Gormenghast / Titus erwacht

Neuausgabe
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. Mai 2011
  • |
  • 218 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-10183-6 (ISBN)
 
'Alles um ihn herum war ein Wunder. Die kleinen Bergblumen und die Geräusche des Wassers und der Vögel und der menschlichen Stimmen. Die freundliche Sonne über ihm erzeugte weniger Wärme als ein Gefühl der Erneuerung im Spiel des Lebens.'
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 5,15 MB
978-3-608-10183-6 (9783608101836)
3608101837 (3608101837)
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Mervyn Peake, geboren 1911 im Kaiserreich China, ist neben seinen literarischen Werken auch als Maler und Illustrator hervorgetreten. Mit 'Gormenghast' wurde er international bekannt. Peake starb 1968 in Burford bei Oxford.

19. KAPITEL
Am Fluss und zwischen den Inselgruppen


ie liefen schnell und mit stolpernden Schritten auf das fließende Wasser zu. Es war das Gefühl, dass es dort Leben aus einem anderen Element gab, kraftvoll und auf sein Ziel zuströmend, das Titus und deshalb auch seinen Gefährten noch stärker vorantrieb.

Die Lumpen und Decken, die so großzügig hergeschenkt worden waren, waren immer noch ein Segen für sie, doch Essen war etwas anderes. Titus hatte Hunger gekannt und würde ihn immer wieder kennenlernen, doch sogar jetzt konnte er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, ihn auch einem anderen Wesen aufzubürden, selbst wenn es ein Hund war. Seine Hände waren machtlos, den Atem zu stoppen - das Hecheln -, und sogar in der Verzweiflung hatte er noch Freude an der Gegenwart seines Hundes.

»Lass uns singen, Hund.«

Das Sonnenlicht fällt auf das Gras,

Es fällt auch auf die Mauer,

Auf mein gerahmtes Augenglas

Fällt es wie Regenschauer.

Es fällt auf alles, was es gibt,

Denn dazu ist es nütze;

Nur auf mich kann es nicht fall'n,

Weil ich im Schatten sitze.

»Ach, Hund - ach, Hund - wir sind wirklich im Schatten. Gibt es überhaupt so etwas wie nicht im Schatten zu sein? Aber wie schön ist es, im Schatten zu sein!«

Als Titus im Fieberwahn sprach, antwortete die Natur auf dieselbe Weise. Aus dem schwarzen, aber wunderschön dunklen Umbrahimmel drang ein Strahl - ein Lichtstrahl aus blassrotem Frost, der dennoch seine Blicke wärmte und seinen Lauf, die schlitternden Schritte und Pfotentritte im Eis beschleunigte.

Und so kam der Klang des Wassers, der schön sein kann - der versteinern, ersäufen, bewahren kann -, ihnen immer näher und näher. Ein schrecklicher Schmerz brannte in ihm, und er spürte, dass er das Leben nur aufgeben könnte, und gleichzeitig zwangen ihn seine wunden, geschwollenen Füße immerzu bergab, bis er nicht weitergehen konnte, und wie eine furchtbare Wiederholung des letzten Jahres fiel er hin und lag, mit dem gelben, von Schnee bedeckten Hund neben sich, fast zu Tode gefroren da.

Ein Boot las ihn auf, dessen Insassen vollkommen anders waren als seine früheren Retter.

Titus hatte sich daran gewöhnt, Sprachen nicht zu verstehen. Augen sprachen - Hände sprachen - Körper sprachen, aber Lippen öffneten und schlossen sich nur, und Zungen erzeugten irgendwelche Töne. Verständigung hing von der Fähigkeit der jeweiligen Person ab, ihre Wünsche durch Gesten zu vermitteln, seine Scherze waren die eines stummen Clowns, und seine Liebe blieb unausgesprochen und drückte sich nur durch Augen und Hände aus.

