Das Regenbogental

 
 
BookRix (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. November 2019
  • |
  • 463 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7487-2057-7 (ISBN)
 
'Wer sich weigert aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen' George Santayana (1863-1952) Das sagen sich auch die neun Freunde, die durch einen glücklichen Umstand plötzlich in die Lage versetzt werden, ihren Traum von Gesellschaft, wie sie sie sich vorstellen, in die Tat umzusetzen.Leider kommt ihnen dabei ein Mädchenhändlerring in die Quere, was aber eher motivierende Auswirkungen auf die neue Gemeinschaft hat.....
  • Deutsch
  • 1,02 MB
978-3-7487-2057-7 (9783748720577)

1


Es war Frühling, und die Fenster im Turm standen weit offen. Der Duft des blühenden Akazienbaums, der durch die offenen Fenster dezent hereinströmte, war unbeschreiblich. Peter saß an seiner Nähmaschine und schmuste mit seinem rot getigerten Kater, der ihm wie so oft beim Nähen zugesehen hatte. Er fand es hochinteressant, die Bewegungen der Maschine während des Nähens zu beobachten. Den schnurrenden Kater im Arm ging Peter zu den drei Fenstern, die nach Südwesten hinaus gingen und genoss die Aussicht. An klaren Tagen wie heute konnte er bis weit in die Eifel sehen.

Seine Gedanken waren noch bei dem Traum, als er aufwachte. Nur widerwillig ließ er ihn los, drehte sich erst noch ein paar mal um und schwelgte in den letzten Bildern dieser Parallelwelt, bevor er sich auf den Weg zu seiner Werkstatt machte. Es liebte diesen Traum, der immer wieder in verschiedenen Variationen zu ihm kam, und beim Aufwachen immer ein wehmütiges Gefühl hinterließ.

Während der Fahrt zu seiner Werkstatt dachte er an die Zeit, als er noch in seiner Lieblingswohnung gewohnt hatte, einem Turm, der an eine alte Villa am Rhein angebaut war. Meistens träumte er von der Zeit im Frühling, wenn die Akazie neben dem Turm in voller Blüte stand und er sämtliche Fenster die zur Seite der Baumkrone hinausgingen, sperrangelweit aufgemacht hatte, um den Duft herein zu lassen.

Damals hatte er die Hälfte des oberen Stockwerks gemietet, an die der Turm angebaut war. Es war der beste Teil der Villa gewesen, den er gemietet hatte, aber auch der mit den meisten Mängeln.

Ruth, die die andere Hälfte der obersten Etage schon bewohnte, hatte ihm die Wohnung vermittelt. Die Villa hatte leer gestanden, und die Wohnungen waren ziemlich heruntergekommen. Die Turmwohnung besonders.

Sie hatten damals dem Vermieter angeboten, die Wohnungen selbst in

Stand zu setzen und dafür nur eine geringe Miete zu zahlen. Mit seiner Wohnung hatte er die obersten zwei der vier Stockwerke des Turms mitgemietet. Altbau, herrlich hohe Räume und unglaublich schlecht zu heizen. Überhaupt, Heizung war gar nicht vorhanden gewesen. Sie hatten alles mit Öfen geheizt.

Er musste unweigerlich grinsen, als ihm wieder vor Augen stand, wie sie die Öfen herbeigeschafft hatten. Zwei Öfen hatte er in einem alten Abbruchhaus gefunden. Zu fünft hatten sie die Riesenteile in die Wohnung geschleppt, einen alten Küchenkombiofen, die eine Hälfte mit Feuer zu Heizen, die andere Hälfte mit Strom zu betreiben, wahrscheinlich einer der ersten Elektroöfen aus den Zwanziger Jahren, und ganz im Stil der damaligen Zeit. Der andere ein riesiger Ofen, in dem man sogar Eierkohlen verbrennen konnte. Den hatten sie zu siebt in die oberste Etage des Turms getragen, in seine Werkstatt. Die Öfen hatten für ausreichend Wärme in den nicht isolierten Räumen gesorgt. Der Dritte im unteren Turmzimmer war schon da gewesen.

Mit einem leichten Glücksgefühl musste er auch in diesem Zusammenhang an sein erstes selbstgebautes Hochbett denken. Am Fuß des Hochbetts hatte ein Philodendron gestanden der im Lauf der Jahre am Bett hoch gewachsen war, und über das Bett wie ein Baldachin, und dann sogar geblüht hatte.

"Ich wusste gar nicht, dass die blühen können" hatte Natali damals gesagt.

"Ich auch nicht," hatte er geantwortet.

Es hatte irgendwie etwas magisches gehabt. Für ihn und Natali war der blühende Philodendron ein Beweis für die Intensität ihrer Liebe gewesen. Eine der vielen guten Zeiten in seinem Leben für die er wirklich dankbar war, die das Leben lebenswert machten, trotz aller Widrigkeiten.

Mit diesen Erinnerungen konnte er sich wieder runter holen, wenn die Wirklichkeit ihm mal wieder unerträglich wurde.

So wie gestern Abend, als er eines dieser Magazine im öffentlich rechtlichen Fernsehen gesehen hatte. Er hatte es sich mal wieder angetan, obwohl er wusste, dass ihn die hervorragend recherchierten Beiträge regelmäßig traurig oder wütend machten.

Er war ja froh in einer Gesellschaft zu leben, in der solche Reportagen überhaupt gezeigt wurden, aber das Bestmögliche war immer noch weit entfernt von seiner Idealvorstellung einer gerechten Gesellschaft.

