In eisiger Nacht

Kriminalroman
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Januar 2018
  • |
  • 334 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-4992-4 (ISBN)
 

Ein Schicksal, schlimmer als der Tod

London, an einem frostigen Wintermorgen. Bei einem Einsatz erwartet Detective Max Wolfe ein schrecklicher Anblick: In einem Kühllaster liegen zwölf erfrorene Frauen. Offenbar hatten sie noch versucht, sich aus ihrem eisigen Gefängnis zu befreien - vergeblich. Alles deutet darauf hin, dass sie von Schleusern illegal ins Land geschafft wurden. Doch warum mussten sie sterben? Als man im Führerhaus des Lasters nicht zwölf, sondern dreizehn Pässe entdeckt, schöpft Max Hoffnung: Wo ist die dreizehnte Frau? Lebt sie vielleicht noch? Auf der Suche nach ihr tauchen Max und seine Kollegen tief in die dunkle, gefährliche Welt des Menschenhandels ein - und nicht jeder von ihnen wird lebend zurückkehren ...

Ein neuer Fall für Max Wolfe aus der Feder von SPIEGEL-Bestsellerautor Tony Parsons

  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
Bastei Lübbe
  • 0,81 MB
978-3-7325-4992-4 (9783732549924)
3732549925 (3732549925)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Tony Parsons begann seine Karriere als Musikkritiker und ist einer der erfolgreichsten Kolumnisten und Fernsehjournalisten Großbritanniens. Zudem gehört er zu den ganz großen Stars der englischen Literaturszene, denn alle seine Romane schafften es auf die nationalen und internationalen Bestsellerlisten. Er lebt mit seiner Frau, ihrer gemeinsamen Tochter und ihrem Hund Stan in London.

Prolog

Das Mädchen aus Belgrad

 

Als Erstes nahmen sie ihr den Pass ab.

Der Mann sprang von der Ladefläche des Lastwagens und schnippte mit den Fingern in ihre Richtung.

Klickklack. Ein trockenes, forderndes Geräusch.

Sie hielt den Pass schon für die erste Behördenbegegnung bereit, und als sie ihn dem Mann reichte, sah sie im schwachen Schein der Belgrader Straßenbeleuchtung, dass er einen ganzen Packen Pässe in der Hand hatte. Nicht alle davon waren burgunderrot wie ihr serbischer Pass, es gab sie auch in Grün, Blau und Scharlachrot - Pässe von überallher. Der Mann schob ihren Pass unter das Gummiband, das die Pässe zusammenhielt, und ließ den Packen in der Tasche seines Wintermantels verschwinden. Sie hatte damit gerechnet, ihren Pass behalten zu dürfen.

Sie betrachtete den Mann genauer und hielt den Atem an. Eine Hälfte seines Gesichts verunstalteten alte Narben. Das misshandelte Fleisch sah aus, als wäre es geschmolzen und wieder erstarrt. Zum zweiten Mal schnippte der Mann mit den Fingern.

Klickklack.

Sie verstand nicht und sah ihren kleinen Bruder an. Der Junge zeigte auf ihren Koffer. Der Mann mit dem zerschmolzenen Gesicht wollte ihren Koffer. Er sprach sie auf Englisch an, obwohl es für sie beide nicht die Muttersprache war.

»Nix Platz«, sagte er und wies in den Lkw.

Aber sie hielt störrisch ihren Koffer fest und sah, wie in seinen Augen unvermittelt Wut aufflammte.

Klickklack, machten seine Finger. Sie ließ den Koffer los.

Der Koffer war das Nächste, was er ihr nahm. Es war unfassbar. In weniger als einer Minute hatte sie ihren Pass herausgerückt und ihr Eigentum aufgegeben. Sie roch Schweiß und Zigaretten an dem Mann und fragte sich nun zum ersten Mal, ob sie einen furchtbaren Fehler beging.

Sie sah ihren Bruder an.

Der Junge zitterte. Belgrad war kalt im Januar. Die Durchschnittstemperatur lag nur knapp über dem Gefrierpunkt.

