Abbildung von: Kathedralen - Unionsverlag

Kathedralen

Roman
Claudia Piñeiro(Autor*in)
Unionsverlag
1. Auflage
Erschienen am 30. Januar 2023
320 Seiten
E-Book
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
978-3-293-31106-0 (ISBN)
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Lía glaubt nicht mehr an Gott. Nicht, seit ihre siebzehnjährige Schwester grausam ermordet wurde. In ihrer streng religiösen Familie fühlt sie sich völlig allein gelassen, und bald bricht sie den Kontakt zu ihr gänzlich ab. Dreißig Jahre vergehen ohne den geringsten Hinweis auf den Mörder, dreißig Jahre, die tiefe Gräben in der Familie hinterlassen. Erst eine unerwartete Begegnung wirbelt die Vergangenheit wieder auf und entfesselt einen Sturm, der alle mit sich reißt. Claudia Piñeiro ergründet ein erschütterndes Familiengeheimnis, hinter dem ein Netz von religiösem Fanatismus, kirchlichem Machtanspruch und Repressionen sichtbar wird.
»Vielstimmige, mit Heuchelei und seelischer Grausamkeit gespickte Erzählung über die repressive katholische Sexualmoral.«
Claudia Piñeiro (*1960 in Buenos Aires) ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Argentiniens. Nach dem Wirtschaftsstudium wandte sie sich dem Schreiben zu, arbeitete als Journalistin, schrieb Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher und führte Regie fürs Fernsehen. Für Die Donnerstagswitwen erhielt sie 2005 den Premio Clarín, 2010 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Für Kathedralen erhielt sie 2021 den Premio Hammett, mit Elena weiß Bescheid stand sie 2022 auf der Shortlist des International Booker Prize.

Mateo


Wozu von fremden und alten Kunstwerken leben?

Jeder Mensch sollte sich seine eigene Kathedrale errichten.

JORGE LUIS BORGES

1


Ich kam an einem Sonntag nach Santiago de Compostela. Ich hatte drei Briefe dabei. Einen hatte ich schon gelesen, er war für mich bestimmt. Den anderen sollte ich Lía geben, im Auftrag meines Großvaters Alfredo, der ihr Vater gewesen war. Der dritte war für uns beide, wir sollten ihn zusammen lesen, aber nur, wenn wir das auch wollten. Außerdem hatte ich einen Ring mit einem großen Türkis im Gepäck.

Ich stieg in einem Hostel ab und machte anschließend einen Rundgang durch die Stadt. Es war seltsam, einfach so, ganz für mich, umherschlendern zu können, ohne wem auch immer Rechenschaft ablegen zu müssen, ohne mich beobachtet zu fühlen.

Obwohl meine Abreise aus Argentinien schon einige Zeit zurücklag, hatte ich erst jetzt, allmählich, das Gefühl, frei zu sein. Als läge ein völlig neues Leben vor mir, das jeden Augenblick beginnen konnte.

Wo Lías Buchhandlung war und wie sie hieß, wusste ich bei der Ankunft in Santiago nicht. Mein Großvater hatte ihr immer an eine Postfachadresse geschrieben. Im Internet war sie jedoch nicht schwer zu finden. Nach kurzer Suche stieß ich auf das Foto einer Buchpremiere, unter dem der Name eines spanischen Autors und der meiner Tante standen: »Lía Sardá, Besitzerin der Buchhandlung The Buenos Aires Affair.« Darüber gelangte ich zu der dazugehörigen, ziemlich wenig genutzten Facebook-Seite wie auch an die Adresse. Noch am selben Nachmittag machte ich mich auf den Weg dorthin. Da Sonntag war, war das Geschäft aber geschlossen.

Ich wollte Lía ohnehin nicht sofort ansprechen, sondern erst einmal »vor Ort die Lage erkunden«. Wenn ich den Eindruck bekäme, dass wir nicht zusammenpassten, würde ich den für sie bestimmten Brief einfach, ohne mich vorzustellen, im Laden abgeben und den für uns beide ungelesen zerreißen und wegwerfen, weil er für mein Gefühl in diesem Fall seinen Sinn verlöre.

