Männer in meiner Lage

Roman
 
 
Hanser (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-26492-2 (ISBN)
 
Keiner schreibt über private Katastrophen so ddiskret und behutsam wie Per Petterson - sein bestes Buch nach "Pferde stehlen"

Arvid Jansens Ehe ist gescheitert, seine Frau mit den drei Töchtern auf und davon. Sie findet neue Freunde, er nennt sie nur "die Farbenfrohen", und er bleibt allein. Auch seine Kinder entgleiten ihm immer mehr. Arvids Weg führt steil nach unten, er scheitert als Mann, als Vater, bis er wieder zu sich kommt und seine Verantwortung für die große Tochter erkennt, die am meisten unter der Scheidung leidet. Wenn Per Petterson die Konflikte und den existentiellen Schmerz dieses Mannes beschreibt, entsteht große Literatur voll Melancholie und Zärtlichkeit.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,10 MB
978-3-446-26492-2 (9783446264922)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kapitel 1


Es war Sonntag, September 1992, kurz vor sieben. Ich war gestern Abend aus gewesen, die letzte Stunde in einer Apotheke in der Tollbugata, die jemand in eine Bar verwandelt hatte, aber ich war mit niemandem nach Hause gegangen. Das war damals, in diesem Jahr, fast schon ungewöhnlich, denn ich fuhr nicht selten in die Innenstadt von Oslo und ging wider meine Natur in Bars und Kneipen und trat durch die Eingangstüren der lauten, verrauchten Lokale, in denen ich mich plötzlich so heimisch fühlte, und sah mich immer noch wider meine Natur gründlich um und dachte, wo werde ich heute die Nacht verbringen. Wenn ich Stunden später die Kneipe oder den Pub oder die Bar verließ, war ich selten allein. Als diese Monate hinter mir lagen, war ich in mehr Schlafzimmern, mehr Häusern und mehr Stadtteilen gewesen, als ich es zuvor für einen Mann wie mich für möglich gehalten hätte. Es hörte jedoch von selbst wieder auf, ich wäre gern ein loderndes Feuer gewesen, aber in meinem Feuer gab es mehr Asche als Flammen.

Als das Telefon heute Morgen klingelte, lag ich daher in meinem eigenen Bett. Ich hatte keine Lust ranzugehen, ich war hundemüde. Ich hatte getrunken, das ja, aber nicht viel und garantiert nicht nach elf, und ich war mit dem Tåsen-Bus von der Innenstadt hierhergefahren und an der Kreuzung ausgestiegen, wo sich heute ein Verkehrskreisel befindet, und dann war ich in dem sanften Regen an der Kirche Sagene vorbeigegangen Richtung Bjølsen. Als ich die Wohnung betrat, fühlte ich mich gut und schien keine Promille mehr zu haben.

Dass ich mich so müde fühlte, lag an meinen Träumen. Es ist nicht leicht, schon hier auf Seite zwei näher darzulegen, was mich an ihnen so mitnahm, das muss ich auf später verschieben.

Ich hatte vorgehabt, mindestens noch eine weitere Stunde liegen zu bleiben, um dann aufzustehen und Wasser für den Kaffee aufzusetzen und mich an das Schreibpult zu hocken und wenn möglich ein paar Stunden zu schreiben, obwohl Sonntag war. Doch das Telefon ließ nicht locker, deshalb schwang ich mich aus dem Bett und ging rasch ins Wohnzimmer und nahm den Hörer ab, und das tat ich, weil es sich nahezu illegal anfühlte, es einfach klingeln zu lassen. Ich hatte schon immer und habe heute noch die Vorstellung, dass ich den Hörer abnehmen muss und mir Strafverfolgung droht, wenn ich es unterlasse.

Es war Turids Stimme. Es war ein Jahr her, seit sie gegangen war und die Mädchen mitgenommen hatte und mit ihnen in ein Reihenhaus in Skjetten gezogen war. Sie heulte, und wenn ich mich nicht irrte, dann mit der Hand vor dem Mund, um das Geräusch zu dämpfen, und da sagte ich, Turid, was ist los, aber darauf wollte sie nicht antworten. Bist du daheim, fragte ich, aber das war sie nicht, sie war nicht daheim. Mensch Turid, wo bist du denn, sagte ich, doch das wusste sie nicht. Du weißt nicht, wo du bist, fragte ich, und sie heulte und sagte, nein. Sie wusste nicht, wo sie war.

Verdammt, dachte ich. Wenn sie so heult und nicht daheim ist, wo sind dann die Mädchen. Es gibt schließlich drei davon. Sie waren jedenfalls nicht bei mir, und Turids Mutter war in Singapur. Meine Mutter war tot, und mein Vater war tot, und meine Brüder waren fast alle tot. Soll ich dich abholen, fragte ich, denn ich ging davon aus, dass sie kein Auto dabeihatte, dort, wo sie sich befand, und sie heulte immer noch und sagte, ja, darum rufe ich an, ich habe sonst niemanden, und ich dachte, wenn du sonst niemanden hast, hast du nicht viel. Doch das sagte ich nicht, ich sagte, aber dafür muss ich wissen, wo du bist. Wie sieht es dort aus, wo du stehst. Hier ist ein Bahnhof, heulte sie, der ist gelb, aber es gibt keine Züge. Tja, sagte ich, vielleicht ist es noch zu früh, es ist schließlich Sonntag, und da sagte sie, nein, das meine ich nicht, ich meine, dass es keine Schienen gibt, auf denen der Zug fahren könnte.

