bis wir zum letzten kommen. Fünf Kilo wiegt es und hat darum ein vollkommen glattes Gesicht, nichts ist verdrückt. »Den wollen wir«, sagen wir, und der Arzt hebt den Kleinen behutsam aus dem Bettchen. Er sieht tatsächlich so aus, als würde er lachen, obwohl er das ja noch gar nicht kann. »Schauts, das ist ein richtiger Lump, der lacht, wenn man ihn rausnimmt«, freut sich der Arzt. »Herr Doktor, der ist höchstens ein Lumpi, aber kein Lump«, korrigiert ihn die Krankenschwester. Und damit hat der Kleine seinen Namen. Josef Ernst taufen ihn meine Eltern, doch alle nennen ihn Lumpi. »Waren wir blöd, dass wir dich im Krankenhaus ausgesucht haben«, schimpfen Heinzi und ich den Kleinen, wenn er wieder einmal schlimm ist.

Als er schon älter ist, besuchen wir in Mödling eine Ausstellung. Kaum angekommen, versteckt der Kleine sich hinter der nächsten Ecke. »Lumpi, Lumpi«, rufen wir. Da kommt eine Frau auf uns zu, sehr verärgert: »Sie wissen aber, dass Hunde hier verboten sind!« Mein Bruder saust aus seinem Versteck hervor und stellt sich kerzengerade vor sie hin: »Der Lumpi, das bin ich. Und ich bin sicher kein Hund.« Noch heute sehe ich ihn vor mir, den blonden, robusten, kernigen Buben. »So einen Sohn habe ich mir immer gewünscht«, sagt der Papa. Und: »Eigentlich schaut er aus wie der typische Hitlerjunge.« Unsere Mutter hat nach dem Lumpi auf jeden Fall genug vom Kinderkriegen: 1,90 Kilogramm habe ich bei der Geburt gewogen, Heinzi dann schon über zwei und der Kleine stolze fünf. »Noch ein schwereres kann ich nicht mehr auf die Welt bringen«, sagt sie. Dafür, dass sie so zart ist, hat sie ohnehin ein sehr gebärfreudiges Becken.

Beim dritten Kind hat sich auch mein Vater an den Anblick eines Neugeborenen gewöhnt. Meine Geburt hat ihn noch recht entsetzt: »Dass ein Baby so ausschaut!« Ich war das erste, das er je gesehen hat. »Am Anfang warst du nicht so schön, aber du bist immer hübscher geworden«, sagt er. »Und heute bin ich eine Schönheit«, scherze ich.

Der Kleine ist erst ein paar Wochen alt, als unser Vater das Baby einpackt und mit ihm spazieren geht. Er stellt den Kinderwagen am Gehsteig ab und will das Tor zum Vorgarten zusperren, da gerät der Wagen plötzlich ins Rollen, fährt über den Randstein und kippt um. Zum Glück landet erst die Decke auf dem Boden, darauf der Kleine selbst und wie eine Käseglocke darüber der Wagen. Alles gutgegangen. Trotzdem ist es eine Sensation, als unser Vater später schildert, was sich zugetragen hat. Dass dem Papa so etwas passiert! Ihm, unserem großen Vorbild. Heinzi und ich können es gar nicht fassen.

Heinzi ist unser Gelehrter, Lumpi ist der Robuste, und ich stehe in der Mitte. Mit dem einen lerne ich, mit dem anderen raufe ich. Als sich meine Eltern in der Schule nach mir erkundigen, sagt die Lehrerin: »Während der Stunde ist sie die Bravste, die ich in der Klasse habe, aber sobald die Glocke läutet, ist sie die Erste, die auf einem Baum sitzt.« Ich bin keine sehr Ruhige. Was Eltern und Lehrer von mir verlangen, befolge ich, sonst lasse ich mir nicht gern etwas sagen. Ich habe meinen eigenen Kopf. Mein Selbstbewusstsein hat mir der Papa beigebracht. »Lasst euch nicht unterkriegen«, ist einer seiner wichtigsten Sätze, das lebt er selbst und fordert er auch von uns Kindern. »Halt hoch den Kopf, was dir auch droht, und werde nie zum Knechte«, schreibt er Anfang 1938 mit...

"Ein ernüchterndes, fesselndes Buch, das dringend gebraucht wird in Zeiten, in denen Weltkriegszeitzeugen rarer und Politiker lauter werden, die von "Denkmälern der Schande" und der Abkehr von der Erinnerungskultur schwadronieren." Johannes Steger, Handelsblatt, 09.03.18

"Die Lebens-Geschichte einer der beeindruckendsten Zeitzeuginnen Österreichs zeigt: Manche Kämpfe sind nie zu Ende. Es macht aber dennoch Sinn, sie zu führen." Josef Votzi, Kurier, 09.03.18

"Gertrude Pressburgers Lebensgeschichte ist ein Weckruf . Man muss Marlene Groihofer schon beachtliches Einfühlungsvermögen zugestehen." Michael Schrott, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.18

"Die Erinnerungen von Gertrude Pressburger sind ein Warnruf, damit nicht wieder das Niedrigste aus den Leuten herausgeholt wird, sondern nur das Anständige." Kurier, 28.02.18

"Und endlich kennt man nicht nur ihren Nachnamen., sondern ihre ganze Geschichte. Sie ist besonders. Nicht nur, weil sie so klar, lakonisch und eindrücklich erzählt wird, sondern weil Pressburger die ganze Geschichte erzählt . Gut für sie und Österreich, dass sie ihre Geschichte aufschreiben hat lassen." Barbara Toth, Falter, 31.01.18

"Ein bedrückendes, aber auch mitreißendes Dokument der Zeitgeschichte. Ein wichtiges Buch, von dem man sich wünscht, dass vor allem junge Menschen es lesen." Hasnain Kazim, Spiegel Online, 31.01.18

"'Schon bei unserer ersten Begegnung hat mich Gertrude Pressburger beeindruckt. Trotz ihres Schicksals hat sie sich eine unglaubliche Stärke und Zuversicht bewahrt.' sagt Van der Bellen. Mit 'viel Gespür' habe Pressburger in ihrem Buch gesagt, 'was eigentlich unsagbar ist'" Christian Böhmer, Kurier, 30.01.18

"Mit dem Buch hat Pressburger ihrer Familie ein Andenken gesetzt, das zugleich eine Mahnung an die Politik ist." Alexander Behr, ORF, 30.01.18

"Ein eindrucksvolles Zeugnis, Lektüre lohnt." Michael Wurmitzer, Der Standard, 29.01.18

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