Sie nahm ihn in die Arme. Ihr Bruder, ein schlaksiger Sechzehnjähriger mit einer Brille, an der ein Bügel nur durch Klebeband hielt, biss sich auf die Unterlippe und kämpfte um seine Beherrschung. Er erwiderte ihre Umarmung, wollte sie nicht loslassen, und als sie sich sanft zurückzog, hielt er sie weiterhin fest. Mit einem schüchternen Lächeln hob er sein Handy auf Kopfhöhe. Sie lächelten das winzige rote Licht an, das in der Dunkelheit strahlte, während er ein Selfie von ihnen machte.

Der Mann mit dem zerschmolzenen Gesicht packte sie knapp über dem Ellbogen und zog sie zum Lastwagen. Er war nicht sanft.

»Nix Zeit«, sagte er.

Auf den Kisten im Laderaum des Lkws saßen zwei Reihen von Frauen einander zugewandt. Alle drehten den Kopf und blickten sie an. Schwarze Gesichter. Asiatische Gesichter. Drei junge Frauen, die Schwestern sein konnten, mit Kopftüchern. Alle blickten sie an, aber sie sah nur ihren Bruder, der auf der leeren Belgrader Straße stand, ihren Koffer in der Hand. Sie winkte ihm zum Abschied, und der Junge öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber da wurden die Hecktüren zugeknallt, und sie sah ihren Bruder nicht mehr. Sie schwankte, als der Lkw unvermittelt losfuhr, nach Norden, zur Grenze.

Im Licht der einsamen Lampe unter der Decke des Laderaums betrachtete sie die Kisten. Viele Kisten waren es, alle gleich.

Birnen - Arnen - Nashi - Peren, stand darauf. Grushi - Pere - Peras - Poires.

Kruske, dachte sie und wiederholte, als wollte sie sich auf ihr neues Leben vorbereiten, das Wort auf Englisch: Pears.

Die anderen Frauen starrten sie noch immer an. Eine von ihnen, die am nächsten zu den Türen saß, rückte ein Stück zur Seite, damit sie Platz hatte. Sie kam aus Afrika, war keine zwanzig und hatte so dunkle Haut, dass sie zu glänzen schien.

Die Afrikanerin schenkte ihr ein breites weißes Lächeln, machte eine anmutige Geste mit der Hand und lud das Mädchen aus Belgrad ein, sich zu setzen.

Sie nickte dankend, setzte sich und bezeichnete die Afrikanerin in Gedanken als das freundliche Mädchen.

Das freundliche Mädchen sollte zu den Ersten gehören, die starben.

Acht Stunden später hielten sie an einer Raststätte. Nacheinander gingen die jungen Frauen in den Waschraum mit den gesprungenen Becken und machten dort einen verzweifelten letzten Versuch, sich sauberzuhalten.

Das Mädchen aus Belgrad betrachtete die Autos auf der Schnellstraße. Die Wintersonne hob sich milchigweiß über Ackerland, das sich kilometerweit erstreckte, kahl wie die Oberfläche des Mondes.

»In welchem Land sind wir?«, fragte sie.

»Österreich?«, antwortete eine von den jungen Frauen mit den Kopftüchern. »Deutschland?«

»Reiche Länder.«

Der Mann kam aus der Toilette. Mit einer Hand zog er sich den Reißverschluss seiner Hose zu, mit der anderen schnippte er.

Klickklack.

»Nix mehr«, sagte er, und die Frauen mussten ihn verständnislos angesehen haben. Ungeduldig schnippte er mit den Fingern vor ihren Gesichtern. »Nix Stopp mehr«, erklärte er und verdrehte die Augen über ihre Unfähigkeit, sein fließendes Englisch zu verstehen.

Bald fuhren sie auf der Schnellstraße weiter.

»Nix Stopp«, sagte das freundliche Mädchen, und wieder zeigte sie ihr breites weißes Lächeln. »Nix Koffer. Nix Zeit.«

»Nix parken!«, lachte das Mädchen aus Belgrad.

»Nix rauchen!«, rief eine Asiatin.

Eine der jungen Frauen mit Kopftuch schwenkte ihr Handy. »Nix Netz!«

Sie lachten alle zusammen. Sie lachten zum letzten Mal. Denn es war kalt geworden im Lastwagen, viel kälter als in Belgrad bei Mitternacht im Januar. Zuerst dachte das Mädchen aus Belgrad, es liege daran, dass sie die ganze Zeit bergauf fuhren und offenbar ein Gebirgsmassiv überquerten.

