Tokio im Jahr Null

Roman
 
 
Liebeskind (Verlag)
  • 3. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. April 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95438-131-9 (ISBN)
 
Tokio, 1946: die Hölle auf Erden. Die Stadt liegt in Trümmern, ebenso wie die Seelen ihrer Bewohner. Es herrschen Angst und Korruption, niemand ist der, der er zu sein vorgibt. Inmitten der Schuttberge geht ein brutaler Serienmörder um, der junge Frauen missbraucht und erdrosselt. Die Polizei verhaftet schnell einen Verdächtigen, der aber nur einen der Morde gesteht. Inspektor Minami ist gezwungen, ältere Fälle neu aufzurollen, um den Täter zur Strecke zu bringen. Doch dabei verstrickt er sich in einem Netz aus Lügen und nackter Gewalt. Die Machenschaften des organisierten Verbrechens werden für ihn zur tödlichen Gefahr, genau wie die Intrigen innerhalb des Polizeiapparats. Langsam zerfließen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit, und die Taten der Vergangenheit kommen ans Tageslicht. Denn auch auf Minamis Schultern lastet eine schwere Schuld ...
Deutsche Erstausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,74 MB
978-3-95438-131-9 (9783954381319)
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David Peace wurde 1967 in Yorkshire geboren. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem James Tait Black Memorial Prize, dem Grand Prix du Roman Noir und zwei Mal mit dem Deutschen Krimi Preis. Er wurde als einziger Krimischriftsteller in die renommierte "Granta's List of Best Young British Novelists" aufgenommen. David Peace lebt mit seiner Familie in Tokio.

1.


15. August 1946
Tokio, 33°C, bewölkt


Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Unablässiges Hämmern.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Ich schlage die Augen auf, es fällt mir wieder ein.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Ich bin einer der Überlebenden.

Einer der Glücklichen .

Ich nehme mein Taschentuch und reibe mir Gesicht und Nacken trocken. Ich wische mir die Haare aus den Augen. Ich schaue auf meine Uhr.

Chiku-taku. Chiku-taku. Chiku-taku .

Es ist zehn Uhr; erst zehn Uhr.

Erst vier Stunden um, noch acht weitere, dann nach Shinagawa, zu Yuki. Drei, vier Stunden dort, dann nach Mitaka zu Frau und Kindern. Ich muss versuchen, Nahrung aufzutreiben, ihnen etwas zu Essen zu bringen, irgendwas. Essen, dann schlafen, versuchen zu schlafen. Dann um sechs Uhr morgen früh wieder hierher.

Chiku-taku. Chiku-taku. Chiku-taku .

Weitere zwölf Stunden in diesem Backofen .

Ich wische mir den Schweiß vom Hemdkragen und von den Augenlidern. Ich sehe am Tisch entlang. Drei Männer zu meiner linken, zwei zu meiner Rechten und die drei leeren Stühle.

Kein Fujita. Kein Ishida. Kein Kimura .

Fünf Männer reiben sich Nacken und Gesichter trocken, kratzen sich vor Läusebissen und scheuchen Moskitos fort, lassen die Arbeit liegen und blättern in Zeitungen; Zeitungen voll von Meldungen zum Ersten Jahrestag der Kapitulation, zum Fortschritt der Reformen und der Errungenschaft der Demokratie; Zeitungen voll mit Berichten zum Internationalen Militärtribunal, dem Urteil der Sieger und der Bestrafung der Verlierer.

Tagein, tagaus. Tagein, tagaus. Tagein, tagaus .

Sie blättern in den Zeitungen und denken an Essen.

Tagein, tagaus. Tagein, tagaus .

Und warten und warten.

Tagein, tagaus .

Telefone, die nicht klingeln, Ventilatoren, die sich nicht drehen. Hitze und Schweiß; Fliegen und Moskitos; Dreck, Staub und Lärm; das unablässige Hämmern.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Ich stehe auf, gehe ans Fenster und ziehe die Jalousien hoch.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Drei Stockwerke über Sakuradamon, schaue ich hinaus über die Stadt.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Der Palast links, das Polizeipräsidium rechts.

Ton-ton. Ton-ton .

Unter einem niedrigen, fleckenfiebrigen Himmel.

Ton-ton .

Die Hauptstadt der Showa-Toten, der Verlierer auf Händen und Knien, der Sieger in Lastwagen und Jeeps.

Kein Widerstand.

Ich höre, wie die Tür aufgeht und drehe mich um; dort steht Kimura.

Anfang Zwanzig. Aus dem Süden repatriiert. Erst drei Monate dabei und schon nicht mehr der Jüngste in dieser Abteilung, Abteilung Zwei .

Kimura schaut am Tisch entlang zu mir herüber; halb verächtlich, halb servil, ein Stück Papier in Händen.

Idiot. Idiot. Idiot. Idiot .

