Codex Sanguis - Seelenfänger

 
 
Codex Sanguis (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2017
  • |
  • 500 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96215-041-9 (ISBN)
 
Der Tod geht um in Los Angeles. Immer wieder verschwinden Menschen spurlos und kurz darauf auch die ersten Vampire. Amber und Julius machen sich auf die Suche nach den Tätern und kommen einem unheimlichen Voodoo Priester auf die Spur und sehen sich einem schier übermächtigem Feind gegenüber. Der Hexer kämpft mit allen Mitteln. Bald geht es nicht mehr nur um die Aufklärung eines Verbrechens. Denn Julius Seele ist in Gefahr! Ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der auch Amber alles abverlangt.

Julius

Es war April und einer der wenigen Regentage, die L.A. im Jahr zu bieten hat. Die Tropfen fielen so dicht, dass man kaum seine eigene Hand vor Augen erkennen konnte.

Ich genoss den Regen. Das Wasser wusch all den Staub und Dreck davon, und schon jetzt roch die Luft sauberer, fast rein.

Brandon, Christina und ich drängten uns auf der kleinen Veranda eines Bungalows in der besseren Wohngegend von Pasadena. Wir sahen aus wie ganz normale Besucher: Zwei Männer und die einzige Tochter des Hauses warteten darauf, dass ihnen geöffnet wurde. Christinas Elternhaus fiel zwischen den anderen nicht auf. Der weiß gestrichene Holzbau war von einem liebevoll gepflegten Garten umgeben. Im Rasen nahe dem Bürgersteig steckte ein Schild, das potenzielle Einbrecher vor wachsamen Nachbarn warnte. Es war genau die Sorte von Vorstadtidylle, die mich anwiderte: bieder, gläubig und fest in republikanischer Hand. Eines der wenigen Viertel L.A.s, in denen Trump die Mehrheit geholt hatte. Ich hob den Blick zu einer überdimensionierten Flagge, die vom Regen durchweicht wurde, und schob die Hände in die Hosentaschen.

Ich war noch nie hier gewesen und bereute diesen Ausflug schon jetzt. Denn wenn Christinas Eltern genauso waren wie die Nachbarschaft, dann war er vollkommen sinnlos. Aber wie sollte ich einer Freundin die Bitte um Beistand ausschlagen, besonders, wo doch ich verantwortlich für die Misere war, in der sie sich befand?

"Bist du sicher, dass du das wirklich tun willst?", fragte ich Christina noch einmal.

Sie nickte mit zusammengepressten Lippen, so heftig, dass ihre dunklen Haare auf und ab wippten. Für eine Latina war sie ungewöhnlich blass, seitdem ich sie vor einem halben Jahr zu einer von uns gemacht hatte, um ihr das Leben zu retten.

Statt wie nach einer Verwandlung üblich ihren eigenen Tod vorzutäuschen, bestand Christina darauf, ihren Eltern die Wahrheit zu sagen. Deshalb waren wir nun hier.

Seit sie eine Unsterbliche war, hatte sie ihre streng katholische Familie gemieden, doch inzwischen waren ihr die Ausreden ausgegangen.

"Wenn du das durchziehen möchtest, solltest du klingeln", brummte Brandon.

Er kannte die Eltern seiner Freundin seit Langem, da Chris vor ihrem Tod seine Geliebte und Dienerin gewesen war. Eine engere Bindung als diese konnten Mensch und Vampir nicht eingehen.

Ich selbst war daran gescheitert, ein solches Band zu knüpfen. Bei dem Gedanken breitete sich ein dumpfer Schmerz hinter meinem Brustbein aus. Amber hatte mich verlassen, weil sie nicht ertragen konnte, was ich war.

Während ich versuchte, mir das lästige Pochen aus der Brust zu reiben, starrte Chris noch immer den Klingelknopf an, als sei er ein gefährliches Ungeheuer. Genug. Ich schob die Hand an ihr vorbei und schellte.

