Die Dunkelheit der Drachen

 
 
Beltz (Verlag)
  • erschienen am 12. Februar 2020
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-407-74998-7 (ISBN)
 
Ein Schwarm Drachen greift das berüchtigte Gefängnis Tiviscan an, um den Rattenfänger von Hameln zu vernichten. Skrupellos hatte er Menschenkinder und Drachenkinder mithilfe einer magischen Melodie entführt. Der gerade erst verurteilte Flötenschüler Flick nutzt den Tumult bei dem Angriff und flieht. Mit sich trägt er ein dunkles Geheimnis: Nur er weiß, dass die erzürnten Drachen den Falschen getötet haben und der Rattenfänger weiter sein Unwesen treibt. Unterstützt von einer sprechenden Ratte und einem abgestürzten Drachengreif macht sich Flick auf eine gefährliche Reise, um dem Rattenfänger für immer das Handwerk zu legen.
Deutsche Erstausgabe
  • Deutsch
  • 6,46 MB
978-3-407-74998-7 (9783407749987)
weitere Ausgaben werden ermittelt
S. A. Patrick wurde in Nordirland geboren und machte in Oxford einen Abschluss in Mathematik. Er war 13 Jahre Spieleentwickler, bis er ausschließlich als Autor arbeitete. Patrick lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Cornwall. »Die Dunkelheit der Drachen« ist sein erstes Kinderbuch.

2

Der Fremde


Als der Junge die Augen öffnete, lag er in einem ihm unbekannten Raum in einem kleinen Bett, gekleidet in ein einfaches Nachthemd, von dem er sicher wusste, dass es ihm nicht gehörte. Er setzte sich auf und zermarterte sich den Kopf, wie er hierhergeraten war, doch sein Gedächtnis versagte. Das Einzige, was ihm blieb, war das ungute Gefühl, etwas sehr Wichtiges vergessen zu haben .

»Endlich bist du wach«, sagte eine Stimme. Überrascht drehte sich der Junge um und sah in der dunklen Zimmerecke eine alte Frau sitzen. Sie stand auf und stellte den Stuhl neben sein Bett. »Ich heiße Greta«, sagte sie. »Ich bin die Dorfälteste von Patterfall.«

»Von was?«, fragte der Junge.

»Patterfall.« Greta schaute ihn besorgt an. »Dem Dorf hier.«

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich erinnere mich nicht. An gar nichts.«

»Das ist völlig normal«, beruhigte ihn Greta. »Die Strapazen deiner Wanderung haben dir dein Gedächtnis geraubt.«

»Wird es wieder zurückkommen?«

»Mir ist so etwas schon begegnet«, sagte Greta. »Du bist nicht der Erste, der dem Tode nah aus dem Wald kommt, auch wenn du mit Sicherheit der Jüngste bist. Dein Gedächtnis wird bald zurückkehren. Irgendeine Kleinigkeit wird ihm wieder auf die Sprünge helfen. Hast du Erinnerungen an deine Wanderung?«

Er dachte kurz nach, aber ihm fiel nur ein, dass er durch den schrecklich dunklen Wald gestolpert war, einen Schritt nach dem anderen, ohne Ende. Plötzlich riss er entsetzt die Augen auf. »Ich kann mich nicht einmal an meinen Namen erinnern!«

»Ich glaube, diese Frage kann ich beantworten«, sagte Greta. Sie stand auf und holte einen Mantel, der an der gegenüberliegenden Wand an einem Haken hing. »Als wir dich gefunden haben, warst du unter der Schneeschicht von Kopf bis Fuß in eine Unmenge Kleider eingepackt. Und darüber hattest du den Mantel hier an. Erkennst du ihn?«

Beim Anblick des Mantels lächelte der Junge, erleichtert darüber, sich wenigstens daran zu erinnern. »Ja«, sagte er. »Das ist meiner.«

