Das Schweigen am andern Ende des Rüssels

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 221 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81173-5 (ISBN)
 
Matthias Politycki weiß, wie man spannend erzählt, ohne an Tiefe einzubüßen, und das mit dem ihm eigenen Humor und in einer Sprache, die zeigt, was Literatur heute sein kann. Der "Sprachartist" (Bayerischer Rundfunk) erzählt Geschichten vom Reisen, von grotesken, von komischen und traurigen Erfahrungen.

Matthias Politycki, durch seine letzten Romane bekannt geworden als Chronist der bundesrepublikanischen Alltags- und Liebesgeschichte, bricht auf zu neuen Ufern: Er erzählt von fernen Ländern, von unvertrauten Orten, die mal Mongolei, mal Uganda, mal Statesboro, mal World's End heißen, oder von heimatlichen Regionen, die wir zu kennen glauben. Seine Figuren suchen das große Erstaunen, jenseits aller touristischen Trampelpfade, und werden mit kleinen oder großen Schrecknissen konfrontiert. Sie erleben, wie ein Thunfisch zu Tode gebracht wird, wie sich Callgirls und Literaturwissenschaftler auf wundersame Weise in Sofia begegnen oder wie das Tanken irgendwo in Amerika zur existenziellen Katastrophe wird.

"Das Schweigen am andern Ende des Rüssels" versammelt siebzehn Geschichten, die subtil miteinander verwoben sind. Alle kulminieren sie, ungeachtet ihrer exotischen Schauplätze, in einem Moment der Stille, in einer Sekunde des zeitlosen Verstummens, sei es über die Absurdität, sei es über die Brutalität des Geschehens. Zweimal acht Erzählungen über "Buddhas goldnen Schließmuskel", "Sonnenbaden in Sibirien" oder den "Mann, der ein Bär war" - und in ihrer Mitte der "Tag eines Schriftstellers", ein Text über das Sterben, über Todesstunden, wie er in der Gegenwartsliteratur nicht seinesgleichen hat.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,94 MB
978-3-455-81173-5 (9783455811735)
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Matthias Politycki, 1955 geboren, lebt in Hamburg und München. Der »Grandseigneur unserer Literatur« (Tagesspiegel) zählt zu den renommiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Seit dreißig Jahren veröffentlicht er Romane, Erzählungen und Essays, im Zentrum seines Werkes hat er selbst aber stets die Lyrik gesehen. Bei Hoffmann und Campe erschienen u.a. seine Gedichtbände Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe (2003), Die Sekunden danach (2009), London für Helden (2011) und Dies irre Geglitzer in deinem Blick (2015).

Tod eines Thunfischs


Sharm el-Sheik, Dezember 1997

Kann sein, daß der Dezember wirklich kein guter Monat ist: Wenn der Wind kommt, dann wird’s frisch für den, der unter der Sonne liegt, als sei er in Urlaub. Auch das Wasser ist kälter als sonst, was insbesondre die Haie abhält, sich blicken zu lassen – jeden Tag fuhren wir raus aufs Meer, jeden Tag kamen wir zurück, kurz bevor den Gläubigen von fernen Minaretten der Sonnenuntergang verkündet wurde, und wir, eine meist auf Englisch miteinander schweigende Schar von Ungläubigen (einschließlich eines Rolex-Russen, der mit seiner Unterwasserkamera gern kleine Fische erschreckte und sich jeden Abend von einer andern Frau am Pier abholen ließ): wir hatten wieder keinen einzigen Hai gesehen.

»No gud manß for schaks, ju noo«, erwartete uns der Koch, der auch als Tau-Werfer, Tau-Verknoter, Deck-Schrubber fungierte, erwartete uns nach jedem Tauchgang an der Leiter im Heck, um uns aus dem Wasser zu helfen: »No gud taim for fisch, tuu kolt.«

Doch wir wollten es wissen. Ob vor, mit oder nach dem Sonnenaufgang, wir stachen in See, zusammen mit einer Handvoll andrer Taucherboote, die beim Auslaufen mit ihren Lkw-Hupen durcheinandertönten. Kaum hatten wir die Bucht von Sharm el-Sheik verlassen, übernahm der Koch für ein paar Minuten das Steuerrad, während der Kapitän höchstselbst damit beschäftigt war, »weri big bisniss, ju noo«, eine lange Nylonschnur ins Meer hinabzuspulen und, die letzten Meter der Länge nach übers Oberdeck spannend, das Ende an seinem – des Kapitäns höchsteignen – Sitz zu befestigen.

