Gefährliches Spiel

Fußball um Leben und Tod
 
 
Kulturmaschinen (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Januar 2019
  • |
  • 126 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-943977-91-2 (ISBN)
 
Tull Harder, der große Fußballstar der Zwanziger Jahre, Kapitän der Nationalmannschaft, Held eines Spielfilms, tritt in die SS ein und wird Kommandant eines KZs. Und in dem KZ sitzt, gequält und gefoltert, sein Mannschaftskollege Halvorsen. Bei einem Fußballländerspiel treffen sich die beiden 1953 wieder und ein unglaubliches Gespräch, unterbrochen von Rückblicken auf ihr Leben, entwickelt sich. Ein Fußballspiel auf dem Roten Platz vor Stalins Augen, bei dem die Spieler der einen Mannschaft plötzlich merken, dass es nicht um Sieg oder Niederlage geht, sondern um ihr nacktes Überleben.

Unglaubliche, aber wahre, Geschichten hat Heinrich Peuckmann da recherchiert und so spannend aufgeschrieben, dass dem Leser immer wieder der Atem stockt.
  • Deutsch
  • Ochsenfurt
  • |
  • Deutschland
  • Fußballfans, politisch Interessierte, Freunde erzählender Literatur
  • 0,43 MB
978-3-943977-91-2 (9783943977912)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Heinrich Peuckmann wurde 1949 in Kamen geboren, wo er noch immer lebt. Aufgewachsen in einer Bergmannsfamilie. Abitur in Unna, Studium der Germanistik, ev. Theologie und Geschichte an der Ruhr Universität in Bochum. Peuckmann ist verheiratet und hat drei Söhne. Seine literarische Arbeit ist sehr vielfältig. Er schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Essays, Theaterstücke, Glossen, pädagogische Artikel. Kleinere Arbeiten auch für das Fernsehen. Peuckmann ist Mitglied im PEN, im Verband deutscher Schriftsteller (VS), in der Krimiautorenvereinigung Das Syndikat und in der internationalen Autorenvereinigung Die Kogge
Gefährlicher Sieg

Sie hatten sich in einem Gebäude in der Seitenstraße umgezogen, das ein Wohnblock war. Auf dem großen Platz gab es dazu keine Möglichkeit. Es war merkwürdig gewesen, die Fußballtrikots im Wohnzimmer einer fremden Familie überzustreifen. Sie hatten es schweigend getan und vermieden, die Mieter der Wohnung anzusehen.

Starostin hatte schließlich kontrolliert, ob alles richtig saß, die leuchtend gelben Hemden und die blauen Turnhosen, denn heute kam es auf jedes Detail an. Seine Mitspieler hatten über seinen Eifer gegrinst, aber auch jetzt hatte sich keiner ein Späßchen erlaubt, wie sie es vor anderen Spielen taten. Jeder spürte die Beklemmung.

In der üblichen Aufstellung liefen sie die Treppe hinunter, dann über die Straße hinüber zum Platz - Nikolai Starostin als Kapitän voran, dahinter der Torhüter, dann die Feldspieler, der Größe nach geordnet. Unter ihnen waren seine drei Brüder Pjotr, Andrej und Alexander, neben ihm die besten Spieler von Spartak Moskau. Die vier Starostins, Nationalspieler allesamt.

Als sie den Roten Platz betraten, sahen sie, dass tatsächlich zwei Tore aufgestellt worden waren. Pflastersteine waren aufgehoben und die Torstangen in den Boden gerammt worden, die Netze mit Haken in den Ritzen zwischen den Steinen befestigt. Es waren richtige Fußballtore, vermutlich aus einem Stadion in der Nähe herangeschafft.

Der Platz dazwischen war kleiner als bei einem richtigen Fußballfeld, aber das konnte ihnen nur recht sein. Die Sonne brannte vom Himmel, die Steine hatten die Wärme aufgesogen, schon nach ein paar Angriffen würden sie ins Schwitzen geraten. Gut, wenn sie beim Wechsel von Angriff auf Abwehr nicht zu weit zurücklaufen mussten.

Nikolai versuchte, die Ehrengäste auf der Kremlmauer zu erkennen, aber die Sonne blendete ihn. Nur an ihren Schemen erkannte er, dass dort oben Leute standen. Aber er wusste auch so, wer da in der Mitte der Reihe Platz genommen hatte. Er war es, der Große, der Einzige, der Führer der Revolution.

