Die schönen Mordschwestern

Mürztal-Morde
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2020
  • |
  • 245 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6234-4 (ISBN)
 
1906 erschüttert ein Kriminalfall die gesamte Steiermark: Eine junge Frau wird im Mürztal von einem Geschwisterpaar grausam ermordet. Das Motiv scheint klar, aber wer von beiden war die Mörderin? Oder waren es alle beide? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Nach der Verbüßung ihrer Strafe taucht die jüngere der Schwestern, Fini, wieder in Wien auf. Die Begegnung mit Opernsänger Pokorny, dem eigentlichen Auslöser der Tat, konfrontiert sie mit ihrer dunklen Vergangenheit. Ist nun die Zeit der Rache gekommen?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Franz Preitler, aufgewachsen in der Waldheimat, in Langenwang im Mürztal, publiziert seit 2005 Bücher und ist Herausgeber von zwei Anthologien. Er organisiert Literatur- und Kulturveranstaltungen und ist bekannt als Nach-Erzähler von Sagen und Legenden rund um seine Heimat, die Steiermark. Der Autor möchte die Leser mit Erzählungen aus der Geschichte bewegen, um die Vergangenheit lebendig zu vermitteln und vor dem Vergessen zu bewahren. Zusätzlich schreibt er Romane. Preitler hält Lesungen sowie Vorträge zu seinen Büchern ab, nutzt dabei erfolgreich Social Media und ist durch die Presse in der Steiermark bekannt. Seit 2019 leitet der Erfolgsautor den renommierten Kultur- und Literaturverein Roseggerbund Waldheimat.

Wien, 29. November 1912, Josef Goldstein und Simon Hufnagel


»So ein Tohuwabohu! Hast du das gesehen?« Josef Goldstein und sein Freund Simon Hufnagel sitzen im vorderen Teil des Café Schinagl bei ihrer vormittäglichen Melange. »Das gibt es ja sonst gar nicht, dass Fräulein Lebhardt ihre Geldtasche einmal aus den Fingern lässt. Und da, siehst du es durch die Tür? Die Frau am Boden, das ist doch die, die vorhin an uns vorbeigegangen ist und die von diesem komischen schwarzhaarigen Mann angesprochen wurde. Ich hab mir noch gedacht: Nanu, was will dieser Pokorny von dieser Frau?« Simon verschränkt die Arme und staunt: »Josef, du kennst wirklich Gott und die Welt! Woher kennst du denn diesen Mann, bitte sehr?« »Das erzähle ich dir gerne. Du kannst dich doch sicher noch an diesen aufsehenerregenden Mord im Raxental vor sechs Jahren erinnern, bei dem ja auch ein Stammgast von diesem Café, nämlich die Maria Müller, zu Tode kam? Nun, dieser Pokorny hat dabei eine äußerst unrühmliche Rolle gespielt. Viele haben ihn sogar als den eigentlichen Verursacher dieses ganzen Dramas gesehen. Rechtswirksam bestätigt konnte das aber nie werden. Er kam jedoch am 7. Juli 1906, gleich nach dem Ende des Mordprozesses in Leoben, wegen Verdacht auf Heiratsschwindelei und schweren Betrugs in Untersuchungshaft und wurde Ende Juli ohne jegliches Aufsehen mit dem Zug nach Wien ins Schwurgericht überstellt. Bei seinem Gerichtsprozess in Wien im Jänner 1907, in dem seine ganze kriminelle Vergangenheit aufgerollt und sein schadhaftes Verhalten als Betrüger und Heiratsschwindler nachgewiesen wurde, erklärte er sich für >nicht schuldig< und bezeichnete sich selbst als >unglückliches Opfer<. Was seine Verlobte, Augustine Huber, betraf, kündigte er an, ihre tragische Geschichte, die über die Grenzen Österreichs für Aufsehen sorgte, zu Papier zu bringen und ein Buch darüber zu schreiben.« Goldstein nimmt noch einen Schluck von seinem Kaffee.

