Shelter

Es ist deine Verschwörung - aber du bist ihr Opfer
 
 
Loewe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Oktober 2021
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7320-1564-1 (ISBN)
 

Die Idee war völlig verrückt und sie wären niemals darauf gekommen, wenn die Party nicht so aus dem Ruder gelaufen wäre. Aus einer Katerlaune heraus erfinden Benny und seine Freunde eine irre Geschichte über außerirdische Besucher und verbreiten sie im Internet. Gespannt wartet die Clique ab, was passiert. Zu ihrer eigenen Überraschung nehmen immer mehr Menschen die Sache für bare Münze und Bennys Versuche, alles aufzuklären, bringen ihn schon bald in Lebensgefahr.

Was, wenn du dir eine völlig absurde Geschichte ausdenkst, sie zum Spaß in die Welt setzt und plötzlich glauben alle daran? Ein schockierender Thriller über einen Streich, der zur verwirrenden Realität wird.

Ursula Poznanskis neuer und hochaktueller Bestseller ist eine wache Analyse der Mechanismen moderner Verschwörungstheorien und ihrer Auswirkungen.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Ursula Poznanski ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Jugendbuchautorinnen. Ihr Debüt "Erebos", erschienen 2010, erhielt zahlreiche Auszeichnungen (u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis) und machte die Autorin international bekannt. Inzwischen schreibt sie auch Thriller für Erwachsene, die genauso regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden sind wie ihre Jugendbücher. Sie lebt mit ihrer Familie im Süden von Wien.

1

Es war halb zwei Uhr morgens, als die Nachbarn begannen, gegen die Wand zu hämmern. Nando stoppte die Playlist mitten in Kick you when you're down von AC/DC und hämmerte zurück. »Es ist mein Geburtstag!«, rief er, bevor Liv ihn am Arm schnappte und wieder zum Tisch zog. »Komm, lass, die wollen schlafen.«

»Aber . Geburtstag. Und die wissen auch nicht, WAS ICH GERADE DURCHGEMACHT HABE!« Nando blickte Hilfe suchend in Bennys Richtung, doch der schüttelte den Kopf, sosehr er seinem Freund das Feiern auch gönnte. Ihre Wohngemeinschaft war im Haus ohnehin nicht sehr beliebt - Benny lag im ständigen Clinch mit den Sochors aus dem zweiten Stock, weil er sein Fahrrad angeblich zu nah an der Kellertreppe parkte. Geparkt hatte, besser gesagt, denn es war vor drei Wochen auf mysteriöse Weise verschwunden. Das hatte den alten Sochor aber nicht besänftigt, und sie würden nun auch noch die restlichen Mieter gegen sich aufbringen, wenn sie das ganze Haus mit australischem Hardrock beschallten.

»Die Verrückten sind doch jetzt weg«, sagte er. »Und wenn du Lust auf Musik hast, könnten wir noch ins Shriek gehen, hm?« Er fing einen warnenden Blick von Liv auf, die den Laden hasste. »Oder wir spielen eine Runde . irgendetwas. Scrabble. Oder Kings Cup.«

Nando hatte sich auf seinen Stuhl fallen lassen und betrachtete traurig die Reste der Schokoladentorte, die Darya für ihn gebacken hatte. Sie war riesig gewesen, ein dreistöckiges Kunstwerk mit Dekorationen aus gesponnenem Zucker, aber die zwanzig Gäste, die bis vor Kurzem noch hier gewesen waren, hatten von dem Prachtstück kaum etwas übrig gelassen. Dafür gab es auf Instagram jetzt ein paar grandiose Tortenfotos mehr.

Inzwischen waren sie nur noch zu neunt, und nach dem ernüchternden Klopfen brachen vier weitere Leute auf - Nandos Freunde aus dem Medizinstudium, die ihm ein lebensgroßes Plastikskelett geschenkt hatten. Zu Beginn des Abends hatten sie es alle gemeinsam mit Apfelsaft auf den Namen Ludwig getauft.

Jetzt saß nur noch der engste Kreis um den großen Tisch - Nando, Darya, Liv, Till und Benny selbst -, wenn man Ludwig nicht mitzählte. Till hatte ihn wirkungsvoll auf dem Ehrenplatz an der Stirnseite platziert. Sie teilten sich die letzte Flasche Sekt, der viel zu warm geworden war. Benny fragte sich, wer später das Chaos in der Wohnung beseitigen und vor allem die Massen an Gläsern spülen würde. Nando wohl kaum, er war ja das Geburtstagskind, und Liv zu bitten würde in Streit enden. Darya wohnte nicht hier - leider -, ebenso wenig wie Till.