»Dann schau her«, sagte Greta. Sie drehte den Kragen des Mantels nach außen, und da kam ein Name zum Vorschein, in sauberen Stichen in den Saum gestickt. »Ich vermute mal, das ist dein Name.«

Der Junge las ihn laut vor: »Flick Klarwasser.«

Er kam ihm bekannt vor und mit dem Namen tauchte noch ein Erinnerungsschnipsel auf. »Meine Großmutter hat mir das in den Mantel gestickt, damit ich ihn nicht verliere.«

»Es ist schön, dich kennenzulernen, Flick Klarwasser!«, sagte Greta freundlich. »Es ist mehr als schön. Ich weiß nämlich auch, warum du hergekommen bist.« Sie fasste in Flicks Manteltasche und zog die Flöte heraus. »Du bist gekommen, um uns zu retten!«

Flick starrte sie verständnislos an. »Ich?« Greta nickte. »Ich bin ein Pfeifer?« Zögernd nahm er die Flöte entgegen. Als er sie in den Händen hielt, stiegen weitere Erinnerungen in ihm hoch, kostbare Bruchstücke, Bilder. Momente seiner Schulzeit auf Tiviscan, wie ihm rasch klar wurde. Ja, dachte er, Burg Tiviscan, Sitz des Pfeiferrats. Der Ort, an dem alle, die einmal Pfeifer werden wollten, die Pfeiferkunst erlernten.

Ansonsten war sein Gedächtnis noch wie leer gefegt. Als seine Finger aber über die Löcher der Flöte glitten, wusste er, dass er die Lieder nicht vergessen hatte.

»Ja, ich bin ein Pfeifer«, sagte Flick schließlich. Tränen rannen ihm über die Wangen, vorbei an dem breiten Lächeln, das sich über sein Gesicht ausgebreitet hatte.

Greta tätschelte ihm sanft die Hand. »Du bist viel jünger, als wir es erwartet hätten, das gebe ich gern zu .«

Eine plötzliche Unruhe erfasste Flick. Es war dasselbe Gefühl, das er beim Aufwachen gespürt hatte: Es gab da etwas sehr Wichtiges, an das er sich unbedingt erinnern musste.

»Kein gewöhnlicher Reisender hätte es durch diesen Schnee geschafft!«, fuhr Greta fort. »Wir haben nach einem Pfeifer geschickt und schon bist du hier!«

Da stellte sich noch eine Erinnerung ein. »Warte mal . Es war ein Notfall. Ich hatte es eilig.« Greta schaute ihn aufmunternd an. »Ich glaube . Da war ein Händler. Er fuhr als Einziger mit dem Pferdewagen in diese Richtung, er und seine Familie.« Er kniff angestrengt die Augen zusammen. »Der Weg war total verschneit. In einer Kurve brach die Achse des Wagens. Der Händler spannte das Pferd aus, stieg mit Frau und Kind auf und ritt davon.«

»Sie haben dich zurückgelassen?«

Flick seufzte. »Wer kann es ihnen zum Vorwurf machen? Ich suchte im Wagen nach Nahrung, fand aber nur Kleider, die der Händler hatte verkaufen wollen. Zuerst suchte ich am Wagen Schutz und spielte auf meiner Flöte ein Aufwärmlied, um nicht zu erfrieren. Es wurde immer kälter, und als ich kein Gefühl mehr in den Fingern hatte, musste ich aufhören. Ich zog eine Kleiderschicht nach der anderen über und wartete auf besseres Wetter. Weil es jedoch nur noch schlimmer wurde, wanderte ich schließlich los. Es gibt noch ein Aufwärmlied, das man mit dem Mund pfeifen kann, Lippenspiel nennt man das. Das habe ich eine Weile gemacht, bis meine trockenen Lippen in der Kälte aufrissen und ich keinen Ton mehr herausbrachte. Ich ging weiter, immer weiter durch die Nacht .« Er dachte daran, wie sich diese schreckliche, eisig kalte Wanderung gezogen hatte. Sie schien überhaupt kein Ende zu nehmen.

