Das fünfte Mädchen

 
 
cbt (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. März 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08402-8 (ISBN)
 
Sie fanden das fünfte Mädchen, als der Schnee schmolz .

Ruby und Jinn halten zusammen wie Pech und Schwefel. Kein Wunder, sind sie doch ganz allein auf der Welt in ihrem englischen Dorf. Jinn, die charismatische ältere Schwester, beschützt die schüchterne Ruby wo sie nur kann. Das ändert sich, als plötzlich Nathan auftaucht, Jinns alte Flamme aus Schulzeiten, der nach Meinung der Dorfbewohner »nichts Gutes« im Schilde führt. Langsam aber sicher verfällt Jinn Nathan, und Ruby muss hilflos mitansehen, wie Nathan ihre Schwester in sein zwielichtiges Milieu zieht. Zur gleichen Zeit wird in den lokalen Nachrichten über Morde an jungen Frauen berichtet - das Gerücht vom Serienkiller geht um. Ruby und Jinn ignorieren diese Nachrichten, schließlich geht es sie nichts an. Doch dann wird Jinn vermisst.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Buch des Monats
  • 0,67 MB
978-3-641-08402-8 (9783641084028)
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Eins

»Niemand hat ihn geschubst«, sagte Jinn. »Es ist allein seine Schuld. Dieser Armleuchter.«

Selbst gemessen am Standard meiner großen Schwester, war diese Erklärung allzu einfach, aber ich sagte nichts.

Mir war überhaupt nicht danach, viel zu sagen - egal, worum es ging. Der Alex-Jerrold-Vorfall hatte die Richtigkeit dieser Taktik nur bestätigt. Öffne den Mund - ich weiß, das ist kein schönes Bild - und du öffnest eine Dose mit Würmern. Halt den Mund, und die Wahrscheinlichkeit, dass du irgendeinen Wichser dazu bringst, sich von einem Dach zu stürzen, wird geringer.

Aber die Sache mit Alex Jerrold ist die, dass er vielleicht sowieso gesprungen wäre.

Die Sache mit mir ist die, dass ich es nie wissen werde.

Weil ich ihn nämlich nie fragen werde. Ich könnte ihn fragen, denn selbst das Springen vom Dach hat er nicht richtig hingekriegt. Er liegt im Haus seiner Eltern wie eine kaputte Puppe und wartet darauf, dass ich ihn frage. Aber mir würde seine Antwort nicht gefallen.

Ich wollte nicht über Alex Jerrold und seinen stümperhaften Selbstmordversuch reden, und ich weiß nicht, warum Jinn davon anfing, ausgerechnet an einem Tag wie diesem. Wir beobachteten die Flut, die flussaufwärts strömte, aber es gab keine freien Bänke im Dot Cumming Memorial Park, sodass wir auf dem Rücken im Gras lagen. Es machte uns nichts aus, denn das Gras war trocken, und die schwarz gestrichenen Bänke sahen in der Hitze beinahe klebrig aus. Auf einer von ihnen, direkt rechts von uns, hatte sich das geblümte Hinterteil einer Frau so breitgemacht, dass man meinte, es habe zu schmelzen begonnen. Die Chancen standen gut, dass sie an der Bank festkleben und nie wieder aufstehen würde. So dick war sie. So heiß war es.

Jinn hatte uns Eis gekauft und eine eisgekühlte Flasche Cidre, die schon lauwarm zu werden begann. In meiner Eistüte steckte ein Schokoladenriegel. Ich wollte ihn eigentlich nicht, konnte ihn aber schlecht in den Fluss werfen, da Jinn es doch gesehen hätte und extra Geld dafür ausgegeben hatte, um mich glücklich zu machen. Sie hatte das spitze Ende der Eistüte abgebissen, so wie sie es immer tat, und schaufelte damit Eis von oben ab. Ich beobachtete, wie sie die Mini-Eistüte ganz in den Mund steckte und sie mit geschlossenen Augen knirschend zerkaute. Ich liebte es, ihr dabei zuzusehen; es war das Beste am Eisessen. Das machte mich glücklich, nicht der Schokoladenriegel. Jinn hatte vergessen, dass ich kein kleines Kind mehr war. Irgendwie vergaß sie auch immer, dass ich zu alt für Eis war. Was super war.