»Woher weißt du denn das alles so genau?«, will Simon überrascht wissen. »Nun, nach dem Todesurteil gegen Augustine Huber hat er mich, noch während er in Untersuchungshaft war, kontaktiert und mir angeboten, das Buch zu schreiben. Aber erstens hatte er außer selbstmitleidigem Geschwätz überhaupt nichts anzubieten und zweitens habe ich damals auch über den Herrn recherchiert und daher dankend abgelehnt. Offensichtlich war Pokorny seit der Affäre Huber, in die er drastisch verwickelt war, von einer krankhaften Sucht nach Sensation erfasst. Er bezeichnete den Prozess und das, was in Leoben mit seiner Braut passiert war, als Justizmord. Er versprach in einem von Menschen gefüllten Schwurgerichtssaal, als Held aufzutreten und mit seinen Enthüllungen zu brillieren. Die Beweise würden ausreichen, um den Tag der Erlösung in diesem fatalen Justizirrtum herbeizuführen. Seine Worte waren aber - wie bei ihm fast immer - lediglich leere Versprechungen. So mussten damals ja auch die teuren Toiletten, die er Augustine und Josefine Huber versprochen und in Wien bestellt hatte und die per Nachnahme in Leoben ankamen, zurückgeschickt werden, da er sie nicht bezahlen konnte. Der Staatsanwalt stellte in seinem Plädoyer fest, dass der Angeklagte Joseph Pokorny erst durch den Huber-Prozess in Leoben der Justiz in Österreich auffällig geworden sei und dass er durch die sofortige Verhaftung nach Abschluss des Prozesses unschädlich gemacht werden konnte. Er hatte sich als Zeuge bei seinen Aussagen in zahlreiche Widersprüche verstrickt und außerhalb der Verhandlung behauptet, nie ernsthaft an eine Heirat mit der Angeklagten Augustine Huber gedacht zu haben. Bei seinem eigenen Prozess in Wien waren als Zeugen auch etliche Frauen geladen, denen er versprochen hatte, sie zu heiraten und für den Rest ihres Lebens glücklich zu machen, und die ihm gerade aus diesem Grund ihre gesamte Mitgift überlassen hatten. Es gelangte auch eine große Anzahl von Liebesbriefen zur Verlesung, die Pokorny in überaus schwärmerischem Ton an seine Verehrerinnen gerichtet hatte. Alle Briefe zeigen denselben Inhalt. Sie beginnen zärtlich mit: >Liebes Mädchen!<, dann kommen hochfliegende Hoffnungen und Versprechungen und alle schließen dann in verlegener Plötzlichkeit mit der Bitte um Geld. Sieben Monate nach dem Prozess gegen die Huber-Schwestern wurde Joseph Pokorny in Wien zu zwei Jahren schweren Kerkers wegen argen Betruges und Zechprellerei verurteilt. Als einziger Milderungsgrund für den ehemaligen Bräutigam von Augustine Huber, einem rüstigen, behäbig wirkenden 42-jährigen Mann mit gekünsteltem Gehabe, wurde seine mangelhafte Aussprache in Erwägung gezogen, die ihn daran hindere, >seine ihm von Gott gegebenen Mittel in entsprechender Weise zu verwerten<. Damit war seine mangelnde Begabung als Sänger und Schauspieler gemeint und wer weiß, ob er jemals auf die Anklagebank gekommen wäre, wenn er ein gutes Deutsch, ohne diesen markanten Akzent, gesprochen hätte. Erschwerend kamen seine bisherigen Vorstrafen und Abmahnungen hinzu. Und deren gab es zur Genüge. Du siehst, dieser Joseph Pokorny, der sich von seinen Damen gerne >Pepo< nennen lässt, war also eine mehr als zwielichtige Figur. Ich habe ja damals viel über ihn recherchiert, weil ich auch über den Prozess berichtet habe. Diese und meine anderen Unterlagen aus dieser Zeit habe ich - ich erzähle dir später gerne, warum - wieder ausgegraben. Aber ich denke, du weißt inzwischen schon genug über die Vergangenheit dieses Herrn.«