Ich dachte nach, wo könnte das sein, es gab nicht viele entsprechende Orte im näheren Umkreis, es war bestimmt Bjørkelangen, etwas anderes fiel mir nicht ein, mein Gott, bis dahin sind es fünfzig Kilometer oder mehr, vielleicht sechzig, warum befand sie sich dort, ohne Auto, ohne einen anderen Menschen, um diese Tageszeit. Aber das konnte ich sie nicht fragen, es ging mich nichts an, ich musste mich um meine eigenen Dinge kümmern, was ich im Großen und Ganzen auch tat. Alles andere war sowieso aus und vorbei. Ich vermisse es nicht einmal, dachte ich, nicht mehr, nach einem derart langen Jahr, doch als ich zu Ende gedacht hatte, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es stimmte.

Ich weiß, wo du bist, sagte ich. Ich fahre in fünf Minuten los. Danke, sagte sie, und ich sagte, es dauert aber seine Zeit, bis ich da bin. Das ist mir klar, sagte sie, und ich dachte, wie kann ihr das klar sein, sie weiß ja gar nicht, wo sie ist.

Ein rotes Telefonhäuschen, ein stillgelegter Bahnhof, gelb gestrichen, den sie von dem Häuschen aus vermutlich sehen konnte. Wenn ich richtiglag, sollte es nicht allzu schwierig sein. Es konnte sich natürlich um einen ganz anderen stillgelegten Bahnhof handeln, zig Kilometer entfernt in einer völlig anderen Richtung, aber mir fiel keiner ein.

Ich duschte schnell, zog die kurze James-Dean-Jacke an, und mit einem halben Brötchen in der Hand rannte ich die Treppe hinunter auf den Parkplatz gleich neben der Bushaltestelle vor dem gelben Wohnblock, in dem ich am Advokat Dehlis Platz in Bjølsen wohnte, und ich setzte mich in meinen dreizehn Jahre alten Kombi, einen champagnerfarbenen Mazda 929.

Nach einer Dreiviertelstunde war ich da. Das war schnell. Schneller hätte Gefängnis bedeutet.

An der Kreuzung bei der Tankstelle an der Ortseinfahrt zu Bjørkelangen bog ich nach links und fuhr ganz nach unten, vorbei am Landhandel Felleskjøpet, dessen gelbes Logo direkt auf den himmelhohen zylinderförmigen Getreidesilos angebracht war, eine Getreideähre in der Mitte und daneben in Grün die Buchstaben F und K. An der nächsten Kreuzung, an der sich ein kleines Hotel mit Bistro befunden hatte, bog ich nach rechts in den Stasjonsveien; alle Fenster waren schwarz, nicht eine Lampe brannte, es hatte vermutlich dichtgemacht, seit ich zuletzt hier gewesen war, das war keineswegs abwegig, wie sollte sich hier ein Hotel halten, in Bjørkelangen.

Ein Stück weiter vorne in der Straße stand wie erwartet das rote Telefonhäuschen, nicht weit entfernt von dem alten Bahnhofsgebäude. Ich fuhr ganz dicht ran, hielt vor dem Bahnhof und stieg aus, und dort gab es eine Bushaltestelle, wie es aussah, die letzte auf der Strecke, aber Turid war nirgendwo zu sehen.

An der Haltestelle stand kein Bus, es war ganz still, und mein Wagen war einer von dreien, die am Bahnhof parkten. Die beiden anderen waren eine Limousine und ein Kombi, beide Volvo, beide blau, keiner neu. In Bjørkelangen wussten bestimmt alle, welches Auto wem gehörte, und deshalb stach der Mazda heraus mit seinem leicht rostigen champagnerfarbenen Charme mit Nummernschildern, die hier bisher kein Mensch gesehen hatte, und vielleicht sagte ein Bewohner zu einem anderen, wem gehört bloß dieses Auto, wenn er es vom Fenster eines der umliegenden Häuser aus sah. Der Gedanke machte mich rastlos. Hier galt es, schnell her- und wieder wegzukommen, und natürlich saß sie nicht hier auf der Vorderseite des Bahnhofsgebäudes mitten im Blickfeld, darum lief ich um das Gebäude herum zu dem, was strenggenommen wohl die eigentliche Vorderseite war oder gewesen war, als die glänzenden Schienen von Sørumsand im Westen noch hier zum Bahnhof führten und auf der anderen Seite wieder herauskamen, dieses Mal mit einem Zug darauf, und als sich der Schaffner auf dem Trittbrett mit der flatternden grünen Flagge in der Hand weit hinauslehnte und mit der Pfeife im Mund Abfahrt! Abfahrt! blies, und er blies erneut, er war stolz auf seine Pfeife und den Ton, den sie von sich gab, das wären wohl alle gewesen.

Das Gleis gehörte zu den Schmalspurbahnen und hatte vor einem Menschenalter oder länger den Kampf um die Zukunft verloren, und doch, vor nur zwei, drei Jahrzehnten kam der Zug noch nichtsahnend hier nach Bjørkelangen und fuhr weiter nach Skullerud im Süden, bis zum See und zu dem Dampfschiff, das dich durch die Schleusen vom tiefsten Binnenland zum äußeren Oslofjord bringen konnte, und von dort in die ganze Welt, nach Spanien, nach Amerika, wenn man das wollte, und es war nicht besonders weit nach Sørumsand oder Skullerud, der Dialekt war in etwa derselbe, aber die Schienen waren längst herausgerissen und als Metallschrott abtransportiert worden, und es wurden keine neuen mehr verlegt.

Sie saß im Gras, die Stirn auf den Knien, an der Böschung hinunter zu dem Flüsschen, das, wie ich wusste, Lierelva hieß. Ich wusste alles über diese Orte, in einem...

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