Die unbekannte Schwester

Kriminalroman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1503-4 (ISBN)
 

»Wenn Haas' Brenner ein weibliches Pendant suchte: Theresa Prammer kann ihre Carlotta Fiore sofort zum Vorsingen schicken.« Süddeutsche Zeitung

Lotta Fiore, gescheiterte Opernsängerin und ehemalige Kaufhausdetektivin, tritt ihre neue Stelle bei der Polizei an: Ab jetzt ermittelt sie nicht mehr undercover, sondern ganz offiziell. Ihre Kollegen allerdings sind alles andere als begeistert von der ahnungslosen Neuen, die die lange und harte Ausbildung überspringen durfte. Spöttisch spielen sie ihr zur Begrüßung eine alte Opernaufnahme vor. Der Unterschied zu ihrer verstorbenen Mutter, der weltberühmten Operndiva Maria Fiore, ist frappierend. Lotta würde am liebsten im Boden versinken.

Was niemand weiß: Maria Fiore ist nicht ihre richtige Mutter. Sie hat Lotta als Kind entführt. Nur Lotta und ihre »Schwester« Henriette, die echte Tochter Maria Fiores, kennen die Wahrheit. Seit die beiden sich zwei Jahre zuvor gefunden haben, sind sie ein Herz und eine Seele. Doch plötzlich verschwindet Henriette. Und Lotta findet bei ihrer ersten Mordermittlung einen Zettel mit ihrem eigenen Namen. Trachtet jemand den Schwestern nach dem Leben?

Der neue Krimi der Leo-Perutz-Preisträgerin 2015.

»Spannend, atemlos, mitunter höchst ironisch. Mit Carlotta Fiore hat Prammer eine der ungewöhnlicheren Ermittlerinnen der Krimiszene erschaffen.« Brigitte

weitere Ausgaben werden ermittelt

Theresa Prammer wurde 1974 in Wien geboren. Sie hatte Engagements als Schauspielerin unter anderem am Burgtheater, den Festspielen Wunsiedel und an der Volksoper. Seit sieben Jahren arbeitet sie außerdem als Regisseurin. 2006 gründete sie mit ihrem Mann das Sommertheater »Komödienspiele Neulengbach«. Für ihren Kriminalroman »Wiener Totenlieder« ist sie mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet worden. Theresa Prammer lebt abwechselnd in Wien und in Reichenau an der Rax.

2.

»Ah, auch wieder da.«

Es kam von Froschgesicht. Sie stand neben einer dünnen honigblonden Frau, die an einem penibel aufgeräumten Schreibtisch saß und einen Stift in der Hand hielt.

»Schau, Eva. Das ist sie«, sagte Froschgesicht zu der Blonden.

Die blonde Eva sah hoch und ihr strähniger Pagenkopf wippte wie ein Fransenvorhang. Sie kniff die Augen zusammen, streckte ihr spitzes Kinn vor und legte den Kopf zur Seite.

57, Haferflocken mit Vanille-Joghurt und Dunkelrot. Das Alter, die letzte Mahlzeit und die Lieblingsfarbe. Bei manchen Menschen, denen ich zum ersten Mal begegnete, wusste ich das plötzlich. Aber meine Eingebungen passierten mittlerweile so selten, dass sie mich regelrecht überraschten.

»Na, ist das Klopapier ausgegangen?«, quietschte sie. Ich hatte schon damit gerechnet, aber trotzdem gehofft, sie wäre nicht Kieksstimme. Froschgesicht hinter ihr lachte, die beiden erinnerten mich an die weiblichen Versionen von Stan Laurel und Oliver Hardy. Ohne den Humor.

»Ist ja schon eigenartig«, sagte Kieksstimme, ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Was?«, fragte Froschgesicht.

»Dass plötzlich Leute ohne richtige Ausbildung zur Polizei kommen dürfen«, antwortete sie.

Beide sahen mich herausfordernd an. Ich hielt ihren Blicken stand, fing an von 10 rückwärts zu zählen und versuchte ruhig zu bleiben. 9, 8, 7 . sag nichts Unüberlegtes, Lotta. Aber es türmte sich auch so genug Überlegtes in meinem Kopf, das aus meinem Mund rauswollte. Und das war keineswegs nett.

6, 5, sag es nicht. Halt den Mund. Für Konrad.

Die beiden grinsten immer mehr. Ich schaute weg.

4, 3 . nein, nein, nein .

Noch bevor ich bei 2 angekommen war, setzte die Musik ein. Maria Fiores grandiose, gefühlvolle Stimme erfüllte den ganzen Raum.

