Die Henkerstochter und der Fluch der Pest

Historischer Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2020
  • |
  • 736 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-2236-0 (ISBN)
 

Sommer 1679. Die Pest, die in Wien bereits Tausende Opfer gefordert hat, breitet sich Richtung Bayern aus. Der Schongauer Scharfrichter Jakob Kuisl wird von einem offensichtlich Pestkranken aufgesucht, der kurz darauf zusammenbricht. Bevor er stirbt, flüstert er Jakob Kuisl noch ein paar rätselhafte Worte ins Ohr: Kuisl müsse Kaufbeuren retten, ein schwarzer Reiter spiele mit seiner Pfeife dort zum Tanz auf. Der Mörder habe zwei Gesichter. Gemeinsam mit seiner Tochter Magdalena und seinem Schwiegersohn, dem Medicus Simon, die beide extra aus München zu ihm gereist sind, macht Jakob Kuisl sich auf, den geheimnisvollen Andeutungen auf den Grund zu gehen ...

weitere Ausgaben werden ermittelt

Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk. Heute lebt er als Autor mit seiner Familie in München. Seine historischen Romane haben ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die Bände der "Henkerstochter"-Serie sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Kapitel 1


München, den 2. August, Anno Domini 1679

Dieser französische Burgunder mundet ganz ausgezeichnet. Es ist mir ein Rätsel, wie wir all die Jahre diesen sauren Fusel aus dem Rheinland trinken konnten. A votre santé!«

Der Münchner Bürgermeister Wilhelm Ligsalz hob sein Glas, dann nahm er einen tiefen Schluck und gab ein schmatzendes Geräusch von sich. »Wirklich köstlich!«

Ligsalz wischte sich über den Spitzbart und machte sich wieder über die Hirschkeule her, die vor ihm auf einem silbernen Teller in brauner Biersoße schwamm. Sein Hemd mit Spitzenkragen und Manschetten wies bereits etliche Flecken auf. Es war der dritte Gang des Abends. Zuvor hatte es schon Karpfen auf fränkische Art gegeben und danach knusprig gebratene Gans mit Klößen, eine Spezialität der dicken Köchin, die eben einen weiteren Krug Wein hereinbrachte. Magdalena war spätestens nach der fetten Gans übel gewesen. Seitdem stocherte sie auf ihrem Teller herum und schob das Fleisch von der einen auf die andere Seite.

Schweigend nippte sie an ihrem Glas, während sie aus dem Augenwinkel die illustre Tischgesellschaft beobachtete. Zu ihrer Linken saß Hans Schobinger, einer der reichsten Brauer der Stadt, neben ihm seine dürre Gattin, deren Mundwinkel stets herabhingen wie bei einer Beerdigung. Rechts, neben Magdalenas Mann Simon Fronwieser, hatte der städtische Kämmerer nebst Gattin Platz genommen, ihnen gegenüber der Münchner Bürgermeister und schließlich ihr Gastgeber, Doktor Malachias Geiger. Im Gegensatz zu seinen aufgetakelten Gästen trug der Doktor lediglich ein schlichtes schwarzes Wams und einen ebenso schwarzen Rock. Freundschaftlich prostete er Magdalena zu.

»Die Kinder sind alle wohlauf, Frau Fronwieser?«

»Danke, ich kann nicht klagen«, entgegnete Magdalena und zwang sich zu einem Lächeln. »Glücklicherweise haben wir ja meine jüngere Schwester Barbara, die sich in unserer Abwesenheit um die kleine Sophia kümmert.«

»Familie ist ein wertvolles Gut, Frau Fronwieser«, erwiderte Malachias Geiger ernst. »Vielleicht das wertvollste, das wir haben. Gerade in diesen unruhigen Zeiten.«

Magdalena nickte und bemühte sich, ihr Unwohlsein zu überspielen. Sie hasste diese Abendessen, zu denen sie und Simon gelegentlich von Doktor Geiger eingeladen wurden. Es wurde über Themen geredet, die sie nicht interessierten, und alles wirkte so steif und aufgesetzt wie ein einstudiertes Schauspiel. Vor allem aber spürte Magdalena die Missgunst ihrer Tischnachbarn. Obwohl sie nun schon etliche Jahre in München lebten, wurden Simon und sie von der sogenannten feinen Gesellschaft noch stets geschnitten. Es war nett gemeint von Doktor Geiger, dass er sie trotz allem immer wieder zu sich lud. Doch auch der Doktor müsste eigentlich merken, wie die anderen Gäste mit dem aus dem fernen Schongau zugezogenen Paar umgingen.

