Die Mönche und ich

Wie 40 Tage in Thich Nhat Hanhs buddhistischem Kloster mein Leben verändert haben
 
 
Lotos (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. März 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10394-1 (ISBN)
 
Den Weg ins Innerste finden: Eine Retreat-Erfahrung in Plum Village

Was haben ein Granatapfel, ein kaputter Kopfhörer, ein viel zu schwerer Koffer, ein verdorbener Fisch und eine Handvoll singender Mönche mit dem Sinn des Lebens zu tun?

Nach dem Tod ihrer Eltern gerät Marys Leben aus den Fugen. Auf der Suche nach innerem Halt macht sie sich auf nach Südfrankreich - in das Kloster des Zen-Lehrers Thich Nhat Hanh. Für 40 Tage und Nächte taucht sie ein in eine Welt, die ganz anders ist, als alles, was sie bisher kannte. Womit Mary nicht gerechnet hatte: die wirklich wertvollen Lektionen des Lebens nehmen manchmal wundersame Formen an .

"Eine Buddhistin mit Sinn für Humor! Mary Paterson beschreibt einen lebensfrohen Buddhismus, der uns in dieser eigenartigen Welt helfen kann, ein freies, glückliches Leben zu führen." Brian Haycock, Autor von Dharma Road



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 1,64 MB
978-3-641-10394-1 (9783641103941)
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1.Tag

Körper Zuflucht nehmen zum weisen Ich

Weich und formbar wird der Mensch geboren, tot ist er hart und steif …

Der Steife und Ungeschmeidige ist ein Jünger des Todes, der Schmiegsam-Nachgiebige ein Jünger des Lebens.

Tao te king

So geweckt zu werden ist eigentlich ganz nett, wenn es bloß nicht so früh wäre. Eine Nonne schlägt einen Gong an, es ist fünf Uhr. Meine Augen öffnen sich und fallen gleich wieder zu. Aufstehen geht nicht. Dieser Gong hat etwas so Wohliges, ich könnte gleich weiterschlafen, wie von seinen Schwingungen hypnotisiert. Wenn ich jetzt die warme Decke zurückschlage, setze ich mich der frostigen Luft in meiner kargen Klosterkammer aus. Aber es hilft nichts, die Meditation beginnt um halb sechs, ich muss in Bewegung kommen – Nachzügler werden nicht mehr in die Buddha-Halle eingelassen. Also Augen auf und der Kälte tapfer standhalten. Ich lege mir mein elfenbeinfarbenes Wolltuch um die von der Reise noch etwas mitgenommenen Schultern und gehe die Treppe hinunter nach draußen, dann hinüber zur Buddha-Halle. Noch lässt sich die Sonne nicht blicken.

Jetzt sitze ich auf einem quadratischen marineblauen Kissen am Boden in der ersten von acht Reihen, die alle auf die prachtvolle große weiße Buddhastatue in einer Nische der Steinmauer zulaufen; davor steht ein kleiner Altar mit Blumen und Räucherwerk. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, dass die Statue eigentlich blass lachsfarben ist, doch das Licht in der Halle lässt sie strahlend weiß erscheinen.

Die Schwestern von New Hamlet und die Pilgerinnen wie ich haben sich versammelt, um miteinander zu rezitieren, zu beten und zu atmen und sich in Ehrfurcht vor den hohen Lehren des Buddha zu verneigen. Ein gutes Geschick hat mich hierhergeführt, und doch bewegt mich die Frage, weshalb die Schwestern das Klosterleben wählen und sich damit ja endgültig von einem Leben abwenden, in dem es Liebschaften gibt, in dem Kinder geboren werden, in dem man an faulen Sonntagvormittagen bei einem Milchkaffee in die New York Times schaut und sich auch mal ein Lavendelschaumbad gönnt. »Und jeden Morgen stehen sie mit den Hühnern auf«, geht es mir durch den Sinn. Dabei sollte ich eigentlich denken: Einatmend nehme ich meinen Körper bewusst wahr, ausatmend löse ich die Spannung in meinem Körper. »Höchstwahrscheinlich stehen sie bis ans Ende ihrer Tage so früh auf.« Mit bewundernden Seitenblicken mustere ich die Frauen, die hier mit mir sitzen und meditieren. Dann finde ich in den gegenwärtigen Augenblick zurück. Einatmend nehme ich meinen Körper bewusst wahr, ausatmend löse ich die Spannung in meinem Körper. Ich wende mich nach innen, nach und nach wird der Atem tief und langsam, und tatsächlich entspannt sich mein Körper, während ich dieses lang gezogene leise Wispern verfolge.

