Spuren am Himmel

Mein Lebenstraum
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 10. August 2015
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97217-8 (ISBN)
 
Seit Bertrand Piccard als kleiner Junge den Start der Apollo-Mission mitverfolgte, wusste er, was er wollte: von der Erde abheben und die Welt von oben sehen. In allen Spielarten machte er seinen Traum für sich wahr: ob als Fallschirmspringer, Gleitschirmflieger oder mit dem Ultraleichtflugzeug. Gemeinsam mit Brian Jones umrundete er als erster Mensch die Welt mit einem Ballon. In diesem Buch erzählt er nicht nur von seiner Leidenschaft, dem Fliegen, und von der Faszination, sich von der Erde zu lösen, sondern auch vom Mut, sich selbst zu finden und seine Träume zu leben.
  • Deutsch
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 70
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  • 70 farbige Abbildungen
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  • Mit 32 Seiten farbigem Bildteil
  • 10,76 MB
978-3-492-97217-8 (9783492972178)
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Bertrand Piccard, geboren 1958, stammt aus der berühmten Forscher-Dynastie der Piccards. Er selbst umrundete 1999 zusammen mit Brian Jones als erster Mensch die Welt in einem Ballon. Ihr Buch »Mit dem Wind um die Welt« wurde ein internationaler Bestseller. Heute hält der gelernte Facharzt für Psychiatrie weltweit Vorträge über Kommunikationspsychologie, Krisenmanagement und Stressbewältigung. Dabei betont er stets, wie wichtig die Bereitschaft zum Abenteuer ist, um die eigenen Lebensziele zu verwirklichen. 2015-2016 gelang Piccard zusammen mit André Borschberg die Umrundung der Erde in einem Solarflugzeug - ein Meilenstein in der Energietechnik.

KAPITEL 2

Der Faden der Ariadne

Mein größter Wunsch war es, den Lauf der Zeit anzuhalten

Wenn der Einfluss, den die großen Erforscher auf meine ersten Lebensjahre hatten, an der Anzahl der Seiten gemessen würde, nähme dieses Kapitel einen Großteil des Buches ein. Aber die Worte des Erwachsenen können die vom Kind gemachten Erfahrungen nicht mehr wiedergeben, diese diffusen Erinnerungen, die von einem Urerlebnis bleiben. So kann ich nur in einigen Sätzen versuchen, diese leichte und natürliche, klare und naive Atmosphäre wiederzubeleben, die so nahe an der Quelle ist und die man manchmal in sich wiederentdeckt, wenn man sich die Zeit dazu nimmt.

Im Zwielicht einer meiner allerersten Kindheitserinnerungen sehe ich mich die Treppe hochstürmen und auf meinen Großvater zulaufen, der in seinem Sessel sitzt. Ich bin drei oder vier Jahre alt. Er war der Mensch, der als erster bis in die Stratosphäre aufstieg und sich somit damals am weitesten vom Erdboden entfernt hatte, der Erfinder der Druckluftkabine, die heute in den meisten Flugzeugen Verwendung findet und die die NASA als erste Raumkapsel anerkannt hat. Seine Aufstiege von 1931 und 1932 erregten zu ihrer Zeit genauso viel Aufsehen wie später die erste Mondlandung und stellten seine weiteren Erfindungen in den unterschiedlichsten Wissenschaftszweigen in den Schatten. Denn er war nicht nur der erste Mensch, der mit eigenen Augen die Erdkrümmung gesehen hat. Er hat auch das Uran 235 entdeckt und es Actiuran genannt sowie die genauesten Seismografen und Präzisionswaagen seiner Zeit konstruiert. Er war ein vollkommener Wissenschaftler, und seine legendäre Genauigkeit verschaffte ihm den Beinamen »Zusätzliche Dezimalstelle«.

Ich kenne damals noch nicht die Namen der Gelehrten, die ihn auf einem im Solvay-Institut aufgenommenen Foto umgeben, das alle so bewundern. Ich weiß noch nicht, dass sie Marie Curie, Albert Einstein, Max Planck und Niels Bohr heißen und dass sie die Gesetze der modernen Physik entdeckt haben. Und selbstverständlich weiß ich nicht, was das bedeutet und wer denn dieser Einstein war, der ihm einen rührenden Dankesbrief geschrieben hat. Erst später werde ich erfahren, dass Einstein nach seinen ersten Veröffentlichungen über seine Relativitätstheorie von anderen Physikern heftig angegriffen worden war und es ein Experiment meines Großvaters auf einer seiner Ballonfahrten war, das die Gültigkeit der Hypothesen über die Lichtgeschwindigkeit bewies.

