Der Glühwürmchensommer

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. März 2015
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7777-6 (ISBN)
 
Was hält Victors Vater seit dreißig Jahren davon ab, die Ferienwohnung seiner Familie in Roquebrune-Cap-Martin zu betreten? Warum ist seine vierzehnjährige Schwester so wild auf Jungs und findet doch nie den Richtigen? Und was sucht seine Mutter, eine Buchhändlerin, in all den Büchern, die sie pausenlos liest und mit gelben Post-its beklebt? Das Leben von Victor Beauregard ist voller Fragen, doch ohne Antworten. Aber in diesem Sommer an der Côte d'Azur ist vieles anders. Es gibt Gewitter ohne Regen und Myriaden von Glühwürmchen, die die nächtliche Küste in ein Lichtermeer verwandeln. Es gibt eine alte Baronin, die Victor von früher erzählt und ihm rät, einfach den Glühwürmchen zu folgen. Und es gibt vor allem neue Freunde: ein seltsames Zwillingspaar, das ihm die verwunschenen Villen an der Steilküste zeigt und das Geheimnis von Victors Vater zu kennen scheint.
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 1,05 MB
978-3-8270-7777-6 (9783827077776)
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Gilles Paris wurde 1959 in Suresne geboren und verdingte sich nach seinem Abitur als Kellner, Medikamententester und Bürohilfe. Er war im Ministerium für Jugend und in verschiedenen Buchverlagen tätig, gründete eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb für mehrere Zeitungen als freier Journalist. Der Glühwürmchensommer ist sein vierter Roman.

Am nächsten Morgen bin ich irgendwie schlapp. Ich habe wegen den Glühwürmchen nicht richtig geschlafen. Ich habe geträumt, dass sie durchs Fenster in mein Zimmer kommen und sich wie Schmetterlinge auf mich setzen. Ich habe versucht, sie zu verscheuchen, aber sie sind in meinen Mund, meine Nase und meine Ohren gekrochen. Als ich aufgewacht bin, bin ich auf den Balkon gerannt, aber alles war wieder normal, und die Lichterketten waren verschwunden.

Ich kippe meine heiße Schokolade runter, verschlinge mein Brot mit Butter und Orangenmarmelade und bitte Mama um Erlaubnis, ein Stündchen ganz allein auf dem Zöllnerweg spazieren zu gehen. Ich weiß genau, dass ich das nicht darf. Aber vielleicht ändert Mama ihre Meinung . Es wäre nicht das erste Mal.

»Wenn du willst, komme ich mit«, schlägt sie vor.

Um diese Uhrzeit malt Pilar im Atelierzimmer, in dem keiner schläft. Es ist das Zimmer von Papa, der uns nie besuchen kommt. Normalerweise geht Mama dann allein mit einem Buch runter zum Strand. Alicia schläft noch. Bestimmt hat sie bis spätnachts ferngesehen und wacht wie immer erst mittags auf. Oder sie hat mit Lorenzo und den anderen Jugendlichen am Strand getrunken.

»Das ist nett, Mama, aber ich möchte heute Morgen lieber allein sein.«

»Ist alles in Ordnung, Victor?«

»Ja, alles in Ordnung, Mama. Echt!«

»Hier, nimm mein Handy mit. Ich sage Pilar Bescheid.«

Na also, die Sache ist geritzt, wie Mama sagen würde. Die Baronin hatte recht: Ich bin nur von Frauen umgeben. Manchmal bin ich beim Aufwachen ganz traurig, und daran sind nicht nur meine Träume schuld. Ich bin traurig, weil Papa nie mehr mit uns zusammenleben wird. Weder hier in der Résidence in Cap-Martin noch in Bourg-en-Bresse. Mama hat sich an Pilars sanfte Art gewöhnt, und ich weiß, dass sie sich wirklich mögen, auch wenn sie sich das nie mit Worten sagen, dafür aber oft mit den Augen. Aber morgens, wenn Pilar malt, wirkt Mama immer ein bisschen verloren. Sie will mich nur auf meinem Spaziergang begleiten, um die Zeit zu verkürzen, die sie von Pilar trennt. Aber ich möchte mit meiner Traurigkeit allein sein und warten, bis ein weißer Schmetterling sie mit seinem Flügelschlag verscheucht.

