Unheilvolle Vergangenheit

Tatort: Iphofen
 
 
Echter (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Juni 2021
  • |
  • 319 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-429-06517-1 (ISBN)
 
Zwei Tote und ein Schwerverletzter in der Adventszeit - keine guten Aussichten auf "Frohe Weihnachten" in Iphofen. Theo Habich und sein Team stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Alle anfänglichen Spuren verlaufen im Sand und es sind keine wirklich Verdächtigen in Sicht. Die Andeutung über eine Schuld aus der Vergangenheit führt den Hauptkommissar ins Iphöfer Stadtarchiv. Wirft eine dort dokumentierte alte Mordgeschichte ihre Schatten bis in die Gegenwart? Im Jahre 1852 geschahen auf Iphöfer Flur zwei Gewaltverbrechen. Die Opfer waren ein junger Handwerksmeister und ein Jagdaufseher. Doch was hat die Winzerfamilie Birkner - aus deren Reihen die aktuellen Opfer kommen - damit zu tun? Welche Rolle spielt ein amerikanischer Historiker, der mit Karola Birkner - einer der Töchter - liiert ist?
  • Deutsch
  • 0,90 MB
978-3-429-06517-1 (9783429065171)
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Der Name "Alexander Pelkim" ist ein Pseudonym. "Mit dem Namen beziehungsweise Teilen davon sind persönliche Erinnerungen verbunden, die für mich von Bedeutung sind. So wichtig und wertvoll, dass ich sie auf diese Weise würdigen möchte", sagt der in Iphofen lebende Autor, der 1959 in Mittelhessen geboren wurde und sein privates und berufliches Glück in Unterfranken gefunden hat.

Wilderer


Hunger tut weh, ob im eigenen Magen oder beim Anblick der hungernden Kinder. Dies wurde Wilhelm Burgecker angesichts der jammernden und quengelnden Sprösslinge erneut schmerzlich bewusst. Die zwei kleinen Würmer, die litten, waren seine ein- und dreijährigen Söhne, Julius und Philipp. Der große hagere Mann rieb sich nachdenklich die Hände. Von dem wackeligen Stuhl aus, auf dem er saß, beobachtete er die Kleinen. Der Jüngste lag in einem geflochtenen Wäschekorb, schrie und weinte. Sein Bruder hockte auf dem blank gescheuerten Holzboden, kaute auf einer geschnitzten Holzfigur herum und stimmte zwischendrin immer mal wieder in das Geschrei mit ein. Wilhelm besann sich auf seine eigene Kindheit, in der oftmals Mahlzeiten ausfallen mussten oder das Essen zumindest so knapp war, dass ihre Mutter verzichtete, um den Kindern das Wenige zu überlassen. Sie war gezwungen betteln zu gehen, da sie zu einer sozialen Schicht gehörte, der nichts anderes übrig blieb, wollten sie und ihre Kinder überleben.

»Sag mir, wie ich die hungrigen Mäuler stopfen soll!« Eine Frau, den Arm voller Kleidungsstücke, betrat den Raum. Mit traurigen dunklen Augen und besorgtem Blick sah sie auf die beiden Kleinen, während sie die Kleidung auf den Tisch legte. Clara Zirner, die Mutter der Kinder, wirkte müde, niedergeschlagen und ratlos. Nachdenklich beobachtete Wilhelm seine gleichaltrige Partnerin. Sie war weiß Gott keine Schönheit und sah nicht wie Ende zwanzig aus, ging es ihm durch den Kopf. Dafür war sie fleißig und treu, und das zählte für ihn mehr als Aussehen. Zudem ließen das Leinengewand, die Schürze und ihr Kopftuch die Achtundzwanzigjährige wesentlich älter erscheinen. »Es ist nichts Essbares mehr im Haus außer einer harten, trockenen Brotkante.«

»Kannst du nicht vielleicht . « Wilhelm zögerte und stammelte verlegen. » . den . den Bauern . ich meine wegen ein paar Kartoffeln . es war doch eine gute Ernte und der Keller ist gefüllt.«

»Hast du vergessen, dass ich diesen Monat schon mal bei ihm war?«

»Ja, ja, aber ich bekomme frühestens am Monatsende wieder Lohn und das ist erst in knapp einer Woche, ich habe nichts mehr«, entschuldigte sich Wilhelm. »Er bekommt es ja wieder und außerdem helfe ich, sooft ich kann, unentgeltlich auf dem Hof und im Weinberg. Ist das etwa nichts? Dafür kann er sich doch wohl mit ein paar Kartoffeln erkenntlich zeigen«, knurrte Wilhelm leicht gereizt.