Die Putzaktion würde also Bennys Samstag versüßen. Tolle Aussichten. Immerhin Till war hilfreich, er kratzte gedankenverloren Kerzenwachs von der Tischplatte, mit einem billig aussehenden Schmuckstück, das an einer Kette hing. Einer goldfarbenen Spirale, die in einer schweren Spitze zulief. Benny blinzelte. »Was ist das?«

»Keine Ahnung.« Ohne aufzublicken, kratzte Till weiter. »Eines von Nandos Geschenken. Christbaumschmuck vielleicht.«

»Genau!«, grinste Nando. »Christbaumschmuck im Mai. Nein, liebe Freunde, das ist ein Pendel. Und jetzt ratet mal, wer mir das geschenkt hat, damit ich meine Nahrungsmittelunverträglichkeiten auspendeln kann. Zusammen mit einem Set Heilsteine.« Er seufzte schwer.

Liv blickte verlegen auf die Tischplatte. »Noch mal, tut mir leid, dass ich mich nicht beherrschen konnte.«

»Muss dir nicht leidtun. Es war echt nicht mehr auszuhalten.« Nando angelte nach einem transparenten Säckchen, in dem sich grüne, weiße und orangefarbene Brocken befanden.

»Ich werde jetzt für immer irre gesund sein. Die Heilsteine legt man ins Wasser, wisst ihr, und dann wird es . tadaa! Edelsteinwasser! Gibt Kraft und Mut und macht wunderschön!« Er schielte, streckte die Zunge seitlich aus dem Mund und sah trotzdem immer noch gut aus, wie Benny nicht ohne Neid feststellte.

Liv nahm ihm das Säckchen aus den Händen. »Du bist undankbar, Nando. Dabei haben sie dir so geduldig erklärt, wie sinnlos dein Studium ist. Wer braucht Medizin, wenn er Heilsteine hat?«

»Und ein Pendel«, warf Till ein.

»Genau, und ein Pendel.«

»Ihr habt recht.« Nando rieb sich die Augen und begann, mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln. »Hey, wenn ich meine nächste Prüfung nicht schaffe, kann ich immer noch Schamane werden.«

Mit einer ihrer tänzerisch wirkenden Bewegungen wandte Darya sich Benny zu. »Ich habe es vorhin nicht mitbekommen - aber die Sachen sind von den beiden, die so rumgeschrien haben, bevor sie gegangen sind?«

Wie immer, wenn er mit Darya sprach, bemühte Benny sich, seine Stimme so voll und tief wie möglich klingen zu lassen. »Genau, Dennis und Sarina. Sie war die mit dem langen blonden Zopf und dem Sonnen-Tattoo. Er der Typ im gestreiften Sweater.«

»Dachte ich mir.« Darya wog die Steine in der Hand. Ihre dunklen Locken, die sie gerne mit bunten Tüchern hochband, ließen sie selbst wie eine Schamanin wirken. Eine Priesterin, dachte Benny, eine wunderschöne.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass auch Till sie wehmütig betrachtete. Er reichte ihr das goldene Spiralding. »Willst du mal versuchen? Bisschen pendeln?«

Darya griff danach, stand auf und klemmte die Kette zwischen Ludwigs Zähne, dann strubbelte sie Nando durchs dunkle Haar. »Schau nicht so traurig, Ferdinand. Kannst ja nicht nur so vernünftige Freunde haben wie mich.«

Nando, der seinen vollen Namen nicht ausstehen konnte, verzog das Gesicht. »Dass die Geschenke Quatsch sind wäre mir ja egal«, sagte er. »Was mich viel mehr stört: Man kann mit Dennis kein normales Gespräch mehr führen. Nicht mehr, seit er mit Sarina zusammen ist. Sie haben ernsthaft wieder mit dem Chemtrail-Quatsch angefangen und mit den Chips, die man angeblich bei Impfungen eingepflanzt kriegt. Große, grooooße Weltverschwörung.« Er seufzte. »Ehrlich, ich kenne Dennis seit der Schule, und ich mag ihn, aber einladen werde ich ihn nicht mehr.«

»Ich wette sowieso, er wird den Kontakt zu dir abbrechen«, murmelte Liv. »Erstens studierst du etwas richtig Wissenschaftliches, und zweitens wohnst du mit mir unter einem Dach.«

Punkt zwei wog wahrscheinlich sogar schwerer, denn Liv hatte das Gespräch, das immer mehr in Streit ausartete, auf ihre eigene Weise beendet. Sie hatte zwei Hüte aus Alufolie gefaltet und sie Dennis und Sarina aufs Haar gedrückt. »Sorry, ich habe vorhin versehentlich eure Gedanken gelesen, und mein IQ ist sofort um fünf Punkte gesunken. Besser, wir schirmen eure Köpfchen ab.«

Klar, dass die beiden beleidigt abgezogen waren; Dennis stumm und mit finsterer Miene, Sarina lauthals schimpfend. Da war es noch nicht einmal elf gewesen.

»Tja, Liv, das war ein bisschen grob, aber vor allem war es witzig.« Darya hielt sich einen der Heilsteine vors linke Auge. »Hübsch sind die schon.«

»Aber einfach nur ganz normale Steine«, murmelte Benny.

Sie lachte, ihre Zähne blitzten. »Das denkst du.« Sie griff nach einem weißen Stein und ließ ihn in Bennys Glas plumpsen. »Hier. Heilsekt.«

Benny pustete sich eine seiner roten Haarsträhnen aus der Stirn, nippte und angelte sich einen Löffel vom Tisch. Eingehend betrachtete er darin sein verzerrtes Spiegelbild. »Nein. Schöner wird man davon nicht«, stellte er fest. »Schade. Aber wer weiß, vielleicht wachsen mir Hörner.«

Gemeinsam prosteten sie Ludwig zu, dann begann Benny, den Tisch abzuräumen. Was er heute erledigte, blieb ihm morgen erspart.

Wider Erwarten erwies Liv sich als hilfreich, sie stapelte schmutzige Teller zusammen und deponierte sie im Spülbecken. Zur Feier des Tages hatte sie sich das kurze hellblonde Haar mit Gel zu stachelartigen Spitzen geformt. Wie ein Albinoigel, dachte Benny nicht zum ersten Mal. Er sah ihr dabei zu, wie sie begann, mit wütender Gründlichkeit Tortencreme von den Tellern zu schrubben.

»Schade, dass Gedankenlesen nicht wirklich funktioniert«, sagte er nach ein paar Sekunden. »Deine würden mich gerade echt interessieren.«

Liv knallte den seifendurchtränkten Schwamm ins Becken. »Ach, nichts Wichtiges. Ich rege mich bloß immer noch über das Chemtrail-Pärchen auf. Ich hätte die beiden so gerne in Grund und Boden diskutiert, aber es war, als würde man gegen eine Gummiwand laufen. Die wären coole Forschungsobjekte für eine psychologische Studie. Logik prallt total an denen ab.« Unsanft beförderte sie einen Teller in die Abtropfhalterung. »Bei mir an der Uni ist auch einer, der so tickt und immer versucht, mich zu bekehren. Wahrscheinlich habe ich deswegen überreagiert. Ich hätte so viel Spaß dran . ach, egal.«

»Spaß woran?«, hakte Benny nach.

Sie schüttelte erst den Kopf, dann griff sie nach dem Schwamm und verdrehte ihn zwischen den Händen, als wollte sie ihn erwürgen. »Ich würde diesen Leuten gerne Beweise vor die Nase halten, die so klar sind, dass sie nichts dagegen sagen können. Aber genau das ist das Problem, die Wahrheit ist denen zu langweilig und zu kompliziert, Tatsachen interessieren sie nicht. Die lassen sich durch nichts den Wind aus den Segeln nehmen, und .«

Till trat zu ihnen. »Wer segelt?«

Müde wischte Liv an einem Weinglas herum. »Niemand. Ich krieg nur den Frust über Dennis und Sarina nicht aus meinem System. Außerdem habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Nandos Party ruiniert habe. Vielleicht sollte ich einen dieser Heilsteine schlucken, dann weiß ich wenigstens, was mir im Magen liegt.«

»Oder .«, begann Benny, bremste sich aber sofort wieder ein. Die Idee war albern.

»Oder was?«

»Oder du zeigst ihnen auf eine andere Art, wie naiv sie sind....

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