»Ja, aber jetzt ist er ja offensichtlich wieder in Wien. Was ist aus ihm geworden, wie ist er denn heute und was macht er überhaupt?« »Das ist eine gute Frage. Er hat sich nämlich vor zwei Monaten wieder bei mir gemeldet und mir erzählt, dass er nicht nur einen Verlag für das Buch gefunden hatte, sondern auch neue, aufsehenerregende Fakten zu dem noch immer nicht ganz geklärten Fall hatte. Und ich solle mit ihm gemeinsam, vor allem basierend auf seinen Erzählungen und Aufzeichnungen, das Buch schreiben. >Jeder Mensch trägt seine Vergangenheit ständig mit sich herum<, hat er zu mir gesagt. >Und meine scheint wie einbalsamiert zu sein, alle guten und schlechten Erinnerungen leben noch in mir. Sie leben wie überflüssige Gegenstände, die ich nicht loswerden kann, die mir niemand abnehmen möchte. Am meisten plagt mich aber die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse und dass der tragische Mord an dem unschuldigen Dienstmädchen Maria Müller im Raxental noch immer nicht vollständig aufgeklärt ist. Und darum möchte ich, dass die volle Wahrheit ans Licht kommt.< Ich glaube zwar eher, dass es Pokorny vor allem um die Wiederherstellung seiner Reputation geht, aber auch, dass das Thema tatsächlich noch immer auf großes Interesse stoßen könnte. Daher habe ich mich auch schon zweimal mit ihm getroffen, mir Teile der Geschichte aus seiner Sicht erzählen lassen und dazu Notizen gemacht. Er hat mir auch schriftliche Aufzeichnungen überlassen - die hat er vor allem während seiner Gefängniszeit erstellt - und noch weitere versprochen. Allerdings drohte ich ihm, dass er diese neuen Fakten über den Mord auf jeden Fall beibringen muss, nur dann wird etwas daraus. Also, wir werden sehen. Das Buch ist ihm jedenfalls allem Anschein nach ein echtes Herzensanliegen. Denn er hat sich bei den Tantiemen sogar auf 80 Prozent für mich und 20 für sich herabhandeln lassen, und das soll bei so einem geldgierigen Kerl schon was heißen, und mir volle Freiheit für das Schreiben zugestanden. Sein Leben scheint er übrigens einigermaßen in den Griff bekommen zu haben. Er hat mir nämlich stolz erzählt, dass er gerade unter dem Künstlernamen Joseph Hochmaier in dieser Saison an der Volksoper engagiert ist und dort einen Lotsenkapitän gibt bei der Uraufführung einer Oper namens >Liebesketten<. Er meinte überzeugt, dass dies die Hauptrolle für Tenor sei. Und das dürfte auch stimmen. Ich hab mich bei einer Freundin erkundigt, die gerne in die Oper geht. Du weißt ja, mich interessiert das Gejaule dort gar nicht. Natürlich hat Pokorny mich gebeten, seine wahre Identität geheim zu halten, bis das Buch erschienen und sein Name rehabilitiert ist. Das habe ich ihm auch zugesagt, denn dass vor dem Erscheinen des Buches nichts bekannt wird, liegt auch in meinem Interesse. Das Ganze verspricht auf jeden Fall eine interessante Sache zu werden.« »Das kann ich mir vorstellen, ich hoffe, du hältst mich auf dem Laufenden, Josef!« »Aber, natürlich, Simon! Mich würde aber auch interessieren, wer diese Frau ist, die er angesprochen hat. Ah, Fräulein Lebhardt, wie geht es denn der Dame, die ohnmächtig geworden ist?« Die Zahlkassiererin kommt näher an den Tisch: »Ach, es geht schon wieder, sie hat ein Glas Wasser getrunken und jetzt schaut sie schon wieder viel besser aus.« »Dann ist es gut.« »Ja, aber es ist komisch. Die Dame erinnert mich an jemanden. Die ganze Zeit überlege ich, ob das stimmen kann. Aber Sie müssten sich eigentlich auch noch erinnern können, Sie waren damals beim Prozess dabei.« »Was meinen Sie denn leicht, wer das ist, Fräulein Lebhardt?«Jetzt ist Goldstein wirklich neugierig geworden. »Ich bilde mir ein, das ist die Josefine Huber. Ganz verhärmt und gar nicht mehr so hübsch schaut sie natürlich aus. Die hat sicher auch viel mitgemacht inzwischen.« »Was, die Josefine Huber? Sie glauben, das ist sie? Nein, das gibt es doch nicht! Aber wenn Sie es meinen, wird das schon stimmen, Sie vergessen keine Gesichter. Danke für diese wichtige Information!« Fräulein Lebhardt eilt zu einem anderen Tisch zum Abkassieren.

»Na sowas, Simon, die Fini Huber, die jüngere Schwester der Gusti Huber! Aber stimmt, sie müsste inzwischen aus dem Gefängnis entlassen worden sein. Sie wurde damals beim Prozess wegen Mittäterschaft...

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