Immer mehr ist nicht genug!

Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. November 2011
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06504-1 (ISBN)
 
Wir steigern das Bruttosozialglück
Der wichtigste Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft war bislang das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Doch inzwischen weiß man: Mehr Wachstum macht die Menschen eines Landes nicht automatisch glücklicher. Mindestens so wichtig wie das wirtschaftliche Wohlergehen sind für das Lebensglück Faktoren wie Bildung, Gerechtigkeit, Gesundheit, eine intakte Umwelt, Zeit für sich und die Familie. Petra Pinzler zeigt, dass es höchste Zeit ist umzudenken. Statt immer größerem Wachstum und immer mehr Konsum hinterherzujagen, sollte die Politik und jeder Einzelne von uns alles daran setzen, das Bruttosozialglück zu steigern.


Petra Pinzler, geboren 1965, arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin im Berliner Büro der Wochenzeitung DIE ZEIT. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und Politik, besuchte die Kölner Journalistenschule. Seit 1994 gehört Petra Pinzler zur Redaktion der ZEIT. 1998 wurde sie USA-Korrespondentin in Washington, danach Europakorrespondentin in Brüssel und ist nun seit 2008 Mitglied der Hauptstadtredaktion.
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IMMER MEHR IST NICHT GENUG!


Wussten Sie schon? Sie leben in der Besten aller Welten! So gut wie heute ging es uns angeblich nie. Wieder ist unser Wohlstand im vergangen Jahr gewachsen, trotz der Finanzkrise sind wir reicher, haben mehr Autos, mehr iPods und größere Wohnungen als je zuvor. Super, alles gut, alle glücklich. Alle glücklich?

Sie waren sicher schon mal bei Tchibo. Ich schlendere dort regelmäßig vorbei, schaue nach all dem Krimskrams, den ich nie benötige, aber immer gut brauchen kann. Eines Tages hatte ich dort die Erleuchtung. Na ja, Erleuchtung ist etwas hoch gegriffen, aber egal: In der einen Hand hielt ich jedenfalls eine Blumenvase, in der anderen eine praktische Computertasche und plötzlich schoss mir durch den Kopf: Wenn das die Antwort ist, was war noch mal die Frage? Dann wurde mir klar: Sie lautete nicht: Was brauche ich? An dem Tag ging es nicht um die vielen Schnäppchen, nicht um die Laptoptasche, nicht um die Vase. Davon haben wir zuhause längst genug, Sie wahrscheinlich auch. Ich wollte in Wirklichkeit nur meinen Ärger verdrängen. An anderen Einkaufstagen suchte ich mal einen Zeitvertreib, mal eine kleine Belohnung. Immer aber ging es dabei auch um eine kleine Portion Glück. Raus kamen neue Vasen.

Auch dieses Buch handelt von der Suche nach Glück. Aber keine Bange, es folgt nun kein kluger Wegweiser zur privaten Selbstfindung durch Verzicht. Dafür gibt es kurzweilige Werke zuhauf, die Ihnen mit schönen Worten alles Mögliche verschreiben, Genügsamkeit, gutes Essen, Bewegung und allerlei andere Medizin. Dafür lesen Sie lieber die Bibel oder Aristoteles. Atmen Sie richtig, machen Sie viel Yoga. Oder legen Sie sich ganz einfach in die Sonne.

In diesem Buch geht es um mehr. Es geht um Sie und um uns, unserer Bedürfnisse, unsere Politik und unsere Gesellschaft. Es geht um unser aller Glück. Denn damit stimmt etwas nicht im Lande. Eine gute Gesellschaft ginge anders mit sich und ihrem Wohlstand um, sorgsamer, und eine gute Politik mit den Menschen und dem Land ebenfalls. Wir alle fühlen das und rätseln doch zugleich, wie die Sorge um die eigene Zukunft oder die der Kinder, das Misstrauen gegenüber den Volksparteien, die Angst vor dem Klimawandel, der Einkauf im Supermarkt und die Furcht vor dem Verlust des Jobs zusammenpassen. Es fühlt sich nur immer häufiger so an, als ob uns etwas zwischen den Fingern zerrinnt.

