Wohltätig ist der Liebe Macht

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 268 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-3930-9 (ISBN)
 
Ja, ja, wohltätig ist der Liebe Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht. Doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft. Frei nach Schiller. Wie kommt es, dass sich ein schüchterner, infolge seiner Erziehung in einem katholischen Internat schwerstens gehemmter junger Mann schließlich als großer Frauenheld entpuppt? Noch erstaunlicher: Dass er sich trotz allem als im Herzen monogam empfindet? Nun, die eine, mit der ihn der Liebesgott zuerst verbunden hat, trennt sich nur allzu bald von ihm. Und warum? Weil er leider schon verheiratet ist. Aber sie hinterlässt eine unheilbare Wunde in seinem Herzen und macht darin allen späteren Geliebten den Platz streitig, seien sie eine Schülerin (was nicht ohne Folgen bleibt) oder weibliche Reisegäste, die ihn in seiner Funktion als Reiseleiter umschwärmen. Doch die große Frage lautet: Wird der Liebesgott irgendwann Erbarmen zeigen? Wird die Wunde in seinem Herzen irgendwann geheilt?
  • Deutsch
  • 0,46 MB
978-3-7389-3930-9 (9783738939309)

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Wie sagt das Sprichwort? Die Liebe fragt nicht, ob sich's schickt.

Dass ein guter Lehrer seine Schüler (und Schülerinnen) liebt, ist unbestritten. Ebenso, dass die Schüler (und Schülerinnen) ihre Lehrer lieben müssen, soll der Samen des Unterrichts hundertfältige Frucht tragen. Was aber, wenn die Liebe plötzlich keine Grenzen mehr kennt? Wenn sie das Herz trommeln macht? Wenn sie die Knie weich werden lässt? Wenn sie die Röte ins Gesicht treibt? Wenn sie den Geist verwirrt und das Denken ausschaltet? Ja, was dann?

Ich gehörte fraglos zu den Lehrern, die ihre Schüler (und Schülerinnen) lieben, und zwar alle, die Faulen wie die Fleißigen, die Dummen wie die Gescheiten, die Hässlichen wie die Schönen, die Muffeligen wie die Charmanten. Und bei den Charmanten, Schönen, Gescheiten, Fleißigen wusste ich es auch fast immer so einzurichten, dass sich meine Liebe zu ihnen (und ihre Liebe zu mir) in den von Gesellschaft und Schulgesetzen gezogenen Grenzen hielt. Ein einziges Mal freilich nicht. Und warum? Ich weiß es nicht. Ja, Claudia war charmant, schön, gescheit, fleißig. Sie war brav, ordentlich, aufmerksam, interessiert. Aber das waren viele andere auch. Warum also ausgerechnet sie?

Wieder kann die Antwort nur lauten: Der Liebesgott hat es so gewollt. Wieder begann es unmerklich, sozusagen im Schutz der Dunkelheit. Gott Eros schlich sich ein wie ein Dieb in der Nacht, während alle Hausbewohner in tiefem Schlummer liegen. So lagen auch wir in tiefem Schlummer, Claudia und ich, im Schlummer der Unwissenheit, der Ahnungslosigkeit, der Unschuld; ich könnte nicht sagen, wie lang. Und als wir daraus erwachten, ja, da war's zu spät.

Anlass des Erwachens war ein Faschingsball unserer Schule im Januar 1988, genauer, der anschließende Besuch einer Diskothek. In diese mitzugehen hatte ich zwar nie vorgehabt. Doch da stand auf einmal, süß lächelnd, die brave Claudia vor mir und fragte, ob ich nicht mitkommen wolle, und blickte mich so treuherzig an, dass in mir irgendeine Saite angeschlagen wurde, die mich ganz gegen meine Absicht freudig einwilligen ließ. Aber sie (die Saite) klang noch nicht so laut, dass ich aus meinem Schlummer der Unschuld erwacht wäre. Dies geschah erst in der Diskothek selbst, wo ich Claudia alsbald zum Tanzen aufforderte. Und danach hörten wir bis zum Schluss nicht auf zu tanzen. Wir konnten einfach nicht aufhören. Irgendeine höhere Macht zwang uns, nicht voneinander zu lassen. Ja, damals erwachten wir aus unserem Schlummer. Wie Adam und Eva, nachdem sie von der verbotenen Frucht gekostet hatten, gingen uns die Augen auf, und wir erkannten, dass wir schon längst hoffnungslos ineinander verliebt waren. Doch außer Tanzen und Reden taten wir nichts.