Erst beim dritten Versuch traf ich Lía selbst in der Buchhandlung an. Ich war überrascht, wie sehr sie meinem Großvater ähnelte - und wie wenig meiner Mutter. Auf den Fotos, die er mir gezeigt hatte, war mir das nicht aufgefallen, allerdings war Lía darauf jünger als ich jetzt. Auf der Kohlezeichnung von Lía, die meine Tante Ana einst gemacht hatte, wie auch auf dem Bild aus dem Internet hatte ich es ebenso wenig bemerkt. Ich hatte erwartet - und gefürchtet -, in ihr die Züge meiner Mutter wiederzufinden, wenn auch vielleicht in etwas sanfterer Form.

Ich sage gefürchtet, weil ich tatsächlich Angst vor meiner Mutter habe. Bis heute.

Vor dreißig Jahren hatte man auf einer Müllhalde die Leiche meiner Tante Ana gefunden, der jüngsten der drei Sardá-Schwestern. Sie war verstümmelt und verbrannt worden. Sie war erst siebzehn gewesen. Lía neunzehn. Meine Mutter dreiundzwanzig - so alt wie ich jetzt.

Lía erwies sich als flink und zuvorkommend. Als ich sah, wie bereitwillig sie eine der steilen Leitern erklomm, um ein Buch aus dem Regal zu holen, nach dem ein Kunde gefragt hatte, wie unermüdlich sie beriet und Vorschläge machte und manchmal mitten im Gespräch herzlich lachte, vor allem aber als sie unversehens eine Bewegung ausführte, wie ich sie haargenau von meinem Großvater erinnerte, schöpfte ich Hoffnung. Wieder im Hostel stellte ich mich vor den Spiegel und sah mich ganz genau an, in der Hoffnung, den einen oder anderen Gesichtszug Lías an mir zu entdecken. Auch das Foto aus dem Internet nahm ich mir noch einmal vor. Vielleicht der Farbton ihrer und meiner Haare, oder die Mandelaugen? Meine sind allerdings blau, wie die meiner Tante Ana. Wenn mich früher jemand darauf hinwies, stieg unweigerlich das Bild eines vom Rumpf abgetrennten Kopfes vor mir auf. Die Augen meiner Mutter sind anders, kälter und heller, fast durchsichtig. So oder so haben alle immer behauptet, ich sei meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Lieber wäre mir etwas anderes, oder wenigstens keine ganz so große Ähnlichkeit.

Ich beobachtete Lía aber nicht nur bei der Arbeit in der Buchhandlung. Mehrfach ging ich im Park hinter ihr her. Und lernte so auch ihren Mann oder Freund kennen. Es gefiel mir sehr, wie die beiden sich verhielten, wenn sie, aus entgegengesetzten Richtungen kommend, aufeinandertrafen. Die Art, wie sie ihn anlächelte, während er ihr zärtlich über die Wange strich. Ich freute mich, dass auch sie Teil meiner Familie waren, dass diese seltsame Institution, der wir durch unsere Geburt zwangsweise angehören und deren Mitglieder man sich nicht aussuchen kann, nach dem Tod meines Großvaters also nicht nur aus mir und ihrem düstersten Element bestand - meinen Eltern. Weshalb ich schon bald entschlossen war, mich tatsächlich Lía vorzustellen: »Hallo, ich bin dein Neffe Mateo«, würde ich sagen, »ich habe einen Brief für dich. Und noch einen für uns beide, den sollen wir zusammen lesen. Falls wir den Mut dazu haben.« Und ich würde hinzufügen, dass ich mich allein und verloren auf der Welt fühle und keine Freunde habe und mir der Umgang mit Frauen sehr schwerfällt, vor allem, wenn sie mir gefallen.

Nein, das würde ich mir für später aufheben.