Diesmal war es um Altersarmut gegangen. Wie konnte es sein, dass Politiker und Staatsbedienstete mit ihrer Pension mal locker das drei, vier oder fünffache der Rente eines normalen Arbeiters bekommen konnten, während der niemals mehr als Zweitausend neunhundert Euro bekommen konnte, wobei das nur auf einen geringen Prozentsatz zutraf. Die meisten konnten froh sein, wenn sie überhaupt in den vierstelligen Bereich kamen.

Oder wie sein Opa, der in diesem unseligen letzten Krieg der Deutschen seine Knochen hingehalten hatte und dann nach sieben Jahren Gefangenschaft in die hohle Hand geschissen bekam, weil die Versicherung nicht mehr existierte und sich sonst keiner für zuständig hielt, von wegen Rente.

Dann die Story über die Versicherungen und ihre Tricks, mit denen sie sich mit allen legalen Mitteln erfolgreich vor Schadenersatzzahlungen drückten. Das Schlimme daran waren aber eigentlich die legalen Möglichkeiten.

Die Gedanken an das Gesehene machten ihn noch immer zornig, so zornig wie die Gleichgültigkeit der Gesellschaft diesen Tatsachen gegenüber.

Das alte Hopi Sprichwort fiel ihm wieder ein, `wenn die Sinne überladen sind, stumpfen sie ab´, was allerdings nicht erklärte, das es so ne und solche gab, wie sein Opa immer zu sagen pflegte. Er hatte sich seine kritische Haltung jedenfalls bewahrt, hatte sich dem System nicht ergeben.

 

Mit zehn war ihm das erste Mal der Gedanke gekommen, dass er wohl irgendwie im falschen Film gelandet war. Er hatte ein Gefühl von beobachtet werden gehabt, so als wäre er ausgesetzt worden in einer fremden Welt, und jemand oder etwas beobachte nun, wie er sich wohl verhalten würde. Damals war er sich ziemlich allein vorgekommen. Immerhin wusste er heute, fast dreißig Jahre später, das er so alleine nicht war.

Aus den Augenwinkeln sah er im Vorbeifahren seinen Nachbarn mühsam sich den Berg hoch schleppen. Der Fünfundachtzigjährige war wohl ein bisschen dement und auch körperlich nicht mehr so ganz auf der Höhe. Sein Sohn war Zahnarzt, wie er von seiner Vermieterin gehört hatte. Aber gesehen hatte er ihn noch nicht, und besonders kümmern tat er sich offenbar auch nicht.

Peter hielt an und öffnete die Beifahrertür.

"Hallo, Herr Nachbar, kann ich sie mitnehmen? Ich glaube wir haben den gleichen Weg."

"Ja, ja gern." Der alte Mann war sichtlich erfreut über Peters Aufmerksamkeit. Er war wohl gerade im Supermarkt gewesen nach den zwei prall gefüllten Einkaufstaschen zu urteilen mit denen er sich mühsam abschleppte.

"Geben sie mir die Taschen." Peter war aus seinem Wagen ausgestiegen, nahm nun die Einkaufstaschen entgegen, die der alte Mann ihm hereinreichte und wuchtete sie auf den Rücksitz.

Ein paar Minuten später kamen sie bei ihren Läden an. Der Laden des alten Mannes lag etwas unterhalb von Peters. Es war ein Andenkenladen, der wie aus der Zeit gefallen schien. Die Einrichtung des Geschäfts stammte noch aus den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, und die Auslagen waren teilweise aus den siebziger und achtziger Jahren, aus einer Zeit, als die Stadt Kyllburg noch "Bad" hieß und eine vielbesuchte Touristenstadt mit allen möglichen Geschäften war.

Diese Zeiten waren allerdings längst vorbei. Die Geschäfte, die es heute noch in Kyllburg gab, konnte man an einer Hand abzählen, was ihm allerdings sehr entgegenkam, denn für sein Handwerk brauchte er keine Laufkundschaft. Er war Reitsportsattler, und er war der einzige in einem Umkreis von ca. hundert Kilometern. Seine Kunden kamen sowieso zu ihm, oder er fuhr zu ihnen, je nachdem. So betrug die Miete für seinen Laden, der mehr Werkstatt als Laden war, ganze fünfundsiebzig Euro, denn die Ladenbesitzer in Kyllburg waren froh, wenn sich überhaupt jemand fand, der einen Laden mieten wollte.

Gutes Gefühl, dachte er, als er seinen Laden betrat. Geben ist doch seliger denn nehmen, wie es so schön heißt, und seine düsteren Gedanken von eben waren auch weg.

Es war seine Art des Widerstands gegen eine zunehmend egomane Gesellschaft. Er machte auch Unterschiede bei seinen Kunden. Da gab es die siebzig Euro Stundenlohn Kunden genauso wie die zehn Euro Stundenlohn Kunden, je nach sozialer Stellung. Und bisweilen gab es auch schon mal den null Euro Kunden. Im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten versuchte er immer wieder dem gesellschaftlichen Ungleichgewicht entgegenzuwirken. Geld anhäufen langweilte ihn. Ihm reichte es, genug zum Leben zu haben, obwohl er nichts gegen viel Geld gehabt hätte, würden sich doch damit noch mehr Möglichkeiten eröffnen, Einfluss auf das Ungleichgewicht zu nehmen, aber die Summen, die man dafür benötigen würde, könnte er mit seiner Arbeit niemals verdienen.

In Gedanken ging er den Arbeitsablauf des heutigen Tages durch. Er musste noch eine Motorradsitzbank fertig beziehen und fünf Paar Zügel für ein Reitsportgeschäft in Bayern herstellen. Das war heute locker zu schaffen. Im Vorbeigehen schaltete er den Wasserkocher an, um sich später einen Tee zu machen und ging weiter zum Computer, um die E-Mails...

Schweitzer Klassifikation
BISAC Classifikation
Warengruppensystematik 2.0

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

5,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen