Wurmloch

Rho Agenda 3
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juli 2015
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97019-8 (ISBN)
 
Eine Anomalie erschüttert die Wissenschaftler am Europäischen Kernforschungszentrum in der Schweiz. Ein Schwarzes Loch scheint sich gebildet zu haben, das die gesamte Erde zu verschlingen droht. Einzig Dr. Stephensons Erkenntnisse aus dem Rho-Projekt können dies noch verhindern. Doch was lässt man auf die Menschheit los, wenn der unberechenbare Stephenson aus dem Gefängnis freikommt? Heather, Mark und Jenn versuchen derweil, in das Informationszentrum des Zweiten Schiffs vorzudringen, um endlich hinter die Absichten der Aliens zu kommen. Was sie dort entdecken, übersteigt jedoch ihre schlimmsten Befürchtungen. Sie beobachten die Vorbereitungen zu einer Invasion. Das Ziel: Die Erde.
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  • 1,48 MB
978-3-492-97019-8 (9783492970198)
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Kapitel 1


Als Dr. Rodger Dalbert aus dem schwarzen Mercedes stieg, hätte er durch die Glätte um ein Haar den Boden unter den Füßen verloren. Sein Fahrer streckte den Arm aus, um ihn zu stützen, aber er winkte ab.

»Schon gut, Carl. Ich schaffe das allein.«

»Wir haben heute Morgen besonders tückisches Glatteis. Mich hätte es vorhin beinahe aus der Kurve getragen.«

Rodger lächelte den kräftig gebauten Mann an. »Den Eindruck hatte ich auch.«

Ein eisiger Windstoß zwang Rodger, den Kopf einzuziehen und schützend den Mantelkragen hochzuschlagen. Verdammt, war das kalt! Aber was konnte man von einem Märztag in der Schweiz schon anderes erwarten?

Andererseits war Meyrin nur einen Katzensprung von Genf entfernt. Rodger hatte schon immer eine besondere Vorliebe für Genf besessen. Zu schade, dass ihm sein Terminplan nur für die Fahrt zwischen Flughafen und Forschungsanlage Zeit ließ. Nun ja. Er hatte gewusst, dass sein Privatleben darunter leiden würde, als er zugestimmt hatte, den Vorsitz von PCAST[1] zu übernehmen.

Rodger zog den Mantelkragen noch enger um den Hals und floh vor dem Wind in das Gebäude, in dem die heutige Konferenz stattfinden sollte. Es sollte um eine Bewertung der laufenden Reparaturen am Großen Hadronen-Speicherring gehen, dem besser als Large Hadron Collider oder LHC bekannten Teilchenbeschleuniger des Kernforschungszentrums CERN. Das ehrgeizigste Wissenschaftsprojekt, das die Menschheit je in Angriff genommen hatte, nutzte als wichtigste Komponente einen hundert Meter unter der Erde angelegten Ringtunnel westlich des Genfer Sees, der eine Ausdehnung von siebenundzwanzig Kilometern besaß und mehrfach die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich überquerte. Das Bauwerk, das Rodger betreten hatte, befand sich siebzig Meter über der Kaverne mit dem gigantischen ATLAS-Detektor, der Punkt Eins des LHC umschloss, in dem zwei auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Protonen-Strahlen zur Kollision gebracht wurden . zumindest dann, wenn das ganze Ding mal funktionierte.

»Dr. Dalbert, ich freue mich sehr, dass Sie es einrichten konnten hierherzukommen!«

Rodger wandte sich dem Sprecher zu. Dr. Louis Dubois, der renommierte französische Physiker, der das ATLAS-Forschungsteam leitete, kam quer durch den Raum auf ihn zu. Der Mann war gealtert, seit Rodger ihn zuletzt auf einer Konferenz in New York gesehen hatte, wo er mit mehr als schulterlangen kohlschwarzen Haaren, aufgestylt, als käme er gerade aus einem Pariser Modesalon, mehr dem jungen Yanni geähnelt hatte als einem Nobelpreisträger in Quantentheorie. Jetzt trug er jedoch einen fettigen Pferdeschwanz, der so aussah, als hätte er sich seit Wochen die Haare nicht mehr gewaschen. Seine Augen schienen tief in die Höhlen gesunken zu sein und verrieten eine Müdigkeit, die kein Schlaf der Welt mehr tilgen konnte.