Ich war mir sicher, dass ich den Mut haben würde, den dritten Brief zu lesen. Und Lía bestimmt auch, das zeigte mir schon die Art, wie sie sich durch ihre Buchhandlung bewegte. Aber da tauchten auf einmal meine Eltern auf, und mit ihnen die Düsternis, das Schlechte, die Lüge. Als ich sie hereinkommen sah, wurde mir für einen Moment schwarz vor Augen, und ich bekam weiche Knie. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, der gerade mit seinem Fußball eine Scheibe eingeschossen hat. Schnell ging ich hinter einem Regal in Deckung. Wenn man so groß ist wie ich, ist das gar nicht so einfach. Also kauerte ich mich hin, als suchte ich etwas auf dem Boden. »Du wirst wirklich nie erwachsen«, hätte meine Mutter gesagt, wenn sie mich in dieser Haltung entdeckt hätte. Und sie hätte herausfordernd oder warnend oder drohend hinzugefügt, dass ich eben doch noch nicht reif genug sei, um auszuziehen und ein eigenes Leben zu beginnen, irgendwann werde es so weit sein, keine Sorge, aber bis dahin brauche es noch viel Geduld und Ausdauer - »mit Gottes Hilfe wird sich alles fügen«. Insgeheim würde sie ihren Gott jedoch anflehen, diesen Fall niemals eintreten zu lassen. Weshalb sie mich anschließend an der Hand nehmen - oder am Ohr, wenn ich nicht so groß wäre - und ins Hotel führen würde, ohne dass mein Vater ihren Entschluss auch nur mit einem Wort infrage stellen würde.

Oft habe ich mich wegen meiner Eltern geschämt. Ich weiß, das soll man nicht, die Zehn Gebote rufen einen zum Gegenteil auf - man soll sie lieben und ehren, so wie sie sind, und mehr als alles auf der Welt. Oder ist Gott derjenige, den man über alles auf der Welt lieben soll? Wirklich sicher bin ich mir da nie. Es kann schon sein, dass es vielen Menschen durch schiere Willenskraft gelingt, welche Gebote auch immer zu befolgen. Aber die sind nicht das Kind meiner Eltern. 

Sie brauchten mich, und deshalb erzogen sie mich so, dass ich möglichst unselbstständig blieb, auf diese Weise stellten sie sicher, dass ich die von ihnen erfundene Welt nicht verließ. Um ihre Vorstellung von Familie zu verwirklichen, waren sie auf mich angewiesen.

In dem Regal, hinter dem ich hockte, standen lauter Bücher lateinamerikanischer Autoren. Nach einer Weile bekam ich einen Wadenkrampf, also kniete ich mich hin und spähte durch eine Lücke zwischen den Büchern. Meine Eltern sahen blass und erschöpft aus. Dass wahrscheinlich mein Verschwinden der Grund dafür war, beeindruckte mich nicht. Stattdessen schämte ich mich, weil ich nicht den Mut aufbrachte, zu ihnen zu gehen und ihnen mitzuteilen, wozu ich mich entschlossen hatte. Von wegen - fast hätte ich mir vor Angst in die Hose gemacht. Als sie dann in Lías Büro verschwanden, verließ ich ohne weitere Erklärungen den Laden. Die Buchhändlerin muss sich gefragt haben, was sie mit den Büchern machen soll, die ich ein paar Tage davor bestellt hatte und eigentlich gerade abholen wollte.

Diese Buchhändlerin gefiel mir gut.

Es war leicht zu erraten, warum meine Eltern in Santiago de Compostela und dort ausgerechnet in Lías Buchhandlung erschienen waren. Offensichtlich waren sie mir auf die Spur gekommen und hatten sich auf den Weg gemacht, um mich zurückzuholen. Mit Lía hatte meine Mutter nicht mehr gesprochen, seit jene einst von zu Hause ausgezogen war. Oder schon seit Anas Ermordung. In diesem Punkt waren meine Eltern sich nicht einig. Davon abgesehen äußerten die beiden sich so gut wie nie über meine verstorbene Tante. Auch über Lía nicht. Wäre mein Großvater nicht gewesen, wäre sie für mich bloß eine Verwandte geblieben, die eines Tages fortgegangen war und über die zu sprechen einem schlimmen Verrat gleichkam. So oder so hatten meine Eltern durch ihr unerwartetes Auftauchen meinen Plan zunichtegemacht, mich meiner Tante mit den Worten vorzustellen, ich sei ihr Neffe und habe eigens den Atlantik überquert, um sie kennenzulernen und ihr einen Brief von meinem Großvater zu übergeben. Immer machten sie alles kaputt.

Warum entscheidet sich jemand dafür, Kinder zu haben? Für meine Eltern spielte das Wort »haben«...

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