Es war »Habanera« aus Carmen. Ihr weltberühmtes »L'Amour! L'Amour!«, die Worte schwebten wie Flügelschläge eines majestätischen Adlers.

Ich riss die Augen auf, Froschgesicht und Kieksstimme grinsten wie zwei lüsterne Spanner.

In der Lichtreflexion ihres Bildschirms sah ich, dass ein Video lief.

Gleich kam die nächste Strophe. Ich bemühte mich um einen gelassenen Gesichtsausdruck, während ich innerlich >Nicht diese, nicht diese< wiederholte, als wäre es ein Mantra. Doch es war natürlich genau diese Aufzeichnung.

Mein Gesang erklang wie eine aufgescheuchte Taube, die panisch davonflattert. Alles in mir krampfte sich zusammen. Das war die einzige Aufnahme, als ich mit Maria Fiore bei einem Galaabend im Konzerthaus gesungen hatte.

Irgendjemand hatte dieses beschissene Video gleich nach Marias Tod vor sechs Jahren hochgeladen. Mittlerweile war es fast eine Million Mal auf YouTube angeklickt worden.

»World famous Maria Fiore sings with her daughter Carlotta - what a difference« war der Titel.

»What a difference« bezog sich auf mich. Denn ich war das Gegenteil von grandios.

Die Musik brach so plötzlich ab, wie sie erklungen war. Jemand legte eine Hand auf meine Schulter. Dankbar stieß ich einen Seufzer aus, Konrad war also endlich da. Ich drehte mich zur Seite und sah völlig überrascht in Hannes' Gesicht. Aber nicht, weil ich generell verwundert war, ihn zu sehen - als Hauptkommissar hatte er schließlich sein Büro im selben Gebäude.

Nein, es war etwas anderes. Er wirkte so distanziert und kühl wie ein völlig Fremder. Das war nicht der Hannes, neben dem ich noch vor ein paar Stunden im Bett gelegen, der mich geküsst und an sich gedrückt hatte. An dessen Blick ich sonst erkannte, wie er sich fühlte. Der mit Konny durchs Zimmer tanzte, wenn unser Sohn sich weigerte, einzuschlafen. Vor mir stand ein Mann mit ernster Miene, ein Kommissar, der seinen Job machte und keine Zeit für Nebensächlichkeiten hatte. Ich war verwirrt und von Kieksstimmes und Froschgesichts Blicken überfordert. Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, streckte ich Hannes die Hand entgegen und murmelte: »Guten Morgen«.

Er stockte, ein überraschter Blick huschte über seine Augen und er verzog leicht den Mund, als müsse er sich ein Lachen verkneifen.

»Guten Morgen.«

Im nächsten Moment beugte er sich zu mir und küsste mich auf den Mund.

»Fiiips?«, hörte ich Froschgesicht und Kieksstimme gleichzeitig flüstern.

Fips. Hannes' Spitzname, den er seiner süßen neuen Kollegin verdankte. Aber selbst das war mir in diesem Moment egal. Er nickte mir zu.

»Wenn du was brauchst, du weißt ja, wo du mich findest, Lotta.«

»Danke, ich komme zurecht«, sagte ich.

Dann grüßte er in Kieksstimmes und Froschgesichts Richtung: »Eva, Inge, guten Morgen.« Sie nickten zurück wie zwei gemaßregelte Schulkinder.

Es war kindisch, aber meine Genugtuung war grenzenlos. Wir hatten nie darüber gesprochen, ob wir unsere Beziehung hier öffentlich machen wollten. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, da bis vor ein paar Monaten auch keiner seiner Kollegen von Konny, unserem ein Jahr alten Sohn, wusste. Anscheinend hatte ich mich geirrt. Hannes lächelte mir noch einmal zu, bevor er das Großraumbüro verließ.

Kieksstimme Eva sah mich ungläubig an. Sie schaute zu ihrer Kollegin Froschgesicht Inge und setzte an, etwas zu sagen.

Doch sie kam nicht dazu, da ihr Telefon läutete.

»Wo ist das?«, quietschte sie in den Hörer und schrieb die Adresse auf. »Aha. Okay. Ja, passt. Aber . Moment, weißt du was? Ich schick euch unsere Neue rüber. Die Carlotta Fiore.« Sie hielt kurz inne, grinste. »Ja. Genau die.« Ihre Stimme war vor Vergnügen noch höher gerutscht.

Sie legte auf und wedelte mit einem gelben Post-it, als wäre ich ein Hund, dem sie ein Stöckchen werfen wollte.