Dort verwartete er den Rest dann des Tages, seinen braunen Fuß fest am Lenkrad, und nebenbei dieselte uns zwei, drei, vier Stunden rund um die Spitzen des Sinai, hin zu den berühmten Tauchgründen und –

    – zwei, drei, vier Stunden zurück, die linke Hand stets am Ende der Schnur, in schweigender Hoffnung auf den entscheidenden Ruck.

Und ansonsten?

Glitzerte das Meer, ragten die Berge, fahl und faltig, in rötlichem Schimmer. Mittags, wenn wir, wasserprasselnd, die Leiter wieder emporkamen, empfing uns der Koch mit aufmunterndem Geklapse gegen unsre Neoprenbäuche – »Lantsch redi, ju noo« –, und nachmittags, nach dem dritten Tauchgang, wenn sämtliche Lungenautomaten verstaut waren, sämtliche Schnorchel, Flossen, Brillen, Bleigürtel, dann saßen wir im Unterdeck, zeichneten unsre Logbücher wechselweise ab und erinnerten uns: an einen besonders blauen, besonders feigen Kugelfisch, an eine Schildkröte, die lang neben uns dahingesegelt, an die Napoleonfische, die uns, ein Schwarm dämlich dicklippiger Gesichter, neugierig umkreist hatten, an Hunderte von Gelbrücken-Füsilieren, die sich um gar nichts und am wenigsten um uns geschert hatten, an Skorpions-, Krokodil-, Trompeten-, Flöten-, Falterfische und Tausende tanzender Fahnenbarsche, oh ja, gud-taim-forfisch-ju-noo: Alle waren sie mal wieder dagewesen, in ihrer stillen Pracht. Fast alle.

Und ansonsten?

Gab’s ab & zu ein Wrack, vollgestopft mit Geschützen, Gewehren, Motorrädern, Lkws oder auch mit schimmernd weißen Kloschüsseln, die’s zum Teil herausgeschleudert hatte aus dem geborstnen Schiffsrumpf. Verstreut und ein wenig ratlos standen sie nun im Riff herum, es fehlten bloß die dazugehörigen Bürsten.

Und ansonsten?

Wenn’s hoch kam, stießen wir auf einen Barrakuda, der reglos im Wasser stand, und achteten darauf, daß wir ihm nicht zu nahe kamen. Wenn’s hoch kam, stießen wir auf einen Trupp Thunfische, wie er grausilbern gegen die Strömung kreuzte, und einmal sogar – wir schwebten möglichst unbeteiligt am Steilhang des »Shark reef«, einer Siebenhundertmeterwand am Rand des blauen Nichts – einmal sogar stob einer der Thunfische jählings hinein in den Schwarm an Füsilieren, der wenige Meter entfernt seinen Weg suchte und sich um nichts scherte, einmal also kriegten wir’s hautnah mit, wie das Leben und Sterben hier so lief. Aber sicher, richtig sicher waren wir uns hinterher nicht mehr. Denn das Ganze, das hatte ja nicht länger als ein, zwei silbergrau durchblitzte Sekunden gedauert. Gleich anschließend war wieder Ruhe am Riff gewesen, ein Schwarm an Füsilieren suchte seinen Weg.

Und ansonsten?

Nein, Haie sahen wir nicht. Weder den Grauen Riff- noch den Leopardenhai, weder Hammer- noch gar Walhai, nicht mal einen Weißspitzen-Riffhai, träg auf dem Sandboden dahindösend, nicht mal den. Und abends, wenn wir in der ausgestorbnen Stadt – kurz zuvor war ein Anschlag auf Touristen verübt worden, man traf allenfalls Soldaten –, wenn wir nach Bars, Boutiquen, Cafés oder sonstigen Stätten der Zerstreuung suchten, die uns von den Reiseprospekten versprochen, abends sahen wir auch nur immer dieselben Rohbauten, das Niemandsland dazwischen, verhärmte Palmen, ein paar streng bewachte Luxushotels. Und landeten zwangsläufig im einzigen Teehaus, wo man sich zwischen Wasserpfeifenrauchern jeden Alters dem türkischen Kaffee und der Logbuchbetrachtung hingeben und beim Bezahlen aufs allerfreundlichste bescheißen lassen konnte.

Und ansonsten?

Wetzten wir anderntags wieder mit unsern Messern an der Unterwasserwelt, vorzugsweise an den riesigen Muscheln, die fast vollständig von Korallen überwuchert waren. Verläßlich fielen sie auf unsre Annäherungsversuche herein, mit ihren weit aufgesperrten Schalen wußten sie freilich so blitzartig zuzuschnappen, daß uns demnächst die Messer auszugehen drohten; der Rolex-Russe indessen schob die Kamera durchs Meer und erschreckte mit dem Blitzlicht kleine Fische. Nein, Haie sahen wir nicht. Weder den Grauen Riff- noch den Leopardenhai, weder Hammer- noch gar Walhai, nicht mal den allermickrigsten Weißspitzenhai, träg auf dem Sandboden dahindösend, nicht mal den.

