Das Erbe des Zauberers

Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2015
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97229-1 (ISBN)
 
Als der Magier Drum Billet seinen Zauberstab gemäß guter Sitte an den achten Sohn eines achten Sohnes übergeben will, macht er einen folgenschweren Fehler: Denn das Neugeborene ist ein Mädchen, und diesen ist der Zutritt zur Unsichtbaren Universität verwehrt. Nun kann nur noch Oma Wetterwachs den Zauberern in Sachen Gleichberechtigung auf die Sprünge helfen.
  • Deutsch
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,68 MB
978-3-492-97229-1 (9783492972291)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Terry Pratchett, geboren 1948 in Beaconsfield, England, erfand in den Achtzigerjahren eine ungemein flache Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte ruht, und hatte damit einen schier unglaublichen Erfolg: Ein Prozent aller in Großbritannien verkauften Bücher sind Scheibenweltromane. Jeder achte Deutsche besitzt ein Pratchett-Buch. Bei Piper liegen der erste Scheibenweltroman »Die Farben der Magie«sowie die frühen Bände um Rincewind, Gevatter Tod, die Hexen und die Wachen vor - Meisterwerke, die unter den Fans einhellig als nach wie vor unerreicht gelten. Terry Pratchett erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den »World Fantasy Lifetime Achievement Award« 2010. Zuletzt lebte der Autor in einem Anwesen in Broad Chalke in der Grafschaft Wiltshire, wo er am 12. März 2015 verstarb.

Der Adler hockte auf einem Läufer, der vor dem kalten Kamin lag. Er trank ein wenig Wasser, das Oma zuvor mit einigen Zaubersprüchen behandelt hatte - für gewöhnlich machte sie das nur, um Patienten zu beeindrucken, aber man konnte nie wissen, vielleicht nützten sie tatsächlich etwas -, und er fraß auch einige Streifen rohes Fleisch.

Doch er zeigte nicht das geringste Anzeichen von Intelligenz.

Ome Wetterwachs fragte sich, ob sie den richtigen Vogel gefunden hatte. Sie riskierte es erneut, sich ihm zu nähern, blickte in böse funkelnde gelbe Augen und versuchte sich davon zu überzeugen, dass in den Tiefen des animalischen Geistes, in irgendeiner dunklen Ecke, ein kleines Licht flackerte.

Behutsam schaute sie sich im Kopf des Vogels um. Der Geist des Adlers präsentierte sich wie gewohnt, lebendig und scharf. Aber außerdem fühlte sie auch noch etwas anderes. Ein Geist hat natürlich keine Farbe, doch Oma glaubte trotzdem, das Selbst des Vogels als eine Zusammenballung verschiedener violetter Schichten zu erkennen. Und in dieser Masse beobachtete sie ein Gespinst aus dünnen silbernen Linien.

Esk hatte zu spät begriffen, dass der Körper den Geist formt. Das Borgen an sich war harmlos, doch der Traum, in eine andere Gestalt zu schlüpfen, enthielt eine Strafoption.

Oma nahm im Schaukelstuhl Platz, wippte einige Male und gestand sich ein, dass sie nicht mehr weiterwusste. Sie war nicht imstande, zwei miteinander verwobene Geister voneinander zu trennen. Eine solche Aufgabe überstieg die Fähigkeiten aller Hexen in den Spitzhornbergen. Nicht einmal .

Es blieb alles still, aber die Beschaffenheit der Luft veränderte sich irgendwie. Oma beobachtete den Zauberstab, den sie nur widerwillig in ihrer Hütte duldete.

»Nein!«, zischte sie.

Dann dachte sie: Warum sage ich das? Um mich selbst zu überzeugen? Ich kann die magische Macht deutlich spüren. Aber es ist nicht meine Macht.

Allerdings gibt es hier keine andere. Und vielleicht ist es schon zu spät.

Aber vielleicht auch nicht.

Vorsichtig schickte Oma sanfte Gedanken in den Geist des Vogels, um ihn zu beruhigen und die mentalen Gewitterwolken einer beginnenden Panik zu vertreiben. Der Adler leistete keinen Widerstand, als sie nach ihm griff. Die Krallen schlossen sich so fest um ihr Handgelenk, dass Blut aus winzigen Wunden drang.