Die Zuschauer umstanden dicht gedrängt das eingekreidete Feld. Sie standen still und ehrfürchtig. Die Seite zwischen Kremlmauer und Spielfeld hatten sie freigelassen, um die Sicht für die Ehrengäste nicht zu verstellen.

Von der anderen Seite des Platzes hatte gleichzeitig mit ihnen die gegnerische Mannschaft das Spielfeld betreten, Dynamo Moskau, ihr schwerster Gegner bei Meisterschafts- und Pokalspielen, den sie in den letzten Jahren meistens besiegt hatten. Ihret-, der Starostins wegen. Kurz brandete Applaus auf, dann erstarrten die Menschen wieder.

Strelzow führte Dynamos Mannschaft an, Nikolais Kollege aus der Nationalmannschaft. Bei Länderspielen hatte er die Aufgabe, den Mittelstürmer freizuspielen, ihn mit Flanken zu bedienen, damit er Tore schoss. Aber Strelzow war hüftsteif, verstolperte manche Chancen, sodass Nikolai als Flankenläufer mehr Tore erzielte als der Mittelstürmer. Sollte er heute ruhig die Bälle verstolpern, dachte Nikolai, sollte der Große Führer der Revolution sehen, wer die besten Fußballer in seinem Riesenreich waren. Die vier Starostins und niemand anderer.

Kossarew war es gewesen, der die Idee zu diesem Spiel gehabt hatte, der Chef der Komsomolzen. Er hatte ihn vor ein paar Wochen im Stadion nach einem Spiel angesprochen.

"Hör mal, Starostin", hatte Kossarew gesagt, "wie wär's, wenn wir am Tag der Körperkultur ein Fußballspiel auf dem Roten Platz austragen? Ihr von Spartak gegen die von Dynamo."

Starostin hatte nicht sofort begriffen. Ein Fußballspiel auf dem Kopfsteinpflaster, dort, wo sonst die Aufmärsche und Paraden stattfanden? Wie sollte das gehen? Aber Kossarew war überzeugt gewesen von seiner Idee.

"Der Genosse Stalin hat noch nie ein Fußballspiel gesehen. Es wird ihn erfreuen, die besten Fußballer seines Landes vor der Kremlmauer spielen zu sehen."

"Ah ja." Starostin hatte es eher beiläufig gesagt, weil er sich noch immer nicht vorstellen konnte, wie das gehen sollte. "Und was ist, wenn es ihn nicht erfreut?"

Kossarew war plötzlich erbleicht. Lange hatte er geschwiegen und auf den Boden gestarrt.

"Wenn nicht", hatte er schließlich geantwortet und den Kopf gehoben, "dann ziehe ich ein weißes Tuch. Damit gebe ich dir ein Zeichen und ihr müsst sofort abbrechen. Keine Sekunde länger darf das Spiel dann dauern. Hast du verstanden, Starostin?"

Starostin hatte genickt. Es hatte ihn nicht gewundert, dass ein Spiel nur so lange dauern sollte, wie es einem Einzigen gefiel. Es war ja der Genosse Stalin, der es entschied. So wie er in diesem Land alles entschied.

Aus dem Schatten des Lenin-Mausoleums löste sich nun der Schiedsrichter. Unbemerkt von den anderen hatte er dort auf die Mannschaften gewartet. Sie stellten sich in einer Reihe auf, mit Blick auf die Mauer, der Schiedsrichter in der Mitte. Und jetzt, da die Kremlmauer ihren Schatten bis knapp vor ihre Turnschuhe warf, erkannte Starostin ihn. In weißer Uniformjacke stand er da, die Hände auf die Mauer gestützt, reglos, aber mit mildem Lächeln. Nun zeigt mal, was ihr könnt, Söhnchen, schien er zu sagen.

Kossarew stand zwei Plätze links von ihm, Starostin bemerkte, wie verkrampft er ihn anschaute. "Nun los, Starostin, jetzt liegt's an euch. Blamiert mich bloß nicht."

Spartak spielte zuerst gegen die Sonne, auf das Tor in Richtung Basiliuskathedrale, deren Zwiebeltürme ihn im grellen Licht blendeten.