Dies hier ist der Bericht einer Suche. Wie können wir die Politik dazu bringen, sich stärker um unser Glück zu kümmern? Wie schaffen wir es, dass sich in diesem so ungeheuer reichen Land wieder mehr Menschen auch reich fühlen? Für dieses Buch habe ich mit Experten aus aller Welt über moderne Kriterien für mehr Lebensqualität diskutiert. Ich habe nachgeforscht, warum die Bundesregierung, die Europäische Kommission und viele Parteien dieses Thema so gern meiden und uns stattdessen lieber glauben machen wollen: Wenn nur die Wirtschaft wächst, wird alles gut. Ich berichte, welche Neuigkeiten es bei der globalen Suche nach Glück gibt. Wer die Nase vorne hat. Wie man Wohlstand besser messen kann. Warum sich die Ökonomen mit Händen und Füßen dagegen wehren, vom Thron gestoßen zu werden. Und wie der Wachstumswahn die Suche nach mehr Lebensqualität behindert.

Dieses Buch verfolgt das Thema auch in der deutschen Politik: Es beschreibt, welche Politiker weiterdenken und wie Vordenker in manchen Parteien versuchen, den alten Wunsch der Menschheit nach einem guten Leben neu in deren Programme einfließen zu lassen. Es stellt jene vor, die dieses Ziel mit Zähigkeit, Phantasie und ungeheurer Geduld immer wieder anmahnen. Und es erzählt, wie wir den Wachstumswahn privat und politisch mildern können, dadurch zufriedener werden und so ganz nebenbei vielleicht auch noch den Globus retten.

Sie runzeln jetzt wahrscheinlich die Stirn. Mehr Glück für alle, den Wachstumswahn beenden und nebenbei auch noch die Welt retten: Das scheint ziemlich viel auf einmal. Und zu Recht grummeln Sie wahrscheinlich weiter: Wie kann man nur so naiv sein, ausgerechnet von der Politik mehr Glück zu erwarten? Die da in Berlin sollen sich doch besser aus den intimen Bereichen unseres Lebens, aus dem Gefühlshaushalt raushalten. Das geht doch nur jeden ganz persönlich etwas an. Schließlich waren in der Vergangenheit vermeintliche Volksbeglücker oft genug am Ende fürchterliche Volksverhetzer. Mit Ideologen sind wir in diesem Land ein für alle Mal fertig. Zudem, ist Glück nicht sowieso etwas höchst Flüchtiges, dem Moment verhaftet und kaum planbar und damit für die Politik völlig ungeeignet?

Das stimmt alles und stimmt doch nicht. Denn es gibt mindestens zwei gute Gründe, warum wir das Unmögliche versuchen sollten, über Glück, Umwelt und Wachstum zugleich nachzudenken und das auch von der Politik verlangen müssen. Erstens: Wir werden tatsächlich immer unglücklicher. Offensichtlich fehlt es hierzulande immer mehr Menschen immer häufiger an den Zutaten, die ein Land lebenswert machen - ohne dass wir ausreichend nachforschten, welche das denn sind. Die Angst vor dem Abstieg hat die Mittelschicht längst erreicht. Und selbst wenn viele der Sorgen nur eingebildet sein mögen, schauen wir eben nicht optimistischer in die Zukunft als unsere Eltern. Das hat Folgen: Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Leute, die an Depressionen oder neudeutsch Burn-Out erkranken. Schon Schulkinder fühlen sich gestresst und haben Angst zu versagen. In einem Land, das reich ist wie nie zuvor, in dem die Wirtschaft boomt und dem es angeblich so gut geht, wie seit Jahren nicht, ist das absurd.

Hinzu kommt die Furcht vor dem Umweltgau: Ganz offensichtlich ruinieren wir durch unsere Art zu leben den Globus oder zumindest dessen Klima. Unsere Ökonomie macht uns zwar nominal reicher, aber in Wirklichkeit ärmer. Wir wachsen uns quasi arm, unser Vorzeigewirtschaftswunderland lebt auf Pump, ökologisch gesehen. Wir sind kein Modell für den Rest der Menschheit - zumindest nicht, solange wir nicht noch einen zweiten bewohnbaren Planeten finden und uns Scotty vom Raumschiff Enterprise irgendwann dorthin beamt. Und weil wir das ahnen, beruhigen wir uns kurzfristig mit Ökoeiern und Solarstrom - und fürchten zugleich doch immer mehr, dass es am Ende kein gutes Leben im schlechten gibt. Dass wir oder unsere Kinder irgendwann für unseren Lebensstil teuer werden bezahlen müssen.