Dann nahm die alte Hexe den Zauberstab, ging nach oben und betrat das Schlafzimmer mit der durchhängenden Decke. Eskarina lag noch immer reglos im Bett, wie tot.

Sie setzte den Vogel auf die Bettstange und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Stab. Erneut veränderten sich die Schnitzmuster, um nicht ihre wahre Form zu zeigen.

Oma hatte schon mehrfach Magie benutzt, ging dabei jedoch sehr vorsichtig zu Werke und beschränkte sich darauf, leichten Druck auszuüben, um den Lauf der Dinge zu ändern. Natürlich hätte sie andere Worte gewählt, um diesen Vorgang zu beschreiben, zum Beispiel: Wenn man an der richtigen Stelle sucht, findet man immer einen Hebel. Die im Zauberstab konzentrierte Kraft war gewaltig und formlos: pure Magie, ein Destillat der Energie, die dafür sorgte, dass im Universum alles mit rechten Dingen zuging.

Die Verwendung solcher Kraft erforderte ihren Preis, und Omas Wissen über Zauberei ließ sie ahnen, dass sie nicht mit einem Rabatt rechnen durfte. Andererseits: Warum betritt man überhaupt den Laden, wenn man sich über einen zu hohen Preis sorgt?

Sie räusperte sich und überlegte, wie sie vorgehen sollte. Möglicherweise genügte es, einfach nur den Geist zu öffnen .

Die Macht traf sie wie ein Hammerschlag. Oma spürte, wie sie angehoben wurde, doch als sie den Kopf senkte, stellte sie überrascht fest, dass sie noch immer auf dem Boden stand. Sie tat einen Schritt vor, und magische Entladungen knisterten in unmittelbarer Nähe. Sie streckte die Hand aus, um sich an der Wand abzustützen, und das alte Holz erbebte - Blätter kamen daraus hervor. Ein magischer Orkan heulte durchs Zimmer, wirbelte Staub auf und gab ihm sehr beunruhigende Formen. Ein Krug splitterte, und die danebenstehende Spülschüssel mit dem reizenden Rosenmuster zerbrach. Der Nachttopf unter dem Bett verwandelte sich in etwas Scheußliches und schlich davon.

Oma setzte zu einem Fluch an, brach nach einigen Worten ab und schloss den Mund, als die Worte in Gestalt bunter Blüten durch Wolken schwebten, die in allen Regenbogenfarben leuchteten.

Sie sah auf Esk und den Adler hinab, der den seltsamen Vorgängen nicht die geringste Beachtung schenkte, runzelte die Stirn und versuchte sich zu konzentrieren. Erneut schaute sie in den Kopf des Vogels und betrachtete die silbernen Fäden, die das Violett so dicht umschlangen, dass beides dieselbe Form zu haben schien. Doch jetzt konnte sie erkennen, wo die Fäden aufhörten und wo behutsames Zupfen sie vom animalischen Geist lösen konnte. Es erschien ihr so offensichtlich, dass sie laut lachte - ein Geräusch, das als rote und orangefarbene Wolke davontrieb und in der Decke verschwand.

Zeit verstrich. Selbst mit der enormen magischen Kraft, die nun in ihr brodelte, war es sehr schwer, wie das Einfädeln eines Fadens im Mondschein, doch schließlich hatte sie eine Handvoll Silber. In der langsamen und schweren Welt, von der sie nun ein Teil zu sein schien, nahm Oma den Strang und warf ihn nach Eskarina. Er wurde zu einer Dunstschwade, wirbelte wie ein Strudel und verschwand.

Sie hörte ein schrilles Schnattern, und Schatten wogten am Rand ihres Blickfeldes. Na ja, früher oder später erlebte jeder so etwas. Sie waren gekommen, angelockt von purer Magie. Man musste eben lernen, sie nicht zu beachten.

Oma erwachte, als heller Sonnenschein auf ihren geschlossenen Lidern tanzte. Sie saß zusammengesackt an der Tür, und ihr ganzer Körper fühlte sich an, als litte er an Zahnschmerzen.