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Dr. Dubois. Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber die Fahrt heute Morgen hat etwas länger gedauert als erwartet.« Rodger deutete mit dem Kinn zum Empfangsschalter. »Muss ich mich anmelden?«

»Nicht nötig. Ich habe Ihren Besucherausweis bereits vorbereitet. Wenn Sie mir bitte folgen wollen . die Konferenz beginnt gleich.«

Dr. Dubois steuerte einen Ausgang an, führte Rodger einen kurzen Korridor entlang und betrat einen Raum zur Rechten, der sehr viel kleiner war, als Rodger erwartet hatte. Der Konferenztisch hatte zwölf Plätze, aber nur drei Leute waren anwesend. Mit Rodger im Schlepptau ergänzte Dr. Dubois die Gruppe nun zu einer glorreichen Fünf.

Während Rodger Platz nahm, trat Dr. Dubois ans Kopfende des Tisches und begann mit der obligaten Einführung.

»Guten Morgen allerseits. Obwohl sich die meisten von Ihnen bereits kennen, möchte ich Sie doch der Reihe nach kurz vorstellen.

Zu meiner Linken sehen Sie Dr. Robert Craig, den leitenden wissenschaftlichen Berater des britischen Verteidigungsministeriums.«

Der gedrungene Rotschopf nickte Rodger zu.

»Machen wir weiter im Uhrzeigersinn. Dr. Klaus Gotlieb, wissenschaftlicher Berater der EU-Kommission.«

Rodger erinnerte sich an das Raubvogelgesicht des kahlköpfigen älteren Mannes, dem er im August bei einer Tagung in Stockholm begegnet war. Obwohl er damals nur ein paar Worte mit dem Wissenschaftler gewechselt hatte, war ihm das Gespräch endlos vorgekommen.

»Und dann haben wir noch Dr. Pierre Boudre, einen der führenden Astrophysiker der ESA.«

Rodger zog kaum merklich die linke Augenbraue hoch, als er dem schlanken Franzosen über den Konferenztisch einen Blick zuwarf. Er kannte und mochte Pierre seit den Tagen ihrer ISS-Zusammenarbeit für die NASA. Der Mann war brillant und die Liebenswürdigkeit in Person, ganz gleich, ob er sich mit Einheimischen in einem Stehcafé in Houston oder mit der Creme der Gesellschaft auf einem Empfang auf Long Island unterhielt. Aber was hatte Pierre hier zu suchen?

Und überhaupt, was hatte er selbst hier zu suchen? Diese Zusammenkunft schien alles andere zu sein als die angekündigte Konferenz zum Status der LHC-Reparaturen. Fünf Teilnehmer? Das reichte nicht einmal für eine Diskussion am runden Tisch, geschweige denn für eine Tagung. Dazu die Zusammensetzung der Gruppe. Zwei Franzosen, ein Deutscher, ein Brite und ein Amerikaner. Die Mischung stimmte einfach nicht. An dem Projekt des Teilchenbeschleunigers waren Wissenschaftler aus der ganzen Welt beteiligt. Was also sollte das Ganze?

»Und zu meiner Rechten sehen Sie Dr. Rodger Dalbert aus den USA, den Vorsitzenden des President's Council of Advisors in Science and Technology.

Ich bin Dr. Louis Dubois, der Leiter des ATLAS-Forschungsteams, ein etwas hochtrabender Titel, wenn man bedenkt, dass an diesem Experiment mehr als zweitausendfünfhundert Physiker aus insgesamt siebenunddreißig Ländern zusammenarbeiten. Sagen wir es lieber so: ATLAS ist mein Baby - und ein ziemlich großes Baby obendrein.«

Ein beifälliges Lachen folgte seinen Worten.