Wie wäre es, wenn wir stattdessen beides zusammen dächten: die Angst vor dem Untergang und die Suche nach einem guten Leben? Wie wäre es, wenn wir die Erkenntnisse der modernen Glücksforschung, die in Deutschland noch kaum beachtet werden, mit denen der Ökonomen und der Umweltforscher zusammenbrächten? Dann ergäbe sich, was intuitiv mancher von uns schon lange spürt: Wir sollten unser Leben und unser Land ändern, und zwar nicht nur, weil das dem Globus hilft. Wir sollten es auch tun, um glücklicher zu werden.

Heute weiß die Wissenschaft, und langsam sickert diese Erkenntnis auch in die Öffentlichkeit: Es gibt glücklichere Nationen und weniger glückliche. Zufriedenheit, Wohlgefühl oder das, was schon bei den alten Griechen als »gutes Leben« verstanden wurde, ist nicht nur vom Zufall oder von den Genen abhängig. Man kann es lernen, zumindest ein wenig. Das »gute Leben« braucht außerdem einen gewissen Wohlstand, allerdings viel weniger, als wir schon haben. Ganz wichtig aber ist: Es ist leichter zu erreichen, wenn die Politiker, die Unternehmer, Gewerkschaften und Arbeitgeber, kurz, wenn die ganze Gesellschaft daran mitarbeitet. Es gibt gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die den Menschen guttun und, andere, die für sie schlecht sind. Und die lassen sich ändern.

Interessant ist, dass darüber kaum jemand redet. Welches Land gut wächst, geht durch alle Medien. In welchem Land die Menschen zufrieden leben, ist höchstens eine Meldung auf den bunten Seiten. Wir haben es zugelassen, dass Wachstum zum Synonym für Glück geworden ist. Mit fatalen Folgen: Mit dem Hinweis aufs Wachstum bewerten wir Staaten. Diejenigen, bei denen die Wirtschaft immer mehr produziert, gelten als Sieger im globalen Wettbewerb, und diesem Wettlauf ordnen wir alles unter. Mit Hinweis auf die Wettbewerbsfähigkeit werden Schulzeiten verkürzt, Autobahnen gebaut und Kohlekraftwerke verteidigt. Selbst die Familienpolitik der Bundesregierung ist laut Familienreport sinnvoll, weil sie »das Wachstum und die einzelwirtschaftliche Rendite« steigere. Wenn die Volkswirtschaft boomt, so der Konsens, dann schwingt da mit: Hoppla, jetzt geht's uns wieder besser.

In Wirklichkeit kann sogar das Gegenteil richtig sein. Bei vielen der oben erwähnten Maßnahmen ist der Zusammenhang zwischen Glück und Wachstum unbewiesen, und manche machen die Bürger sogar unglücklicher. Was nützt mehr Geld, wenn zugleich der Job immer stressiger wird, der Druck immer höher? Die meisten Politiker weichen aus, und Ökonomen gucken einen an wie eine kranke Kuh, wenn man fragt: Müssten wir nicht den Fortschritt und die Erfolge eines Landes ganz anders messen als mit Wachstum? Müssten wir nicht über unsere tief verwurzelte Angst vor dem Weniger reden und uns auf die Suche nach mehr Lebenslust machen?

 

Dies wird kein Appell zur Askese, kein kulturpessimistisches Werk voller Technologieverdrossenheit. Im Gegenteil: Es soll zeigen, wohin gerade der menschliche Drang nach Entdecken, nach neuem Erleben und die Fähigkeit, eigene Fehler zu korrigieren, uns führen können. Dabei kann die Glücksforschung eine bislang viel zu wenig beachtete Hilfe sein. Denn egal, welche Umfrage man nimmt, in einem sind sich alle Forscher einig: Glück hat nichts mit immer mehr Tischdecken und Kühlschränken zu tun, aber viel mit uns, unserer Politik und Wirtschaft. Nur haben wir das offensichtlich verlernt,...

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