Blindlings tastete sie umher, spürte die Kante des Waschstands und zog sich hoch. Es überraschte sie nicht sonderlich, dass Krug und Spülschüssel genauso aussahen wie immer. Aus reiner Neugier überhörte sie die Proteste des Rückens, schaute unters Bett und, ja, stellte fest, dass alles in Ordnung war.

Der Adler hockte noch immer auf der Bettstange. Esk lag unter der Decke, und Oma sah, dass sie nicht mehr im Koma weilte, sondern schlief. Ein zurückgekehrtes Selbst erfüllte ihren Körper mit neuem Leben.

Die alte Hexe hoffte nur, dass Eskarina nicht mit Heißhunger auf Feldmäuse und wilde Kaninchen erwachte.

Der Adler widersetzte sich nicht, als sie ihn nach unten trug und draußen freiließ. Müde flog er zum nächsten Baum und machte es sich auf einem Ast gemütlich. Er hatte das Gefühl, dass er eigentlich auf jemanden sauer sein sollte, aber an den Grund dafür konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern.

Esk öffnete die Augen und starrte eine Zeit lang zur Decke. Inzwischen kannte sie jeden Spalt darin, jede noch so kleine Ritze im Putz, jeden einzelnen Buckel. Die Zimmerdecke bildete eine umgestülpte fantastische Landschaft, in der Eskarina schon vor Wochen eine ebenso persönliche wie komplexe Zivilisation angesiedelt hatte.

Traumbilder schwebten an ihrem inneren Auge vorbei. Sie zog einen Arm unter der Bettdecke hervor, betrachtete ihn und fragte sich, warum keine Federn aus der Haut wuchsen. Es war alles sehr verwirrend.

Sie strich die Laken beiseite, schwang die Beine aus dem Bett, neigte die Schwingen in den Wind und glitt durch die .

Als Oma das dumpfe Pochen auf dem Schlafzimmerboden hörte, eilte sie sofort die Treppe hoch, nahm Eskarina in die Arme und drückte sie fest an sich. Das Mädchen zitterte am ganzen Leib. Sie wiegte es hin und her und versuchte das Kind mit wortlosem Brummen zu beruhigen.

Esk sah entsetzt zu ihr auf.

»Ich habe gespürt, wie sich meine Gedanken auflösten.«

»Ja, ja«, murmelte Oma. »Du hast es überstanden.«

»Verstehst du denn nicht?«, rief Eskarina. »Ich konnte mich nicht einmal mehr an meinen Namen erinnern!«

»Ist er dir inzwischen wieder eingefallen?«

Esk zögerte und dachte nach. »Ja«, sagte sie. »Ja, natürlich.«

»Dann ist ja alles in Ordnung.«

»Aber .«

Oma seufzte. »Du hast etwas gelernt«, sagte sie und sah kein besonderes Risiko darin, ihre Stimme wieder ein wenig schärfer und strenger klingen zu lassen. »Es heißt, ein bisschen Wissen kann gefährlich sein. Aber glaub mir: Viel Unwissenheit ist weitaus schlimmer.«

»Was ist überhaupt geschehen?«

»Du wolltest dich mit dem Borgen nicht zufriedengeben und hast darauf bestanden, einen fremden Leib zu übernehmen. Inzwischen dürftest du wissen, dass man Körper mit . mit einer Kuchenform vergleichen kann. Sie geben ihrem Inhalt eine bestimmte Gestalt. Das Bewusstsein eines Mädchens kann in einem Adler nicht überleben. Zumindest nicht lange.«

»Ich bin zu einem Adler geworden?«

»Ja.«

»Ich war überhaupt nicht mehr ich selbst?«

Oma überlegte einige Sekunden. Sie legte immer dann eine kurze Pause ein, wenn die Gespräche mit Eskarina über den Wortschatz einer normalen Person hinauszugehen drohten.

»Nein«, erwiderte sie schließlich. »Nicht so, wie du das meinst. Du warst nur ein Adler mit manchmal recht seltsamen Visionen. Während du davon geträumt hast, zu fliegen und an hohen Graten entlangzugleiten, stellte sich der Vogel vielleicht vor, auf dem Boden herumzulaufen...

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