Der Anpfiff ertönte. Und erst jetzt, als hätten sie darauf gewartet, begannen die Zuschauer zu rufen. Sie feuerten die Mannschaften an - die einen Spartak, die anderen Dynamo - sie klatschten, wenn einem Spieler ein guter Trick gelang.

Dynamo übernahm das Kommando, drängte Spartak in die eigene Hälfte zurück, und Strelzow hatte nach zwei Minuten die erste Torchance. Nur knapp ging sein Schuss am Pfosten vorbei und landete vor dem Denkmal von Minin und Poscharski, den Verteidigern des Vaterlandes, von deren Rettung gegen die Polen vor mehr als dreihundert Jahren jeder in der Schule gehört hatte. Auch die Starostins.

Ein Zuschauer brachte den Ball zurück, Starostin schielte hinauf zur Tribüne. Hatte der Genosse Stalin genickt oder war er ungerührt stehen geblieben?

Egal, jetzt kam ihr Gegenangriff. Pjotr spielte den Ball zu Alexander, der lief ein paar Meter durchs Mittelfeld, Starostin lauerte an der Außenlinie, den Dynamoverteidiger neben sich. Am Kopfnicken erkannte er, was Alexander vorhatte, und genau im richtigen Moment rannte Starostin los. Der Pass kam, er erreichte ihn, und noch bevor der Verteidiger richtig begriffen hatte, was passierte, kurvte er schon in den Strafraum. Sein Pass erreichte Bondarew, der aus fünf Metern mit strammem Schuss verwandelte. Starostin lief nicht zu Bondarew, um ihm zum Tor zu gratulieren. Er schaute hinauf zur Mauer. Kossarew jubelte, Stalin nickte, es sah so aus, als gelte das Nicken auch ihm, Starostin, denn er wandte den Kopf von den Jubelnden ab zu ihm herüber.

Das Tor beflügelte sie, sie zogen ein Kombinationsspiel auf, als hätten sie nie auf anderem Boden als dem Kopfsteinpflaster des Roten Platzes gespielt. Andrej hatte die nächste Chance, aber sein Kopfball ging knapp über das Tor.

Mitten in ihren Sturmlauf hinein platzte der Konter von Dynamo. Deren Linksaußen erkämpfte sich den Ball und rannte los. Schon weit vor ihrem Strafraum spielte er steil nach vorn. Strelzow nahm den Ball mit dem Rücken zum Tor an, drehte sich, drängte Alexander mit angezogenem Arm zur Seite und zog blitzschnell ab. Über dem Kopf ihres Torwarts hinweg flog der Ball ins Netz.

Starostin blinzelte zur Mauer hinauf, sah das anerkennende Nicken Stalins, sah den schweigenden Kossarew und bemerkte plötzlich ganz rechts in der Reihe einen Glatzköpfigen, der jubelnd die Arme hochgerissen hatte. Ein Dynamoanhänger in der Reihe der Kremlzuschauer! Irgendwie kam er Starostin bekannt vor, aber trotz des Jubels konnte er den Mann nicht erkennen. Er hatte den Kopf leicht abgewandt, sodass sein Gesicht im Schatten blieb. Ein wenig so, als wäre es seine Absicht, unerkannt zu bleiben.

Das Spiel war jetzt ausgeglichen. Sie rannten vor, sie rannten zurück, die Sonne brannte, sie verlieh ihren Silhouetten lange Schatten, wenn sie zum eigenen Strafraum liefen.

Das nächste Tor schoss Dynamo, wieder jubelte der Glatzköpfige, Kossarew winkte. Strengt euch an, sollte das heißen.

Es war nun klar, dass Starostin nicht weiter darauf achten musste, ob er mit dem weißen Tuch winken würde. Vermutlich hatte er es in einem Ärmel seiner Jacke versteckt, aber er würde es dort belassen. Das Spiel schien Stalin zu gefallen. Und es gefiel auch Starostin. Er vergaß sogar, wo sie spielten, er dachte an den Sieg, nur daran. Und dass sie selbst dabei gut aussahen, die Starostins.

Nicht nur Stalin müsste er gefallen, dachte er, auch ihm, der dort drüben in seinem Glasgrab lag, der große Gründer der Revolution. Wenn er doch zugucken könnte, dachte er. Aber er war tot, seit zwölf...

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