Schon bald waren Schritte zu hören. Christina nahm Reißaus und versteckte sich hinter Brandon und mir. "Vielleicht ist das Ganze doch keine so gute Idee gewesen", flüsterte sie.

Doch es war zu spät: Die Tür wurde geöffnet und heraus schaute das Gesicht einer freundlichen, etwas rundlichen Mexikanerin. Bodenständig sah sie aus, ganz anders als die zierliche, aber durchsetzungsfähige junge Frau, die Chris vor der Verwandlung gewesen war. Derzeit war sie wie viele Neuerschaffene noch unsicher und unterwürfig, doch das würde sich mit der Zeit geben.

"Christina! Und Brandon, wie schön, dass du mitgekommen bist", sagte Mrs Reyes freudig, gab aber zuerst mir die Hand. "Und Sie müssen der gute Freund sein, von dem meine Tochter so oft gesprochen hat."

"Julius Lawhead", stellte ich mich vor.

Die Augen der Hausherrin hingen bereits an Christina, die halb von mir verdeckt wurde. Mit dem untrüglichen Gefühl einer Mutter erkannte sie sofort, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte. "Chris, komm her, willst du deiner Mama nicht Hallo sagen?" Sie breitete die Arme aus. "Mein Gott, bist du blass, niña, fehlt dir etwas?"

Christina trat näher, doch sie konnte die Schwelle ihres einstigen Elternhauses nicht überqueren, ohne hineingebeten zu werden. Sie wollte zu ihrer Mutter, doch ohne eine Einladung hätte sich ihre eigene Aura gegen sie gewendet und ihren Körper zerschnitten wie scharfes Glas.

Wenn der Zustand lange genug anhielt, konnte er tödlich enden. Tränen traten ihr in die Augen. Ihre Angst schmeckte metallisch, kalt.

"Dürfen Chris und ich reinkommen?", fragte ich schnell.

"Aber natürlich", antwortete Mrs Reyes verwirrt.

Brandon stand bereits im Flur. Er hatte die Einladung schon vor Jahren erhalten, und sie würde bis zu dem Tag gelten, an dem sie jemand widerrief.

Während Christina ihrer Mutter in die Arme fiel, folgte ich Brandon durch den Flur ins Wohnzimmer, wo wir Chris' Großmutter überraschten, die auf dem Sofa eingenickt war.

Ich hatte schon viele Geschichten über Mama Reyes gehört. Sie war angeblich in der Lage, Geister zu sehen, und empfing, selbstverständlich mit der Hilfe Gottes und diverser Heiliger, Botschaften aus dem Jenseits. Als sie jetzt aufschrak und mich aus trüben Augen ansah, glaubte ich mit einem Schlag jedes Wort, das ich über sie gehört hatte. Gleich einem unsichtbaren zweiten Körper schwebte Macht über ihrem kleinen, abgemagerten Leib. Mehr Macht, als sie womöglich ahnte.

"Wer sind Sie? Was tun Sie da?!", schimpfte sie empört und stieß die Wolldecke zu Boden, die bislang auf ihren Knien gelegen hatte.

Ich drehte mich um und sah, wie Brandon zwei Kreuze von der Wand pflückte. Ich beschloss, es mit der Wahrheit zu versuchen. "Wir sind Freunde von Christina. Sie hat sich verändert und kann den Anblick solcher Gegenstände im Moment nicht ertragen."

Die alte Frau bekreuzigte sich hektisch, und ihre Lippen bewegten sich in einem stummen Gebet.

Brandon legte die Kreuze auf den Sessel, schob ein plüschiges Kissen darüber und ging zu der alten Dame hinüber. Er streckte ihr die Rechte entgegen. "Guten Abend, Mama Reyes."

Verdattert gab sie ihm die Hand. "Brandon, du bist das! Jetzt erkenne ich dich erst. Was ist hier nur los?"

"Das wird Christina Ihnen gleich erklären, kein Grund zur Sorge." Er nutzte die Macht seiner Stimme, um die alte Dame zu beruhigen. Sie vertraute ihm, das machte es einfacher für ihn.