Ich weiß auch nicht warum, aber Schmetterlinge fliegen auf mich. Mama sagt, das bringt Glück, Pilar behauptet das Gegenteil. Sie hat sogar Angst vor ihnen. Als wir einmal in Roquebrune in einem Restaurant am Meer zu Mittag gegessen haben, hat sich ein wunderschöner weißer Schmetterling mit schwarzgefleckten Flügeln auf ihren Tellerrand gesetzt. Pilar hat vor Schreck ihren Stuhl umgestoßen und ist über den Strand davongerannt. Mama hatte Mühe, sie zurückzuholen, aber ihren Teller wollte Pilar um nichts auf der Welt mehr anrühren. Ihr war der Appetit vergangen, und sie hat bis spätabends kein Wort mehr gesagt. Sie meint, dass sie als ganz kleines Kind mal in einem Zimmer eingesperrt gewesen sein muss, in dem Tausende Schmetterlinge um ihren Kopf rumgeflattert sind, aber sicher ist sie sich nicht. Sie will es auch gar nicht genau wissen. Pilar findet, dass man sich nur an die schönen Dinge im Leben erinnern soll. Den ganzen Rest soll man so tief vergraben, dass man nicht mehr weiß, wo man ihn hingepackt hat. Wenn wir einen Schmetterling sehen, sagen wir Pilar also nie was davon, sondern verscheuchen ihn, bevor sie ihn sieht, auch wenn ich dazu manchmal ein ganzes Stück weggehen muss, weil sich die Schmetterlinge gern auf meine Hände, meine Schultern oder auf meinen Kopf setzen.

Ich überlasse Mama ihrem neuen Buch, das sie aus einem Stapel gezogen hat, der kurz vor dem Einstürzen war, und gehe langsam die Stufen runter. Draußen nehme ich den von mächtigen Baumstämmen eingefassten Weg zum Pool. Auf halber Strecke steht eine weiße Eisenbank, auf die sich die Baronin manchmal setzt, um den Duft des Ginsters oder den Geruch der morgens noch feuchten Erde einzuatmen. Aber heute ist die Baronin nicht da, also flitze ich zum Drahtzaun und stehe gleich darauf auf dem Zöllnerweg. Zum ersten Mal bin ich allein hier. Schon nach wenigen Schritten landet ein gelber Schmetterling auf meinem Handrücken. Er legt die Flügel an und bleibt reglos sitzen. Ich hebe die Hand auf Augenhöhe und betrachte ihn aufmerksam. Die Flügel haben einen hellblauen Rand. So einen habe ich noch nie gesehen. Ich würde ihn gern streicheln, aber dabei würde ich ihn womöglich verletzen. Schmetterlinge sind empfindlich. Also sage ich ganz leise zu ihm, dass ich Victor heiße und vor zweihundert Jahren ein Pirat war, der vergessen hat, wo sein Schatz versteckt ist. Da fliegt der gelbe Schmetterling auf, als würde er das Versteck kennen, und schwebt über mir in der Luft. Ich folge ihm bis zum toten Baum, wo er im hohlen Stamm verschwindet.

Ich wage einen kurzen Blick ins Innere, aber da drin ist es ganz finster, und ich bekomme ein bisschen Angst. Als ich um den Baum rumgehe, stoße ich auf zwei Jungs. Sie sind in meinem Alter, kauen auf einem Grashalm und sehen mich an, ohne zu lächeln. Sie sind gleich angezogen. Einer trägt eine Schultertasche. Man könnte meinen, ein Junge würde sich im Spiegel ansehen, denn es sind Zwillinge. Ihre Haare sind rabenschwarz.