Aber dann sah sie die Atemwölkchen vor den Mündern der anderen.

Kalt war es nicht außerhalb des Lastwagens.

Kalt war es im Lastwagen.

Und es wurde immer kälter.

Viel zu kalt zum Schlafen.

Viel zu kalt zum Leben.

Das Mädchen aus Belgrad zitterte. Sogar die Luft war eisig. Sie tat ihr in den Augen weh.

Sie berührte die Tür neben sich. Das Metall war so kalt, dass man sich daran die Fingerspitzen erfror.

Das Blut wich ihr aus den Händen, zog sich tiefer im Körper zusammen, um die Organe zu schützen, die sie am Leben hielten, und sie fühlte sich, als wäre ihr die eisige Luft wie Gift ins Blut gedrungen.

Sie stampfte mit den Füßen auf, bewegte die Hände, versuchte, ein wenig Wärme hineinzubekommen, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Leben.

Das freundliche Mädchen blickte sie an.

»So kalt«, sagte das Mädchen aus Belgrad und fühlte sich albern, weil sie etwas derart schmerzhaft Offensichtliches aussprach.

Aber das freundliche Mädchen nickte. »Ja. Komm mit in meine Handschuhe.«

»Nein, nein.«

»Bitte, Schwester. Steck deine Hände zu mir.«

Und so saßen sie eine Weile da, die tauben Hände in die Handschuhe des freundlichen Mädchens gequetscht, Handfläche an Handfläche geschmiegt.

Aber dann fingen ihr die Füße an wehzutun, und das war viel schlimmer als die Kälte. Es war ein reißender Schmerz. Wenn sie mit den Füßen stampfte, merkte sie, wie die Muskeln in ihrem Nacken und ihren Schultern sich verspannten. Sie kreiste den Kopf in einer horizontalen Acht, wie sie es ihre Mutter hatte tun sehen, wenn ihr Nacken steif war, doch es bewirkte nicht die kleinste Verbesserung. Sie sah, wie das freundliche Mädchen zu zittern begann, und beobachtete in stillem Entsetzen, wie aus dem Zittern ein Beben wurde.

Das Mädchen aus Belgrad schaute die anderen an. Eine der jungen Frauen mit Kopftuch befand sich schon in einem Zustand, der tiefer war als gewöhnlicher Schlaf.

Sie drehte den Kopf zu dem freundlichen Mädchen und sah, dass kleine Eiszapfen an ihren dichten schwarzen Wimpern hingen, und bei diesem Anblick packte sie Entsetzen.

Sie stand auf, riss die Hände aus den Handschuhen des freundlichen Mädchens und merkte unversehens, dass die Eiseskälte, die sie zuerst in Händen und Füßen gespürt, sich überallhin ausgebreitet hatte.

Ihr ganzer Körper war verspannt. Überall war Schmerz. Sie zitterte vor Angst und konnte nicht aufhören.

Sie alle würden hier drin sterben.

Sie hämmerte gegen die fensterlose Stahlwand, die den Laderaum des Lkws von der Fahrerkabine trennte. Sie roch Zigarettenqualm. Sie konnte Stimmen hören. Einen Mann und eine Frau.

Sie hämmerte fester.

Der Lastwagen fuhr weiter.

Aber sie hämmerte weiter an die Rückwand der Fahrerkabine, während die anderen still hinter ihr saßen; einige beobachteten sie noch aus halbgeschlossenen Augen.

Und der Lkw fuhr immer weiter.

Lange nachdem sie aufgegeben und sich neben das freundliche Mädchen hatte sinken lassen - waren Stunden vergangen oder nur Minuten? -, hielt der Lastwagen endlich an. Sie konnte die Geräusche schwerer Dieselmotoren anderer Lkw hören, ferne Stimmen und etwas, das - träumte sie etwa? - wie das Horn eines großen Schiffes klang.

Sie erhob sich auf ihre tauben Füße, stand allein im Laderaum des Lasters und hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür, bis ihre Hände geprellt und blutig waren. Aber der Mann, der den Lkw fuhr, hielt Wort.

Die Türen blieben geschlossen.

Schließlich fuhr er wieder...

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