Ein Kampfjet vom Fliegerhorst donnerte über unsere Köpfe hinweg. Ein zweiter folgte ihm wenige Sekunden später. Doch der ohrenbetäubende Lärm wurde schnell schwächer, sodass ich keine Entschuldigung hatte, den Mund zu halten. Jinn sagte nichts mehr, weil sie wusste, dass ich irgendwann etwas würde sagen müssen. Ich wollte sie nicht enttäuschen und sagte schließlich: »Nicht wirklich.«

»Nicht was, Rubes?«

»Nicht sein Fehler.« Mir klebte die Zunge am Gaumen fest. Das lag an der Hitze. Ich leckte an meinem Eis. Gott, war es heiß. »Ein paar Leute haben .«

»Gebrüllt, er soll springen?« Sie zuckte die Achseln. »Weiß ich. Na und? Sie haben es nicht ernst gemeint.«

»Wie willst du das wissen?«

»Schließlich«, sagte sie noch einmal, »hat ihn keiner geschubst.«

Ich hatte schon einen ganz trockenen Mund vom vielen Reden. »Er hat nicht mehr klar gedacht.«

»Wie willst du das wissen?« Jinn legte den Kopf schief. »Du warst nicht in seinem Kopf.«

Womit klar ist, wie viel du weißt, wollte ich sagen. »Warum haben sie gesagt, er soll springen, wenn sie es nicht ernst gemeint haben?«

»Keine Ahnung. Haben sich da irgendwie reingesteigert? Waren aufgeregt? Wollten jemanden beeindrucken?«

Ich sah sie missbilligend an, aber sie erwiderte meinen Blick nicht. Jinn hatte mich nie über Alex ausgefragt. Ich denke, sie respektierte meine Privatsphäre oder so. Wartete darauf, dass ich darüber reden wollte. Wenn sie darauf wartete, würde sie an Langeweile sterben.

Sie saugte den Rest des geschmolzenen Eises durch das Loch unten in der Eistüte, warf die Eistüte in Richtung Fluss und ließ sich mit einem glücklichen Seufzer zurückfallen. Eine Möwe fing das Stück Eistüte, bevor es ins Wasser fiel. Das erinnerte mich an Alex Jerrold, aber das tat zurzeit alles. Nichts machte einen Sturzflug durch den blauen Raum, um Alex aufzufangen; keine weißen Flügel durchschnitten die tödliche Leere. Alex landete. Die Erinnerung fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. Ich fuhr hoch. »Wollen wir was anderes machen?«

»Was zum Beispiel?« Jinn öffnete ein Auge.

»Strand?«

»Kannst du denn nicht einfach mal still dasitzen?«, beklagte sie sich.

Nein, ganz bestimmt nicht. Außerdem: Wenn es nach Jinn ging, würden wir unsern Hintern von Juli bis September nicht von der Stelle bewegen. Wir würden einfach im Gras liegen, sie würde Geschichten erzählen und ich ihr zuhören. Jinn liebte den Sommer. Im Sommer passiert nichts Schlimmes, sagte sie.

Damit hatte sie nicht ganz unrecht. Lara starb im Winter, weil es dunkel war. Und in diesem letzten Winter sprang Alex Jerrold von einem Dach und brach sich zwei Wirbel, einen Oberschenkelknochen und beide Hüften. Aber daran waren nicht die Lichtverhältnisse schuld. Alle konnten gut sehen.

Ich wollte jetzt unbedingt zum Strand, doch Jinn alberte eine Weile lang herum, weigerte sich, aufzustehen und machte sich ganz schwer, als ich versuchte, sie hochzuziehen. Als mein Lachanfall endlich vorüber war, schaffte ich es, sie hochzuhieven, und wir schlenderten zum Fluss, Jinn mit der Cidreflasche in der Hand, die sie hin und her schwang. Bei Breakness war der Fluss breit und flach und floss in einer ausgedehnten Schleife, die den Strand von der Stadt trennte. Die hübsche Hauptstraße wurde auf der einen Seite von Geschäften, auf der anderen vom Dot Cumming Park gesäumt. In den VisitScotland-Broschüren sah es so aus, als fände man sich dann direkt auf dem Strand wieder, doch im wirklichen Leben kamen zuerst die große Schleife und die Flussmündung. Erst jenseits des Flusses befanden sich die Halbinsel mit Dünen und der flache weiße Strand und das Meer.