»Und du hast es bis zu uns geschafft!«, sagte Greta. »Du hast einen Notfall erwähnt, Flick, und genau den haben wir hier im Dorf! Einen, der uns in Armut stürzen, vielleicht sogar das Leben kosten könnte. Als uns klar wurde, in welcher Gefahr wir schweben, schickten wir einen Boten nach Wassil, in die nächstgelegene Stadt. Der Bote nahm das einzige Pferd, das kräftig genug war für den Tiefschnee. Der Bote sollte einen Pfeifer herbeirufen. Dich!«

»Was soll ich denn tun?«, fragte Flick.

Greta schwieg zunächst bedrückt. »Im Sommer schenkt uns das fruchtbare Hochtal genug Getreide für das ganze Jahr«, begann sie schließlich, »für unsere Rinder und unsere Bäuche und die Saat im nächsten Jahr, und es bleibt sogar noch etwas übrig, das wir verkaufen können. Im Winter sind die Wege unpassierbar. Das Dorf ist bis zum späten Frühling völlig eingeschneit. Die Schädlinge, die aus dem Wald kommen, bekämpfen unsere Hunde und Katzen. Doch dieses Jahr war alles anders. Die Hunde wurden einer nach dem anderen krank, die Katzen bekamen es mit der Angst zu tun und die Vorräte in unseren Häusern wurden geplündert. Zunächst begriffen wir nicht, was das für Tiere waren. Wir bekamen sie nie zu sehen und sie hinterließen auch keine Spuren.«

Flick wurde blass. »Was . was waren es denn für Tiere?«

»Ratten«, sagte Greta. »Mehr, als wir je gesehen haben. Sie waren größer und klüger, als wir sie je erlebt haben. Was wir auch unternahmen, es nützte alles nichts. Sie fraßen kein Gift. Sie gingen in keine Falle.« Greta schüttelte sichtlich erschüttert den Kopf. »Nichts konnte sie aufhalten. Das war erschreckend, Flick. Jetzt sind sie alle im Getreidespeicher in der Dorfmitte, und wir trauen uns nicht, es mit ihnen aufzunehmen. Den Ratten gefällt es da, sie sind vor Kälte geschützt und haben genug zu fressen für die nächsten Wochen. Wenn alles weg ist, werden sie unsere eisernen Reserven plündern. Sie werden alles auffressen, was wir haben. Und dann .« Ihr versagte die Stimme und sie schloss kurz die Augen. »Bis jetzt haben sie keinem Dorfbewohner etwas getan. Wenn das Getreide aufgebraucht ist, wird sich das mit Sicherheit ändern.«

»Ändern? Wie meinst du das?«, fragte Flick entsetzt.

»Wir sind im Dorf eingeschneit und die Ratten sind es auch. Wenn sie erst hungrig genug sind, werden sie auf uns losgehen! Deshalb sind wir so verzweifelt.«

»Ratten .« Er überlegte. Was hatte man ihm über die Nager beigebracht? »Am häufigsten haben es Pfeifer mit Plagen zu tun, seien es Ratten, Mäuse oder Kakerlaken.« Er fuhr mit den Fingern über die Flöte und stellte zufrieden fest, dass sie von allein die Tonfolge griffen, die er brauchte. »Seltsam«, sagte er. »An so vieles kann ich mich nicht erinnern. Bis auf das, was ich in der Schule gelernt habe, das ist gleich wieder da.«

»Wir hätten schon vor Wochen einen Pfeifer rufen sollen«, sagte Greta. »Aber einige Leute im Dorf hatten Angst.«

»Angst?«, fragte Flick. »Vor mir brauchen sie doch keine Angst haben!«

»Sie dachten daran, was in Hameln passiert war.«

Flick lag schon eine Antwort auf der Zunge, als ihn die Erinnerung an den Rattenfänger von Hameln wie ein...

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