Und warum haben mir schon so viele Leute erzählt, dass es ihnen eine Ehre war, meinem Großvater zu begegnen, dass sie sich immer noch an seine große, leicht gebeugte Gestalt, an sein Charisma und seine Einfachheit erinnern würden; oder dass sie ihn auf den Straßen von Brüssel, Paris oder Lausanne hätten spazieren gehen sehen, ohne zu wagen, ihn anzusprechen?

Manchmal durfte ich auch sein Laboratorium betreten und dort mit dem Modell des Bathyscaphe spielen, einer seiner weiteren Erfindungen: ein spezielles Unterseeboot, welches das Prinzip des Stratosphärenballons aufgriff, um damit die Tiefen der Ozeane zu erforschen. Für mich war es zwar nur ein Spielzeug, aber ich wusste sehr gut, dass ich es nicht kaputtmachen durfte. Denn dank dieses komischen Apparates wurde mein Großvater zum Menschen, der gleichzeitig am höchsten aufgestiegen und am tiefsten hinabgetaucht war.

Hergé hat er als Vorbild für die Figur des Professor Bienlein gedient. Die Stratosphäre ließ ihn in die Geschichte eingehen, und die Bücher der Abenteuer von »Tim und Struppi« machten ihn zur Legende. Aber für mich war er mein Großvater, und all das hielt ich für ganz normal.

Normal war doch auch, dass mein Vater mit dem Bathyscaphe in den tiefsten Ozeangraben getaucht war und er das erste Touristenunterseeboot der Welt, den Mesoscaphe für 40 Passagiere, konstruiert hatte. Oft genug kann ich von der Terrasse unserer Wohnung aus beobachten, wie es zu einer seiner Tauchfahrten ausfährt. Für mich ist Jules Verne kein Science-Fiction-Schriftsteller, da ich seine Bücher täglich zu Hause nacherleben konnte. Als mich mein Vater mit ins Kino nahm, um mit mir »20 000 Meilen unter dem Meer« anzuschauen, saß ich neben dem echten, meinem, Kapitän Nemo. Wie hätte es auch für ein Kind wie mich anders sein können? War es nicht ganz selbstverständlich, regelmäßig im Fernsehapparat zu sehen, wie Vater mit den wichtigsten Leuten dieser Welt Umgang pflegte, wie er vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgezeichnet wurde, wenn man seit frühester Kindheit nichts anderes gekannt hat?

Aber als Hermann Geiger, der berühmte Gletscherpilot, uns von dem Chalet, wo wir unsere Ferien verbrachten, mit dem Hubschrauber abholte, war dies mit meinen sechs Jahren die erste aktive Begegnung mit der Welt der Fliegerei. Zwar hatte ich schon als Einjähriger mit einer DC 7 den Atlantik und mit einem Hubschrauber Kalifornien überquert, und schon immer hatte ich gern mit Flugzeugmodellen gespielt, aber an diesem Tag fühlte ich zum ersten Mal, was es heißt zu fliegen.

Einige Tage später nahm uns Geiger in seiner Piper mit auf einen Rundflug um das Matterhorn. Mein erster Aufstieg auf 4000 Meter . und meine erste Luftkrankheit. Ich sehe es noch vor mir, wie der Pilot eine Klappe öffnet, um etwas Frischluft auf mein Gesicht zu leiten. Ich flog wirklich, und dies obendrein mit einem der Pioniere, die die moderne Luftfahrt mitgestaltet hatten! Als Hermann Geiger während eines Lehrflugs über dem Flughafen von Sitten bei einer Kollision tödlich verunglückte, verfluchte ich weinend den Piloten der zweiten Maschine, der für den Unfall gar nichts konnte, denn er hatte »meinen Helden getötet«, durch den ich die dritte Dimension erst wirklich entdeckt hatte. Der Traum zerstob in dem Augenblick, als ich die Gefahren erkannte, die der Aufschwung in die Lüfte trotz all seiner Magie in sich trug.