»Dafür darfst du kostenfrei mit hier drin wohnen.« Clara seufzte ergeben. »Ich kann es ja mal probieren, habe aber wenig Hoffnung.«

»Das nennst du wohnen?«, schimpfte Burgecker und machte eine ausladende Bewegung mit den Armen. »Diese baufällige Bruchbude, bei der durch sämtliche Ritzen der Wind pfeift und die Feuchtigkeit dringt?«

Was er meinte, war ein zweistöckiger Anbau im Fachwerkstil, der an die Stallungen grenzte. Die Fensterrahmen und Riegelfelder zeigten Spuren von Verwitterung und Abnützung, wobei durch Spalten, die nicht da sein sollten, das Tageslicht und die Witterung nach innen drangen. Zudem fand der Regen den Weg durch das schadhafte Hausdach, zu dessen Reparatur der Hausherr keinerlei Anstalten machte. Darin untergebracht waren die Bediensteten, die auf dem Hof von Ludwig Hollbein arbeiteten. Meistens handelte es sich um zwei Knechte und zwei Mägde - eine davon war Clara -, die das ganze Jahr über den Hof versorgten. Eng wurde es, wenn in dem Häuschen zusätzlich Tagelöhner untergebracht waren, von denen immer mal wieder welche auf dem Hof mithalfen, hauptsächlich in der Erntezeit. Nur die Hauswirtschafterin, die Ludwig Hollbein den Haushalt führte, seit seine Frau vor mehreren Jahren verstorben war, hatte im Haupthaus eine eigene kleine Kammer. Eine Ausnahme bildete auch Wilhelm Burgecker, der Lebensgefährte von Clara, der, obwohl er nicht auf dem Hof angestellt war, sondern als Steinbrecher im nahen Bruch arbeitete, vom Bauern geduldet wurde. Aber nur, weil der Hausherr auch einen nicht unbeträchtlichen Nutzen davon hatte. Für die kostenlose Mitbenutzung der Kammer half Wilhelm, sooft er konnte, auf dem Hof mit, legte im Weinberg Hand an, kümmerte sich wenn nötig ums Vieh und war sich auch für kleinere und größere Handreichungen nicht zu schade.

Auf Hollbeins Ackerflächen wuchsen Kartoffeln, Rüben und Getreide, in den Stallungen standen Pferde, Kühe und Schweine. Auf einer Wiese hinter dem Haus gackerten Hühner. Im angrenzenden Wasser des aufgestauten Bachlaufes tummelten sich Enten und Gänse unter munterem Quaken und Schnattern. Zudem hatte Ludwig Hollbeins Vater, als er den Hof von seinem Vater übernommen hatte, mit dem Weinbau angefangen und der Sohn hatte das Ganze tüchtig erweitert. Inzwischen nannte er mehrere Weinberge sein Eigen. Sein größter Stolz jedoch war, neben seiner allerliebsten Tochter Elisabeth, die Mitgliedschaft im Magistrat der Stadt Iphofen. Damit war er ein Entscheidungsträger über das Wohl und Wehe seiner Mitbürger. Zu Recht zählte Hollbein aufgrund seines Besitztums und seiner Position zu den angesehenen Bürgern des Städtchens Iphofen.

»Besorge uns etwas Besseres, wenn du kannst. Ich bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Oder willst du in einer der Armenwohnungen in den Stadttürmen und Torhäusern untergebracht werden?«, gab Clara zu bedenken.