Dafür sahen wir was andres, in der Mittagspause des neunten Tages. Unsre Neoprenanzüge knatterten im Wind, und wir kauerten, in graublau gestreifte Handtücher geschlungen, satt und unzufrieden auf dem Oberdeck, kauerten, taten so, als nähmen wir ein Sonnenbad und: sahen den dicken Kapitän, wie er den Motor mit einem entschiednen Ruck abwürgte. Wie er aufsprang, die Nylonschnur in der Linken, wie er zur rückwärtigen Reling lief, Laute des Glücks gen Unterdeck kehlend. Wie er mit großen fleischigen Bewegungen die Schnur einholte, unablässig das Glück aus sich heraustönend, vom Unterdeck meldete sich der Koch, der Tau-Werfer, Tau-Verknoter und unser aller Aus-dem-Wasser-Helfer, aufgeregt einen Schrubber hin & her zeigend, mit dem er gerade ganz gewiß nicht dabeigewesen, die Planken zu putzen.

In dem Maße, wie die Schnur sich verkürzte, wurden der Gesang des Kapitäns kleiner und die Gesten des Kochs knapper; als ein etwa armlanger Thunfisch kurz über die Wasserfläche tanzte und wenig später übers Deck, hingen wir – der Kapitän freilich saß da schon wieder am Steuer, der Motor tuckerte, das Wasser glitzerte, die Berge schimmerten –, hingen wir über der Reling, wild entschlossen zu jedem Schauspiel, das sich bieten würde.

Wild entschlossen auch war der Koch, wild entschlossen der Thunfisch, bald spritzte das Blut auf die Bohlen, auf unsre Preßluftflaschen, die Sitzbank, über der die Neoprenanzüge hingen und tropften. Der Koch, der keinen einzigen Ton mehr von sich gab, hatte den Stiel aus der Scheuerbürste herausgeschraubt und nichts weiter zu tun, als mit kurzen Stupsern den Fisch dran zu hindern, ins Meer zurückzuschnellen; der Fisch dagegen mit großen Augen hatte nichts weiter zu tun als zu sterben. Doch das schien ihm nicht recht zu gelingen – weit riß er das Maul auf, krümmte sich, schlug mit dem Schwanz gegens Schiff und blutete, blutete. Denn der Koch, der klopfte ihm jetzt bisweilen auf den Kopf, nicht etwa heftig, nicht etwa entschlossen, nicht etwa endgültig, sondern so, als wolle er bloß dran erinnern, sich nicht über Gebühr zu sträuben und endlich anzufangen mit dem Sterben – kleine gezielte Schläge auf den Hinterkopf, aus dem sich die Kiemen herausdrehten.

Dann lag der Fisch vor unsern Kisten mit dem Blei, den Brillen, den Flossen, lag und – am Zucken seiner Schwanzflosse zu sehen – und lebte noch immer. Der Koch stand neben ihm, über ihm, ließ die Spitze seines Stiels auf dem silbergrauen Körper hin & her streicheln und, nicht etwa in einem heftigen, einem entschloßnen, einem endgültigen Stoß, sondern sehr langsam, sehr beiläufig in die offne Kiemenspalte gleiten, schraubte sie in den Kopf des Tieres hinein.

Das Tier krümmte sehr schnell, sehr unbeiläufig die Schwanzflosse gen Himmel, doch der Koch, am andern Ende des Stiels, sagte kein Wort. Dann: wurde’s ruhiger im Tier, der Koch gab sein Gerät aus der Hand, verschwand. Nach ein paar sinnlos verzuckten Momenten, in denen sich das Tier mit dem Gerät nur wenige Zentimeter und der Rest der Welt überhaupt nicht bewegt hatte, fahl und faltig schimmerte von nah und fern der Schmerz, trat sie mit einem Mal ein, die leere Sekunde

 

während im verwinkelt verlärmten Markt von Salvador da Bahia, zwischen geschälten Kuhfüßen und schwarzklebrigen Seilen aus Schnupftabak, ein halbes Dutzend ausgelöster Ochsenaugen, glasigbraun mit sanften Lidern: nach Käufern glotzte …

    die leere Sekunde, da der Schmerz nachließ; einen Augenblick drauf tauchte er wieder auf, der Koch. Tauchte auf, um das Gerät herauszunehmen aus dem Tier, ein Stück Schnur um dessen Schwanzflosse zu wickeln und es neben der Leiter aufzuknüpfen. Neben unsrer Leiter, die herabführte ins Meer oder eigentlich aus ihm heraus.

Dort also hing das Tier und...

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