Zu mehr ließ ich mich erst am nächsten Schultag hinreißen.

In der Pause vor meiner Stunde lauerte mir Claudia auf und klagte mir ihr Leid: In der Klasse gebe es einen regelrechten Aufstand gegen sie, weil sie skandalös lang mit mir getanzt habe. Das war natürlich auch für mich kein geringer Schock. Ich ermannte mich jedoch, betrat hoch erhobenen Hauptes die Klasse und verteidigte Claudia todesmutig, indem ich alle Schuld auf mich nahm. (Todesmutig, das bedeutet: Mein Herz trommelte im Rhythmus eines Höllentanzes und drohte mir jeden Augenblick seinen Dienst aufzukündigen.) Nach dem Unterricht dankte mir Claudia überschwänglich für die Rettung vor dem Klassenzorn; und ob sie mich ein Stückchen begleiten dürfe. (Ihr war offenbar nicht entgangen, dass ich heute zu Fuß gekommen war.) Erneut begann mein Herz in rasendem Tempo zu trommeln und trommelte immer rasender, je länger ich ihre weichen Wangen neben mir wusste und nur allzu deutlich spürte, dass in ihnen Eros lauerte. Und als sie sich nahe meinem Haus verabschiedete, da kam es wie ein vom Himmel entsandter Sturmwind über mich: Ich nahm sie in meine Arme und küsste sie.

Von diesem Augenblick an war's um uns geschehen. Oh, die Unterrichtsstunden in ihrer Klasse! Oh, die Höllentänze meines Herzens! Oh, meine neuentdeckte Schauspielkunst! Musste ich doch nach außen hin gelassen, unbefangen, überlegen tun, auch etwa, wenn im Lateinunterricht Catulls Liebesgedichte übersetzt und interpretiert wurden:

                   Wir wollen leben, meine Lesbia, und lieben

                   und uns keinen Pfifferling um all das Gerede

                   der alten Spießer scheren.

Oder ein von Catull ins Lateinische übersetztes Sapphogedicht:

                   Denn sehe ich dich, Lesbia, nur an,

                   habe ich auch schon keine Stimme mehr.

                   Sondern die Zunge ist gelähmt,

                   feines Feuer ergießt sich durch die Glieder,

                   die Ohren klingen von eigenem Geräusch,

                   zweifache Nacht bedeckt die Augen.

(Wobei ich nicht unerwähnt ließ, warum Catull seine Geliebte Clodia - eigentlich Claudia - als Lesbia besingt, nämlich zu Ehren Sapphos, der vielleicht bedeutendsten Lyrikerin der Weltliteratur, der berühmtesten Tochter der Insel Lesbos. Und ich vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen, dass im griechischen Original Sappho zu einem geliebten Mädchen spricht und dass nach ihr die sogenannte lesbische Liebe benannt ist.)  Ich weiß nicht, wie rot ich dabei wurde, wie sehr meine Ohren glühten, wie heftig meine Knie zitterten. Und dies alles, obwohl die eine Umarmung und der eine Kuss für viele Wochen die einzigen Zärtlichkeiten blieben. Claudia aber lauerte mir jetzt regelmäßig in den Pausen auf, und da steckten wir coram publico, wie der Lateiner sagt, die Köpfe zusammen und redeten uns diese heiß und hielten es im Übrigen mit Catull.