»Ich weiß nicht, was besser ist, hier bei Hollbein wegen ein paar Lebensmitteln zu Kreuze zu kriechen oder dort von den zugeteilten Lebensmittelrationen zu leben. Zumindest bekommt man da Kartoffeln, Kraut, Rüben und dergleichen ohne zu betteln.« Was Burgecker damit meinte, war die Versorgung der Bedürftigen durch den Armenpflegerat der Stadt. Damit versuchte man die »unterprivilegierten Bevölkerungsschichten« - wie es im Amtsdeutsch hieß - vom Betteln abzuhalten, das zu dieser Zeit durch die allgemeine wirtschaftliche Situation weit verbreitet war.

Gerne hätte Burgecker Clara und den Kindern mehr geboten als dieses zugige, feuchte Loch, aber daran war ganz und gar nicht zu denken. »Aber vielleicht . «, überlegte Wilhelm, » . vielleicht ist der Bauer im Moment ein bisschen großzügiger als sonst . «

»Wie kommst du darauf?«

»Nun, man munkelt etwas von einer Hochzeit seiner Tochter mit Franz Joseph Dannemann, dem Sohn eines Magistratskollegen. Der junge Handwerksmeister soll eine gute Partie sein.«

»Na gut, ich spreche mit Hollbein, wenn ich mit der Stallarbeit fertig bin.« Clara seufzte resigniert. Sie hatte wenig Hoffnung auf Erfolg. »Aber so kann es doch nicht weitergehen. Wir haben immer wieder das gleiche Problem. Es langt hinten und vorne nicht, um uns und die Kinder satt zu bekommen«, meinte sie dann vorwurfsvoll.

»Was erwartest du? Was sollen wir .?«

Die Unterhaltung wurde unterbrochen, als sich die Tür öffnete. Herein trat ein junger Mann, von der Statur her genauso schmächtig wie Wilhelm Burgecker, aber gut einen halben Kopf kleiner als dieser. Das lange rotblonde Haar hing ihm bis auf die Schultern. Wegen der leicht stechenden Augen, dem etwas verschlagenen Blick und der spitzen Nase hatte er Ähnlichkeit mit einem Fuchs. Nie und nimmer hätte man ihn und den größeren dunkelhaarigen Wilhelm Burgecker für Brüder gehalten. Nicht nur äußerlich, auch vom Charakter her waren die zwei grundverschieden. Wilhelm wirkte, trotz seiner angespannten Lebenssituation, ruhig und freundlich. Ferdinand dagegen war der rastlose rebellische Taugenichts, der hier und da als Tagelöhner arbeitete und sich so durchs Leben schlug. Eigentlich waren er und Ferdinand Burgecker auch nur Halbbrüder, da jeder einen anderen Vater hatte, den die beiden aber nicht kannten. Den gemeinsamen Nachnamen hatten sie durch einen Knecht erhalten, der ihre Mutter geheiratet hatte und die zwei Jungen als seine Kinder anerkannte. Leider hielt die Ehe ihrer Mutter nur zehn Jahre, dann verließ der Stiefvater die Familie, ihre Mutter starb vor mehreren Jahren an Typhus. Seitdem waren sie auf sich alleine gestellt gewesen.

Beide waren schon in jungen Jahren durch Diebstähle mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und dadurch mit »verschärftem Arrest« durch »Entziehung warmer Kost und das Nachtlager auf bloßen Brettern« bestraft worden. Während die Maßnahmen bei Wilhelm Wirkung gezeigt hatten und er sich eines Besseren besann, war Ferdinand weiter auf die schiefe Bahn geraten und erst vor Kurzem aus dem Ebracher Zuchthaus entlassen worden. Trotzdem hielt Wilhelm an seinem vier Jahre älteren Halbbruder fest und versuchte ihm zu helfen - bisher allerdings mit wenig Aussicht auf Erfolg.

»Was habt ihr für Probleme?«, fragte Ferdinand, der die letzten Worte Wilhelms mitbekommen hatte. Sein Blick richtete sich auf die quengelnden Kinder. »Geht es um eure Bälger?«

»He, rede nicht so...

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