Es waren drei Männer, deren Erscheinung - soweit sie unter dem Gestrüpp ihrer unrasierten Kinne erkennbar war - im uralten Ritus des Theaters als jene von Schurken hätte durchgehen können. Alles an ihnen war schurkisch, und sie sahen einer wie der andere aus, mit ihren kleinen bösen Augen und ihren rohen gefühllosen Gesichtern. Als sie Titus in ihr Boot zogen, geschah dies nicht aus Mitleid oder Liebe, sondern aus Habgier, weil sie den Hund und die warmen Decken erblickten.

Es gab immer noch keinen Unterschlupf, und irgendwie war die Gegenwart anderer Menschen, wie niederträchtig sie auch sein mochten, ebenso wenig ein Trost, sondern Anlass zu schrecklicher Furcht. Titus wusste, dass er nicht in Sicherheit gebracht wurde, sondern in ein anderes Gefecht, und er wusste, dass er seinen Hund gegen den Hunger würde verteidigen müssen, der so wild in jenen sechs Augen tobte, die dem Tier bereits mit Blicken die Haut abzogen, es zerteilten, um sich an seinem Fleisch zu mästen. Er konnte diese entsetzlichen Geier sehen, ohne sie zu sehen, und er hoffte, dass seine eigenen Ränke schlau genug sein würden, sie zu überlisten, wenn die Zeit kam.

Titus und sein Hundegefährte, den er allmählich zu lieben begann, lagen im Boot, als es seine gefährliche Fahrt flussabwärts fortsetzte, während der Schnee ihnen, so schön und doch so falsch, in die Augen wehte und sich an all den Vorsprüngen, die der Mensch geerbt hat, in kleine Eiszapfen verwandelte.

Das kleine Boot, das einem alten Weidenkorb glich, trieb meist nur dahin und wurde hilflos von der Strömung und den eisigen Winden umhergeworfen. Wussten diese urwüchsigen Gesellen, die sie am Rand der Verzweiflung aufgelesen hatten, wohin sie fuhren? Gerissene Leute tun nichts ohne einen Grund, und als die Augenblicke so klaustrophobisch verstrichen wie die Schneeflocken fielen, erkannte er immer deutlicher, dass sie ihn wegen seines Hundes gerettet hatten, und da wunderte er sich, warum sie nicht einfach den Hund mitgenommen und ihn zum Sterben zurückgelassen hatten. Doch sein Hund war stark und hätte seinen Herrn nicht ohne einen bitteren und bösen Kampf im Stich gelassen.

»Also«, dachte Titus, »bin ich erneut durch Liebe und Dankbarkeit gebunden, wenn auch an ein Tier, dessen einziges Motiv bedingungslose Liebe ist. Kann ein Mensch je so überaus selbstlos sein?«

Titus erhaschte einen Blick auf eine kleine Schilf hütte - ein Palast in einem Niemandsland. Das schreckliche Trio steuerte darauf zu, und als er erst die Hütte und dann die Männer ansah, erkannte er, dass er ein Gefangener war, da der schrecklichste der Drei Titus mit einer obszönen Geste vorführte, wie er ihm die Kehle durchschneiden und den hellmelonenfarbenen Hund ausweiden würde, und dann zeigte er auf fast noch obszönere Weise, wie er mit der Laszivität eines Voyeurs die Därme herausziehen und essen würde. Dann zerriss das erste menschliche Geräusch die Luft, als das morsche Boot unter dem abscheulichen Gelächter erzitterte, das diese Gesten bei ihrem Schöpfer ausgelöst hatte.

Schnelligkeit war nun das wichtigste Gebot in Titus' Gedanken, als er in der rasch anbrechenden Dämmerung seine Pläne schmiedete. Wenn die, die ihn gefangen hatten, intelligenter gewesen wären, als sie es waren, dann hätten sie ihn möglichst von seinem Gefährten getrennt, doch sie klammerten sich immer enger aneinander. Mensch und Tier, beide waren sich der Gefahr bewusst.