»Guten Tag, ich heiße Victor Beauregard«, stelle ich mich vor.

»Hallo, ich bin Nathan.«

»Und ich Tom.«

»Wohnt ihr in der Résidence?«, frage ich.

»Nein«, antwortet Tom, »am anderen Ende der Plage de la Buse, hinter Le Corbusiers Hütte.«

»Aha«, sage ich, »bis dahin bin ich noch nie gegangen.«

»Solltest du aber mal«, meint Tom. »Es ist schön dort. Mein Bruder und ich nehmen dich mal mit.«

»Das muss ich vorher mit meiner Mutter besprechen. Heute habe ich sowieso nur eine Stunde.«

»Dafür brauchst du länger«, sagt Nathan. »Aber wenn du willst, können wir noch in die Villa Cypris gehen.«

»In die Villa Cypris?«

»Ja, das ist die Villa, die Cyprienne Douine um 1909 bauen ließ, weil sie in der Nähe ihrer Tochter sein wollte.«

»Habt ihr denn die Schlüssel zu der Villa?«

Tom und Nathan sehen sich an und prusten los. Ich weiß nicht, was daran so witzig sein soll.

»Mach dir nichts draus, Victor«, sagt Tom. »Mein Bruder und ich kommen überall rein, wenn wir wollen.«

»Aha. Und wer war diese Cyprienne Sowieso?«, will ich wissen.

»Zuerst war sie Verkäuferin in einem großen Kaufhaus in Paris«, erklärt Tom. »Dann hat sich dessen Besitzer in sie verliebt, sie hat ihn geheiratet und ist dadurch steinreich geworden. Sie hat Émile Zola zu seinem Werk Das Paradies der Damen inspiriert.«

»Woher weißt du das alles?«

»Ich weiß es eben.« Tom hat die Augen geschlossen. Sein Körper wirkt so steif wie der tote Baum. Plötzlich schüttelt er erst sein linkes, dann sein rechtes Bein, öffnet seine schwarzen Augen und lächelt mich an.

»Wohnt ihr das ganze Jahr über hier?«, frage ich ihn.

»Ja.«

»Ich komme schon seit fünf Jahren hierher, aber ich habe euch noch nie gesehen.«

»Weil du die Wohnanlage so selten verlässt. Wir gehen da auch nicht so gern hin. Das ruft nur blöde Erinnerungen wach, stimmt's, Nathan?«

»Stimmt. Der Zöllnerweg ist uns lieber. Jede Villa hier hat ihre eigene Geschichte. Wenn du mitkommst, erzählen wir sie dir.«

Ich schiele auf meine Peter-Pan-Uhr. Mama macht sich bestimmt nicht gleich Sorgen, wenn ich ein bisschen länger als eine Stunde wegbleibe. Außerdem habe ich ihr Handy in der Tasche. Wenn sie mich von Pilars Telefon aus anruft, sage ich einfach, dass ich nicht weit weg bin.

»Wo ist denn die Villa Cypris?«

»Ganz nah«, sagt Nathan.

Tom und Nathan gehen vor mir her. Wenn man zu viel Alkohol trinkt, sieht man alles doppelt, hat Alicia mal gesagt. Da fragt man sich doch, was heute Morgen in meiner heißen Schokolade war! Die beiden Raben tragen weiße Nike-Turnschuhe, schwarze Adidas-Shorts und ein weißes T-Shirt ohne was drauf. Tom hat die linke Hand, Nathan die rechte in die Hosentasche geschoben. Sie drehen sich gleichzeitig um.

»Hast du Geschwister?«, fragt mich Tom.

»Eine große Schwester. Sie heißt Alicia und ist vierzehn.«

»Kein einfaches Alter«, meint Nathan.