»Habt Ihr schon einmal Fruchteis versucht?«, wandte sich Mathilde Schobinger eben an Magdalena. Sie zog kurz die Lippen hoch, während sie ihre Tischnachbarin spöttisch musterte. »Ich vermute nicht. Es ist sehr teuer. Was man so hört, wird es am französischen Hof täglich serviert, der König liebt es, besonders mit Erdbeeren! Das Eis stammt aus den Alpen, und sie verwenden Rohrzucker aus Westindien. Eine wahre Delikatesse!«

»Ich denke, man muss nicht jede französische Mode mitmachen, auch wenn sie noch so en vogue ist. Wenn ich Eis lutschen möchte, breche ich mir im Winter einen Eiszapfen ab, das ist billiger«, gab Magdalena kalt lächelnd zurück. Sie sprach den französischen Ausdruck besonders gekünstelt aus, und der Brauersgattin entgleisten für einen Moment die Gesichtszüge.

»Äh, haha, meine Frau macht gerne einen Witz, nicht wahr?« Simon Fronwieser drückte unter dem Tisch Magdalenas Knie. »Unser Sohn Peter hat uns erst vor ein paar Wochen ein wenig Eiskonfekt vom Hofe mitgebracht. Köstlich!«

»Das Eis ist wohl beim Kronprinzen vom Tisch gefallen, und das Hündchen hat danach geschnappt.« Bürgermeister Ligsalz lachte derb und nahm einen weiteren Schluck Wein. »Nichts für ungut, Fronwieser. Euer ältester Sohn hat es in der Tat weit gebracht.« Er wischte sich den Wein aus dem Bart. »Was man so hört, gehört er zum Gefolge des zukünftigen Kurfürsten. Meinen Respekt!«

»Nun, Gefolge ist vielleicht zu viel der Ehre«, erwiderte Simon lächelnd. »Aber ja, er war wohl schon bei der einen oder anderen Audienz zugegen. Und man schätzt bei Hofe seine Kenntnisse in Latein und auch in den übrigen akademischen Fächern.«

Magdalena spürte leise Genugtuung. Tatsächlich war Peter ihr ganzer Stolz. Der Sechzehnjährige besuchte als Stipendiat das erlesene Münchner Jesuitenkolleg Sankt Michael, wo man in den höchsten Tönen von ihm sprach. Und von Zeit zu Zeit verkehrte Peter am kurfürstlichen Hof - auch wenn Magdalena nicht wusste, was er dort eigentlich genau trieb. Offenbar hatte Peter unter den Höflingen ein paar Freunde gefunden; Kronprinz Max Emanuel, den er vor Jahren einmal kennenlernen durfte, erkundigte sich ab und an nach ihm. Auch jetzt war Peter wohl gerade in der Münchner Residenz unterwegs. Seinen Eltern hatte er erklärt, er dürfe in der kurfürstlichen Bibliothek ein paar alte Abschriften einsehen. Aber Magdalena hatte auch gesehen, dass sein Blick bei dieser Behauptung leicht geflackert hatte, wie immer, wenn er ihr etwas verheimlichte. Vielleicht hatte er ja auch eine Liebschaft? Nun, sie würde es ihm mehr als gönnen, denn die meiste Zeit verbrachte Peter ohnehin mit Büchern. Anders als sein jüngerer Bruder Paul, den sie schon des Öfteren mit eher zweifelhaften und weitaus älteren Frauen gesehen hatte.