»Na schau. Ich hab schon den ersten Fall für dich. Was ganz, ganz Spannendes. Ein Unfall. Wennst Glück hast, war es sogar Selbstmord. Uhh, aufregend. Gell?«

»Geh, Eva, da muss keiner von uns hin«, sagte Inge. Sie bemühte sich zum ersten Mal um ein Lächeln für mich, aber es misslang. Offensichtlich gab es für sie nun geänderte Spielregeln, da sie wusste, dass Hannes und ich ein Paar waren. Das ärgerte mich noch mehr, ich ging zu Eva und nahm ohne Kommentar die Notiz.

Die Adresse war im 8. Bezirk, Florianigasse 29. Mir war alles recht, um hier wegzukommen.

Froschgesicht Inge kam zu mir herüber, schüttelte den Kopf und streckte mir ihre offene Hand entgegen. »Komm, gib mir die Adresse wieder, du musst da wirklich nicht .«

In dem Moment rief jemand aus einer hinteren Ecke: »KONRAD

Ich drehte mich um. Endlich war er da.

Konrad stand in der Tür, seine Kohleaugen suchten den Raum ab, bis er mich fand. Er nickte mir zu und zog einen Mundwinkel hoch zu einem leichten Lächeln. Währenddessen echote sein Name, mal leiser, mal lauter, mal mit und ohne »Fürst«, wie ein Klangteppich von diesem zum Nebenraum.

Und plötzlich war Klatschen zu hören. Zuerst nur von einer Person. Dann folgte eine Zweite. Eine Dritte. Sie erhoben sich nacheinander von ihren Stühlen, kamen hinter ihren Schreibtischen hervor, strömten aus den angrenzenden Zimmern. Alle applaudierten dem Mann, der eine Legende bei der Wiener Kriminalpolizei war. Und der nun seinen Dienst nach der Katastrophe vor fast 27 Jahren offiziell wieder antrat.

Im ersten Moment begriff Konrad gar nicht, dass der Applaus ihm galt. Er sah sich irritiert um, was alle nur anspornte, noch lauter zu klatschen. Dann drehte er sich ein Mal um sich selbst. Er schaute wieder zu mir, runzelte die Stirn zu einer stummen Frage. Ich lächelte. Nickte ihm zu, weil ich an seinem Blick erkannte, wie schwer es ihm fiel zu glauben, dass sie ihn meinten. Seine Wangen färbten sich rosa, er sah rasch zu Boden. Und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht vor Rührung zu weinen. Meine Augen brannten. So wütend ich auf meine neuen Kollegen war, so dankbar war ich ihnen für den Empfang, den sie Konrad bereiteten. Sogar Froschgesicht Inge und Kieksstimme Eva applaudierten.

Konrad verdiente diese Anerkennung mehr als jeder andere. Wer wusste das besser als ich? Er winkte beschämt ab, doch davon ließ sich niemand abhalten.

Konrad Fürst, der Mann, der von den Toten auferstanden war. Eineinhalb Jahre hatte er im Koma gelegen. Dass er jetzt hier stehen würde, daran hatten vor sechs Monaten weder er noch ich geglaubt.

Vielleicht war es die neue und ungewohnte Umgebung, vielleicht diese Situation, aber mir fiel hier auf einmal deutlich auf, wie sehr er sich in letzter Zeit verändert hatte. Er hatte zugenommen, kochte fast jeden Abend, und sein durch das Koma abgemagerter Körper sah mehr und mehr so aus wie vor zwei Jahren, als wir uns kennengelernt hatten. Die vielen Stunden mit dem Physiotherapeuten hatten seine Muskeln größtenteils wieder zurückgebracht und seit einiger Zeit brauchte er auch keinen Stock mehr zum Gehen.

Kieksstimme Eva ging auf Konrad zu. Sie drückte ihn unbeholfen an sich, als hätte Konrad einen Hula-Hoop-Reifen um seinen Körper. Ganz eindeutig war sie es nicht gewohnt, jemanden zu umarmen. Sie ließ ihn wieder los, dabei zuckten ihre Schultern. Von hinten sah es so aus, als würde sie weinen. Ich war erstaunt, als sie sich tatsächlich über die Augen wischte. Konrad sah genauso überrascht aus. Vielleicht hatten sie früher zusammengearbeitet?

Ein weiterer Kollege schüttelte ihm überschwänglich die Hand. Bemüht erwiderte Konrad das Lächeln, aber seine Stirn runzelte sich mehr und mehr in Ratlosigkeit. Der Applaus verebbte langsam, wurde von einem »Eine Rede, eine...

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