Das Boot steuerte langsam seitwärts auf die Hütte zu. Wer waren diese Männer? Manches an den Überresten ihrer zerschlissenen Kleidung schien darauf hinzuweisen, dass es sich um Deserteure eines unbekannten militärischen oder totalitären Regimes handelte. Trotz ihres rohen Äußeren und ihrer vorgeblichen Tapferkeit ließ ihr Verhalten eine Spur von Unbehagen erkennen, von Angst, die sich Titus offenbarte.

Sie würden Titus grob, grausam und unmenschlich behandeln. Das wusste er, und dies machte seine Pläne noch listenreicher - seine Gedanken noch heimlicher und sein Verhalten ihnen gegenüber noch unterwürfiger.

Die Dämmerung war für Titus von Vorteil, als das Weidenboot langsam auf das Ufer und die Hütte und einen Steg zutrieb, wo unzählige Reisende ihre Boote festgemacht hatten. Keiner dieser Reisenden hatte am Ende seiner Reise das Wunder erlebt, wie Menschen sich zur Begrüßung versammelten, sondern nur Dunkelheit und immer bitterer werdende Kälte.

Nach einem plötzlichen Stoß herrschte Stille, bis auf die Bewegung, die das spritzende Wasser erzeugte, und die drei unterentwickelten Menschen sprangen mit bösartigen Rufen auf den gefrorenen Boden neben dem Steg. Der Dritte rutschte aus, als er landete, und die Gottlosigkeit seiner Schimpfwörter war derart, dass sie in jeder Sprache verstanden werden konnten.

Jetzt, jetzt, rasch - während sein Herz in seiner Brust wie ein Trommelschlag zum Gebet hämmerte, sprang auch Titus und landete aufrecht, beinahe direkt auf dem fluchenden Schurken, der nach den Schmerzensschreien zu urteilen, die sich mit den Flüchen vermischten, sich das Bein gebrochen haben musste. Titus war sich sicher, dass jenes Geschöpf garantiert keine tröstenden Worte von seinen glücklicheren Gefährten zu hören bekommen würde.

Er rief laut und deutlich: »Hund«, und das in solch einer befehlenden Stimme, dass er nicht hätte zurückbleiben können, auch wenn er es gewollt hätte. Als Titus rief, streckte der auf dem Boden liegende Mann die gefrierenden Hände aus, und trotz seiner eigenen Schmerzen schlug er Titus stark wie ein Tier mit der Handkante, so dass es ihn umwarf. Es war nun bereits so dunkel geworden, dass es fast unmöglich war, die Dunkelheit zu durchdringen.

»Hund! - Hund! Töte ihn! Brich ihm das Genick!«

Das Knurren des Hundes, der so sanft zu dem winzigen Baby sein konnte, das in all seiner Unschuld zu ihm gekrabbelt war, zeugte nun von seiner Bereitschaft, Titus' Feinden sämtliche Glieder auszureißen.

Das böse, auf dem Boden liegende Geschöpf klammerte seinen Arm voller Gehässigkeit um Titus' Bein, als dieser auf den eisigen Boden sprang. Titus fiel hilflos wie ein sturmgepeitschter Baum zu Boden. Er wusste, er war erledigt. Seine Kraft ließ ihn im Stich, er hatte keine Reserven, als die Schwäche ihn umwarf, und die beiden Gefährten folgten, wie die Nacht dem Tag folgt, ihrem zotigen Freund, um auf den verlorenen und erschöpften Titus einzudreschen. Sie waren bereit, ihn zu töten, aber sie hatten nicht mit ihrem hündischen Feind gerechnet, den sie nur als Eintopf und warmen Mantel wahrgenommen hatten.

»Hund!«, rief Titus.

Mehr musste er nicht sagen.

Der Hund sprang flink in das Zwielicht, und der Schmerzensschrei, den man aus seiner Richtung hörte, stammte nicht von ihm, sondern von einem Mann, dessen Handgelenk gebissen und dessen Genick gebrochen worden war. Gefühle wurden erfunden. Letztlich...

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