Später werde ich einmal »Frauen« sagen, wenn ich von den Nonnen spreche, und eine Schwester (die mich an eine besonders taffe katholische Nonne aus meinen Schultagen erinnert) wird es mit einem strengen Blick quittieren. Nonnen nennt man nicht Frauen, sondern Schwestern oder eben Nonnen.

Der erste meiner vierzig Tage ist ein Wirbel von wunderschönen kahlen Köpfen, braunen Gewändern und strahlenden Rezitationen in erhabener Umgebung. Ich sauge das alles förmlich in mich auf. Plum Village ist eine ganz andere Welt.

Nach dem Abendessen und Lindenblütentee mit meiner neuen britischen Freundin, die gestern mit mir angereist ist, machen wir zusammen noch einen Abendspaziergang unter einem pechschwarzen ländlichen Himmel mit unzähligen Sternen. Die Luft riecht nach Erde, feucht und üppig und kühl. Noch drei tiefe Atemzüge, dann holt mich die Müdigkeit ein. Ich sage meiner Begleiterin Gute Nacht und gehe zum Wohngebäude zurück.

Am Ende dieses langen ersten Tages sehne ich mich nach einer Dusche. In der winzigen Duschkabine stoße ich bei jeder Bewegung irgendwo an. Trotzdem, es wird sicher herrlich. Ich kann es kaum erwarten, dass mir das dampfende Wasser auf den müden Rücken prasselt. Statt heißem Wasser, viel heißem Wasser, kommt aber nur ein lauwarmes Rinnsal. Meine Miene verfinstert sich. Ich steige aber doch in die Dusche, wohl in der Vorstellung, dass schiere Willenskraft dem Wasser schon auf die Sprünge helfen wird. Es kommt, wie Sie es sicher bereits vermutet haben: Kaum bin ich eingeseift, bleibt das Wasser ganz aus. Ich in der winzigen Duschkabine: splitternackt, nass und jetzt auch schon vor Kälte zitternd. Und zu allem Überfluss die Seife am ganzen Körper! Ich betrachte meine Gänsehaut. Kurz überlege ich, was jetzt zu tun ist, dann fallen mir Thich Nhat Hanhs Worte ein: »Suche Zuflucht bei dir selbst.« »Ach ja, deswegen bin ich ja hier«, besinne ich mich. »Ich will herausfinden, wie ich unter allen Umständen bei mir selbst Zuflucht finden kann.« Ich darf nicht vergessen, dass der Mönch, von dem die Worte stammen, auf diesem Weg mein Führer ist. Das beruhigt mich gleich ein wenig und schärft meine Konzentration. Was also kann ich jetzt tun? Ich könnte mir das winzige Handtuch irgendwie um den nassen Körper schlingen und mich ins Nonnenquartier zu deren Duschen schleichen. Diesen Gedanken verwerfe ich allerdings gleich wieder. Ich kann auch hier stehen bleiben und um warmes Wasser beten. Das finde ich blöd. Na gut, wie wäre es damit: Ich könnte der Anregung des alten Mönchs folgen und zur Insel meiner selbst zurückkehren.