Eines Tages, es war bereits April, erklärte Claudia, ihre Mutter verreise übers Wochenende, und sie (Claudia) werde allein zu Hause sein. Ich fragte, ob das eine Einladung sei. Sie errötete, nickte. Und ich besuchte sie, und sie empfing mich und begann mich zu duzen (was sie sich bis dahin trotz meiner Aufforderung nicht getraut hatte), und ich nahm sie, meine Schülerin, in meine Arme und spürte, dass (um abermals mit Goethe zu sprechen) ihr junger und morgenschöner Körper in meinen Händen weich wurde wie Wachs in den Händen des Künstlers, und enthüllte ihn nach und nach und liebkoste ihn nach Herzenslust und verwandelte ihren Schoß in einen heißen Vulkansee. Süßes Verlangen umhüllte mir die Sinne. Vom Liebesgott ließ ich mich auf den rechten Weg führen und entjungferte meine eigene Schülerin und erlebte einen phantastischen Orgasmus. Sie selbst ging zu meinem großen Bedauern leer aus. Übrigens hatte ich sie doch nicht entjungfert. Dies hatte, so erklärte sie mir, verschämt schmunzelnd, schon längst ein anderer besorgt. Nur sei das kein Erlebnis gewesen, an das sie gern zurückdenke.

Von da an waren wir endgültig ein Paar, nur dass niemand davon wissen durfte, weshalb sich auch nach außen nicht das Geringste änderte. Dafür war unser gesamtes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, Gelegenheiten ausfindig zu machen, Eros' Willen zu erfüllen. Zudem wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass er auch Claudia einen Orgasmus schenken möge.

Jetzt war ich also schon wieder unter die Ehebrecher gegangen. Aber merkwürdig: Mein Gewissen belastete das auf einmal kaum mehr. War es mittlerweile abgehärtet? Oder eingeschläfert? Oder war ich einfach erwachsen geworden und hatte erkannt, dass das Wort Ehebruch ein Totschlagbegriff ist, eine sprachliche Keule, mit der ich und alle anderen Ehebrecher, bestimmt der Großteil der Menschheit, gewissermaßen totgeschlagen werden sollen, indem man uns nach biblischem Vorbild in eine Reihe mit Mördern, Räubern, Kinderschändern stellt?

Eine zweite Gelegenheit, den Willen des Liebesgottes zu erfüllen, fand sich erst Ende Mai. (Aber wieder ließ er Claudia im Stich.) Und ehe sich eine dritte Gelegenheit fand, brachen die Sommerferien an, und das Leben wurde noch komplizierter, als es bisher schon gewesen war, zumal in einem Zeitalter ohne Handy und ohne Internet. Gott Eros aber wusste Rat.

Ich liebte es, mit meiner Familie die Tiroler Bergwelt unsicher zu machen. Und wer kam uns gleich auf unserer ersten Wanderung in den Ferien entgegen? Eine strahlende Claudia mit ihrer Mutter - offenbar ein Wink des Eros; und ich hütete mich, ihn zu missachten. Zu Hause angekommen, setzte ich mich hin und schrieb ihr einen Brief: Ob sie nicht auch einmal mit mir eine Bergtour machen wolle? Und so kam es, dass bald darauf der Liebesgott vergnügt beobachten konnte, wie zwei aus seiner Jüngerschar gipfelwärts stapften, süßes Verlangen in sich aufsteigen spürten, eine einsame Bergwiese zu ihrem Liebesnest erkoren und dort zu seinen Ehren ein lustvolles Fest feierten, unendlich lustvoller noch als unsere bisherigen. Denn diesmal war es Claudia vergönnt, nicht nur den Gipfel des Berges zu ersteigen, sondern endlich auch den der Lust.

Wir waren aber vorsichtig genug, genauer, ich war vorsichtig genug, diese Unternehmung während der ganzen Ferien ein einziges Mal zu wiederholen (übrigens wieder mit vollem Erfolg) und Claudias Begeisterung und Claudias Ungeduld zu bremsen. Wäre es nämlich nach ihr gegangen, hätten wir noch viele solcher Gipfelbesteigungen unternommen. Ja, ihre...

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