Ja, wir mussten arbeiten für unseren Strandsommer in Breakness. Und das mussten auch die Touristen, was sicherlich der Grund dafür war, dass sie nicht mehr kamen. Das und Billigflüge nach St. Lucia natürlich. In Breakness fand man einen Parkplatz in der vollgestopften High Street, packte seinen Grill und seinen Windschutz und seinen Swingball aus und torkelte dann entweder zu der wackligen Brücke oder zog die Schuhe aus und watete hinüber. Wenn man nicht von hier kam, war das Leben im Grunde genommen zu kurz.

Zu dieser Tageszeit reichte das Wasser aber nur bis an die Waden, sodass Jinn und ich hindurchwateten. Da die Flut landeinwärts drängte, war die Strömung zum Meer hin nicht allzu stark. Doch die beiden Strömungen kabbelten sich und die Oberfläche war aufgewühlt von heftigen kleinen Wellen. Meine Füße versanken im Sand. Er war so weich, dass man fast das Gefühl hatte, dahinzugleiten; keine harten Steine, die Halt boten. Und verglichen mit dem kalten Griff des Wassers an meinen Knöcheln, fühlte sich der Sand zwischen meinen Zehen warm an. Ich liebte dieses Gefühl.

»Sieh dich vor dem Treibsand vor«, sagte Jinn.

Okay, ich liebte dieses Gefühl bis zu einem gewissen Punkt. Ich schubste sie, verärgert, dass sie den Zauber gebrochen hatte, und sie stolperte und kicherte.

»Oh, Rubes, hier gibt es keinen Treibsand. Das weißt du doch genau.«

»Ich weiß«, log ich. Dennoch hastete ich durch den Fluss und aus ihm hinaus und bespritzte meine hochgekrempelten Jeans. Was wusste sie schon? Treibsand gab es vor allem in Flussmündungen. Er konnte plötzlich auftreten, da war ich mir ziemlich sicher.

Keine von uns war in der Stimmung, weit zu gehen, sodass wir uns, sobald wir durch den Sand hinaufgekraxelt waren, hinsetzten, um übers Meer zu schauen und es uns in der Wanderdüne bequem zu machen. Jinn nahm einen großen durstigen Schluck Cidre, bevor sie mir die Flasche reichte. Ich hielt sie mir an die Lippen, doch das Zeugs war warm, und ich war noch nie scharf auf den Geschmack gewesen. Zufrieden nahm Jinn die Flasche wieder entgegen.

»Ich sollte dich sowieso nicht dazu ermutigen. Du bist noch minderjährig.«

Eis und Cidre hatten mich schläfrig gemacht. Das Sonnenlicht war eine unbarmherzige weiße Glut, das Glitzern und Rauschen der Wellen hypnotisierend. Im Wasser waren Schwimmer und Bodyboarder, am Ufer Kinder, ausgezehrt von der blendenden Helle. Unter einem gestreiften Windschutz hörte jemand Radio. Herrgott noch mal, wozu brauchten die bei diesem Wetter einen Windschutz? Ein Drachen hing schlaff am Ende der Schnur und weigerte sich, bei dieser Windstille höher aufzusteigen. Er schwebte eine Weile in der Luft und machte dann einen Sturzflug zu Boden.

Ich wünschte, Jinn müsste am Nachmittag nicht zurück zur Arbeit. Ich wünschte, sie ginge noch zur Schule und wir könnten die ganzen Sommerferien zusammen verbringen, so wie früher. Dumm gelaufen, keine Frage, aber am meisten ärgerte ich mich über das schlechte Timing. Wenn Lara sich einen anderen Zeitpunkt zum Sterben ausgesucht hätte, hätte Jinn vielleicht zur Uni gehen können, und dann hätte sie auch Ferien, zur selben Zeit wie ich, jedenfalls ungefähr.

»Nee«, sagte Jinn immer. »Ich würde in den Ferien arbeiten müssen. Das tun Studenten nämlich.«

Womit sie recht hatte. Und sowieso fühlte ich mich irgendwie schlecht, wenn ich daran dachte, welche möglichen positiven Folgen Laras dämlicher Tod hatte.

Ich musste mich...

"Das fünfte Mädchen ist ein subtiler Thriller, der bis zur letzten Seite spannend bleibt. Erschreckender als so manches Verbrechen."
 
"Sehr spannender Jugendkrimi..."
 
"Ein außergewöhnlicher, subtiler Jugend-Thriller: Das fünfte Mädchen verspricht mörderische Spannung und Alpträume. Vorsicht: Suchtgefahr!"

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