»Reist Euer Sohn denn auch mit dem Thronfolger nach Wien?«, erkundigte sich Hans Schobinger neugierig, und die Blicke aller wandten sich Simon zu. Eine erwartungsvolle Stille entstand. Erst im Mai war Kurfürst Ferdinand Maria gestorben, und sein siebzehnjähriger Sohn Max Emanuel war als zukünftiger bayerischer Herrscher vom deutschen Kaiser nach Wien eingeladen worden. Von der bevorstehenden prunkvollen Reise sprach die ganze Stadt. Wer den Kronprinzen begleiten durfte, gehörte zum wichtigen inneren Zirkel. Wie es hieß, nahm Max Emanuel sogar seinen Leibkoch, seinen Fechtlehrer und seinen persönlichen Perückenmacher mit.

»Äh, nein, Peter hat . andere Verpflichtungen«, erwiderte Simon ausweichend. »Außerdem bin ich, ehrlich gesagt, ganz froh, dass unser Sohn nicht mit dabei ist. Es heißt, dass in Wien eine Seuche .«

»Nun fallt sogar Ihr auf diese hanebüchenen Gerüchte herein, die zurzeit kursieren!« Bürgermeister Ligsalz schüttelte den Kopf. »Manchmal überlege ich, ob es nicht besser wäre, diese neuen >Zeitungen< zu verbieten. Da stehen nur Unsinn und Gräueltaten drin.«

»Nun, wie auch immer, Euer Sohn scheint ein vielversprechender Bursche zu sein«, wandte sich der Brauer Hans Schobinger an Simon. Er hob das Glas. »Wir sollten auf ihn trinken.«

»In der Tat vielversprechend, umso mehr, wenn man seine Herkunft bedenkt«, fügte seine Gattin spitz hinzu.

»Wie meint Ihr das denn?« Magdalenas Stimme war plötzlich so frostig wie das Eis, von dem eben noch die Rede gewesen war.

Die Brauersgattin lief rot an. »Nun, ich meine nur .«

»Äh, hat Doktor Fronwieser eigentlich schon erzählt, dass sein neuestes Traktat von der Leopoldinischen Akademie angenommen wurde?«, meldete sich Doktor Malachias Geiger zu Wort, der das Gespräch ganz offensichtlich in eine andere Richtung lenken wollte. »Es ist erst letzten Monat in der Jahresschrift Miscellanea Curiosa erschienen. Erzählt doch, Doktor Fronwieser, um was geht es denn da genau?«

»Oh, das ist nicht so leicht zu erklären. Im Grunde ist es eine weitere Ausführung meiner Theorie, wie wichtig Sauberkeit in der Heilkunde ist. Meine Untersuchungen dazu zeigen ganz deutlich .«

Während Simon sich in weitschweifenden Erklärungen verlor, nutzte Magdalena die Gelegenheit, um sich ein wenig zu beruhigen. Wie sie diese Natter von Brauersgattin hasste! Wieder einmal zeigte sich: Diejenigen, die selbst nicht aus adligem Geblüt stammten, waren die schlimmsten Neider. Sie traten um sich, als fürchteten sie, andere bürgerliche Aufsteiger könnten sie zurück in die Gosse zerren.

Sieben Jahre war es nun her, dass die Fronwiesers sich entschieden hatten, der kleinen Stadt Schongau für immer den Rücken zu kehren und nach München zu ziehen. Der in ganz Bayern berühmte Arzt Doktor Malachias Geiger hatte Simon eine Assistentenstelle angeboten. Geiger war es auch gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass die Familie Fronwieser die Münchner Bürgerschaft erhielt. Gleich darauf waren die Anfeindungen und Sticheleien losgegangen - wobei Simon davon nicht allzu viel zu merken schien. Ganz im Gegensatz zu Magdalena genoss er das neue bürgerliche Münchner Leben, beinahe so, als würde ihm gar nicht auffallen, wie aufgesetzt alles war. Magdalena hingegen vermisste Schongau. Sie...

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