Danach faszinieren mich die Flugzeugskizzen in den Comic-Heften mit den Fliegerhelden Dan Cooper und Buck Danny, ich darf mit dem Mesoscaphe abtauchen und über den Ozean fliegen. Dann habe ich das Glück, zwei Jahre in Florida ganz in der Nähe von Cape Kennedy leben zu können, gerade in der Zeit der Apolloflüge; und vor allem habe ich das Glück, dass meine Eltern mich trotz meiner zehn Jahre an all ihren Unternehmungen teilhaben lassen.

So begleite ich meinen Vater oft in den Hafen von Palm Beach, wo er die Ausrüstung seines zweiten Mesoscaphe fertig stellt, der von der amerikanischen Firma Grumman entworfen wird und für die Erforschung des Golfstroms bestimmt ist, dieser warmen Meeresströmung im Atlantik. Ich habe sogar ein winzig kleines Stück des Rumpfes selbst angemalt und fühle mich als ein Teil dieser ozeanografischen Mission!

Der eindrücklichste Moment ist dann der Beginn dieser Expedition, die einen Monat dauern soll. Dabei eskortieren meine Mutter, mein Bruder Thierry, meine Schwester Marie-Laure und ich das Unterseeboot und rennen dabei, soweit es geht, auf dem Damm des Kanals neben dem Schlepper her, der es auf das offene Meer hinauszieht. Ich habe meinen Vater gebeten, ein Walkie-Talkie mitzunehmen, und so hören wir, wie seine Stimme immer schwächer wird und die Störungen sie zuletzt völlig übertönen und unsere Emotionen überdecken.

Dreißig Tage lang tragen wir auf einer Karte mit roten Punkten die jeweilige Position des U-Boots ein, die uns regelmäßig von seinem Begleitschiff übermittelt wird. Bei seiner triumphalen Ankunft in New York feiern die Feuerwehrschiffe zu Füßen der Freiheitsstatue mit ihren Wassergirlanden seine erfolgreiche Rückkehr. Für uns ist es nur die Rückkehr von Papa. Aber die Journalisten reißen sich um ihn, und während des ganzen Monats, den wir in der Nähe von New York verbringen, bekommen wir ihn kaum zu Gesicht. Und so bin ich erst dann mit dieser Mission völlig ausgesöhnt, als mein Vater mir erlaubt, ein kurzes Kapitel für sein Buch über die Expedition zu verfassen.

In dieser Zeit entdecke ich auch die erstaunliche und faszinierende Welt der Raumfahrt, die mir von zwei ihrer wichtigsten Vertreter nahegebracht wird, einmal von Wernher von Braun, dem Vater des Mondfahrtprogramms der NASA, und dann von Bill Ellsworth, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Firma Grumman, die die Mondfähre konstruierte. Diese zwei Männer werde ich nie vergessen, denn sie schafften es, eine Verbindung herzustellen zwischen meiner Kinderwelt und der Welt der Wissenschaften, indem sie mit allergrößter Ernsthaftigkeit alle meine Fragen beantworteten und dafür sorgten, dass ich bei sechs Raketenstarts einen der allerbesten Zuschauerplätze bekam. So erlebe ich die Starts von Apollo 7 bis Apollo 12 entweder vom Sicherheitsbereich aus mit, der für die Angehörigen der NASA reserviert ist, oder gemeinsam mit Staatschefs aus der ganzen Welt auf der VIP-Tribüne. Letzteres schlug ganz schöne Wellen, denn der Sohn eines der NASA-Direktoren wurde dort abgewiesen, weil er noch zu jung sei, dabei war er genauso alt wie ich . Beim Start des ersten Mondflugs, der Apollo 11, sitze ich neben Peter von Braun, der auch fast elf Jahre alt ist. Ich habe übrigens noch eine Kassette, auf der das denkwürdige Rückwärtszählen vor dem Abheben der Rakete zu hören ist: »15 seconds, passing on channel, 12, 11, 10, 9, ignition sequence start, 6, 5, 4, 3, 2, 1, 0, all engines running, lift off, lift off Apollo 11.« Die Erde vibriert unter den Triebwerken der Saturn-V-Rakete, genauso wie unsere Herzen. Wir erleben einen der grandiosesten Momente der Menschheitsgeschichte: In einem Feuersturm starten Astronauten, um als Erste den...

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