Tatsache aber bleibt, dass es zehn Uhr und im ganzen Haus mucksmäuschenstill ist. Alle liegen im Bett, und ich stehe hier müde, frierend, nass und eingeseift in einer beigefarbenen Dusche ohne Wasser. In einem Kloster. In Frankreich. Ich kann nichts anderes tun, als hier zu stehen und zu atmen und auf den wunderbaren Einfall zu warten, der mir ja vielleicht doch noch kommt. In einem Winkel der Kabine sehe ich eine Spinne flink die Wand hochkrabbeln. Sie freut sich sicherlich, dass das Wasser ausgefallen ist. Ich konzentriere mich auf den tiefschwarzen Körper des Tieres. Im nächsten Moment höre ich meinen Atem. Und dusche mich in ihm. Ich lausche der in meine Lunge einströmenden feuchten Luft. Werde durchströmt von der Empfindung des Ausatmens, das sich anschließt. Einatmen. Ausatmen. Stille. Einatmen. Ausatmen. Stille. Ich bin mir meines Atmens bewusst. Ein paar Sekunden später geht meine Gänsehaut zurück. Ich gebe nach, irgendwie finde ich mich mit den Umständen ab. Ob Wasser kommt oder nicht, hat nichts mit mir zu tun, weshalb also kämpfen, steif und unflexibel? »Und überhaupt, weshalb stemme ich mich eigentlich ständig gegen all die Dinge in meinem Leben, an denen ich doch nichts ändern kann?« Ich wende mich direkt an die Spinne: »Meinen Körper kann ich steuern, nicht wahr? Aber alles ringsum – da bin ich machtlos.« Ich gehe mit dem Gesicht ganz nah an das jetzt regungslose Tier heran und betrachte seine seifenfreien dünnen Beine. »Du weißt das, oder? Und warum vergesse ich es immer so leicht?« Laut sage ich, die Spinne ist meine Zeugin: »Suche Zuflucht bei dir selbst, Mary.«

Östliche Lehren betrachten den Körper als Mikrokosmos, als verkleinertes Abbild des Universums. Man lernt seinen Körper dadurch kennen, dass man sich auf ihn einstimmt. Und weil man dann seinen Körper kennt, den Mikrokosmos, offenbart sich einem auch das Walten im Makrokosmos, in der Welt. Darin liegt ein großes Vermögen:

Wer Herr seiner selbst ist, ist Herr der Welt.

Was man nicht alles macht mit seinem Körper! Heute habe ich im Gewächshaus, in dem die Nonnen biologischen Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern betreiben, eine Zeit lang Unkraut gejätet. Das ist eine der vielen Arbeitsmeditationen, zu denen wir Besucher während unseres Aufenthalts im Kloster angehalten sind. Zu Mittag habe ich Spinat und Rucola aus ebendieser Produktion genossen. Nach zu vielen Buttercroissants in meiner Zwischenstation Paris genügt ein Tag mit wirklich nährenden Speisen, um ganz neue körperliche Leichtigkeit und geistige Klarheit entstehen zu lassen.

Deshalb wird hier in Plum Village sehr viel Wert auf gute Ernährung gelegt. Zu viel Zucker wie etwa in krachsüßen Donuts, und schon sehen wir alles wie durch einen Nebel. Zu deftig Gewürztes (Vorsicht mit Chili!), und wir können uns bei der Meditation nicht konzentrieren. Allzu reichliches Essen macht uns schläfrig. Alles, was wir zu uns nehmen, bewirkt irgendetwas. Falsche Ernährung kann außerdem tief sitzende Spannungen im Körper erzeugen. Und man findet nicht leicht zur Insel seiner selbst zurück, wenn es eine Insel der Schmerzen ist. Ein Hort der Leiden – wer möchte sich da schon aufhalten?

Beim Verzehr der kulinarischen Köstlichkeiten des heutigen Tages frage ich mich, weshalb ich zu Hause nicht genügend Disziplin aufbringe, um mich dauerhaft gut zu ernähren. Kartoffelchips lassen meine Muskeln schmerzen, als würden sie nach etwas wirklich Nahrhaftem schreien. Schon die ersten vierundzwanzig Stunden im Kloster machen mich auf meine Misere aufmerksam. Ich erkenne jetzt, dass ich meinen Körper nicht immer so respektvoll behandle, wie er es verdient.

Thich Nhat Hanh sagt, die Spannungen in unserem Körper seien »eine Form des Leidens«. Schmerzen wachsen sich irgendwann zu Krankheiten aus, wenn wir nicht über etwas verfügen, was den Druck wieder abbaut. »Bemühen wir uns immer um Mitgefühl mit uns selbst, dann wissen wir, wie die Schmerzen zu lindern sind, die wir in uns tragen.« – »Durch achtsames Atmen«, sagt Thay auch, »nehmen wir Zuflucht zu uns selbst und gehen heim zu uns.« Diese Technik des achtsamen Atmens, die uns...

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