Dr. Dubois machte eine kleine Pause und spreizte dann die Hände wie ein Prediger, der seine Schäflein zum gemeinsamen Gebet auffordert. »Ihnen ist mittlerweile sicher klar geworden, dass es sich bei diesem Treffen keineswegs wie behauptet um eine Konferenz über den Zeitplan der LHC-Reparaturen handelt. Ich entschuldige mich, zu dieser Ausflucht gegriffen zu haben, aber sobald ich Ihnen die gegenwärtige Situation erklärt habe, werden Sie sicherlich verstehen, weshalb wir diesen Schritt für notwendig erachteten. Denn es ist eine Situation, die umsichtiges Handeln erfordert, um jegliches unerwünschte Medieninteresse zu vermeiden.«

Rodgers Puls begann zu rasen. Medieninteresse? War den CERN-Forschern etwa ein Durchbruch gelungen? Hatten sie endlich den schlüssigen Beweis für das Standardmodell der Teilchenphysik gefunden? Aber warum gingen sie dann mit ihren Erkenntnissen nicht einfach an die Öffentlichkeit? Das alles ergab einfach keinen Sinn.

»Anstelle langer Erklärungen möchte ich Ihnen zeigen, weshalb ich Sie hierher gebeten habe.«

Dr. Dubois drückte auf die Taste der kleinen Fernbedienung, die vor ihm auf dem Tisch lag. Der Flachbildschirm an der gegenüberliegenden Wand erwachte zum Leben. Das Display zeigte eine Unzahl von farbigen Linien, die von einem zentralen Punkt ausgingen. Sie erinnerten an das Geschnörkel eines Kindes, das einen Tag lang mit einem Spirografen herumgespielt hatte.

Dr. Dubois kreiste mit dem Mauszeiger den zentralen Punkt ein.

»Das hier ist eine ATLAS-Aufnahme von Tests, die am frühen Morgen des letzten Freitags im November stattfanden, kurz bevor das System abgeschaltet wurde. In den USA hatten wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch Donnerstagabend - den vierten Donnerstag im November. Thanksgiving Day.«

Rodger studierte den Bildschirm. Ohne eine gründliche Untersuchung des kompletten Datensatzes konnte er auf dem Bild nichts Ungewöhnliches erkennen. Fest stand anhand der zahlreichen auf dem Monitor abgebildeten Teilchenspuren nur, dass die extreme Energie, die bei den Protonen-Kollisionen freigesetzt wurde, eine Vielzahl von Partikeln der verschiedensten Ladungen, Spins und Massen erzeugt hatte.

Dr. Dubois schaltete weiter. »Und diese Aufnahme zeigt die ATLAS-Daten von heute Morgen.«

Obwohl bereits die erste Abbildung auf ein extremes Energie-Ereignis hingewiesen hatte, zeigte die jüngste Aufnahme einen Anstieg der Teilchen-Interaktionen um eine ganze Größenordnung. Es waren so viele, dass man die einzelnen Spuren kaum noch voneinander unterscheiden konnte.

»Verzeihung«, warf Dr. Craig ein. »Haben Sie bei dem heutigen Ereignis die gleichen Filter- und Triggereinstellungen wie im November verwendet?«

»Sämtliche Instrumenteneinstellungen des ATLAS-Experiments blieben unverändert«, erklärte Dr. Dubois.

Etwas an dem Dialog ließ Rodger aufhorchen. »Diese Aufnahme stammt von heute Morgen? Mir war nicht bekannt, dass die Reparaturen an den beschädigten Elektromagneten bereits abgeschlossen sind und das System wieder unter Vakuum arbeitet. Ist es Ihnen tatsächlich gelungen, Strahlenenergien von mehr als zehn Tera-Elektronenvolt zu erreichen?«

Dr. Dubois lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Das bringt uns zum Kernpunkt unserer Zusammenkunft. Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Es gab weder irgendwelche Schäden an den Elektromagneten noch einen Vakuumverlust im Strahlrohr. Diese Geschichte sollte lediglich die Presse ablenken, um uns die nötige Zeit...

»Richard Phillips präsentiert mit "Wurmloch", dem atemberaubenden Finale seiner Trilogie "Rho Agenda" packende Science Fiction.«, Nautilus

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