Er streckt mir das Blatt mit der Aufschrift Polizeirundschreiben entgegen und sagt: »Vielleicht ist das hier ein Mord, Inspektor Minami.«

Für die ganze Abteilung gibt es nur ein fahrtüchtiges Fahrzeug. Es ist nicht da. Also gehen wir wieder zu Fuß, so wie wir alles zu Fuß erledigen. Man verspricht uns Fahrzeuge, so wie man uns Telefone verspricht und Waffen und Stifte und Papier und höheren Lohn und Krankenversicherung und Urlaub, doch tagein, tagaus zerschneiden wir alte Fahrradreifen, um neue Sohlen daraus zu machen, um sie uns unter die Stiefel zu nageln, damit wir gehen können, gehen und gehen und gehen.

Hattori, Takeda, Sanada, Shimoda, Nishi, Kimura und ich.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Durch Hitze, Fliegen und Moskitos.

Chiku-taku. Chiku-taku. Chiku-taku .

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Vom Polizeipräsidium zum Shiba-Park.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Jacken aus, Hüte auf. Taschentücher raus, Fächer raus.

Ton-ton. Ton-ton .

Die Sakurada-dori entlang und den Hügel hinauf nach Atago.

Ton-ton .

Inspektor Nishi hält das Rundschreiben in der Hand und liest unterwegs laut daraus vor: »Unbekleidete Leiche einer nicht identifizierten Frau, gefunden um 9.30 Uhr am heutigen Morgen, 15. August 1946, Nishi-Mukai Kannon Zan, 2 Shiba-Park, Stadtbezirk Shiba. Meldung des Leichenfunds am Polizeistand Shiba-Park um 9.45 Uhr. Meldung des Leichenfunds Polizeirevier Atago 10.15 Uhr. Meldung des Leichenfunds Polizeipräsidium 11.00 Uhr . Die haben sich ganz schön Zeit gelassen«, fügt er hinzu. »Bis wir die Leiche in Augenschein nehmen, werden zwei Stunden vergangen sein. Was haben die in Atago eigentlich gemacht?«

»Sie wird schon nicht abhauen«, bemerkt Inspektor Hattori lachend.

»Das sagen Sie mal den Maden und Fliegen«, entgegnet Nishi.

»Keine Dienstwagen. Keine Fahrräder. Kein Telefon. Kein Telegraf«, erwidert Hattori. »Was hätten denn die Jungs in Atago machen sollen?«

Nishi schüttelt den Kopf, antwortet aber nicht.

Ich wische mir den Nacken und schaue auf die Uhr.

Chiku-taku. Chiku-taku. Chiku-taku .

Es ist fast halb zwölf; erst halb zwölf.

Fünfeinhalb Stunden sind um, noch sechseinhalb Stunden. Dann nach Shinagawa, zu Yuki. Drei, vier Stunden dort, dann nach Mitaka zu Frau und Kindern. Essen, dann schlafen, versuchen zu schlafen. Dann um sechs Uhr morgen früh wieder hierher, und wieder zwölf Stunden.

Chiku-taku. Chiku-taku. Chiku-taku .

Wenn es kein Mord ist .

»Hier entlang geht es schneller«, sagt Nishi, also bahnen wir uns einen Weg über die Schuttberge und durch die Krater, bis wir auf die Hibiya-dori bei Onarimon stoßen.

Ton-ton. Ton-ton.

Zwei blutjunge Männer vom Revier Atago in schlechtsitzenden, verdreckten Uniformen warten auf uns. Sie verbeugen sich und salutieren, begrüßen uns und entschuldigen sich, aber ich verstehe kein Wort.

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton .

Die beiden Streifenbeamten führen uns von der Straße fort, weg von dem Hämmern, auf das Gelände des Tempels.

Riesige verkohlte Bäume mit den Wurzeln zum Himmel .

Vom Zojoji-Tempel ist nicht viel übriggeblieben; er ist während der Luftangriffe im Mai letzten Jahres bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Äste verkohlt, Blätter verbrannt .

Die beiden Polizeibeamten führen uns durch die Asche den Hügel hinauf, aus der Sonne in den Schatten; die Gräber sind vergessen, alles überwuchert, die Pfade verschwunden, das Bambusgras übermannshoch und so dicht wie die Insektenschwärme in der Luft; es wimmelt von Füchsen und Dachsen, Ratten und Krähen, von verwilderten Hunden, die in Rudeln umherstreifen und Geschmack an Menschenfleisch gefunden haben.

An diesem Ort des Stelldicheins .

Der Prostituierten, der Selbstmörder .

An diesem Ort der Stille .

Des Todes .

Sie ist hier .

Auf dieser unerwarteten Lichtung, auf der das hohe Gras niedergetrampelt ist und die Sonne sie gefunden hat, liegt sie hier, nackt auf dem Rücken, den Kopf leicht zur Seite geneigt, der rechte Arm ausgestreckt, der linke an der Seite, liegt sie hier, die Beine gespreizt, angehoben, an den Knien angewinkelt, liegt sie hier .

Um die einundzwanzig, seit etwa zehn Tagen tot.

Namu-amida-butsu. Namu-amida-butsu. Namu-amida .

Etwas Rotes ist um ihren Hals geschlungen.

Namu-amida-butsu. Namu-amida-butsu .

Das ist kein Selbstmord. Das ist Mord.

Namu-amida-butsu .

Unser Fall.

Ich verfluche sie .

Ich schaue auf die Uhr. Chiku-taku. Fast...

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