"Wo ist Fredo?", fragte er, sobald sich Christinas Großmutter vom ersten Schrecken erholt hatte, und lenkte ihre Aufmerksamkeit damit geschickt auf etwas anderes.

"Besorgungen machen", antwortete sie und ließ sich von Brandon helfen, der die Decke aufhob und wieder über ihre Knie legte.

Fredo, so erriet ich, war Christinas Vater.

Ich setzte mich auf die Sesselkante vor das Kissen, unter dem die Kreuze lagen, und schirmte sie so mit meinem Körper ab. Über mich als Ungläubigen hatten christliche Symbole keine Macht. Ich spürte lediglich ein lauwarmes magisches Strahlen in meinem Rücken.

Brandon setzte sich ebenfalls und warf mir einen zweifelnden Blick zu, dann warteten wir alle auf Chris.

Als sie schließlich kam, hielt sie ihre Mutter an der Hand. Mrs Reyes' Blick fiel sofort auf die Stellen an der Wand, an denen die abgenommenen Kreuze helle Schatten hinterlassen hatten.

Kurz erstarrte sie, dann flüchtete sie sich in die Banalität, indem sie fragte: "Möchten Sie etwas trinken?"

"Nein danke", antworteten wir im Chor.

"Mi niña, willst du mich nicht begrüßen?"

Christina schluckte und ging mit steifen Schritten zu ihrer Großmutter. Der Geschmack ihrer Angst hing zäh in der Luft. Jedem, der auch nur das geringste Talent für Übernatürliches besaß, hätten spätestens jetzt die Haare zu Berge gestanden. Die greise Mexikanerin enttäuschte uns leider nicht. Sie legte ihre faltigen, mit Altersflecken übersäten Hände an die Wangen ihrer Enkelin und starrte in deren Augen, als könnte sie in ihrer Seele lesen. Erschrocken fuhr sie zurück und rang mit einem kleinen Japsen nach Luft.

Chris stolperte fort und flüchtete sich in Brandons Arme.

"Chris", mahnte ich leise, als ihre Verwandten sie verwundert anstarrten. Ihr Rücken versteifte sich, dann drehte sie sich gehorsam um.

"Wie lange warst du nicht mehr bei der Beichte?", fragte Mama Reyes in die Stille hinein. Sie hatte ihren Blick keinen Moment von ihrer Enkelin gewendet und beobachtete auch uns aufmerksam.

"Ein halbes Jahr", stotterte Christina. "Es tut mir leid."

Das Schweigen, das darauf folgte, schien sich endlos hinzuziehen. Leider war ich ratlos, wie man so ein Gespräch am besten begann. Nachdem ich verwandelt worden war, hatten meine Eltern nur einen Abschiedsbrief gefunden.

Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht und schreckte uns alle auf. Christinas Vater kam herein. Er war klein und im Gegensatz zu seiner Frau hager. Die Selbstverständlichkeit, mit der er Autorität ausstrahlte, erinnerte mich an Curtis. Mr Reyes trug Hemd und Sakko, als sei er direkt aus dem Büro seiner kleinen Importfirma gekommen.

Seine Frau und auch seine Mutter schienen wie selbstverständlich zu erwarten, dass er nun das Reden übernahm.

Nach einem kurzen Blick in die Runde und einer prüfenden Musterung seiner Tochter begrüßte er uns wortkarg und setzte sich, nachdem er jedem von uns ein Glas Rotwein eingegossen hatte. Ich nippte einen winzigen Tropfen und ließ die köstliche Flüssigkeit durch meinen Mund gleiten. Brandon tat es mir nach, aber Christina war noch zu jung, um dieses etwas schmerzhafte Experiment zu wagen.

Falls Fredo Reyes das Fehlen der Kruzifixe bemerkt hatte, ließ er sich nichts anmerken.

"Wir sind heute hergekommen, weil Christina Ihnen etwas sagen möchte", eröffnete Brandon das...

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