Durch stürmische Zeiten

Roman
 
Lesley Pearse (Autor)
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 19. August 2011 | 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1236-9 (ISBN)
 
England 1786. Wegen eines harmlosen Diebstahls wird die junge, mittellose Mary Broad zum Tode verurteilt. Das Schicksal scheint es gut mit ihr zu meinen, als sie bald darauf begnadigt und stattdessen auf einem Gefangenenschiff in die neu entdeckte Kolonie Englands, Australien, gebracht wird. Was zunächst eine glückliche Fügung zu sein scheint, erweist sich jedoch schnell als harte Prüfung: Die monatelange Überfahrt ist geprägt von Krankheit, Leid und Tod, und die unmenschlichen Lebensbedingungen in Australien lassen Mary oftmals verzweifeln. Doch die tapfere Frau hat den unbändigen Willen zu überleben. Zusammen mit ein paar Verbündeten wagt sie schließlich die gefährliche Flucht - getragen einzig und allein von Hoffnung und Liebe ¿ Basierend auf dem wahren Schicksal einer mutigen Frau, mitreißend erzählt von Englands Nr.-1-Bestsellerautorin
Luebbe Digital Ebook
1. Aufl. 2011.
Katharina Kramp
Deutsch
Breite: 125 mm
0,75 MB
978-3-8387-1236-9 (9783838712369)
3838712366 (3838712366)
weitere Ausgaben werden ermittelt
"21. Kapitel (S. 353-354)

Einen Monat nach Marys Entlassung aus Newgate spazierte sie eines Nachmittags mit Boswell durch den Sonnenschein im St. James-Park. Die Londoner Parks zu besuchen war eine von Marys größten Freuden. Es tat so gut, dem Lärm und dem Schmutz der Straßen zu entkommen und Gras, Bäume und Blumen zu sehen. In vielen Parks befanden sich Wildgehege, und es gab auch Schafe und Kühe dort. Mary fand es amüsant, dass die Kühe von St. James nachmittags zum Melken nach Whitehall gebracht wurden.

Man konnte für einen Penny ein Glas Milch kaufen. Während der Woche nutzten die Mitglieder des Adels die Parks, um sich mit Freunden zu treffen und sich in ihren schicksten Sachen zu zeigen. An Sonntagen kamen sie jedoch nicht, denn das war der Tag, an dem das gemeine Volk in Horden die Grünanlagen bevölkerte. Korsettmacher, Hutmacher und Verkäuferinnen genossen ihren freien Tag, und die Mädchen trafen sich vielleicht mit einem hübschen jungen Schreiber oder sogar einem gut aussehenden Soldaten.

Der St. James-Park war Marys Lieblingspark, denn die einzigen Reiter oder Kutschen, die ihn benutzen durften, waren die aus dem Königshaus. Es gab Enten, Schwäne und Gänse auf dem See, und die Blumenbeete leuchteten in allen Farben. »Ich finde, ich sollte mir langsam eine Arbeit suchen«, meinte Mary nachdenklich, als Boswell und sie stehen blieben und ein paar Kindern zusahen, die die Enten mit altem Brot fütterten. »Das Geld wird nicht ewig reichen.« Er tätschelte ihre Hand, die auf seinem Arm lag. »Nein, das wird es nicht, meine Liebe, doch Sie werden noch eine ganze Weile damit auskommen, und Sie müssen zuerst entscheiden, welche Arbeit Sie gern verrichten wollen und wo sie hinfahren möchten.« Mary war versucht, mit Boswell zu streiten, ihm vielleicht sogar zu sagen, dass sie nicht glücklich über ihre zunehmende Abhängigkeit von ihm war. Aber nach allem, was er für sie getan hatte, erschien ihr das undankbar. Die Furcht, die ihr nach ihrer Entlassung so zugesetzt hatte, kam Mary nun absurd vor.

Jetzt wachte sie jeden Morgen auf und dankte Gott für seine Gnade und dafür, dass er ihr James Boswell geschickt hatte. Doch während der ersten Woche hatte sie sich oft zurück nach Newgate gewünscht. Es war natürlich wunderbar, sich sauber zu fühlen, frei zu sein, in einem bequemen Bett zu schlafen und gut zu essen. Doch die Freiheit war auch beängstigend, vor allem, wenn Boswell sie kopfüber hineinstürzte wie bei jenem ersten Restaurantbesuch; sie wusste nun einmal nichts über die Welt, in der er lebte. Boswells Freunde gehörten alle dem Adel an, und wenn er sie zu Besuchen bei ihnen mitnahm, wäre sie lieber unten bei der Dienerschaft geblieben, als angegafft zu werden wie eine merkwürdige Spezies aus Übersee. Mary plagten auch Schuldgefühle. In vielen Nächten lag sie wach in ihrem bequemen Bett und konnte nur an Emmanuel und Charlotte denken.

Es erschien ihr nicht richtig, jetzt selbst so gut zu leben, wohingegen das kurze Leben ihrer Kinder so voller Qualen gewesen war. Selbst heute, einen Monat später, konnte sie dem Gedanken nicht ausweichen, er überfiel sie immer wieder, egal, was sie tat. Sie ließ dann das Leben ihrer Kinder noch einmal Revue passieren und überlegte, inwieweit sie an ihrem Tod schuld war. Und schließlich gelangte sie immer zu demselben Ergebnis: Wäre sie mit Charlotte und Emmanuel in Port Jackson geblieben, dann hätten sie vielleicht überlebt. Diese Gedanken brachen nicht nur über sie ein, wenn sie allein war.

Wenn sie mit Boswell in einer Droschke fuhr und eine Mutter mit ihrem Kind sah, dann versetzte ihr dieser Anblick einen schmerzhaften Stich. Wenn sie ein kleines Mädchen in Charlottes Alter in Lumpen auf der Straße erblickte, dann wurde sie wütend auf eine Gesellschaft, die sich so wenig um ihre jüngsten Mitglieder scherte. Mary vermisste auch James, Sam, Nat und Bill ganz schrecklich, nicht nur ihre Gesellschaft und ihre gemeinsamen Erinnerungen, sondern auch die Position, die sie in ihrer Gruppe innegehabt hatte."
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