»Ach nein?«, versetzt Tom. »Was verstehst du schon davon?«

Die Zwillinge lachen, und ich fühle mich ausgeschlossen, als wäre eine Mauer zwischen ihnen und mir. Unterwegs erkenne ich das seltsame Haus mit den vergitterten Fenstern wieder. Vor einem hohen Eisentor bleiben die beiden Raben stehen. Nathan zieht einen Schlüssel aus seiner Umhängetasche und schließt das Tor auf. Ich trete auf einen Laubteppich, über den seit Langem niemand gegangen ist.

»Das ist die Villa Cypris. Wir gehen von hinten rein. Sie trägt diesen Namen auch wegen der Göttin der Liebe und Schönheit.«

»Seid ihr sicher, dass niemand da ist?«

Tom und Nathan sehen sich an. »Ja, im Sommer ist hier keiner«, sagt Tom. »Da sind zu viele Gaffer auf dem Zöllnerweg unterwegs. Oder würde es dir gefallen, wenn dich jemand von draußen anglotzt oder fotografiert?«

»Nein, aber noch weniger, dass jemand reingeht, wenn ich nicht da bin«, antworte ich.

Ich frage mich, woher die Zwillinge den Schlüssel haben. Vielleicht ist ihr Vater der Hausmeister und hat ihnen den Schlüssel heute Morgen geliehen, damit sie sich die Villa ansehen können. Wir gehen eine von Palmen und hohen, sorgfältig gestutzten Bäumen umstandene Allee entlang, in der Vögel...

»'Der Glühwürmchensommer' hebt sich wohltuend von den üblichen Liebes- und Kriminalromanen im sonnigen Süden ab und schildert eine ansprechende, bodenständige Familiengeschichte, die den Leser fesselt, ohne ihn zu belasten. Der sympathischer Erzähler und die traumhafte Umgebung machen den Roman somit zur passenden (Urlaubs-)Lektüre für LeserInnen jeden Alters.«, Büchereien Wien, Lina Bittner, 01.01.2016
 
»Eine Geschichte wie eine Umarmung.«, myself, Katja Nele Bode, 01.01.2016
 
»'Der Glühwürmchensommer' ist ein Buch mit viel Sonne, Wind und Meer und bunten Schmetterlingen zwischen den Zeilen. In einem ruhigen, unaufgeregten Tonfall legt Victor Zeugnis ab von einem Sommer voller neuer Lebensweichenstellungen und läßt und teilhaben an seiner kindlichen Perspektive voller Lebensneugier, Poesie, Feingefühl und Liebesspürsinn.«, leselebenszeichen.wordpress.com, Ulrike Sokul, 24.08.2015
 
»'Der Glühwürmchensommer' von Gilles Paris ist eine poesievolle Hommage an den Zauber der Kindheit, der sich aller Zerrissenheit eines Erwachsenenalltags zum Trotz immer wieder entfaltet.«, Bayerische Rundfunk 5 "Neues vom Buchmarkt", Sabine Zaplin, 05.08.2015
 
»Die Eltern leben getrennt, der Vater will nicht erwachsen werden, die Halbschwester trinkt zu viel, und dann sind da noch diese eigenartigen Zwillinge, die Victors Familienferien an der Cote d'Azur unvergesslich machen sollen.«, GLAMOUR, 01.08.2015
 
»Den Sommer am Meer wird der neunjährige Victor niemals vergessen, denn alle - von seiner Teenie-Schwester bis hin zu seinen getrennten Eltern - geben ihm Rätsel auf. Einer dieser poetischen Kindheitsromane, wie wir sie lieben!«, Grazia, Kalle Schäfer, 30.07.2015
 
»Atmosphärischer Coming-of-Age-Roman mit einer Prise 'Sixth Sense'.«, Brigitte, Meike Schitzler, 08.07.2015
 
»Gilles Paris ist ein poetisches, einfühlsames und hochspannendes Buch gelungen, mit dem er hoffentlich auch die Herzen der deutschen Leser gewinnt. Das Buch weckt Vorfreude auf den kommenden Sommer.«, WDR 5 "Bücher", Andreas Wallentin, 28.03.2015

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